6.
Kapitel: Von Enzyklopädien online und offline
"Das ist doch
alles Tinnef !
Die Schüler zapfen sich irgendwas aus dem Internet,
Papa macht ihnen eine PowerPoint-Präsentation daraus,
und dann wird das vor der Klasse vorgetragen.
Warum Papa? Sie selbst können es ja nicht !
Wenn man nachfragt, was das alles überhaupt bedeuten soll,
was da aus Schülermund gequollen ist - ja, ich weiß, Herr Kollege,
auch Schülerinnenmund -, dann ist in 90 Prozent der Fälle Fehlanzeige.
Ich halte nichts, gar nichts von diesem ganzen Präsentationsquatsch!
Martin Luther
King hat seine I have a dream Rede auch nicht mit PowerPoint gemacht."
Gelächter kam auf.
Stefan, der in der vollbesetzten Cafeteria der Schule
nur noch einen Platz am Nordende des Lehrertisches gefunden hatte,
staunte nicht schlecht über Oberstudienrat Spreckel:
soviel Eifer in seiner Fistelstimme! Zum Weghören !
Referendar Jungmann hielt dagegen:
"Also ich kann nicht klagen! Erst in der letzten Woche hatte ich
zwei äußerst eindrucksvolle Präsentationen in meinem Unterricht,
und die beiden Schülerinnen kannten sich wirklich aus im Thema!"
Spreckel:
"Ja, Biologie! Da mag das noch leichter hinhauen! Aber in der Fremdsprache
... Wenn da mit copy and paste irgendwas zusammengebastelt wird ... Grauenhaft,
sage ich Ihnen, grauenhaft!
Und es wird gemogelt, wo es nur immer geht. Die ganze Familie hilft.
Vor allem in Lehrerhaushalten.
Von diesen Hausaufgabenbörsen gar nicht zu reden.
Immer wird so getan, als ob die Schüler
mit diesem ganzen Onlinekram sinnvoll umgehen könnten.
Dabei wissen die doch nicht einmal, was eine Enzyklopädie ist."
Spreckel schien keine hohe Meinung von der Intelligenz und dem Fleiß
der ihm anvertrauten SchülerInnen zu haben und wirkte irgendwie verbittert.
Was
Stefan anging, lag er allerdings falsch. Der wusste, was eine Enzyklopädie
war. Als er am Abend im Twiti seinen Kumpels erzählte, was
er am Lehrertisch gehört hatte, sagte Sebastian: "Ich
mach meine Präsentationen meist mit dem Brockhaus. Da haste
alles knapp drin. Das gliederst du auf Folien und dann liest du
noch etwas in der englischen Wikipedia und überträgst
den Schrott iwi ins Englische. Fertig ist die Laube! So easy ist
das." Stefan meldete Bedenken an. "Übertreib doch
nicht. Ganz so einfach kann das wohl nicht sein." - "Wetten?"
fragte Sebastian. Von Wetten hielt Stefan nichts. Dreimal hatte
er dieses Jahr schon verloren. Zwar waren das WM-Wetten gewesen,
aber egal. Drei Kästen Bier hatte er zahlen müssen. "Ich
schau mir das mal an. Aber ich glaub's eigentlich nicht."
Am nächsten
Tag ging Stefan in die Mediothek und ließ sich sagen, wo er
eine Enzyklopädie finden könnte. Die lange Reihe mit den
gewaltigen Bänden des Brockhaus stand schließlich vor
ihm. Er schlug das Kapitel über Sikhs auf und staunte nicht
schlecht. Gerade mal eine Lexikonspalte war der Eintrag lang. Tatsächlich
gab es da wenig zu lesen. Aber ein zweiter Blick zeigte ihm, dass
der Text voller wichtiger Schlüsselwörter war. Manche
verstand er, andere nicht. Er überlegte, ob er die Seite kopieren
sollte, aber dann fiel ihm ein, dass er seine Digitalkamera in seiner
Jackentasche hatte und er machte kurz zwei Fotos.
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Aus
dem Brockhaus |
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Aus
der Encyclopaedia Britannica |
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Daheim schaue er sich
die Ausbeute an und vervollständigte anschließend seine Listen.
Zu den 18 bisher eingetragenen Wörtern kame jetzt Amritsar,
Monotheismus, (hier setzte er ein Fragezeichen hinter das Wort)
Pandschab, Karma, Adigrantha und Singh hinzu.
Die musste er zwar zum Teil noch ins Englische übersetzen, aber mit
Bleistift konnte man sie ja schon mal eintragen. Stefan sah sich den Brockhauseintrag
ein drittes Mal an. Nein, übersetzen könnte er den nicht so
leicht. Aber seine Suchbegriffssamlung war wieder gewachsen. Er sah sich
die anderen Zettel von Mischter Weaver noch einmal an. Da war die Liste
mit Fragen, die er beantworten konnte. What is Amritsar? trug
er ein. What are the priests called?, How many Sikhs are
there in the world? und schließlich What is the meaning
of the name Singh? Zufrieden schaute Stefan auf das Blatt. Die erste
Sitzung mit Weaver würde garantiert gut laufen. Er hatte jetzt schon
reichlich Material und bis zum Ende des Monats würde sich der Rest
locker ergeben. Das reichte wohl. Nicht schlecht, so eine Enzyklopädie!
Aber die Texte waren nicht so locker zu übernehmen, wie Sebastian
gesagt hatte. Enzyklopädie.. Enzyklopädie... In Stefans Hirn
kam etwas in Gang. Moment! Da gab es doch die Encyclopaedia Britannica
von der der Weaver immer schwärmte. Gab's die eigentlich auch online?
Wenige Minuten später
wusste Stefan mehr. Seiner ersten Freude folge ein leichtes Stöhnen.
Oje, da gab es ja Text bis zum Abwinken. Aber immerhin alles seriös
und gegen Zitate aus seinem Lieblingsbuch konnte Weaver kaum etwas haben.
("Wissen Sie," hatte er einmal gesagt, "für mich gibt
es nichts schöneres, als abends mit einem Lexikonband ins Bett zu
gehen und ein bis zwei Stunden darin zu lesen" Lehrer waren einfach
irgendwie komische Freaks.) Ganz leicht war der Text in der Encyclopaedia
Britannica zwar nicht, aber Stefan sah sofort, dass bereits der Anfang
ihm half, seine mit Bleistift eingetragenen Wörter ins Englische
zu übertragen. Amritsar stand da zwar nicht, aber
das Heiligtum hieß auf Englisch offenbar Golden Temple und
caste musste eine Kaste sein. Logisch! Dieses komische Adigrantha
wurde hier in zwei Wörtern geschrieben und hieß Adi Granth.
OK, wenn die Eyncyclopedia das sagt, dachte Stefan. Und tauschte schließlich
ein bleistiftgraues Pandschab gegen ein füllerblaues Punjab
aus. Wow! Schon über ein Drittel der Keywordkästchen war gefüllt!
Nur Monotheismus stand noch auf Deutsch da.
| Sikhs |
religion |
church |
| priest |
customs |
Britain |
| United Kingdom |
England |
UK |
| religious |
minority |
discrimination |
| race |
racial |
temple |
| turban |
Gurdwara |
guru |
| Amritsar |
Golden Temple |
karma |
| Singh |
Adi Granth |
Monotheismus? |
| |
|
|
Material über
Sikhismus hatte Stefan jetzt also reichlich. Aber zwei Probleme hatte
er noch. Er brauchte Bilder für die Präsentation. Da bot die
Britannica nichts. Und dann hieß ja sein Thema Sikhs in Britain
und speziell dazu hatte er eigentlich noch keine brauchbaren Infos. Aber
seine Suchbegriffsammlung würde ihn schon weiterbringen. Da war Stefan
sehr zuversichtlich. Und das zu Recht!
Warum, das erfahren wir in den nächsten Kapiteln. Fortsetzung
hier...
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