Ein Tagebuch aus dem Offizierslager Biberach in Neuseeland

Waikato Museum of Art and History in Hamilton, Neuseeland – wer denkt dabei schon an Biberach? Wer jedoch im Internet nach Informationen über das Kriegsgefangenen-lager Oflag VB Biberach sucht, der kann durchaus bei diesem Museum am anderen Ende der Welt fündig werden. Das Tagebuch eines neuseeländischen Offiziers berichtet vom Alltagsleben im Kriegsgefangenenlager "Lindele" während des Zweiten Weltkriegs.(Ad)

Dort in Hamilton auf der Nordinsel Neuseelands hat nämlich ein ehemaliger neuseeländischer Offizier namens Walter Charles Morris eine Kopie seines Tagebuchs hinterlegt, das er während des Zweiten Weltkriegs geschrieben hatte. Auf fast 20 Seiten berichtet er darin über seinen Aufenthalt hier im Offizierlager Biberach vom 16. Juni bis 12. Oktober 1941, also vor fast genau 61 Jahren. Der in Hamilton 1911 geborene und 1976 dort verstorbene Buchhalter und spätere Geschäftsführer einer Molkereigesellschaft gibt in seinem Tagebuch interessante Einblicke in das Alltagsleben eines kriegsgefangenen Offiziers im Biberacher Lager.

Was lag näher, als zu versuchen, eine Kopie dieses Dokument auch nach Biberach zu holen? Das war aber gar nicht so einfach. Da das Waikato Museum selbst noch keine Email-Adresse hat, half nur das im Internet neu eingerichtete Nationale Archiv- und Manuskript-Register (NRAM) der neuseeländischen Regierung. Sarah Welland vom NRAM informierte ihre Kollegin bei der Hamilton Public Library, die nun ihrerseits die Kuratorin für Geschichte des Waikato Museums, Lyn Williams, bat, die Anfrage aus Übersee zu beantworten. Den Rest erledigte die "snail post", die"Schneckenpost", wie die Neuseeländer zu sagen pflegen.

Und was berichtet Morris über seine Erlebnisse hier während des Krieges? Als Mitglied des neuseeländischen Expeditionskorps war er im April 1941 bei Megara in Griechenland in Gefangenschaft geraten. Nach einer 7-tägigen Zugreise kam er am 16.Juni abends um 8.00 Uhr völlig übermüdet in Biberach an. Die Stimmung seiner Kameraden hob sich jedoch zusehends angesichts der ausgezeichneten Verpflegung und der Möglichkeit, sich heiß zu duschen. "Mann! Wie wir diese Dusche genossen!" schrieb er begeistert. Ein helles Zimmer mit 26 Kameraden zusammen, gutes Essen, ordentliche Waschgelegenheiten und Toiletten! Das war fair.

Insgesamt waren 874 Kriegsgefangene im Lager, militärisch geordnet wie ein Bataillon, das eine Vielzahl von unterhaltenden, sportlichen und nützlichen Beschäftigungen organisiert hatte. Das Lager Biberach beherbergte damals sogar eine Universität, in der Morris das Amt des Dekans der "Fakultät für Betriebswirtschaft" mit acht Dozenten und 108 Studenten ausübte. Und wenn er die Frauen der älteren Wachsoldaten in den Gärten arbeiten sah und am Sonntagnachmittag die Biberacher auf dem "Lindele" spazieren gingen, schien es ihm, als wäre der Krieg in diesem friedlichen Landstrich unendlich weit weg.

Dass dem nicht so war, daran erinnerten immer wieder die Fluchtversuche seiner Mitgefangenen. Wer erwischt wurde, erhielt 10 Tage verschärften Arrest – Gefangenschaft in der Kriegsgefangenschaft. Als aber bekannt wurde, dass das Lager Biberach Ende September geräumt werden würde, flohen 26 britische Offiziere durch einen Tunnel. Um ihn zu graben, müssen sie, so rechnete Morris, etwa 17 Tonnen Erde bewegt haben.. Sechs der Entflohenen waren schon am anderen Tag wieder eingefangen. Vier gelang es, sich in die Schweiz zu flüchten. Wenige Tage später versuchten zwei weitere Gefangene während des Duschens das Weite zu suchen. Die Stimmung der deutschen Wachmannschaft war gereizt - keine gute Ausgangslage für die Verlegung der Gefangenen von Biberach nach Warburg Diese fand endlich am 10. Oktober statt. Schon auf dem Weg zum Bahnhof stellten die deutschen Wachsoldaten fest, dass einer der britischen Offiziere Zivilkleider angezogen hatte. Das veranlasste die Wachen noch strenger zu sein. Als Walter Charles Morris mit seiner Gruppe am Bahnhof ankam, lag ein 21-jähriger britischer Leutnant tot auf dem Bahnsteig. Offensichtlich hatte er versucht, unter einem der Eisenbahn-Waggons hindurch zu schlüpfen und zu fliehen, weshalb auf ihn geschossen worden war. Verwundet war er wieder mit erhobenen Armen unter dem Waggon hervor gekommen. Da traf ihn ein weiterer Schuss aus nächster Nähe.

Der Name des Toten, der auf dem Evangelischen Friedhof beerdigt wurde und nach dem Krieg auf dem Britischen Militärfriedhof Dürnbach südlich von München seine letzte Ruhestätte fand, steht heute auf dem Denkmal des Biberacher Stadtfriedhofs, das an die Toten des Offiziers- und Interniertenlagers "Lindele" erinnert. Es handelt sich um Michael Sturton aus Lancaster.

Reinhold Adler