Stefan und die Sikhs

 

Amok-Raucher

4. Kapitel: "Ja, Wahnsinn!"

Am nächsten Tag staunte Stefan nicht schlecht, als ihm sein Englischlehrer (er hieß Herr Weber, aber alle nannten ihn wegen seines starken schwäbischen Akzents nur "Mischter Weaver") austeilte, darunter genau jene Blätter, die ihm Tobias schon gemailt hatte. Unter anderem das Google Cheat Sheet auf Englisch. Die Anweisung war: "Ich weiß, dass eure Referate erst in drei Monaten fällig sind, aber ich möchte gerne, dass ihr jetzt schon anfangt und keine schlampige last minute Präsentation abliefert. Lest euch die Sachen gut durch, füllt möglichst viel aus und jeweils am letzten Unterrichtstag des Monats schauen wir uns an, was ihr bisher gesammelt habt." Anscheinend arbeiteten einige Lehrer intensiv zusammen, was umso erstaunlicher war, als Herr Polz am PG war, Herr Weber aber an der GMS. Und offensichtlich schien Sammelwut in den Kollegien zu grassieren, dachte Stefan, als Mischter Weaver ein weiteres Blatt austeilte. "Füllt das möglichst ganz aus!" Sammelwut!

In der BWL-Stunde, die diesmal nicht so prickelnd ausfiel, schaute Stefan sich noch einmal die zwei deutschen Blätter mit den Tipps zur Suche mit Google an. Blatt 1 und Blatt 2. Stefan kannte sich mit Computern einigermaßen gut aus und da fiel ihm der Suchbefehl ext: bzw. filetype: sofort auf. "Moment!", dachte er, "Wenn man nach Dateitypen suchen kann, dann geht das doch sicher auch mit PowerPoint-Dateien, oder nicht? Was haben die nochmal für ne Endung? Wenn das funzt, sind meine Probleme gelöst und ich hab vielleicht schon ne fertige Präsentation, die im Netz auf mich wartet. H3h3h3!" Er beschloss, gleich am Nachmittag nach solchen Präsentationen zu suchen. Da schrak er auf, denn Oberstudienrat Beserke hatte seinen Namen gerufen. Aber gemeint war glücklicherweise der andere Stefan der Klasse. Er wandte sich wieder den Blättern zu. Ah ja, da war das mit den Keywords, die man eintragen musste. Sikhs hatte er ja schon gestern in eines der Kästchen geschrieben. Wenn er zum Ende des Monats das Blatt vorlegen sollte, wäre das aber wohl peinlich wenig. Er überlegte. Sikhs, das hatte ja was mit Religion zu tun. Das war leicht, denn im Englischen hieß das Wort genau gleich, auch wenn es sich anders aussprach. Und Britain war eh klar. Oder nicht? Es gab ja auch noch England und United Kingdom. Die Wörter könnten bei der Suche vielleicht noch nützlich sein. Stefan trug auch sie ein. Und assoziierte weiter. "Haben die auch Gottesdienste wie wir? Essen die auch Waffeln beim Abendmahl? Was haben die Priester an?" Je länger er nachdachte, desto mehr Fragen kamen ihm. Und schon bald sah sein Blatt so aus:

Sikhs religion church
priest customs Britain
United Kingdom England UK
religious    

"Kein schlechter Start!" dachte er, als es zur Pause klingelte.

Nach der Schule ging Stefan erst einmal zum Falafelmann in der Radgasse. Seine Mutter hatte heute keine Zeit zu kochen. Raphael war auch bei Adib, dem Palästinenser, und stöhnte. "Mann war das ne harte Doppelstunde. Die ganze Zeit nur translation. Jetzt machen wir schon seit drei Wochen Minderheiten in den USA und civil rights und Rassendiskriminierung." Stefan horchte auf. Auch die Sikhs gehörten ja einer anderen Rasse an. Das müsste man sicher auch berücksichtigen. Und ne Minderheit waren die auch. "Hey, schon wieder zwei Wörter für meine Sammlung!" dachte er, "Cool !"

Als er endlich nach Hause kam, setzte er sich gleich an den Rechner, um zu prüfen, ob das funktionieren würde, was ihm auf dem Heimweg eingefallen war: "Ich muss wissen, wie der Suchbefehl für die Suche nach PowerPoint-Präsentationen ist, dann kann's losgehen."

Er dachte kurz nach: "Man muss Google immer möglichst genau sagen, was man will. Auf dem Blatt stand nichts drauf von PowerPoint aber vielleicht gibt's ja ne Seite, auf der man das findet. Wo noch mehr Suchbefehle gelistet sind." Er gab also bei Google ein: filetype pdf und powerpoint. (Powerpoint schrieb er klein, denn Google ist es ja egal, ob man Sachen klein, groß oder gemischt schreibt.)

Bingo! Auf Platz eins der Ergebnisse fand sich ein weiteres Blatt mit Informationen zum Suchen mit Google und dort waren auch alle Dateitypen gelistet, nach denen man gezielt suchen kann. Es gab offenbar 13 Haupttypen und einer davon waren PowerPoint-Präsentationen, die hier mit dem Kürzel ppt angegeben waren.

Gespannt öffnete Stefan die Google Startseite und gab den Suchbefehl filetype:ppt sikhs ein, in der Hoffnung, auf diese Weise tatsächlich brauchbare Präsentationen über Sikhs zu finden. Seine Mutter erschrak, als sie wenige Minuten später den Schrei "Ja, Wahnsinn!" gefolgt von einem lauten "Hu!" hörte. Und was er gesehen hatte, erzählte er noch am gleichen Abend im Café Weichert weiter, wo er seine Freunde zur Happy Hour traf. Dass am Nebentisch mehrere Amokraucher saßen, die den Raum mit dickem Tabakqualm füllten, störte ihn in seiner Begeisterung wenig. Und seine Freunde hörten ihm sehr aufmerksam zu. Denn auf diesen tollen Trick, sich das Leben in der Schule bei dieser komischen GFS leichter zu machen, waren sie selbst noch nicht gekommen. Hatte "Mischter Weaver" also doch Recht, wenn er sagte, "90% der Leute wissen nicht, wie man mit Google umgehen kann. Wenn Sie sich ein paar Befehle aneignen, gehören Sie sofort zur Suchelite!"...?

Stefan aber war schon einen Schritt weiter auf dem Weg zum Profisucher, denn sein Blatt sah mittlerweile so aus:

Sikhs religion church
priest customs Britain
United Kingdom England UK
religious minority discrimination
race racial  

Und das war schon relativ viel. Er schaltete den Rechner an und gab einfach mal vier der Begriffe bei Google ein, nämlich sikhs church racial und britain. Und wenig später erschrak seine Mutter ein zweites Mal an diesem Tag, denn wieder gellte ein "Ja, Wahnsinn!" durch die Wohnung.

Im nächsten Kapitel teilen wir das mit Ihnen, liebe LeserInnen, was Stefan an diesem Tag so begeisterte .Hier geht's weiter!

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