Stefan und die Sikhs

 


11. Kapitel: Effi Briest und die Sikhs

"Bis übermorgen bringt Ihr bitte eure GFS-Blätter mit. Möglichst ausgefüllt und zwar vor allem das Blatt mit den queries for search engines." "Was war das denn für ein Blatt?" fragte Stefan zuerst sich selbst und dann seinen Lehrer Mischter Weaver. "Das war das letzte, das ich ausgeteilt habe." Stefan wusste, dass er fünf Blätter hatte, aber an das konnte er sich nicht erinnern. "Das mit den 60 Kästchen? fragte er nach. - "Nein, das mit den keywords and phrases." Na ja, vielleicht hatte er das übersehen, sagte sich Stefan, keywords hatte er jedenfalls genug. Weaver entließ sie mit seinem Lieblingsspruch aus der Stunde: "Augen und Ohren ständig offen halten, vielleicht läuft euch was Passendes zum Thema zufällig über den Weg. Und immer mal wieder bei Google in die news reinschauen, ob es was zu eurem topic gibt! Der Zufall belohnt den vorbereiteten Kopf. Chance favours the prepared mind." Ja, ja, Zufall, rede du nur", dachte Stefan. Ihm sehr wahrscheinlich nach dem Unterricht ein Sikh über den Weg laufen! Zufällig!

Auf dem Heimweg lief ihm stattdessen Corinna über den Weg. Ein überaus angenehmer Zufall, für den sein Geist ständig bereit war. Seine Corinna, oder zumindest seine, wenn da erst mal was lief. Die mit den braunen Augen, die, die ihn jetzt fragte, ob er ihr beim Suchen helfen könne, sie müsse da ein Referat über Effi Briest schreiben und Literatur sei nun mal nicht ihre Stärke.
"Klar," sagte Stefan, "wenn du mir bei den Sikhs hilfst." -
"Aber davon habe ich doch überhaupt keine Ahnung. Da kann ich dir nichts helfen." -
"Doch, ich brauche nur jemanden, der zuhört. Weaver will übermorgen wissen, wie weit wir sind, und ich will schon mal sortieren, was ich weiß." -
"Ach so. OK, gerne, wenn's dir hilft. Bis später dann. So gegen halb drei?" fragte Corinna und verschwand um die Ecke, die zur Wohnung ihrer Eltern führte. Und mit ihr diese Augen und dieser Duft. Stefan seufzte. Bis halb drei waren es noch 103 Minuten. Aber er würde seine Sachen vorbereiten, dann ging es schneller und er hätte mehr Zeit, ihr zu helfen. Die Blätter hatte er ja eh schon teilweise ausgefüllt. Nur nicht dieses komische fünfte Blatt.

Nach dem Mittagessen ging er auf sein Zimmer und nahm die Bögen zur Hand. Das Fragenblatt war nicht voller geworden. Die Kästchen mit dem key vocabulary waren immerhin gut gefüllt. Aber das Blatt mit den research activities war ebenso leer wie das mit den queries for search engines. Da konnte er unten die vier PowerPoint Präsentationen eintragen, die er bereits gefunden hatte. Er rief sie über seine Lesezeichen auf und schrieb die umständlich langen Adressen ab. "Die hätte ich auch gleich kopieren können!" ärgerte er sich. Literatur sollte er angeben. Literatur? Fehlanzeige! Egal, man konnte nicht alles haben. Auf dem Rest des Blattes sollte er zwanzig Wörter eintragen. Und phrases. Was war das noch? Ach ja, Begriffe, die zusammenstanden. Er trug Golden Temple ein, dann Adi Granth und United Kingdom. Das machte durstig.

Er ging hinunter in die Küche. Seine Mutter hatte Sprudel kaufen wollen, aber die Kiste war nicht da. Seine Mutter telefonierte und in der Küche liefen Nachrichten im Deutschlandfunk. Die EU hatte irgendeine Studie über Muslime veröffentlicht. Die würden in Europa besonders häufig diskriminiert. Sie waren besonders häufig Opfer von aus Hass begangenen Verbreschonchen, es gab in Großbritannien häufig Übergriffe und in Österreich würden sie täglich diskriminiert. Der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit reichten von verbalen Attacken bis zu physischen Übergriffen.

Plötzlich war Stefans Durst weg! Er raste nach oben an den Rechner, rief Google News auf und gab die Wörter Muslime Diskriminierung als Suchbegriff ein. "Muslime in EU Ländern benachteiligt" war die Überschrift des ersten Artikels, dem weitere folgten. Muslime waren nicht Stefans Thema, aber er hatte eine Idee. Wenn dies eine EU-weite Studie war, dann musste es auch...und blitzschnell war er auf der britischen Seite von Google News. Muslims discrimination gab er ein und sah sofort die Schlagzeile "Muslims in Europe face discrimination " gefolgt von 173 Artikeln zum Thema. Er atmete etwas schneller, als er den ersten Artikel aufrief.

"Corinna ist hier!" rief seine Mutter von unten. Mist! Er hatte die Klingel überhört.
"Komm rauf!" rief er, "ich suche gerade was." Er blickte sich kurz zu Corinna um: "Gleich, setz dich schon mal, bin gleich fertig." -
"Ja, ja, das sagt mein Bruder auch immer. Und dann...Stunden später..."
"Nein, wirklich"
Die Stimme von Stefans Mutter: "Sprudel ist da." -
"Ich geh schon," sagte Corinna.

"Was war das denn?" fragte Corinna 15 Minuten später, nachdem Stefan eine Seite nach der anderen aufgerufen und zwischendurch Wörter auf einem Blatt notiert hatte.
"Ich hab gerade eine Idee gehabt. Ich mach nicht irgendwie Sikhs sondern was zu Diskriminierung." -
"Aha!" -
"Ja, Muslime werden ja massenhaft diskriminiert und bei Sikhs mit ihren Turbanen und so könnte das noch viel schlimmer sein." -
"Ich dachte, du wolltest mir erzählen, was du schon weißt" -
"Ja, jetzt weiß ich schon viel mehr," sagte Stefan und zeigte ihr das Blatt, auf dem er Begriffe eingetragen hatte, die er in den Artikeln gefunden hatte. "Xe-no-pho-bi-a," haspelte Corinna. Stefan half ihr: "Das muss Fremdenfeindlichkeit sein. Wenn du die Artikel auf Deutsch und Englisch immer nebeneinander liest, kommst du ganz schnell auf neue Wörter, ohne lästiges Nachschlagen im Wörterbuch. Die wichtigen Wörter tauchen ja in beiden Sprachen häufig auf. Und ich musste halt dieses Blatt ausfüllen."

Das hatte er in der Tat getan und das Blatt sah jetzt so aus:

 
Project topic: Discrimination against Sikhs in Britain
My queries for search engines
words
words
phrases
xenophobia discrimination housing market
attacks violent racist slogans
Islamophobia xenophobia baseball bats
Sikh...phobia? terrorism hate-crime
Christianity racism religious leaders
race creed against women
violence hate face discrimination
problem vandalism equal treatment
tolerance concern European Union
education housing  

 

"Wo sind da die Sikhs?" fragte Corinna irritiert.
"Die Sikh-Begriffe hab ich auf dem Blatt da drüben," sagte Stefan, "hier geht's nur um Diskriminierung und Gewalt," und reichte ihr die Liste mit den 36 ausgefüllten Kästchen. -
"Megafleißig!" sagte Corinna grinsend, "Aber dieses hässliche Loch da, was ist damit?" -
"Was für ein Loch?" -
"Na, da, die Literatur. Da steht nix. -
"Ja, äh, da hab ich noch nicht nach gekuckt und heut schlapp ich nicht mehr in die StaBü." -
"Dann geh ich eben für dich hin," sagte Corinna, "lass mich mal an den Rechner".
Un
d wenig später hatte sie im Onlinekatalog der Stadtbücherei das Suchwort Sikhs eingegeben und konnte Stefan ein Buch für seine Liste nennen, komplett mit Verfasser, Titel, Ort und Erscheinungsjahr:

Stukenberg, Marla: Die Sikhs: Religion, Geschichte, Politik. München : Beck, 1995. - 164 S


Corinna lachte: "Let your fingers do the walking! war mal irgendein Werbespruch in England. Ich weiß aber nicht mehr wofür. Stand mal auf den Uralthandouts von Lempel."
Stefan warf sich aufs Bett. "Wahnsinn! Der Weaver flippt aus, wenn er übermorgen die Blätter sieht. " -
"Und ich flipp aus, wenn wir nicht bald mal mit dieser Effi Briest anfangen," sagte Corinna.
"OK, schon gut," sagte Stefan und gab Effi Briest bei Google ein. Nur hatte er leider noch das Wort Sikhs im Suchfeld stehen und nachdem die beiden jungen Menschen, die nicht nur auf der Suche nach Material für die Schule waren, sondern letztlich auch nach dem Glück suchten, sich über die nicht wenigen Treffer gewundert und über sie gelacht hatten, begannen sie mit der ernsthaften Arbeit. Darauf, das Mogelforum Uni-Protokolle zu besuchen, verzichteten sie. "Wie ich unsere Lehrer kenne, machen die da Stichproben," sagte Stefan und Corinna sagte. "Is eh egal. Selbst ist die Frau! Ich brauche auch keine Interpretation, nur etwas Material für ein Referat zum Leben Fontanes und zu seiner Region." "OK, auf geht's," sagte Stefan, "packen wir's an." Und dabei wollen wir die beiden nicht länger stören.

Demnächst: Stefan schlägt zu. Fortsetzung hier...

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