|
Ein Auszug aus Reinhold Adlers: Das war nicht nur "Karneval im August" – Das Internierungslager Biberach an der Riß 1942-1945 Tauschgeschäfte mit den Internierten Naturgemäß war die Versorgung mit vitaminhaltigem Frischgemüse und Obst unter den gegebenen Umständen ziemlich schwierig, wurden ja in Biberach alle erdenklichen Flächen zum Anbau von Gartenfrüchten genutzt, ohne dass es gelang, die gesamte einheimische Bevölkerung von auswärtigen Zufuhren unabhängig zu machen. Hier gewannen zwei Neuerungen eine besondere Bedeutung für die Versorgung des Lagers. Zunächst gelang es Garland im Sommer und Herbst 1943 und 1944, Spendengelder, die das Lager von verschiedenen Institutionen erhalten hatte, für den außerplanmäßigen Kauf von Gemüse und Feldfrüchten zu verwenden. In diesen Zusammenhang gehört eine Erinnerung, die Franz Heß aus Mittelbiberach mit den Internierten verbindet: "Ich lebte damals als Vollwaise bei meinen Stiefeltern, der Familie meines Onkels in Mittelbiberach, als Ältester zusammen mit vier Stiefschwestern. Es muss Ende 1943 oder Anfang 1944 gewesen sein. Ich war damals noch nicht in der Lehre, als ich beim Kartoffelkeller an der heutigen Laurenbühlstraße hinter dem Gasthaus "Adler" in Mittelbiberach - der Eingang ist heute verfallen, aber noch sichtbar - zufällig miterlebte, wie ein Militärlastwagen anhielt, von dem ca. zehn Männer abstiegen, die im Lager "Lindele" interniert waren, bewacht von zwei Wachleuten. Dieser Kartoffelkeller diente damals für die Bauern als Ablieferungsplatz für Kartoffeln. In Säcken trugen die britischen Internierten die Kartoffeln auf den Lastwagen, vielleicht waren sie auch damit beschäftigt, die Kartoffeln abzuzupfen. Das geschah etwa zwei Mal im Monat. Die Wachen verscheuchten mich neugierigen 13-jährigen Buben schnell. Aber immer, wenn die Kartoffeln aufgeladen wurden, tauchten einzelne, nur ganz selten auch mal zwei Internierte zusammen, geheimnisvoll beim Hof meiner Stiefeltern auf, der sich ca. 150 m vom Kellereingang entfernt befand. Sich mit Händen und Füßen verständlich machend - manche konnten auch einzelne deutsche Wörter - boten sie Lebensmittel zum Tausch an: vor allem Zigaretten, Tabak, aber auch Zucker, Tee, Kaffee und Schokolade. Als Gegenleistung erwarteten sie vor allem Eier, Butter und Schmalz, aber auch Mehl und Rauchfleisch. Kein Obst oder Gemüse. Häufig hieß mich meine Mutter, die einen oder anderen Lebensmittel rasch zu holen. Mein Vater, der immer nur Stumpen geraucht hatte, begann nun plötzlich Zigaretten zu rauchen. Die Briten tauchten schnell und heimlich auf und verschwanden ebenso schnell wieder. Wahrscheinlich, weil weder die Wachen noch die Nachbarn etwas von den Vorgängen merken sollten. Wie sie den Hof erreichten, kann nur vermutet werden. Vielleicht erlaubten ihnen die Wachen, gegen eine kleine Gegenleistung zu verschwinden oder sie fanden ihren Weg durch die weitverzweigten Gänge des Kellers, durch den sogenannten Eiskeller und ein Fenster, das sich in Richtung auf den Hof meiner Eltern befand. Ich bekam von den Köstlichkeiten, und das waren diese Lebensmittel für jeden deutschen Haushalt damals, leider nie etwas ab. 'Zucker ist nur etwas für Mädchen', hieß es. Es war im Winter oder im frühen Frühjahr 1944. Meine Mutter hatte sich schon Sorgen gemacht, weil die Briten nicht mehr aufgetaucht waren. Ich musste an der Giebelseite des Hauses Rüben aus der noch fest gefrorenen Rübenmiete heraushauen. Plötzlich stand ein Brite vor mir und bot mir eine Stange Zigaretten oder eine große Tafel Schokolade an und wollte zehn Eier im Tausch. Da weder meine Mutter noch mein Vater davon etwas mitgekriegt hatten, wahrscheinlich waren sie zu dem Zeitpunkt gar nicht im Haus, wollte ich mich zunächst auf nichts einlassen. Ich wüsste ja gar nicht, ob Eier da seien. Aber der Brite machte mir klar, er wisse schon, wo die Eier seien und wandte sich dem Hühnerstall zu, wo er auch acht frisch gelegte Eier fand. Mit der eingetauschten Tafel Schokolade hockte ich mich in das Loch der Rübenmiete und genoss den Leckerbissen ganz allein. Als später die Mutter kam und Eier holen wollte, fragte sie sich: 'Es kann doch nicht sein, dass die Hennen heute noch gar kein Ei gelegt haben.' Aber ich wusste natürlich von nichts. Abends auf dem Weg zur Molke bekam meine Freundin vom Nachbarhof noch einen Riegel Schokolade ab. Aber nun kam das dicke Ende: Nachts wurde mir auf einmal hundeübel und ich musste mich übergeben. Da kam natürlich alles auf. Meine Mutter sagte nur: 'Jetzt weiß ich, wo die Eier geblieben sind.' Die Geschichte geht aber noch weiter. Beim Einmarsch der Franzosen hatte meine Mutter etwa einen halben Zentner Zucker auf diese Weise erworben und gehortet. Sie versteckte den Schatz im Holzschopf. Eines Tages kamen auf einem Lastwagen einige Franzosen vorgefahren und beschlagnahmten das Holz. Natürlich fanden sie den Sack Zucker und nahmen ihn ebenfalls mit. Wir hatten jedoch während des Krieges einen belgischen Kriegsgefangenen namens Petrus, der von mir täglich ins Lager in Oberdorf gebracht worden war und der sogar meine gute Wolldecke zum Zudecken erhalten hatte. Mutter wusste, dass er nun im Gasthaus "Drei König" in Biberach wohnte. Sie beschloss, mit dem Fahrrad nach Biberach zu fahren und ihn zu suchen in der Hoffnung, er würde ihr bei der Wiederbeschaffung des Zuckers behilflich sein. Und tatsächlich, sie fand den Belgier im Gasthaus "Drei König" und erklärte ihm die Sache. Sie wolle den Zucker gleich mitnehmen. Er vertröstete sie einen Augenblick, ging in die Küche des Gasthauses und fand dort den Sack voll Zucker vor. Mit dem Sack auf dem Rad kam meine Mutter dann wieder zurück nach Mittelbiberach." Derartige Begegnungen sind praktisch die einzigen Erinnerungen vieler Biberacher an "die Engländer" im Lager. Gelegenheit dazu gab es sonst nur, wenn Internierte einen Arzt oder eine deutsche Behörde aufsuchen mussten.
Die Lagerspaziergänge Neue Chancen für den Tauschhandel ergaben sich erst, als Garland ab Mai 1943 eine zweite Neuerung durchsetzte: die Lagerspaziergänge. In den ersten Wochen war es den Internierten nur erlaubt worden, ihre Runden innerhalb des Zaunes zu drehen. Dann erhielten auf der Grundlage der Genfer Konvention Priester, Krankenhaus- und Erste-Hilfe-Personal die Erlaubnis, auch außerhalb des Lagers spazieren zu gehen. Schließlich wurde allen Internierten diese Möglichkeit eingeräumt. Zunächst führten die Spaziergänge hauptsächlich in unmittelbare Lagernähe zum Beispiel auf das "Lindele" oder zu den Anlagen auf dem "Gigelberg": Gelegentlich endeten sie auch in einem Biergarten. Dabei fiel den Internierten auf, dass etwa 44 russische Männer, Frauen und Kinder in einem Biergarten unweit des Gigelturms unter überaus beschämenden Umständen untergebracht waren, unterernährt, ohne jeglichen Komfort auf dem Fußboden auf Strohsäcken schlafend. Eine Schande in den Augen der Internierten. Anfang 1944, als die Versorgung des Lagers mit Brennstoffen nachließ, gingen die Internierten in Richtung Birkenhard und Warthausen, und schließlich wurden die Spaziergänge im Oktober 1944 zu regelrechtem Arbeitsdienst erklärt, um Holz zu sammeln. Alles in allem wurden diese Spaziergänge nicht nur aus Gründen der körperlichen Ertüchtigung gerne angenommen, sondern auch weil sich neue Chancen der Versorgung ergaben. Einmal in 14 Tagen sollte sich jeder Internierte in einer Gruppe außerhalb des Lagers bewegen können. Zu diesem Zweck wurden drei Mal in der Woche - jeweils am Montag, Dienstag und Mittwoch - Spaziergänge mit maximal 200 Personen in 3er-Reihen und unter Begleitung von zwei Wachen durchgeführt. Die Bewachung war derart großzügig, dass Garland sich veranlasst sah, die eigene Lagerpolizei einzusetzen, um Vorfälle zu verhüten, die geeignet gewesen wären, die Deutschen zu veranlassen, dieses Recht auf Spaziergänge wieder zu beschneiden. Bald gelang es manchen, das extra eingeführte Billettsystem zu umgehen. Denn nicht alle wollten oder konnten an jedem Spaziergang, für den sie eingeteilt worden waren, teilnehmen. Manchen gelang es auf diese Weise mehrmals in der Woche in einer Gruppe von 60 bis 70 Personen nach draußen zu kommen. Die Biberacher Jugend und die Bevölkerung umliegender Dörfer nutzten die Gelegenheit zum Tauschen mit den Internierten. Wer Englisch konnte, war dabei deutlich im Vorteil. Zwei Pfund Äpfel waren immerhin so viel wert, wie ein Riegel Schokolade. Die Wachen schauten dabei oft diskret zur Seite, wenn beispielsweise in den Wäldern Brennholz aufgelesen wurde oder auch einmal eine Wirtschaft aufgesucht wurde, um einen Schluck Bier zu trinken. Einige Internierte hatten so viele Lebensmittel zum Tausch übrig, dass sie von den Spaziergängen mit Kaninchen, Hühnern, Eiern und vor Weihnachten sogar mit Zigarren und Schnaps zurückkamen. Auch die Wachen und das deutsche Lagerpersonal dürften hin und wieder in den Genuss dieser seltenen Dinge aus den Rotkreuz-Paketen gekommen sein, auch wenn dies strengstens verboten war. Wer sich ausschließlich von einer Lebensmittelkarte ernähren musste, für den war die Versuchung groß, auch einmal ein Päckchen Tee oder Kaffee oder eine Tafel Schokolade anzunehmen. Damit einher ging aber die ständige Angst, dafür bestraft zu werden. Die Internierten jedoch waren dankbar, wenn sie mal etwas Frisches - ein paar Äpfel zum Beispiel oder Gemüse - zugesteckt bekamen. Der Tauschhandel soll ziemlich rege gewesen sein. Wer jedoch wie die Bürobelegschaft wenig in Kontakt mit den Internierten kam, war benachteiligt. Einmal sei der "britische Bürogehilfe" - damit war wohl Mr. Aitken oder Jock Wallace gemeint, die für die deutsche und britische Lagerleitung Schreibarbeiten erledigten - gebeten worden, Pfefferminztee zuzubereiten. Er holte daraufhin Holz für den Ofen und kam mit zwei Bechern echtem Schwarztee aus seiner eigenen Paketration zurück: eine Geste, die damals unter Angehörigen verfeindeter Nationen nicht selbstverständlich war. Die einzigen Unfreundlichkeiten während dieser Spaziergänge gingen vom Jungvolk oder von der Hitlerjugend aus. In der Nähe des Lindele-Sportplatzes unweit des Lagers unterhielt die Flieger-HJ eine Baracke. Wann immer die Spaziergänger vorbeigingen, standen die Jugendlichen breitbeinig da und begafften die Internierten. Einmal soll ein solcher Spaziergang sogar durch eine Gruppe der Hitlerjugend gestört worden sein. Sie marschierte während des Dienstes lärmend immer wieder um die Spaziergänger herum. Gegen Ende des Krieges, als die allgemeine Versorgungslage infolge der häufigen Fliegerangriffe immer problematischer wurde, kamen auch aus der Biberacher Bevölkerung Klagen über die Versorgung des Lagers. Auf Beanstandung stieß, dass eine Biberacher Brauerei wöchentlich einen Bierwagen voller eisgekühlter Getränke ins Lager lieferte. Im Winter 1944/45 wurde wegen der Klagen aus der Bevölkerung untersagt, auf Spaziergängen Brennholz zu sammeln, obwohl Kohle im Lager knapp geworden war. Ab August 1944 gab es von Seiten der NSDAP-Kreisleitung Biberach Bestrebungen, den Internierten die Spaziergänge zu untersagen. Im Herbst 1944 erlaubte das Württembergische Innenministerium dem Lagervertrauensmann, seinem Adjutanten und den beiden Lagerärzten auf Antrag des Auswärtigen Amtes, drei Mal in der Woche für zwei Stunden ohne polizeiliche Begleitung in der nächsten Umgebung des Lagers spazieren zu gehen. Die Kreisleitung erhob dagegen Bedenken wegen Spionagegefahr. Spaziergänge waren wegen der Haltung des Biberacher Landrats deshalb zeitweilig gar nicht möglich. Regierungsoberinspektor Thomma vom Württembergischen Innenministerium informierte das Auswärtige Amt von diesem Problem mit den lokalen Behörden und wies darauf hin, dass für die Spaziergänge in der Genfer Konvention keine Rechtsgrundlage vorhanden sei. Er schlug vor, die betreffenden Internierten bei Beginn der Spaziergänge mit Personalausweisen auszustatten, mit denen sie auf ihr Ehrenwort drei Mal wöchentlich unter Vermeidung bewohnter Ortsteile für jeweils zwei Stunden in einem Umkreis von drei Kilometern um das Lager spazieren gehen könnten. Das Auswärtige Amt unterstützte die Bemühungen von Thomma. Daraufhin wandte sich die Kreisleitung Biberach am 3. November 1944 an die NSDAP-Gauleitung Stuttgart. Diese beklagte sich beim Württembergischen Innenminister. Dr. Kundt von der Stelle des Auswärtigen Amts in Liebenau teilte am 23. September 1944 dem Landrat von Biberach und am 16. Januar 1945 dem Württembergischen Innenministerium mit, dass er sich mit einer Einstellung der Spaziergänge unter keinen Umständen einverstanden erklären könnte. Er wies darauf hin, dass den Internierten eine Fühlungnahme mit Deutschen oder Ausländern untersagt und das Betreten von Gaststätten verboten sei. Auch Postsendungen dürften sie nicht mit sich führen. Die ausgegebenen Personalausweise würden bei der Rückkehr ins Lager an die Wachen zurückgegeben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Austausch der Wachmannschaft um die Jahreswende 1944/45 etwas mit den Vorwürfen über die vernachlässigte Aufsicht bei den Spaziergängen, zu tun hatte. (Weberberg.de dankt Reinhold Adler und der Stadt Biberach, dem Herausgeber des Buches für die Genehmigung des Abdrucks dieses Auszugs. Das Buch erschien als Band 6 der Reihe "Biberacher Studien" in Biberach/Riß,2002, 317 Seiten. ISBN 3-9806818-2-3). dieser Auszug enthält nicht die Bilder und Tabellen des Kapitels. Etwaige Fehler bei der Umsetzung des Textes auf diese HTML-Seite liegen in der Verantwortung von Weberberg.de und entsprechen nicht der Buchausgabe. |