16.
Kapitel: Spreckel dreht durch
Für
Stefan war es in dieser Mittagspause fast unmöglich, an die Sikhs
zu denken.Er saß diesmal nicht am Lehrertisch in der Cafeteria,
aber was Oberstudienrat Spreckel da von sich gab, war fast in der ganzen
Cafeteria zu hören. Und
„Ich hätte mir nach der Wende eine AK47 zulegen sollen. Damals
gab es die schon für eine Flasche Wodka am Dresdner Hauptbahnhof..
Aber andererseits: Wieso soll man auf einen Haufen Biomasse schießen?“
„Rudi, mäßige dich doch!“ schaltete sich die Stimme
von Manfred Ilgner, dem Schulleiter, ein, „so etwas kann man doch
nicht sagen!“
Spreckel ließ sich nicht aufhalten: „Das ist jenseits dieser
viel zitierten psychosozialen Belastung im Lehrerberuf, das ist Folter
pur. Eine so dumme, so freche und fehlerhafte Präsentation hat bisher
noch niemand abgeliefert. So etwas brauche ich mir nicht bieten zu lassen.
Ich werde diesen Schüler eigenhändig…“
„Rudi, du verlässt sofort den Raum. Wir sehen uns gleich im
Rektorat. Das ist eine dienstliche Anweisung.“
Stefan sah Spreckel hinterher, der sein Tablett auf die Theke geknallt
hatte, ohne sich die 10 Cents Pfand zurückgeben zu lassen.. Was war
dem nur über die Leber gelaufen?
Was Oberstudienrat
Spreckel so erregt hatte, sprach sich noch während der Mittagspause
wie ein Lauffeuer in der Schule herum. Thomas Kienle hatte für seine
Präsentation ein Thema aus dem ungeliebten Bereich „Neue Erfindungen“
heraussuchen müssen, da Spreckel strikt seiner Maxime „Themenvielfalt
ist das Bullrichsalz des Unterrichts“ folgte und etwa sagte: „Und
wenn es mit allen Schwulen, bei Kleidergrößen herausgeforderten,
und Ibero-Afro-Asiaten Hunderte Minderheiten in den USA gibt, es gibt
nur eine Minderheitenpräsentation pro Halbjahr.“ Zu Irving
hatte er gesagt: „Wenn Ihnen das Thema zu spröde ist, dann
machen Sie einen Krimi daraus. Disasters and diseases – Coping with
new challenges – das ist Stoff für zwanzig Actionfilme, wenn’s
reicht. Es ist Ihnen ja sicher nicht entgangen, dass wir eine globale
Klimakatastrophe haben und es Länder gibt, in denen ein Viertel der
Bevölkerung Aids hat.“
Thomas Kienle hatte danach gefragt, in welchen Ländern diese globale
Klimakatastrophe stattfinden würde und Spreckel hatte aufgestöhnt.
„Fragen Sie Ihre Oma oder die Wikipedia. Oder rufen Sie bei 9 Live
an. Aber fragen Sie mich so etwas NIE wieder!“Der Schüler wusste
nicht, wie ihm geschah, als Spreckel das Klassenbuch auf den Tisch warf
und. zehn Minuten vor Unterrichtsende aus der Klasse stürmte.
Das war in der sechsten Stunde gewesen. Aber bereits die beiden Stunden
davor, waren nicht gut gelaufen. Spreckel hatte eine Klausur schreiben
lassen und vor ihr die Ausarbeitungen mehrerer SchülerInnen eingesammelt.
„Serdar, kommen Sie mal vor,“ hatte er über die Köpfe
der SchülerInnen gesagt, die versuchten, sich auf den Klausurtext
(„Freuen Sie sich. Der Text enthält alle Schwierigkeiten, die
Sie beherrschen müssen!“ hatte Spreckel beim Austeilen gesagt:)
und die Aufgabe zu konzentrieren. „Das ist doch nicht Ihr Ernst,
Irving, oder? 23 Fehler auf der ersten Seite, dann eine halbe Seite aus
der Wikipedia kopiert und die restliche Seiten bestehen aus –Fotos
von David Beckham. Und das soll eine Arbeit über „Hooliganism
– A European Problem“ sein? Das machen Sie bitte noch einmal.“
Die Arbeit von Ramona über „The War in Iraq“ schien Gnade
vor seinen strengen Augen zu finden. Aber als er den Hefter von Irving
Schäuble zur Hand nahm, schien er mit jeder aufgeschlagenen Seite
erregter zu werden. Immer öfter suchte er etwas im WWW. Immer dicker
wurden seine Striche und Fragezeichen am Rand der Ausarbeitung. Und schließlich
zerriss ein Schrei die Stille des Raumes. „Irving! Was erlauben
Sie sich?"
Während der folgenden
Tirade sackte Irving immer mehr in sich zusammen. „Das ist doch
von vorne bis hinten gefälscht. Und was soll diese idiotische Gliederung?
Disasters and Diseases
1) Aids
2) Climate
3) Cancer
4) Brain Tumour
5) Sea Levels
Kommen Sie mal vor.
Können Sie mir erklären, was dies hier sein soll?”
Er tippte auf eine Textpassage, die die Überschrift Brain Tumour
trug und sich so las:
There's a funeral procession of a sardar going on a busy street. All
the sardars in the 'mayyat' are dancing the bhangra and singing and
general 'balle balle' is on. The people on the street find it strange
that instead of mourning everyone is celebrating as if its marriage
baraat. So one of them asks Santa Singh, ;Singh Saab, aapka koi sage
wala gujar gaya hai aur aap naach rahe ho?; .....comes the reply, ;Haan
ji! Hai hi baat badi kushi ki!!! Aaj paheli baar ek sardar brain tumour
se mara hai!!!.
Irving wusste keine
Antwort und. Er hatte gestern brain tumour bei Google eingetippt
und die Seite gefunden, von der er diese Passage kopiert hatte. Dass er
den Suchbegriff falsch geschrieben hatte der folglich auch in dem von
ihm gefundenen Text falsch geschrieben war, war, ihm nachts um eins, als
er endlich Zeit gefunden hatte, sich um seine Ausarbeitung zu kümmern,
nicht mehr aufgefallen. Er hatte nur gewusst, dass er Spreckel am nächsten
Tag irgendwas vorlegen musste.
„Na, Tumor halt. Geht doch um diseases. Das war doch Ihre Idee.“
:
Was dieser Äußerung folgte, lässt sich in seiner Lautstärke
hier nicht. wiedergeben. Sein Inhalt aber lässt sich so zusammenfassen:
Für Oberstudienrat Spreckel tat sich ein Abgrund auf. Nachdem er,
wie er später sagen würde, Irving zehn Minuten lang „rund
gemacht“ hatte, meldete sich Ilona, die Klassensprecherin und erinnerte
vorsichtig daran, dass sie gerade eine Klausur schrieben.
Spreckel stutzte kurz und sagte dann: „Sie haben Recht. Die Klausur
wird auf nächste Woche verlegt. Unter solchen Umständen können
Sie ja nicht arbeiten. Und nächste Woche geht es dann, wenn es nach
mir geht, ohne Herrn Schäuble,.“
Dann nahm er sich die Ausarbeitung von Irving noch einmal vor. „Sie
kopieren hier einen kompletten Text von Greenpeace, schnipseln ihn auseinander,
setzen falsche URLs darunter, die mit dem Text nicht das Geringste zu
tun haben. Und Sie denken, ich merke das nicht. Für wie dumm halten
Sie mich eigentlich? Das ist unglaublich. Das…“ Spreckel schnappte
nach Luft und fuhr dann mit seiner Tirade fort.
Irvings stolze 2,02 Meter Körpergröße schienen immer mehr
zu schrumpfen. „Wie hat er das nur rausbekommen?“ dachte er.
Er hatte seinen in
Scunthorpe lebenden Schwager, der bei einer Greenpeace-Gruppe mitarbeitete,
um ein paar gute Links zum Thema Umweltkatastrophen gebeten. Der hatte
ihn auf die Greenpeacewebsite verwiesen und ihm eine Broschüre mitgeschickt,
die noch nicht im Netz sei. Und Irving hatte geschlossen, dass Schäuble
nicht finden könne, was nicht im Netz war. Es schien also alles safe.
Aber die Cyberwelt von gestern war nicht mehr die gleiche wie vor zwei
Monaten. Inzwischen hatten die Greenpeaceaktivisten von Scunthorpe den
Text ins Netz gestellt und Spreckel hatte bissig gesagt: "Das haben
Sie niemals selbst geschrieben!" und dann lediglich den Satz "a
collapse of part of the Antarctic ice sheet causing a massive rise in
sea-levels; a shift in the monsoon having major impacts on agriculture
in Asia" (in Anführungszeichen!) eingegeben. Google lieferte
ihm in 0.18 Sekunden exakt einen Treffer - den
Text, den Irving kopiert hatte.
Triumphierend hatte
Spreckel auf die Projektion des Suchergebnisses gezeigt. „Wenn Sie
sich das Blatt mit den Google Cheats einmal durchgelesen hätten,
wäre Ihnen bekannt gewesen, wie leicht sich komplette Sätze
im Netz finden lassen. Dumm, einfach nur dumm!“
Es war eine sehr lautstarke
Auseinandersetzung, nach der Spreckel später das Rektorat verließ.
Am folgenden Tag sah man ihn nicht in der Schule und schließlich
hieß es, er sei die ganze Woche krank. Den SchülerInnen der
Oberstufe aber wurde bewusst, dass Täuschungsversuche mit Hilfe des
Internets wohl zum Scheitern verurteilt waren. Zumindest
bei Spreckel. Andere LehrerInnen schienen nicht zu merken, wenn man ihnen
Material aus zweiter Hand unterjubelte.
Demnächst:
Das fast perfekte Handout. Spreckel legt nach. Fortsetzung
hier.
Die
Bildmontage oben verwendet Fotos von Surinder Singh (solarider). Wir danken
für die Genehmigung.
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