"Was haben die mit dem ganzen Barchenttuch gemacht?"

Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Sabine Betzler-Hawlitschek

Weberberg.de: Zum Stichwort "Weber" fällt den meisten Deutschen wohl Gerhart Hauptmanns Drama "Die Weber" ein, dazu Assoziationen wie Elend und Aufstand. In Biberach dagegen sind die Begriffe Wohlstand und Aufblühen einer Stadt damit verbunden. Ging es den Biberacher Webern besser als etwa den schlesischen?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Wohl nicht, aber man muss unterscheiden. Es gab bestimmt manche, denen es besser ging, aber die Mehrzahl der Weber lebte sicher an der Existenzgrenze, das belegen sowohl die Zahlen, die Dr. Dieter Funk in seinem Buch "Biberacher Barchent" veröffentlicht hat, wie auch die bei Reinhold Adler geschilderten Einzelschicksale.

Weberberg.de: Und wie muss man dann weiter differenzieren?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Wenn ein Weber finanziell erfolgreich war, dann sicher nur, wenn er auch kaufmännisches Geschick hatte und schon etwas vermögender war. Das schloss dann auch eine clevere Einkaufspolitik bei den Rohstoffen mit ein, und wohl auch die Fähigkeit zum einträglichen Handel beim Verkauf. Mit dem Weben alleine waren keine großen Reichtümer zu erwerben.

Weberberg.de: Die prächtigen Häuser am Marktplatz...

Sabine Betzler-Hawlitschek: ...sind Patrizierhäuser, also zum Beispiel Häuser von Handel Treibenden aber gewiss keine Häuser von Webern.

Weberbeerg.de: Die befinden sich ja auch am Weberberg.

Sabine Betzler-Hawlitschek: Hier war in der Tat ein Schwerpunkt des Weberhandwerks. Aber wenn man sich auf einem alten Stadtplan aus dem 17. Jahrhundert anschaut, wo die Weber saßen, dann nicht nur dort. Biberach lag teiweise auf morastigem Grund, da konnte man wegen des hohen Grundwasserstandes Webkeller nur am höher gelegenen Weberberg einrichten. Aber auch am Kappenzipfel gab es Weberhäuser.

Weberberg.de: Und diese Familien versorgten die ganze Stadt und noch einen Großteil Europas mit Barchent?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Familien ist richtig. Kinderarbeit war sicher weit verbreitet, zum Beispiel beim Spinnen. gesponnen wurde damals aber fast überall: Die Biberacher Dirnen galten so einen Teil ihrer Schulden an ihren "Hausherren" ab und die arbeitsfähigen kranken Frauen im Spital waren ebenfalls mit dem Spinnen beschäftigt. Wichtig für den Handel war aber nicht das gewobene Leinentuch, sondern der Barchent, ein weicheres Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle.

Weberberg.de: Man trug also Barchent?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Das scheint mir noch nicht hinreichend erforscht. Sicher wurde Barchent für Bettücher, Leibwäsche oder Regentücher verwendet. Wie sehr er aber mit wachsendem Reichtum und sich ändernder Mode auch zur Kleidung genutzt wurde, ich weiß es nicht. Bei der umfangreichen Produktion frage ich mich immer noch: Was haben die eigentlich mit dem ganzen Barchenttuch gemacht?

Weberberg.de: Biberach, Deutschlands Weberstadt No 1?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Heute schon gar nicht und im Mittelalter auch nicht. Biberach war nur eine der oberdeutschen Städte, in denen Barchent produziert wurde und zwar einer von guter Qualität. Aber nicht einmal für Oberschwaben war Biberach von überragender Bedeutung. Man muss es umgekehrt sagen: Der Barchent spielte für Biberach eine große Rolle.

Weberberg.de: Wobei zum Beispiel?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Einmal natürlich brachte er den Menschen Arbeit und Verdienstmöglichkeit. Wenn man allerdings liest, dass ein Viertel der Biberacher Bevölkerung davon gelebt haben soll, muss man wohl davon ausgehen, dass alle auch peripher mit der Weberei befassten Handwerker darunter erfasst sind. Aber auch in anderen lebensbereichen war Barchent wichtig: Man stiftete im 15. Jahrhundert mitunter einen Farbel Barchent dem Spital um Ablass vom spital zu erhalten. Und auch beim Preisschießen gab es damals Barchenttuch als Hauptpreis zu gewinnen, kein Geld.

Weberberg.de: Das bringt uns zur Ausgangsfrage zurück. Der städtische Reichtum ist ja keine Legende. Der Bau von zwei nicht gerade kleinen Rathäusern in einem Jahrhundert ist doch ein offensichtlicher Beweis für den Wohlstand Biberachs.

Sabine Betzler-Hawlitschek: Natürlich. Aber womit hat die Stadt ihr Geld gemacht? Nicht mit den Steueern der Wewber oder aus dem Stoffhandel. Eher mit, heute würde man sagen, Lizenzgebühren oder den vergebenen Gütesiegeln für die Stoffe. Die Qualität des Barchents musste offiziell bestimmt werden. Das geschah auf sogenannten "Schauen" durch städtische Beamte. Da wurden Gebühren fällig und zwar ironischerweise höhere, wenn die Qualität des einzustufenden Gewebes minder war, sozusagen als Strafe.

Weberberg.de: Und wie wurde da kategorisiert? Ia, Ib, II und so weiter?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Nein, es gab Namen für die einzelnen Qualitäten wie Ochsen, Löwe, Traube oder Brief.

Weberberg.de: Brief?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Das war die schlechteste Qualität. An den Barchentballen wurde dann ein Zettel gehängt, auf dem die Mängel beschrieben wurden. Wer aber Glück hatte, konnte mit Barchentspekulation aber einiges verdienen.

Weberberg.de: Mit Spekulation? Ein "Neuer Markt" im Mittelalter?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Spekuliert wurde ja mit allem möglichen. Da Barchent durch Bleichen veredelt wurde, gab dieser Arbeitsgang Möglichkeiten zur Spekulation. Das Ergebnis des Bleichens war nie vorhersagbar und hing natürlich auch vom Wetter ab. Wer den rohen Stoff erworben hatte, hatte dann Pech, wenn das Ergebnis des Bleichens ungenügend war und nicht der erhoffte Preis für das Barchenttuch erzielt werden konnte.

Weberberg.de: Wie endete denn diese Biberacher Blütezeit der Barchentproduktion?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Irgendwann endete nicht nur die Blütezeit der Barchentproduktion in Biberach sondern in ganz Oberdeutschland. Mehrere Faktoren waren die Ursache. Einer davon war, dass durch die Entdeckung Amerikas, als sich die davon war, dass durch die Entdeckung Amerikas, als sich die Handelswege verschoben, Oberdeutschland und damit Biberach ins Abseits gerieten. Nicht mehr Venedig, sondern Amsterdam war nun das neue Handelszentrum in Europa. Später kam auch die Baumwolle dann aus Amerika und schlug die syrische Baumwolle aus dem Felde. Schließlich kam alles durch den Dreißigjährigen Krieg völlig zum Erliegen. Weitere Ursachenforschung wäre aber notwendig.

Weberberg.de: Wie sieht denn die Forschungslage zum Thema Barchent aus?

Sabine Betzler-Hawlitschek: Das für Biberach wohl wichtigste Buch ist das schon erwähnte "Biberacher Barchent", das auch noch im Webermuseum erhältlich ist. Es stammt aus dem Jahre1965 und beruht im wesentlichen auf vergleichender Forschung.Das ist auch nicht anders möglich. Sämtliche städtische Akten für die Zeit vor 1584 sind ja beim Kirchenbrand 1584 vernichtet worden. Erst für die Zeit danach finden sich wieder Quellen. Für frühere Zeiten kann man lediglich auf das noch bestehende Spitalarchiv zurückgreifen. Man müsste heute aber sicher neuere Forschungen für andere Städte mit berücksichtigen.

Weberberg.de: Frau Betzler-Hawlitschek, wir danken Ihnen offline herzlich dafür, dass Sie uns dieses aufschlussreiche Online-Interview ermöglicht haben.