Stefan und die Sikhs

 

7. Kapitel: Der Trick mit den PDFs

"Der hat vielleicht dumm gekuckt!" lachte Tobias, als er Stefan am Nachmittag beim Skaten die Geschichte von Polz erzählte. Der hatte ein Arbeitsblatt mit Übungen zum Gebrauch des Infinitivs und des Gerundiums verteilt und geprahlt: "Ich habe Ihnen was sehr Nettes mitgebracht. Gerade eben aus dem Web gefischt. Wer weiß, wie man mit Google umgehen kann, hat es einfach leichter." Polz war bei diesem Thema immer ungeheuer arrogant. Er hielt sich für den größten Internetrechercheur seit Erfindung des WWW und seine Schüler zählt er auf diesem Gebiet zur, wie er immer sagte, "Generation Blicktnix". "Solche worksheets bekommt man mit dem Suchbefehl .doc oder .pdf massenhaft. Und die .doc-Dokumente kann man noch nach eigenen Bedürfnissen anpassen." - "Da machen es sich die Lehrer aber ganz schön leicht!" hatte Tobias halblaut gemurmelt. "Das ist halt das Internetzeitalter. Man muss die neuen Technologien nutzen," hatte Polz leicht gereizt erwidert. Tobias: "Dürfen wir für unsere Präsentationen auch Handouts aus dem Netz holen?" Polz, irritiert. "Äh, also, ja, aber nicht unbedingt. Aber jetzt wo Sie's sagen vielleicht doch. Aber nur mit Quellenangabe und die eigene Leistung muss erkennbar sein." - "Ist kluges Finden von fertigen handouts keine eigene Leistung?" hatte Tobias nachgehakt, "wo das doch soo schwierig ist für die Generation Blicktnix?"

Polz lief daraufhin leicht rot an und beendete die Stunde. "Ich werde mit meinen Kollegen darüber sprechen, damit wir eine einheitliche Regelung für die Schule finden!" Dann war er sichtlich verärgert aus dem Klassenzimmer geeilt.

"Findest du das nicht witzig?" fragte Tobias seinen Freund, der versonnen vor sich hin schaute. "Ich denke nach. DOCs und PDFs, das ist geil. Das hat was. Muss ich nachher gleich einmal ausprobieren." - "Sag bloß, du fängst jetzt schon mit dieser blöden GFS an?" - "Nee, hab nur schon mal n bisschen rumgesurft. Ist doch auch egal, ob ich das jetzt mache oder in drei Monaten," sagte Stefan, der nicht als Streber gelten wollte. Source: DK.com/schools

Abends setzte sich Stefan noch einmal ans Netz. "mal sehen, was das jetzt bringt," dachte er, als er den Suchbefehl filetype:pdf worksheet sikhism eingab. "Wow! 25,300 Treffer, das gibt's doch nicht!" Stefan hatte mit höchstens zehn Treffern gerechnet. Offenbar gab es in dieser Form mehr Materialien als gedacht. und PDF-Datein waren oft für den Druck aufbereitete Dokumente. "5 Ks" stand über dem ersten Treffer und wenn da in der Kurzbeschreibung nicht das Wort Sikhism gestanden hätte, wäre Stefan sicher zum nächsten Treffer übergegangen. Als er die Datei öffnete, war er zunächst enttäuscht. Das schien ein Papier für Religionslehrer zu sein, aber dann saß er plötzlich aufrecht auf seinem Stuhl. Die Seiten die er sah, schienen von der Gestaltung her bestens als Handout geeignet zu sein, als Blätter zum Mitschreiben. Und die Grafik von dem Sikh mit Schwert kam extrem gut. (Offenbar musste man hier die einzelnen Teile der Ausrüstung des Kämpfers benennen.) Stefan war ein Fan von Fantasyfilmen und historischen Streifen wie Gladiator oder Braveheart.
Wie er die Blätter einsetzen würde, wusste er noch nicht, aber er fügte die Webadresse seinen Bookmarks zu. Nur eine Seite schaute er sich genauer an. Da war von den "5 Ks" die Rede. Offenbar war das bei den Sikhs etwas ganz Wichtiges. Und ebenso wichtig schienen die Begriffe, die auf den Arbeitsblättern erklärt werden sollten. Wenn er das alles erst einmal selbst ausfüllen konnte, dann würde die Präsentation ein Kinderspiel werden.

Er verstand die Begriffe zwar jetzt noch nicht, denn die Information zu ihrer Erklärung musste man offenbar dem Schulbuch entnehmen, zu dem die Arbeitsblätter gehörten. Aber für Stefan waren die Begriffe Gold wert. Niemand konnte von ihm verlangen, dass er bereits jetzt wusste, worum es bei diesen seltsamen Wörtern ging. Aber dass er sie bereits hatte, war garantiert ein Trumpf bei Weaver.

Er nahm das Blatt mit den keywords noch einmal vor. 24 Begriffe standen drauf. Stefan füllte weitere Kästchen aus.

 

Sikhs religion church
priest customs Britain
United Kingdom England UK
religious minority discrimination
race racial temple
turban Gurdwara guru
Amritsar Golden Temple karma
Singh Adi Granth Monotheismus?
5 Ks Kesh Kara
Kirpan Kangha Kachera
Amrit ceremony Balsakhi Gurpurb Gutu
Guru Granth Sahib Langar Sewa

Jetzt waren es schon 36 Begriffe. Mehr als die Hälfte des Blattes war voll! Und das nach noch nicht einmal einer Woche. Es klingelte. Vor der Tür stand seine Nachbarin Corinna, die sich nach den Mathehausaufgabenblättern erkundigen wollte. Nächste Woche stand eine Klausur an. Es bat sie in sein Zimmer. "Was ist das denn für Sprache?" fragte sie, als sie den Zettel auf Stefans Schreibtisch sah. "Äh, ich mach da sone GFS über Sikhs, da kommen die Begriffe vor." - "Sikhs? Was ist das denn?" - "Eine indische Religionsgemeinschaft." - "Ich dachte, du bist bei Reli raus?" - "Das ist auch für Englisch, so wegen Minderheiten in Großbritannien und so." - "Und? Macht's Spaß?" - "Irgendwie schon. Ich hab da gerade einen geilen Trick getestet. Funzt wunderbar. Wenn du mal ein Arbeitsblatt brauchst..." Und Stefan erklärte Corinna die Feinheiten der Suche nach PDFs und - mit 139 Treffern deutlich weniger ergiebig - nach DOCs. Obwohl auch da immer mal wieder ein Blatt interessant schien. Corinna, die in DV zu den Stärksten in der Klasse gehörte, war beeindruckt von Stefans Geschicklichkeit beim Suchen, obwohl sie diese bunten Turbane, die er ihr zeigte, schon irgendwie seltsam fand. Auch Stefan hatte etwas Farbe im Gesicht bekommen. Aber das lag wohl daran, dass Corinna so nah neben ihm am Rechner gesessen hatte...

Tut sich da noch mehr zwischen Stefan und Corinna? Ist er jetzt bald fertig mit seiner Präsentation? Wird er vom Sikhismus so fasziniert, dass er später eine Sikhfrau heiraten wird? Fragen über Fragen! Fortsetzung hier.

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