
23.
Kapitel: Das große Finale
In der Nacht
vor seiner Präsentation schlief Stefan unruhig. Die Präsentation
war eigentlich gut vorbereitet und bei der Bildauswahl hatte er
sich besonders viel Mühe gegeben, alles was er sagen würde
eingängig und klar abzubilden. Mit Text war er sparsam umgegangen,
denn wozu sollte er den Text auf die Leinwand projizieren, den er
ohnehin vortragen würde? Auch auf einer
nützlichen Seite über Presentation
Tips hatte er sich umgeschaut.
Sein Handout
hatte jetzt zwei Seiten. Auf der ersten
hatte er den Text einer kurzen illustrierten Einführung in
den Sikhismus umgeschrieben und ergänzt, den er bei der BBC
gefunden hatte. Die Fotos hatte er allerdings ersetzt. Auf der zweiten
Seite hatte er die Adressen von Websites aufgeführt, auf
denen weiterführende Informationen zu finden waren.
Seine Ausarbeitung
hatte er nicht nur für Mischter Weaver ausgedruckt, sondern
auch für sich zum Nachschlagen.
Für seine
Präsentation hatte er mehr Folien bereit als er in den 10 Minuten
seiner Präsentation verwenden konnte. Aber er wollte auch auf
Fragen gut vorbereitet sein.
Stefan ging
in Gedanken noch einmal durch, welche Folien er zusammengestellt
hatte:
1) Eine Karte
von Indien, auf der das Punjab gekennzeichnet war.
2) Eine Folien,
die Symbole verschiedener Religionen zeigt: Kreuz, Davidstern, Halbmond
und Khanda.
3) Eine Liste
mit Namen von Sikhs.
4 und 5) Zwei
Fotos vom Golden
Temple in Amritsar.
6) Zwei Bilder
vom Guru Adi Granth.
7) Das
Gurmukhi-Alphabet
8) Die
zehn Gurus
9) Die
5 Ks
10) Sikh
Soldaten im Zweiten Weltkrieg
11) Die kopierte
45. Folie einer PowerPoint Präsentation aus dem WWW, die verschiedene
Turbane zeigte. Und ein amerikanisches Plakat,
das vor Verwechslungen von Sikhs mit Moslems warnte.
12) Eine Karte
von England und Wales, auf der er die Städte mit den großen
Sikh Communities zeigen konnte.
13) Ein Bild
von einem britischen Polizisten
mit Turban und einem Sikh
auf einem Motorroller, das allerdings aus Italien stammte.
14) Ein Screenshot
von einem Artikel der Times online mit dem Titel "Sikhs
head for the barber and turm their backs on tradition"
15) Ein Foto
von dem traditionellen Mal, dem Langar.
Das müsste
locker reichen.
Als Stefan am
nächsten Tag seine Präsentation vortrug, wich die natürlich
von dem ab, was Corinna gehört hatte, denn Stefan hatte sich
lediglich Stichwörter auf Kärtchen notiert und nichts
auswendig gelernt. Die Stichwörter waren eher dazu da, ihn
nicht den Faden verlieren zu lassen, denn er hätte zu den einzelnen
Folien, die er zeigen wollte, viel mehr sagen können als die
Zeit erlaubte.
Mit den Worten
“That was my presentation about Sikhs in Britain. I am sorry
I don’t have more time because there are many more interesting
things I could tell. you.” schloss er dann auch.
Stefans KlassenkameradInnen applaudierten lebhaft. Auch Mischter
Weaver schien überaus zufrieden. und forderte die Klasse auf,
Fragen zu stellen.
Die war auf
das Thema vorbereitet. Eine Woche zuvor hatten die SchülerInnen
Stefans Handout bekommen und die Aufgabe, sich Fragen zum Thema
auszudenken. Also kamen nach der Präsentation noch eine ganze
Reihe von Fragen auf Stefan zu. Wann die Sikhs nach Großbritannien
gekommen seien und warum, wie ihr Kontakt zu Briten aussähe,
ob sie in Ghettos lebten, ob sie auch Nicht-Sikhs heirateten, ob
es die Zwangsehe gebe, wie die Rolle der Frau überhaupt aussehe,
ob Sikhs alles essen dürften (hier erwähnte Stefan gerne
den holy pudding , den es bei manchen Zeremonien zu essen
gab) und in welchen Berufen sie besonders häufig zu finden
seien.. Viele der Fragen konnte Stefan spontan beantworten oder
in seiner Ausarbeitung nachschlagen. Manchmal verwies er auf sein
Handout oder auf Websites, auf denen man die fehlenden Informationen
finden könne.
Schließlich
dankte ihm Herr Weber und lobte die Präsentation: „So
sieht es aus, wenn jemand sein Thema wirklich gründlich bearbeitet
hat. Es fällt dann nicht schwer, frei zu sprechen und man kann
noch viele Fragen beantworten, für die in der Präsentation
keine Zeit war. Stefan, das war super!“
Herr Weber forderte ihn noch einmal auf, die Folien im Schnelldurchgang
zu präsentieren, wies auf zwei kleine Tippfehler hin, stellte
noch zwei, drei Fragen und endlich konnte Stefan sich setzen. Seine
Wangen glühten. Er war während der Präsentation sehr
aufgeregt gewesen, obwohl man ihm das nicht angesehen hatte. Jetzt
war er froh, wieder sicher auf seinem Platz zu sein.
Mischter Weaver
schien total begeistert zu sein. „Die Note werde ich dir noch
mitteilen, aber 12 Punkte werden es mindestens sein. Dein Handout
ist vorbildlich. Es ist sehr informativ und es hat einen anderen
Schwerpunkt als deine Präsentation, die Zitate
in deiner Ausarbeitung sind alle korrekt und nachgewiesen. Die
Ausarbeitung selbst ist fast fehlerfrei und die Internetquellen
stimmen ebenfalls. Ich habe sie alle überprüft. Und die
Bildauswahl ist vorzüglich. Vor allem hat mich gefreut, dass
du die Initiative ergriffen hast und Kontakt zu Sikhs aufgenommen
hast, statt dich nur auf Internetseiten zu verlassen. Ich finde,
deine Präsentation hat Lust gemacht, mehr über die Sikhs
zu erfahren und wir werden uns in der nächsten Stunde den zweiten
längeren Film anschauen, den du als Quelle benannt hast. Ich
danke dir für diese gute Arbeit.“
Erneut gab es Applaus von den KlassenkameradInnen und Stefan errötete.
Insgeheim dankte er den Sikhs in England, die ihm so sehr geholfen
hatten. Sich selbst aber schrieb er keine besonderen Verdienste
zu. Er hatte doch nur das getan, was Mischter Weaver empfohlen hatte.
Und mit dessen Tipps war es dann ja sehr leicht gewesen, an gutes
Material zu kommen.
Den Präsentationstext zu formulieren, war nach der Lektüre
der verschiedenen englischen Texte eigentlich sehr leicht gewesen
und dass er Antworten auf seine E-Mails bekommen hatte, war pures
Glück gewesen.
Er hatte bei
der Arbeit an seinem Projekt Lust bekommen, Sikhs kennen zu lernen.
Diese Religion schien ihm erfreulich tolerant zu sein. Besonders
viel Freude aber hatte es ihm während der Vorbereitung seiner
Präsentation gemacht, immer neue Materialien durch immer neuen
Kombinationen von Suchbegriffen zu finden. Besonders ans Herz gewachsen.
war ihm die Website der BBC als ideale Quelle von guten englischsprachigen
Materialien.
Als Herr Weber
sich am Abend den Präsentationsausdruck und seine Notizen noch
einmal anschaute, sagte er sich, zunächst, dass 12 Punkte gut
genug für diese GFS waren. Aber dann erinnerte er sich daran,
wie er selbst Mühe gehabt hatte, genauere Informationen über
Diskriminierung von Sikhs und rassistische Übergriffe zu finden.
Allgemeine Aussagen gab es, aber konkrete Belege? Stefan musste
also wirklich viele Webseiten gesichtet haben und bei der Suche
immer wieder neue Ansätze gewählt haben, um zu seinen
Aussagen zu gelangen. Die zwei oder drei Tippfehler in der Präsentation,
die kleinen grammatischen Flüchtigkeiten in der Ausarbeitung
– all das wog wenig gegenüber der Tatsache, dass Stefan
wirklich gründlich recherchiert, den Text selbständig
verfasst und völlig frei vorgetragen hatte und bei den Zitaten
und Quellennachweisen große Sorgfalt bewiesen hatte. Was mehr
konnte er guten Gewissens von einem Schüler verlangen? Und
Herr Weber trug 15 Punkte in sein Notenbüchlein ein.
Stefan war überglücklich, als Mischter Weaver ihm
zwei Tage später die Note mitteilte. Und am Abend lud seine
Mutter ihn und Corinna zum Essen ein. Vor wenigen Tagen hatte ein
neues indisches Restaurant in der Karpfengasse aufgemacht und der
Inhaber hieß, wie Stefan festgestellt hatte, "irgendwas
mit Singh". Das passte natürlich wunderbar. Ebenso wunderbar
wie Stefan und Corinna zueinander passten, wie sie noch in dieser
Nacht feststellen sollten...
***
Ende? ***
Thanks
at Dinesh Gandhi for sending us the above photograph and giving
us permission to use it. The copyright does of course remain with
him. The same is true for Dinesh's other photographs on one of the
handouts. The single photograph on the other handout has already
been used in chapter 10 of this story. We thank Lakhvir Singh Khalsa
again for letting us use it. Here, also, the copyright remains with
the photographer.
Nachwort:
Die Geschichte
"Stefan und die Sikhs" endet hier. Aber für Stefan
ist die Beschäftigung mit dem WWW und dem Suchen darin noch
nicht zu Ende. Im nächsten Schulhalbjahr nämlich gab er
erneut eine gesonderte Lernleistung ab. Dieses Mal in Datenverarbeitung.
Und es wundert uns nicht, dass er sich als Thema "Recherchieren
im WWW" aussuchte. Als Beispiel wählte er ein Thema, das
so ganz anders war als "Sikhs in Britain". Es hieß:
"Hindus in Britain".
Welche Abenteuer
Stefan auf dem Weg zu seiner zweiten GFS-Präsentation erlebte,
dazu werden Sie hier in absehbarer Zeit sicher noch etwas lesen.
Und dazu, wie man "Stefan und die Sikhs" im Unterricht
einsetzen kann, werden wir LehrerInnen auch noch ein paar Tipps
geben. In einiger Zeit wird man diese Geschichte wohl überarbeiten
müssen, denn das Web wandelt sich rasch. Und deshalb entschuldigen
wir uns hier auch schon für eventuell nicht funktionierende
Links. Für entsprechende Hinweise an weberberg-at-web.de sind
wir immer dankbar. |