Stefan und die Sikhs

 

13. Kapitel: Von Grenzen, Grenzen und dem Super Sikh

Eine Stunde später saß Tobias neben Stefan vor dem Rechner.
"Was musst du denn für ne GFS machen? War das nicht global warming oder so was?" fragte Stefan. -
"Ne, ich hab mir's anders überlegt. Ich mach jetzt was zu diesem Zaun oder dieser Mauer oder was an der Grenze zwischen Mexiko und Amerika. Aber ich finde da überhaupt nichts." -
"Das kann doch gar nicht sein. Wie haste denn bisher gesucht?" fragte Stefan. "Hier, geh mal zu Google und gib das ein."
Tobias gab die Wörter Mexiko Amerika und limit ein. "Hä??" fragte Stefan, "Wieso denn limit?" -
"Na, Grenze eben." -
"Grenze heißt aber border." -
"Ich hab's aber nachgeschlagen." -
"Wo?" -
"Bei dict.leo.org." -
"Kann doch gar nicht sein." -
"Moment, ich zeig's dir."
Tobias ging zu dict.leo.org, dem Onlinewörterbuch, das von Deutsch nach Englisch und zurück übersetzt und gab das Wort Grenze ein. "Siehste!" sagte er und zeigte triumphierend auf das Wort limit.

Das war in der Tat eine mögliche Übersetzung für Grenze. aber nur eine von elf.
"Warum hast du ausgerechnet das genommen und nicht border, wenn's da doch steht?" -
"Limit kannte ich halt irgendwie und das kann man sich auch leicht merken," antwortete Tobias etwas trotzig. "Wie soll ich da denn wissen, was richtig ist?"
"Scroll mal runter, vielleicht kommen da noch paar Beispiele."
Da kamen in der Tat welche, aber Stefan konnte Tobias auch nicht beweisen, dass er da die richtige Antwort finden könne.
"Ich benutze meist Webtranslate.de, das ist auch gut," sagte Stefan. Er rief das Übersetzungstool auf, gab Grenze ein und schaute auf die Ergebnisse. Da stand oben auf der Ergebnisliste die Wendung an der Grenze verübte Terrorakte übersetzt als border terrorism. Dieses Mal triumphierte Stefan.
"Da hast du es doch."
Tobias rollte die Augen. "Der Polz sagt aber immer, wir können ja bei dict.leo.org nachschlagen. Von Webtranslate hat der nie geredet." -
"Und hast du es noch irgendwie mit anderen Begriffen versucht?" fragte Stefan.
"Nee, wieso? Ich dachte ja, das heißt so." Zum Test gab Stefan noch einmal Tobias' Suchbefehl ein: Mexiko Amerika limit
In der Tat war das Ergebnis nutzlos.

"Du hast da aber noch ne andere Macke drin," sagte Stefan, "du schmeißt nämlich deutsche und englische Wörter zusammen. Und wieso nimmst du Amerika und nicht USA?" -
"Weil ich nicht so kleinkariert wie der Polz bin. Alle sagen doch Amerika." -
"Jetzt pass mal auf," sagte Stefan. Er gab bei Google die Wörter Mexico USA und border ein.
"Wow! Geil!" sagte Tobias. Der erste Treffer war irgendein editorial, also ein Zeitungsleitartikel über das Thema, der zweite Treffer war ein Wikipedia-Eintrag zu dem auch eine Karte gehörte. "Das ist ja Hammer. Wie hast du das noch gefunden? Das muss ich mir aufschreiben."
Stefan rollte innerlich die Augen. Manchmal blickte sein Kumpel wirklich nichts. "Pass mal auf, wir machen das jetzt mit dem Blatt hier." Er druckte noch einmal einen der Bögen aus, die ihm Raphael geschickt hatte. Und wenig später, nachdem sie auf den ersten beiden Trefferseiten ein wenig herumgelesen hatten, hatte Tobias ein Blatt in der Hand, das so aussah:

Project topic: The border between the USA and Mexico
My queries for search engines
words
words
phrases
border crossing illegal immigrants
illegal immigration border patrol
fence Mexican farm workers
agriculture desert  illegal aliens
poverty law  
police arrested  
build Hispanics  

 

Tobias strahlte: "Das knall ich dem Polz auf den Tisch. Und wenn der rummault, ob ich das selbst gemacht hab, dann sag ich dem 'Schon mal was von Informationsgesellschaft gehört?'"
Stefan holte eine Flasche Sprudel aus der Küche.
"Was ist jetzt mit deinem Projekt mit diesen kranken Indern?" fragte Tobias.
"Nix krank! Sikhs! Die fünftgrößte Religion der Welt!" -
"Und wer ist eins bis vier?" "Christen, Moslems und so wahrscheinlich." -
"Mit und so wahrscheinlich haste beim Weaver aber sicher nicht so das Superblatt." meinte Tobias.
"Ich hab ja noch Zeit, das rauszufinden. Ich hab ja schon was an Material. Also, die haben die 5 Ks, das sind so heilige Gegenstände oder so was." "5 Ks? Hä?" Tobias verstand nur Bahnhof. "Moment, die heißen Kesh, Kanga, Kara, Kirpan und Kachha."

"Und was bedeuten die?" Stefan suchte in seinen Bookmarks, ging zu einer der Seiten, die er gespeichert hatte, und holte bald die nötigen Informationen auf dem Schirm.
"Rennen die immer in diesem Faschingskostüm rum?" fragte Tobias.
"Weiß ich noch nicht. Sicher nicht alle, denn auf den meisten Fotos, die ich bisher gesehn habe, trugen die halt Turban aber sonst normale Klamotten. Aber diese Begriffe sind schon strange. Ich weiß nicht, wie ich mir die merken soll." -
"Schreib sie halt auf." -
"Ja, aber wir sollen nur Stichwörter notieren und keinen kompletten Text." -
"Höre, was der Rapper weiß!" sagte Tobias, dessen Hobby es war, eigene Rapsongs zu verfassen. "Neulich war da so ein Gedächtnistrainingsfuzzy bei uns an der Schule und der hat gesagt, wenn man was reimt, merkt man sich das besser. So wie 753 - Rom kroch aus dem Ei. Hab ich sofort behalten." - "Ich hab aber keinen Reim," seufzte Stefan.
"Dann mach ich dir einen. Lass mich mal kurz überlegen. Beim Reimen bin ich Profi." Tobias kritzelte eine Weile etwas aufs Papier, strich es durch, korrigierte, zerknüllte den Zettel, nahm einen neuen und dann sagte er strahlend: "Dadaa! Höre, was der Guru sagt: Kara, Kanga, Kirpan drei. Kachha, Kesh sind auch dabei." -
"Ja und? Was soll ich damit?" -
"So kannst du dir die fünf Begriffe leichter merken. Hat doch einen Top Rhythmus: Kara, Kanga, Kirpan drei. Kachha, Kesh sind auch dabei."
Stefan musste lachen. Der Reim war in der Tat sehr eingängig. Er wiederholte: "Kara, Kanga, Kirpan drei. Kachha, Kesh sind auch dabei. Aber da weiß ich immer noch nicht, was was ist. Da hilft dein Denkgenie dir sicher nicht weiter." -
"Doch. Du musst dir irgendwelche Assoziationen machen. Irgendwas Schräges. Wo du Sinn und Laut verknüpfst. Ganz hab ich das noch nicht kapiert, muss mir nochmal seine Zettel anschauen. Aber wir können es ja mal versuchen. Was war noch was?"

Nach fünfzehn Minuten hatten sie nicht nur ihre Assoziationen zusammen, sondern auch noch viel gelacht, denn das Umsetzen der fremden Wörter in schräge Bilder hatte mächtig Spaß gemacht.

Kanga war der Kamm. "Da stellst du dir einfach vor, wie du mit einem Kamm ein Känguru kämmst," sagte Tobias.
Stefan sah ihn an wie Panzer. "Ist doch logisch. Känguru - Kanguru - kanga - der Kamm und damit kämmst du." -
"Voll schräg!" -
"Ist doch egal, Hauptsache, du kannst es dir merken. Du musst es aber als Bild vor deinem inneren Auge richtig sehen. Also dich und das Känguru und den Kamm. Vielleicht ist es ja kitzlig und lacht beim Kämmen."

Kara war der Ring. "Was mache ich damit?" fragte Stefan, der keinerlei Bezug zwischen den beiden Dingen sah.
"Ein Ring. Vielleicht mit einem Diamanten. Mit 1000 Karat - verstehste? KARA-t!- ," assoziierte Tobias.
Stefan nickte.
"Passt! Aber was mach ich mit dem Dolch?" -
"Wie hieß der noch?" -
"Kirpan." -
"Hmm. Kirpan. Dolch. Stechen. Killen. Killer. Kirre. Irre. Kirpan... Iwan! Hey! Mit dem Kirpan stichst du den Iwan ab. Das hätte zumindest mein Opa immer gemacht. Der muss im Krieg Dutzende abjestochen haben, wie er immer erzählte."

Lass mich mal was versuchen," sagte Stefan. "Kesh ist das ungeschorene Haar unter dem Turban. Kesh ...cash...könnte man verkaufen oder kriegt Geld dafür, wenn man es sich abschneidet. Nee, das bringt's irgendwie nicht." -
"Doch, du könntest dir vorstellen, wie jemand einen Turban hat, aus dem lauter Haare und Münzen und Geldscheine rausquellen, cash eben. Oder, wir haben doch früher am Teich mit diesem Kescher Wasserflöhe gefangen. Stell dir einfach vor, ein Sikh hat keinen Turban auf sondern sein Haar unter einen Kescher versteckt. Der ist aber durchsichtig. du siehst also das Haar und der Typ läuft mit diesem Stock am Kopf durch die Gegend."

"Ach so, jetzt blick ich's. Immer Bilder machen und den Klang des Wortes und den Sinn irgendwie kombinieren. Witziges System." - "Und was war noch Nummer fünf?" - "Das waren diese Shorts, die heißen Kachha." - "Kachha. Hm. Da fällt mir nix ein. Catcher? Ketchup? Passt irgendwie nicht zu Unterhosen. Kachel? Keuchhusten? Gotcha? Gotcha! Du versuchst bei Counterstrike jemanden zu fangen und kriegst den gerade noch an der Unterhose zu fassen. Gotcha - Kachha - Shorts. Bingo!" - "Unterhose? Bin ich schwul oder was geht?" entrüstete sich Stefan. "Is doch egal, Mann! Hauptsache, die Assoziation klappt. Also: Testing, testing!"

Und dann las er Stefan noch einmal die Liste vor:

Was war Kara? Kachha? Kesh? Kirpan? Kanga?

Bei Kanga kam Stefan zunächst nicht mehr auf die Bedeutung, aber alles andere hatte er gewusst. Und da er den Kamm noch nicht genannt hatte, musste das der Kanga sein. "Irres System. Danke," sagte Stefan. - "Ich hab das so auch zum ersten Mal ausprobiert. Scheint tatsächlich zu funzen. Jetzt haste deine 5 Ks drauf. Und nächste Woche biste der Supersikh." -"Welcher Supersikh?" - "Hey, war nur so ein Gag."

"Aber ein guter! Geh mal weg da" sagte Stefan, setzte sich an den Rechner und wenig später fiel Tobias fast vom Stuhl vor Lachen.

Wenn wir Stefan beim Einschlafen hätten beobachten können, hätten wir gesehen, wie sich seine Lippen bewegen: "Kara, Kanga, Kirpan drei. Kachha, Kesh sind auch dabei. Kara, Kanga, Kirpan drei. Kachha, Kesh...."

Hier das nächste Kapitel; Kann denn Leistung peinlich sein?                       Hintergrund:    Mehr über Assoziationstechnik hier

 

Inhaltsverzeichnis und Themenübersicht

Thanks at Manjot Singh Khalsa for allowing us to use the above graphic for this story.