Stefan und die Sikhs

 

 

19. Kapitel: Spreckel legt nach und Stefan kuckt Videos

Eine Woche nach seinem lautstarken Auftritt war Spreckel wieder zum Dienst erschienen. Seinen Klassen teilte er ein Blatt aus, das den Titel „Neue Richtlinien für die GFS im Fach Englisch (OSR Spreckel)“ trug. Und das hatte es in sich.

PowerPoint Präsentationen waren dort ebenso verboten wie das Verwenden der Wikipedia.
Die Hälfte der Quellen hatte aus Printmedien zu bestehen.
Mindestens ein Brief- oder E-Mailkontakt mit dem englischsprachigen Ausland war Pflicht.
Die Ausarbeitung musste einen Mindestumfang von 5000 Wörtern haben.
Sie war einen Monat vor der Präsentation des Themas abzugeben.
Eine deutsche Übersetzung des Textes musste beiliegen.
Zitate waren akribisch zu kennzeichnen und nachzuweisen.
Verwendete Illustrationen durften keinem Copyright unterliegen, es sei denn, die SchülerInnen könnten eine schriftliche Genehmigung des Urhebers vorweisen.
Die Klasse war durch Austeilen eines Handouts und einem Kurzvortag von 2 Minuten eine Woche vor der Präsentation auf das Thema vorzubereiten.



KlassensprecherInnen, die vorsichtig klagten, die Anforderungen seien zu hoch, wurden barsch mit der Auskunft „Es geht um die Abiturvorbereitung, Ihre Hochschulreife, und nicht um ein Freischwimmerzeugnis.“ abgespeist.

In der Großen Pause waren bereits die Vertrauenslehrer mit Beschwerden bestürmt worden und in der sechsten Stunde fand sich Spreckel wieder im Rektorat. Er schäumte: "Wissen Sie was? Diese ganzen PowerPoint Präsentationen, diese PPP, sind nichts anderes als pubertäre plagiierende Pupsereien. Nicht Verstandenes wird unverständlich einem unvorbereiteten Publikum präsentiert. Diesen Unfug wird es in meinen Klassen nicht mehr geben!“ hatte er seinen Chef angezischt und war schließlich mit einem gebrüllten „Google, Schmugel, Kinderkacke!“ aus dem Rektorat gestürmt. Den Rest der Woche fehlte er wieder.

Als er am Montag wieder zurückkam, beschied er seine Klassen, das ausgeteilte Blatt sei nunmehr nichtig. Fragen der SchülerInnen, welche Anforderungen denn jetzt gelten würden, beantwortete er mit einem süffisanten „Offenbar wissen Sie ja besser, wie eine für Abiturienten angemessene GFS auszusehen hat. Erfüllen Sie halt Ihre selbst gesetzten Ansprüche, die Sie allerdings ausformuliert Ihrer Ausarbeitung beizulegen haben.“

Wieder wurden die Vertrauenslehrer eingeschaltet, aber Spreckel blieb stur. „Die Schüler können ja ein anderes Fach wählen. Vielleicht finden sie ja einen Kollegen, der sich mit irgendeiner abgekupferten Micky-Maus-Präsentation zufrieden gibt.“
Zwei SchülerInnen hatten daraufhin das GFS-Fach gewechselt. Ramona blieb bei ihrem Thema Irakkrieg und Irving, der sich für andere Fächer noch weniger interessierte als für Englisch, blieb auch bei Disasters and Diseases.

Der Unterricht von Herrn Weber war seit einiger Zeit anders gestaltet als früher. Er hatte die Videos im WWW entdeckt. Sie gab es bei YouTube und bei Google Video reichlich. Oft überflüssiges, langweiliges, peinliches oder widerwärtiges Zeug, aber es waren auch Perlen darunter. So gestaltete er seine Unterrichtseinheit zum Thema global warming mit Hilfe von Ausschnitten aus Al Gores Film An Inconvenient Truth und BBC Sendungen. Den SchülerInnen gefiel das, zumal Weber auch immer mal wieder ein lustiges Filmchen zum puren Vergnügen zeigte, sofern es nur Englisch war.

Auch Stefan gefielen diese Filme, aber es dauerte eine Weile, bevor er darauf kam, bei den Videos auch einmal nach Stoff zu seinem Thema zu forschen. Zunächst versuchte er es bei YouTube. 1008 Treffer mit dem Suchbegriff Sikhs¨ Er klickte sich durch die Ergebnisse. Und wurde auch hier rasch fündig. Vor allem zwei Videos hatten es ihm angetan.


Ein kurzes war die Parodie einer Reklame für eine Kreditkarte, in dem man aber sehen konnte, wie ein Turban gebunden wurde. Er las den Text, der neben dem Video stand:

"Here is a fun Spoof on the popular television advertisement for the Mastercard (credit card). This was created by Sat Bir Singh who is a local youth here in Espanola, New Mexico. This video takes the aspects of being a Sikh and turns it into a funny and positive video promoting the Sikh Identity."

Ganz witzig. Vielleicht konnte er das Video nach seiner Präsentation zeigen, sofern ihm Mischter Weaver dafür Zeit ließ.

 

Ein anderes, von dreieinhalb Minuten Länge, war eine gut verständliche Einführung in den Sikhismus. Erstaunlich, was alles in die kurze Zeit passte. Eigentlich sollte er diesen Film für seine Präsentation verwenden, aber dann hätte er ein weiteres Element, das keine eigenständige Leistung war. Da würde er wohl wieder mit Mischter Weaver verhandeln müssen. Stefan schaute sich den Film noch zweimal an. So klang es also, wenn ein native speaker über Sikhismus redete. Er würde sich den Film noch ein paar Mal reinziehen, denn Weaver legte großen Wert darauf, dass die zentralen Begriffe in der Präsentation richtig ausgesprochen wurden.

Die Beschreibung des Videos ("PBS's "Religion & Ethics Newsweekly summarizes the belief, practice, and origin of the Sikh faith.") war perfekt. PBS, das wusste Stefan noch aus Klasse 11, war ein nichtkommerzielles amerikanisches Fernsehnetzwerk. eine seriöse Quelle also.

Dann versuchte Stefan sein Glück bei Google Video. Er gab als Suchwort Sikhs ein. 446 Treffer. An erster Stelle "What Is Sikhism? Who Are the Sikhs?" ein 17minütiges Video mit der Beschreibung "A 17 minute video that describes who Sikhs are and their belief. Tags: Sikhs, Sikhism, Khalsa, Singh, God, Religion, Spirituality, Guru, Nanak, Gatka, love." Er ließ das Video laufen. Es war relativ langsam gesprochen und er verstand viel, aber längst nicht alles. Immerhin: noch eine super Einführung.

17 Minuten konnte er natürlich nicht zeigen. Und außerdem: Was sollte er danach noch über Sikhism sagen? Da machte er sich ja selbst quasi arbeitslos! Er schaute sich die weiteren Treffer an. Da war ein Film "Sikhs in the City" von der BBC. 35 Minuten. Noch länger! Aber er zeigte viel vom Leben der Sikhs in Großbritannien.

Stefan stellte im Auswahlmenü die Länge der gesuchten Videos auf short ein, also nicht länger als vier Minuten. 139 Videos fand Google. Er ließ die Treffer nach Bewertung, nach rating, sortieren. Auf Platz 1 ein kurzer Clip mit dem Titel The Singhsons - eine witzige Sikh-Version der bekannten Simpsons.

Und als er weiter im WWW nach Videos suchte, fand er eines über zwei amerikanische Sikhs, die nach dem 11. September attackiert worden waren.

"Uff! Wann soll ich denn die Videos alle sichten? Und was bringe ich jetzt in meiner Präsentation unter.?" Stefan machte erst einmal Pause. Und das war auch gut so.

 

Demnächst: Neue Suchtricks von Mischter Weaver.Und Corinna beschäftigt sich mit Liebe...  Fortsetzung hier.
       
            

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