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Webergeschichten (1) - von Reinhold Adler VOM MATHEUS BLASERS SOHN
VON DEN WEBERGESELLEN Viel verdienen konnte man im Weberhandwerk selten. Ein Weberknappe arbeitete oft bis zu 9o Stunden in der Woche; das waren rund 15 Stunden täglich außer sonntags. Da war es nämlich bei Strafe verboten am Webstuhl zu sitzen. Ein fleißiger Weberknecht schaffte pro Woche drei Barchenttuche von rund 15m Länge oder in zwei bis drei Wochen je nach Tuchbreite eine Leinwand von rund 4o m Länge. Dennoch kam einer kaum auf rund 2o Gulden im Jahr. Soviel verdiente sogar ein Hilfsarbeiter, der auf dem Bau Mörtel und Steine schleppte. Als Einzelstehender konnte man davon kaum leben, einer Familie reichte das bestimmt nicht. Ein guter Weberknappe war deshalb wahrscheinlich am Gewinn des Leisters beteiligt oder er bekam die Mahlzeiten an des Meisters Tisch. Da gab es selten Fleisch, und auch mit Brot und schwarzem Mus war man bescheiden, oft schwankte der Preis für Nahrungsmittel, der Lohn blieb aber gleiche. 1592 hätte ein Weberknappe von seinem wöchentlichen Geldlohn noch 14 Pfund Fleisch kaufen können, dreißig Jahre später hätte es gerade noch für zwei Pfund gereicht. So teuer war alles geworden. So schlossen sich die Weberknappen zusammen, um gemeinsam von den Meistern mehr Lohn zu fordern. Regelmäßig trafen sie sich im Gasthaus "Strauß" oder später im "Schwarzen Adler" und hielten Gesellschaften ab. 1651 war der Geldlohn von ca. 20 auf 15 1/2 Gulden im Jahr gesunken, ohne daß der Brotanteil erhöht worden wäre. Nun streikten die Gesellen. Die Meister riefen den Rat um Hilfe an. Die Ratsherren entschieden: Wer unter den Weberknechten sich nicht füge, solle in den Turm geworfen werden. Das war dann meistens das Ende des Lohnstreites. Doch seit dieser Zeit nannten sich die Weberknechte nicht ohne Stolz "Gesellen". SIE SOLLEN STRACKS AUS DER STUBE GEHEN Wenn in August die 'Weberzunft und die Kaufleute ihre Verträge abgeschlossen hatten und feststand, wieviel Baumwolle die Weber erhalten und wieviel Barchente sie zu liefern hatten, dann begann man oben im 2. Stock des "Neuen Rathauses" in der Schaustube wieder mit der Barchentschau. Montags, donnerstags und samstags begutachteten vereidigte Schauer die Qualität der Tuche, maßen deren Länge, zählten die Fäden und zogen das Schaugeld ein, das um so höher ausfiel, je schlechter das Tuch war. So ging das bis zum nächsten Juli. Da kam es im Jahre 1598 - der Barchent brachte gerade wenig ein und allein in Biberach machten fünf Weber bankrott - zu folgendem schweren Zwischenfall in der Schaustube: Gerade waren des Stadtfärbers Tuche kontrolliert worden. Die Schauer waren heute besonders streng und ließen 55 seiner Tuche nicht als Kaufmannsgut zu. Das bedeutete, er konnte sie zerschneiden und stückweise auf dem Tuchmarkt an die Hausfrauen der Stadt verkaufen. Für die Kaufleute allerdings hatte er neue, gute Tuche zu besorgen. Kein Wunder also, daß in dieser schweren Zeit der Färber so vom Zorn gepackt wurde, daß die Schauer eilends beim Stadtrat um Schutz nachsuchten. Wenn der Rat sie nicht schütze, könnten sie hinfort nicht mehr so streng bei der Schau sein. Da kamen die Weber und forderten, wenn man dem Färber etwas nachsehe, dann wollten sie es auch nicht dulden, daß man ihre Tuche so schlecht beurteile. Schließlich verurteilte der Rat den Färber zu acht Tagen Turmgefängnis oder acht Gulden Strafe. Außerdem hieß es, sollen in Zukunft die Weber "stracks aus der Stube" gehen. Niemand durfte bei der Tuchkontrolle mehr anwesend sein. Man kann sich die Empörung unter den Webern vorstellen.
LORENZ SCHMIDS EHRLICHER NAME Lorenz Schmid war Webergeselle. Zuletzt hatte er in Ulm gearbeitet. Als dort sein Meister unverhofft verstorben war, hielt er den Betrieb aufrecht. Zwar machte er da und dort kleinere Schulden, aber er hatte das Vertrauen der Meisterin, ja er konnte sogar hoffen, sie nach Ablauf einer gewissen Trauerzeit zu heiraten. So hätte er Meister werden können, ohne der Zunft auch nur einen Pfennig für die Aufnahme zahlen zu müssen. Da gestand ihm die Meisterin eines Tages, daß sie ein Kind von ihm erwarte. Diese "Schande" ließ sich nicht verbergen. Hals über Kopf floh Lorenz Schmid nach Biberach. Dort erhielt er auch wieder Arbeit. Es dauerte jedoch nicht lange bis andere Ulmer Gesellen der Biberacher Weberzunft von der Schande des Lorenz Schmid berichteten. Man schrieb ihn ins "Schwarze Buch". Wer da drin stand, erhielt nirgendwo Arbeit, es sei denn er zahlte der Zunft eine Geldstrafe. Diese wurde dann von allen Zunftgenossen gemeinsam im Zunftlokal vertrunken, wobei ihm alle zu seinem wiedererlangten ehrlichen Namen beglückwünschten. Ob er seine ehemalige Meisterin schließlich doch noch heiratete ist nicht sicher. Sein unehelicher Sohn jedenfalls hätte damals nie einen "ehrlichen" Zunftberuf ergreifen können. Weitere Webergeschichten.... Weberberg.de dankt Reinhold Adler für die Abdruckgenehmigung. .
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