Stefan und die Sikhs

 

14. Kapitel: Kann denn Leistung peinlich sein?

Hiob, lass uns tauschen! schrieb an diesem Tag Oberstudienrat Weber abends in ein kleines rot eingebundenes Büchlein. Es trug den Titel "Pädagogisches Tagebuch". Jeden Freitag schrieb Weber dort seine Gedanken zum Unterricht der vergangenen Woche auf. Manchmal wurde er Dinge los, die ihn belasteten. Manchmal notierte er Erfreuliches, das ihm Mut gemacht, ihn aufgebaut hatte. Am Vormittag hatte er der Klasse eine Mediationsaufgabe aufgetragen, die sie in Stillarbeit im Computerraum erledigen sollte. Es ging um die Auswahl eines originellen Weihnachtsgeschenkes für einen Firmenchef. Dieses Geschenk war aus den "Best Inventions of the Year 2006" auszuwählen. Sechs der möglichen Geschenke (Höchstpreis € 5,000) waren auf Deutsch kurz zu beschreiben. Die Empfehlung für das Geschenk, das sie am geeignetsten fanden, wiederum auf Englisch zu verfassen.

Weber hatte der Klasse zwei Unterrichtsstunden Zeit gegeben, da er sich ausführlich seinen GFS-SchülerInnen widmen und mit ihnen einige der von ihnen gesammelten Suchbegriffe ausprobieren wollte. Dass dies bereits in einer halben Stunde erledigt wäre, hätte er nie gedacht.

Das alles so schnell ging, hatte mehrere Gründe. Melanie-Chantal, die auf dem Thema "Threatened by global warming - The Amazon Rainforest" bestanden hatte, hatte lediglich auf einem der vier Blätter etwas eingetragen, nämlich auf dem mit dem keywords. Drei Fächer waren ausgefüllt und zwar so:

global
warming
catastrophy

Der Rest war leer. "Ist das ALLES?" fragte Weber irritiert und korrigierte das falsch geschriebene catastrophe.
Verlegen blickte Melanie-Chantal zur Seite: "Mehr ist mir aber nicht eingefallen." "
Was für Seiten haben Sie sich denn bisher angeschaut?" fragte Weber und konnte seine Gereiztheit nur mühsam unterdrücken.
"Das ging ja nicht. Unser Rechner ist in Reparatur."
"Und an den Schularbeitsplätzen war die ganze Zeit nichts frei?"
Weber erinnerte sich nur zu gut, dass er erst vorgestern auf dem Weg zum Klassenzimmer Melanie-Chantal hatte jubeln hören Ich bin schon auf Level 12! Ein Level noch und ich bin Königin von Tokmordor! und sich gefragt hatte, ob sie entgegen der Schulordnung ein Onlinespiel gespielt hatte.
Melanie-Chantal zuckte die Achseln: "Meistens nicht."
"Und wann wird Ihr Rechner daheim wieder funktionieren?"
"Das ist noch nicht klar. Vielleicht kauft mein Vater sich nächsten Monat einen neuen, dann kann ich seinen Laptop haben."
"Und wann wollen Sie mit Ihrer Recherche anfangen?"
Melanie-Chantal sagte leise "Nach der BWL-Klausur."

Weber hoffte, dass zumindest die anderen Schüler mehr zu bieten hatten. Aber auch Robert hatte nur auf einem einzigen Blatt etwas eingetragen. Einen Buchtitel: Alfred Nobel. Idealist zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.
"Ich dachte, Sie machen etwas über den Friedensnobelpreisträger 2006, Yunus?" -
"Ja, mache ich ja auch." "
Und was soll dann dieses Buch? Warum lesen Sie nichts über Yunus? Und warum etwas auf Deutsch?" "
Da gibt es noch kein Judingsbums-Buch in der StaBü und Sie haben ja gesagt, wir können uns auch auf Deutsch über die Hintergründe des Themas informieren." "
Richtig. Der Mann heißt allerdings Yunus und nicht Judingsbums. Wieweit sind Sie denn mit dem Buch?"
"Das ist gerade ausgeliehen, glaube ich. Es war nicht im Regal." -
"Haben Sie die Bibliothekarin gefragt?" -
"Nee, da saß niemand an der Auskunftstheke." -
"Also haben Sie bis jetzt noch nichts gelesen und auch noch mit keiner Suchmaschine recherchiert?" -
"Ich wollte ja erstmal etwas Hintergrundwissen haben und da hätte ich ja sicher auch wichtige Begriffe in dem Buch gefunden."
Weber stöhnte leise: "Herrschaften, so geht das doch nicht. Ihr könnt doch nicht einfach warten, bis irgendein Buch wieder auftaucht. Die Zeit rennt euch davon. Robert, du hättest doch schon längst im Web recherchieren können. Die Zeitungen waren ja voll von Berichten über den Friedensnobelpreis, da gibt es doch garantiert auch was im Netz." -
"Mein Bruder lässt aber gerade etwas rendern, das dauert fast 40 Stunden, da darf ich nicht an den Rechner." Weber wollte Robert vorrechnen, dass eine Woche mehr als 40 Stunden hat, ließ es resigniert sein.

Andrej war die ganze Woche krank gewesen und zuckte nur die Achseln auf die Nachfrage nach dem Fortschritt seiner Arbeit.

Schließlich wandte sich Weber seufzend Stefan zu:
"Und was hat bei dir nicht geklappt? Ist euer Haus abgebrannt?"
Kaum hatte er das gesagt, erschrak er. Im letzten Jahr war das tatsächlich der Grund für eine nicht gemachte Hausaufgabe gewesen und der Schüler war dennoch am nächsten Tag zur Schule erschienen. Aber die SchülerInnen am Tisch zeigten keine Reaktion.
Stefan klappte seinen Ordner auf und blätterte. Ihm war die Situation irgendwie peinlich. Schließlich wollte er nicht als Streber dastehen.
"Hier das Blatt mit den Suchphrasen und hier noch paar keywords." Er schob zwei Blätter fast beiläufig über den Tisch.
Weber blickte erstaunt auf. "In deinem Ordner ist noch ein ausgefülltes Blatt. Welches ist das?" Stefan nahm das Blatt heraus, unter dem ein Bild von einem Sikh mit Turban zum Vorschein kam.
"Was hat der denn für einen Lumpen auf dem Kopf?", lachte Robert. Herr Weber sagte nur kurz und streng: "Robert!". Der grinste daraufhin nur noch. Stefan reichte das Blatt hinüber. "Das habe ich selber gemacht. Ich finde das blöd, dass man Antworten eintragen soll, wenn man noch gar nichts zum Thema weiß. Ich hab viel mehr Fragen gehabt."
Weber stutzte und überlegte kurz. "Lass mal sehen."
Er überflog das Blatt. "Stefan, du bist ein Genie! Da hätte ich eigentlich selbst drauf kommen müsen. Natürlich! Das Sammeln von offenen Fragen ist in dieser Phase viel sinnvoller und hilft bei der Strukturierung. Da hast du völlig recht."
Stefan wurde puterrot im Gesicht. So fühlte es sich zumindest an. Er hoffte, dass man es nicht sah. "Und wie bist du auf all die anderen Wörter gekommen? Hat dir dein Papa dabei geholfen?" Stefan spürte einen Anflug von Traurigkeit und musste kurz schlucken. "Mein Vater arbeitet bei Scheiß-aufs-Privatleben SAP. Der hat keine Zeit für so etwas. Und am Telefon schon gar nicht."

Weber spürte die Bitterkeit in der Stimme seines Schülers. "Entschuldige, ich wollte nicht..." - "Passt schon! Ich hab das alleine gemacht und es war ja nicht schwer. Kam irgendwie alles nach und nach von alleine zusammen." Weber bemerkte, wie sich Stefan um Lässigkeit bemühte. "Aber da steckt doch einiges an Arbeit dahinter. Ich habe ja schon mehrere gute Stichwortsammlungen gesehen, aber eine solche nach so kurzer Zeit noch nie. Superleistung, einfach super." Weber war mit Lob meist äußerst sparsam, da fielen diese Worte besonders auf.
Stefan verdrehte innerlich die Augen. Mit Lob konnte er schlecht umgehen. Er hatte keine Übung darin. "Na ja, ich bin noch nicht fertig. War jetzt halt mal ein Anfang. Und das meiste weiß ich ja noch nicht," versuchte er die Sache vor seinen KlassenkameradInnen herunterzuspielen.

"Eine Frage noch, Stefan. Diese E-Mail Adresse hier, was ist das?"
"Ach, ich hab da mal einen Sikh angemailt, ob der mir ne Frage beantworten kann."
"Welche Frage?" - "So allgemein halt, wenn ich mal ne Frage habe."
"Und woher kennst du den?" -
"Ich kenn den nicht. Der wohnt scheint's in London und hat ne Website. Ich hab den halt mal angemailt. Aber ist nix zurückgekommen." -
"Der Versuch ist lobenswert, Stefan. Sehr schlau. Hoffentlich kommt noch was."

Was dann für die anderen SchülerInnen folgte, waren mehrere Minuten mit Ermahnungen zur Arbeitsdisziplin, zum Thema schrittweises Vorgehen, über Bibliotheken, Schülerarbeitsplätze, Google News, Kataloge und Notenpunkte.
"Eigentlich wollte ich mit euch jetzt Keyword Lotto spielen, aber wenn ihr keine Wörter habt, geht das natürlich nicht." -
"Keyword Lotto?" fragte Andrej, "Wie geht das?" -
"Ganz einfach," sagte Herr Weber, "man nimmt einfach wahllos drei oder vier seiner Begriffe, gibt sie bei Google ein und schaut, was man für Ergebnisse bekommt. Vielleicht ist eine tolle Seite auf Platz 1 der Ergebnisliste, die normalerweise erst auf Platz 184 zu finden ist und bis zu der man sich nie durchklicken würde. Du kannst es ja nachher einmal probieren, Stefan."
"Ja, OK, mach ich mal, "sagte Stefan und versuchte, das möglichst gelangweilt klingen zu lassen. Innerlich freute er sich. Genau so wie von Mischter Weaver beschrieben, war er ja auf die eine Superseite der BBC über alle Religionen in Großbritannien gestoßen. Aber wenn er das jetzt noch sagte, hätte er sicher bei den KlassenkameradInnen, die mit ihm an dem Doppeltisch saßen, für alle Zeiten als Megastreber verschissen.

Schließlich sagte Weber: "Leute, ihr müsst langsam in die Puschen kommen und zwar schnell." Er verstand das seiner Äußerung folgende Gekicher nicht. "Hier ist ein Blatt, das euch bei der Planung helfen kann." -
"Wenigstens nicht wieder was zum Ausfüllen," murmelte Robert.
Weber fuhr fort: "Da stehen auch die Anforderungen an die GFS drauf. Lest euch das gut durch, nicht, dass es später wieder heißt: Das haben wir nicht gewusst. Und beachtet das Eisbergprinzip. Wenn ihr euch wirklich gut über euer Thema informiert habt, ist das, was ihr präsentieren könnte, quasi nur die Spitze des Eisbergs. Ihr habt ja nur 10 Minuten für die Präsentation. Was ihr wirklich wisst, verteilt sich also auf die Präsentation, eure Ausarbeitung und das Handout für die Klasse. Und natürlich noch auf die Fragen, die ich oder euere KlassenkameradInnen haben."
Er schickte die Schüler in den Computerraum zum Rest der Klasse. "So, jetzt macht ihr die Mediationsaufgabe, aber da ihr weniger Zeit habt, beschreibt halt nur drei Geschenke. Und am Montag will ich von Euch ausgefüllte Zettel vorgelegt bekommen. Und zwar von allen, egal, ob der Rechner daheim kaputt ist oder nicht."

Als Stefan zur Tür hinausging, rempelte sich Robert neben ihm durch: "Oh, Entschuldigung Mr Superleistung-ging-ganz-von alleine." sagte er mit einer Stimme, die einen Klischeeschwulen imitieren sollte.
"Idiot, " sagte Stefan, "Das geht wirklich echt fix, wenn du erst einmal angefangen hast." -
"Ja, ja, rede nur. Du hast ja auch ein ganz anderes Thema. Meines ist viel aktueller. Da steht nicht schon seit Jahren was im Netz. Außerdem: Sikhs, wen interessieren denn diese beknackten Feudelträger?" -
"Mich," sagte Stefan, dem die nordischen Runen und die 88 auf Roberts Federmäppchen immer schon verdächtig vorgekommen waren. "Das Thema ist mindestens so spannend wie deines. Und von Diskriminierung halte ich sowieso nichts."
Robert stellte sich ihm in den Weg. "Wenn du meinst, ich bin Rassist, dann irrst du dich. Diskriminieren heißt nichts anderes als unterscheiden. Und deine Feudelträger sind nun mal was anderes als wir Deutschen. Vielleicht solltest du auch mal ein Seminar besuchen. " - "Was für ein Seminar?" fragte Stefan. "Ach, fick dich. Ihr Multikultis versteht das eh nicht. Das ging alles wie von selbst, Herr Weber und ich bin hier der Superstreber.", säuselte Robert und drehte zur Cafeteria ab. "Voll bescheuert," dachte Stefan, musste aber wegen Roberts Reim grinsen.

Demnächst: Stefan findet eine Lösung und ein Tag bekommt ein Sahnehäubchen. Fortsetzung hier...                   

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