Schützenfest 1933

"Mögen allzeit fröhlich wehen Hitlerfahnen auf den Höh’n"

Ein Beitrag zur Geschichte des Biberacher Schützentheaters

 

Die nationale Erhebung

Schützenfest 1933. Auf der Bühne des Stadttheaters unter Engelmayers Regie das "Besenlorle". Dazu aus einem Bericht, der am 8. Juli, am Samstag vor Bauernschützen, im "Anzeiger vom Oberland" und in der "Biberacher Zeitung", bis zu ihrem Zusammenschluss im September 1935 miteinander konkurrierende lokale Blätter, abgedruckt war:

"...und wenn das Hitlerpärchen erscheint, bricht ein Sturm von Beifall los. Das war ja vorauszusehen! Wie immer, so hat sich auch heuer das Schützentheater sofort in die jeweiligen Verhältnisse eingestellt und hat mit Freude und Schwung die nationale Erhebung in sich aufgenommen. Kein Wunder, daß der Schluß des diesjährigen Prologes immer brausenden Beifall hervorruft, wenn die beiden allerliebsten Kleinen verheißend sprechen:

Und wenn durch die deutschen Lande
Heut ein mächtig Brausen zieht,
Enger schließen sich die Bande
Und ein neues Reich erblüht,
Das heut alle deutschen Brüder
Unter einen Führer schließt:
Mögen allzeit fröhlich wehen
Hitlerfahnen auf den Höh’n,
Dann wirst du auch fortbestehen:
Schützenfest, so stolz und schön!"
Von Anfang an zentral dabei: Das "Hitlerpärchen"

Am 30. Januar hatte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler berufen und ihn mit der Regierungsbildung beauftragt. Obwohl unvorstellbare Willkür und brutale Gewalt gegen politische Gegner und Juden von Anfang an ihre unüberhörbare Begleitmusik war, versetzte die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, die "nationale Erhebung", nur allzu viele "Volksgenossen" in eine an Hysterie grenzende Euphorie, gegen die wohl auch Mitglieder der Schützendirektion, eines Gremiums von in Biberach höchst angesehenen und bedeutenden Männern, nicht gefeit waren.

Anfang Mai tönte es aus diesem Männergremium in einer Vorschau auf das Fest: "Zum erstenmal nach der nationalen Erhebung feiern wir unser altehrwürdiges Heimatfest, welches nun in ganz besonderem Maße wieder seine ursprüngliche Bedeutung als Dank- und Freudenfest nach überstandener Drangsal erreicht hat. Wenn je seit Jahren, so ist das Schützenfest als Nationalfest der Biberacher heute am Platze." Und Ende Juli in einem Nachruf auf Musikdirektor Ferdinand Buttschardt (1865 – 1930) , den langjährigen musikalischen Leiter des Schützentheaterorchesters, der neben anderen Stücken auch das "Besenlorle" vertont hatte: "Schade, daß der durch und durch nationalgesinnte Freund des Volksliedes den Aufstieg seines geliebten Vaterlandes nicht mehr erleben durfte. Wahrhaftig, er hätte in seiner treuherzigen und derbdeutschen Art fürs Jugendorchester des Schützentheaters einen feurigen Adolf-Hitler-Marsch zur Eröffnung der Vorstellung komponiert!"

Das Orchester der Hitlerjugend

Schneidige Militärmärsche gab dann das Jungbann-Streichorchester 366 der HJ unter der mehrjährigen Leitung des Hauptlehrers und Parteimitglieds Friedrich Buttschardt (1893 – 1964) zum Besten. Aus einem Schülerorchester hervorgegangen, verdankte es seine Gründung vor allem der Initiative Buttschardts, eines veritablen Faktotums im Biberach der dreißiger Jahre. Diese Truppe – ihre Mitglieder in HJ- oder BDM-Uniform – musizierte nun nicht nur im Orchestergraben des Schützentheaters, sondern verschönte mit ihren Darbietungen bei allen möglichen Gelegenheiten Schulfeiern und auch andere Nazi-Festivitäten in der Stadt an der Riß. Im Terminkalender standen sogar Konzertreisen, verbunden mit den damals unvermeidlichen Propagandamärschen, durch oberschwäbische Städte und Dörfer. "Jungmannen", die seinerzeit mit von der Partie waren, sind mittlerweile um die Achtzig. Sie erinnern sich bestimmt noch an die Ouvertüre zu "Kalif von Bagdad" oder an eine Gigue von Händel, die bei keinem Auftritt fehlen durften.

Auch dann nicht, als Reallehrer Gustav Müller, 1939 Buttschardts Mitarbeiter bei "Prinzessin Huschewind", die Ausbildung und das Dirigat des Bannorchesters übernommen hatte. Der Musikpädagoge an der Horst-Wessel-Oberschule für Jungen, dem heutigen Wieland-Gymnasium, war Mitglied der NSDAP und hat "fast bei jeder Gelegenheit als Musiker mitgewirkt und unterstützte jede Morgenfeier", welche Aktivität ihm 1947 bei der so genannten Entnazifizierung zusätzlich zum Vorwurf gereichte. Die Musiker der SA-Standartenkapelle 246, welche aus der Stadtkapelle hervorgegangen und auch regelmäßig Schmuckstück der Schützenfestumzüge war, standen an der Front. Und so "trommelte und geigte" das Bannorchester, nun einziger Klangkörper in der Stadt, unter und mit Gustav Müller bis zum bitteren Ende.

Nachzutragen ist, dass Gustav Müller 1939 und nach dem Krieg bis 1950 der Schützendirektion angehörte.

Engelmayers Verse

Aus wessen Feder die obigen – und nicht die einzigen! – Elogen auf das Regime stammen, darüber könnte vielleicht das Archiv der Schützendirektion Auskunft geben. Aber während es bisher Zeitungsleuten und Lehramtskandidaten ohne Hindernisse offen stand, werden seine bestände neuerdings gegen fürwitzige Einblicke abgeschirmt. Als Schriftführer zu der in Rede stehenden Zeit fungierte Oberreallehrer Otto Fries (1869 – 1954), langjähriger Erster Vorsitzender der Schützendirektion und seit 1949 Ehrenbürger der Stadt Biberach.

Dagegen ist die Provenienz der gereimten braunen Lobhudeleien eindeutig auszumachen: Kaufmann Fritz Mayer (1867 – 1940), Marktplatz 32, wegen des benachbarten Gasthofs "Engel" kurz "Engelmayer" genannt, war von 1888 bis 1937 beim Schützentheater und fast von Anfang an sein Leiter und Regisseur. Nach Meinung der Biberacher ein Glücksfall für das Schützentheater und mit seinem regen dichterischen Geist ein verhinderter Poet. (Bekannt ist sein "Sieg Heil!" auf Christoph Martin Wieland anlässlich des 200. Geburtstags des Dichters im September 1933, zu welchen Feierlichkeiten die Biberacher Honoratioren sogar Hitler und Goebbels eingeladen hatten.)

Im Prolog zu "Schneewittchen" 1934 hatte Engelmayer wieder seinen Pegasus gesattelt:

Braust doch durch die deutschen Lande
Siegesfroh der Jugend Geist,
Der, zerreißend alte Bande,
Unserm Volk die Bahnen weist!
Jugendkraft und Jugendfeuer
Schuf uns neu das Dritte Reich,
Adolf Hitler steht am Steuer
Hünenhaft und heldengleich!

In Ermangelung des originalen Textes sind wir für 1935 auf den "Anzeiger vom Oberland" angewiesen. Der meldete am Schützenmontag, dem 1. Juli: "‘Prinzessin Amaranth‘ hielt am Samstag ihren Einzug im Schützentheater. Sie kam, sah und siegte. Ein volles Haus, ein glänzendes Spiel, eine begeisterte Aufnahme! Der mit anmutiger Geste gesprochene Prolog wies auf den Inhalt des Märchens hin, erinnerte die Erwachsenen an ihre Jugendzeit, pries die Jugend als Bahnbrecher der neuen Zeit und schloß mit einem Heil auf den Führer."

Im März 1935 hatte Adolf Hitler unter Bruch des Versailler Vertrages in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und mit der Ankündigung einer geplanten Truppenstärke von 36 Divisionen die Welt schockiert. Für Engelmayer willkommener Anlass, das Lied der Schlossgarde im "Gestiefelten Kater" 1936 um folgenden Vers zu erweitern:

Neu erstanden
Aus den Banden
Ist die deutsche Wehrmacht heut.
Daß uns Frieden
Sei beschieden,
Ruhm und Ehre allezeit!

Riesig war die Begeisterung in der Stadt, als Biberach 1939 Garnison wurde. Der im gleichen Jahr von Hitler entfachte Weltbrand kostete mehr als 800 Biberacherinnen und Biberacher das Leben.

Das Schützentheater unter Beschuss

Ausgerechnet Engelmayers Theater erregte 1936 das Missfallen der braunen Machthaber. Studienrat Eduard Föhlisch, Obmann der NS-Kulturgemeinde Biberach, nach ihrem eigenen Anspruch "umfassende Organisation für kulturelle Bestrebungen jeglicher Art", lehnte die Form der Inszenierungen ab und sprach von kitschiger Darstellung der Märchen, von gutgemeinten Machwerken im Stil von Revuen für Erwachsene, die auf die Schaulust wirkten, aber die Seele kalt ließen.

Der Konflikt, der erste und einzige nennenswerte zwischen Regime und Schützendirektion, eskalierte derart, dass Kreisleiter Ernst Norbert Müller (1903 – 1942) seinem Parteigenossen, der übrigens seit 1934 der Schützendirektion angehörte, via "Biberacher Tagblatt" zu Hilfe eilen musste:

"Eines nur wollte er – und dazu ist er als Kulturhauptstellenleiter der NSDAP nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet – er wollte Anregungen geben, wie das Schützentheater verbessert und ausgestaltet werden kann. Aber gerade das wollen bestimmte Interessenten aus verletzter Eitelkeit nicht dulden. Doch auch unbestrittene Verdienste geben kein Recht zur Selbstherrlichkeit. Heute wacht die Partei über das Kulturgut des deutschen Volkes und wird eine Verkitschung nationaler Begriffe zu verhindern wissen. Wir sehen z.B. nicht ein, warum man in Märchenspielen beim Dank an Kunz und Kater ganz unmotiviert und in einem Atemzug den Führer und die Wehrmacht nennt. Was haben Führer und Wehrmacht mit dem ‚gestiefelten Kater‘ zu tun? Oder soll es ein Beweis nationalsozialistischer Gesinnung sein, wenn man nach Art der Feld-, Wald- und Wiesendichter in jeder unmöglichen Situation mit nationalen Begriffen operiert? . . . Solche Erscheinungen abzustellen, die . . . zu einer Profanierung uns heiliger Begriffe werden, ist mit die Aufgabe der Kulturhauptstelle bei der Kreisleitung der NSDAP."

Infolge der geschilderten und anderer Querelen resignierte Föhlisch. Sein Nachfolger im Amt wurde Parteigenosse Erhard Bruder (1900 – 1966), in der Schützendirektion von 1937 bis 1939.

© Hans Stefan Wax, Juni 2001