
21.
Kapitel: Es tut sich was
Der Moon Flower
Club war als Veranstaltungsort für Stufenfeste nicht unumstritten.
Es konnte recht heiß dort werden und manchmal war er so überfüllt,
dass man nur schwer hineinkam. Es konnte eine Weile dauern, bis
man an der Theke sein Getränk bekam.
Stefan und Corinna
hatten schon Mühe gehabt, sich durch die Tanzenden in der Disco
zu drängeln und unten schien es nur noch Stehplätze zu
geben. Aber sie hatten Glück: Von einem der Ledersofas erhob
sich ein Pärchen um zu gehen.Rasch bugsierte Stefan Corinna
auf den Platz und sagte: "Ich hol uns was zu trinken."
Corinna entdeckte Zeynep auf dem gegenüberliegenden Sofa. Rasch
entstand ein Gespräch und Corinna merkte nicht, dass Stefan
erst eine Viertelstunde später mit zwei Colas zurückkam.
"Sorry, war kaum durchzukommen," entschuldigte er sich,
aber sie winkte ab. Zeynep wandte sich ihrem Freund zu und Corinna
zog am Strohhalm. Stefan auch. Pause. Dann fragte Corinna nach Stefans
Sikh-Projekt und er konnte ihr von seinen neuen Entdeckungen beim
Suchen erzählen. Er war unsicher. Interessierte sie das wirklich?
Oder tat sie nur so?
"Erzähl mir mehr," sagte sie. Sie wollte Stefans
Stimme hören, wollte in dem lauten Gedränge näher
an ihn heranrutschen "müssen". Und so erzählte
Stefan von den Suchtricks, die er gerade gelernt hatte und Corinna
schien ihm aufmerksam zu lauschen. Immer näher schob sich ihr
Ohr vor seine Lippen.Immer intensiver roch er ihren Duft.
"Dann bist
du ja sicher bald fertig mit deinem Projekt?"
"Ja. Äh,
nein. Ich weiß noch nicht, wie ich das ganze Material strukturieren
soll. Ich hab unheimlich viel. Das reicht sicher gut für die
drei Teile, die ich abliefern muss."
" Drei
Teile?"
"Ja, die
Ausarbeitung, das Handout für die Klasse und die Präsentation."
"Vielleicht
kann ich dir ja helfen, "sagte Corinna.
"Das wäre
super. Also für das Handout hab ich schon ne Idee."
Er legte den
Arm auf die Sofalehne und ließ ihn dann langsam auf ihre Schulter
rutschen. Und so begann ein Abend, der für beide zumindest
einige Tage unvergesslich bleiben sollte, dann aber von noch glücklicheren
Abenden und Nächten abgelöst wurde. Denn
hier hatten sich zwei gefunden, die keine Suchmaschine zusammengebracht
hatte.....
Zur gleichen
Zeit saß Oberstudienrat Weber in der Schule. Eigentlich hatte
er an diesem Abend eine Klausur korrigieren wollen, aber unter ihm
feierten zwei junge Menschen lautstark Geburtstag. Er gönnte
ihnen die Feier, an konzentriertes Arbeiten war in seiner Wohnung
jedoch nicht zu denken. Ihm fiel ein, dass er für die erste
Stunde am Montag noch einen Text kopieren musste, also schwang er
sich aufs Rad und fuhr zur Schule. Die zehn Minuten an der frischen
Luft taten ihm gut.
Nachdem er die
Kopien gemacht und gelocht hatte, überlegte er. Was könnte
er jetzt noch tun? Die Feier in seinem Haus würde sicher noch
drei Stunden dauern. Er fuhr den Rechner in seinem Stützpunkt
hoch. Sein Postfach könnte er ja mal ausräumen. Aber als
er den Browser öffnete, kam ihm eine andere Idee.
Bald würden
die SchülerInnen ihre Präsentationen vor der Klasse halten
und ihre Ausarbeitungen abgeben. Da sollte er sich wenigstens etwas
bei den Themen auskennen. Global warming kannte er von
seiner eigenen Unterrichtsvorbereitung her. Minderheiten in Großbritannien
auch, aber bisher hatte er nur in den Kategorien Einwanderer aus
der Karibik, Afrika und Asien gedacht. Er wusste, dass aus Südostasien
Inder, Pakistaner und Bangladescher kamen. Die Religion hatte er
bisher aber kaum bedacht, obwohl er die Konflikten zwischen Hindus
und Moslems nicht nur aus dem Film Gandhi kannte. Und Stefan
würde über Sikhs in Britain referieren, da musste
er Fragen stellen können und zumindest ein paar grundlegende
Fakten wissen. Schüler brachten es durchaus fertig, völligen
Unfug zu erzählen, weil sie in Zeitnot irgendetwas zusammengeschrieben
hatten.
Langsam und
zunächst ziellos suchte er nach brauchbaren Texten und Materialien,
aber bald bremste er sich. So würde er sich nur verzetteln!
Er musste strukturiert vorgehen. Auf einem Zettel skizzierte er
den Anfang einer Mind Map. Das Wort Sikhs in Britain stand
in der Mitte in einem Kreis, die Linien, die davon ausgingen, trugen
Wörter wie Einwanderung/Jahr, Zahl, Wohnorte,
Diskriminierung, Religion, Bildung und sozialer Status.
Dann öffnete
er die Website der BBC. Wie
so oft, wenn er surfte, wollte er sich mit Informationen und Musik
berieseln lassen. Was sollte er wählen? Klassik
auf Radio 3? Comedy
auf Radio 4? Asian
Network. Asian Network? Das hatte er bisher nie beachtet. Er
klickte auf Listen Live. Eine Nachrichtensendung. Wenn schon asiatisch,
dann richtig! dachte er und suchte nach anderen Sendungen. Und bald
tönte recht laut Banghra Musik durch das Schulhaus.
Die Asien-Website
hatte auch eine Suchfunktion. Er gab Sikhs als Suchbefehl ein. 242
Treffer. Sikhism 60
Treffer. Er öffnete einige der Seiten. Präzise, knappe
Information über Sikhs in Großbritannien, in London oder
anderen Regionen fand er mühelos. (Most of Britain's 500,000
Sikhs have their origins in immigration either from the Punjab in
Northwest India in the 1950s and 60s, or from East Africa slightly
later. The first recorded Sikh settler in Britain was Maharajah
Duleep Singh.)
Auch Grundlegendes
über die Religion war leicht zu finden. Er begann, einzelne
Seiten auszudrucken. Dann überlegte er, welche Suchbefehle,
welche Websites er noch ausprobieren könnte. Er experimentierte
mit PDFs und DOCs, suchte in Google News, ob es aktuelle Meldungen
gab. Und er fand immer mehr. Eine tolle Rundumsicht
aus dem Innenraum eines Sikhtempels war auch dabei. Seine Augen
begannen zu brennen. Er stand auf, um sich in der Teeküche
ein Glas Wasser zu holen. Entsetzt stellte er fest, dass es bereits
nach Mitternacht war. Auf dem Drucker stapelte sich ein dicker Stapel
Papier. 138 Seiten, wie er am nächsten Tag zählte.Er fühlte
sich fast euphorisch. Seine Suchtechnik hatte sich wieder bewährt.
Er hatte nicht nur Informationen für sich selbst gefunden,
sondern auch einen Stapel hübsch gestalteter Arbeitsblätter,
die er in der Lehrerfortbildung einsetzen könnte, die er im
Frühjahr geben sollte. Perfekte, beispielhafte Materialien
zum Thema Minderheiten in Großbritannien, die auch die Kollegen
der Allgemeinbildenden Gymnasien interessieren dürften. Zutifest
befriedigt, radelte er wieder nach Hause, obwohl er noch stundenlang
hätte weitersuchen können, bzw. weiterfinden, denn frustrierende
Sucherei kannte er nicht.
Demnächst:
Schüler und Lehrer haben ein gemeinsames Problem. Fortsetzung
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