Ein Auszug aus Reinhold Adlers:

Das war nicht nur "Karneval im August" – Das Internierungslager Biberach an der Riß 1942-1945

Die Versorgungssituation

Für "noble Leute" hielten die Biberacher die britischen Internierten im Lager"Lindele". Es ist nicht ganz klar, warum man in Biberach diese Wortwahl traf. Vielleicht hielten sie die Umgangsformen der meisten Internierten für besonders fein Das wäre die eine Erklärung, da ja ein Großteil der Internierten relativ wohlhabende ältere Herrschaften waren, die als Pensionäre auf den Inseln ihren Lebensabend verbringen wollten.

Glaubwürdiger dürfte aber sein, dass den Biberachern die Versorgung der Internierten wahrhaft fürstlich zu sein schien. Sie verfügten über Genuss- und Lebensmittel, die man in Biberach während des Kireges nicht mehr bekam: Schokolade, Schwarztee oder echten Bohnenkaffee. Das war aber nicht von Anfang an so. Während die Belegschaft der deutschen Lagerverwaltung zur Zeit des Oflag 55 (VD) von der Kantine des Pächters Oppold bestens versorgt wurde, erhielten die Internierten zwar eine Kriegsgefangenenkost, die nach den Sätzen für die Zivilbevölkerung bemessen war, aber aus wesentlich schlechteren Lebensmitteln hergestellt wurde. So mussten die Abfallblätter des Gemüses mitverwendet werden und das Fleisch, so hieß es, das per Lkw ins Lager gefahren wurde, habe teilweise bereits gestunken. Gegen den Vorwurf der Rotkreuzschweste rgegenüber dem Sonderführer der Feldkommandantur 515, welcherim Januar 1943 das Lager inspizieren konnte, es komme nur Pferdefleisch oder Fleisch aus Notschlachtungen zur Verwendung, konnte sich Regierungsoberinspektor Thomma leicht verteidigen. Er meinte, die Versorgung mit Lebensmitteln erfolge durch die Wehrmacht.

Hier verklagte also eine Wehrmachtsstelle die andere, denn die Lebensmittel kamen aus dem Wehrmachtsverpflegungslage rUlm. Sauerkraut, so hieß es, sei ohne Fett nur in Wasser erhitzt worden. Kein Wunder, dass die Internierten Sauerkraut als besonders eklig empfanden, was sie auch in ihren Briefen an Freunde und Bekannte zu Hause unverhohlen zum Ausdruc kbrachten. Das Essen war dürftig und sollte nur den Magen füllen. Es dürfte größtenteils aus konservierten Nahrungsmitteln, wie z. B. Dörrgemüse, bestanden haben,wie es auch die Truppen erhielten. Morgens gab es Ersatzkaffee und Brot mit ganz wenig Margarine oder Kunsthonig. Der Kaffee war so schlecht, dass manche Männer versuchten den Kaffeesatz zu trocknen und Zigaretten damit zu drehen, während die Frauen den heißen Kaffee in Flaschen abfüllten, um ihre kalten Betten zu wärmen. Das Brot kam aus einer Heeresbäckerei in Ulm, war demnac hhaltbar gemachtes Kommissbrot, das allerdings vielfach schon schimmelig gewesen sein soll. Die Suppe zum Mittag- und Abendessen bestand häufig aus halbgaren Kohlblättern oder Kohlrüben in Wasser und wurde am Wochenende nur einmal täglich ausgegeben. "Wenn wir nicht so hungrig gewesen wären, hätten wir das überhaupt nicht gegessen", so erinnert sich ein Internierter. Das alles führte dazu, dass die Internierten das Essen sogar manchmal in die Toilette schütteten.

Für Kleinkinder unter einem Jahr gab es täglich 80 g Grütze, drei Brötchen und0,5 Liter Vollmilch. Kinder zwischen einem und drei Jahren bezogen, wenigstens auf dem Papier 60 g Nährmittel, 300 g Gemüse, 25 g Zucker, 3 Brötchen, 0,5 LiterVollmilch täglich und 275 g Marmelade wöchentlich. Kindern bis zu 6 Jahren stand zusätzlich zur Normalkost 30 g Nährmittel und ebenfalls 0,5 Liter Vollmilch zu. Für unter 14-Jährige gab es dann nur noch 0,25 Liter Vollmilch zusätzlich. Der Unterschied zwischen dem Essen, das die Internierten nach den Vorschriften erhalten sollten und dem, das auf den Tisch kam, dürfte erheblich gewesen sein. Allerdings ist auch zu bedenken, welche Umstellung der Ernährungsgewohnheiten das Lagerleben für die Internierten mit sich brachte. Kaum hatte das Innenministerium im Dezember 1942 das Lager übernommen,verschlechterte sich die Versorgung, und zwar für das deutsche Lagerpersonal.

Die Pächterfamilie – Herr Oppold war inzwischen zur Wehrmacht eingezogen worden – gab nun das Essen an die deutsche Belegschaft und die Wachmannschaft nur noch gegen Lebensmittelkarten ab. Die Qualität der Lebensmittel, die nun vom Polizei-Wach-Bataillon und nicht mehr von der Wehrmacht geliefert wurden, sank merklich. Die Klagen der Polizeibeamten stießen sowohl bei RegierungsoberinspektorThomma wie bei Landrat Wizigmann auf taube Ohren. Auch Vorschläge vom Mai 1943, die Mahlzeiten für die Wachmannschaften in der inzwischendurch die Internierten genützten großen Küche im Hauptgebäude zubereiten zu lassen, stießen auf Ablehnung. Dies könnte, so hieß es, bei den Internierten, den Eindruck erwecken, als würden die Polizisten auf Kosten der Lebensmittelzuteilung für Internierte verpflegt. Die deutschen Zivilmitarbeiter suchten deshalb außerhalb des Lagers in Gaststätten, Metzgereibetrieben oder bei ihren Vermietern einen Mittagstisch. Gleichzeitig begannen sich die Verhältnisse für die Internierten jedoch Zug um Zug zu verbessern. Einen ersten Erfolg verzeichnete Garland im Mai 1943 dadurch,dass die außerhalb der Lagerumzäunung liegende Großküche für die Versorgung des Lagers genutzt werden konnte. Er stellte eine ausgezeichnete Küchenmannschaft zusammen, einschließlich einiger Metzger, welche die von den deutschen Behörden bereit gestellten Lebensmittel zubereitete und heißes Wasser für die Teezubereitung machte.

Dies war möglich geworden, weil dieser Küchenmannschaft von höchster Stelle erlaubt worden war, außerhalb des Stacheldrahts zu arbeiten. Regierungsoberinspektor Thomma, dem die "ewige" Küchenfrage schon längst zum Halse heraushing, hatte sich dazu bezeichnenderweise folgendermaßen geäußert: "Wenn Herr Kröning aber die Verantwortung übernehmensollte, bin ich natürlich bereit, sofort eine Änderung vorzunehmen. Wenn dann einzelne Internierte aufbrechen bzw. flüchtig gehen, habe ich die Verantwortung los. Diese Küche war modern ausgestattet, auch mit elektrischen Küchengeräten. Die alte Küche innerhalb des ursprünglichen Lagergeländes wurde hinfort von den Internierten selbst zum Heißmachen der Konservendosen aus den Rotkreuz-Paketen genutzt, die erstmals am 25. November 1942 eintrafen, jedoch erst am 28. November an Kinder unter 18 ausgegeben wurden, weil ihr Inhalt nicht für alle reichte. In dieser alten Küche wurde auch Brei zubereitet und Kuchen gebacken sowie heißes Wasser für die Wäsche gemacht. Beim Erhitzen der Konservendosen gab es anfänglich ein großes Durcheinander, weil sich natürlich die Etiketten ablösten und niemand mehr seine Dose erkennen konnte, bis schließlich jeder seine Dose extra kennzeichnete. Übrigens stapelten sich auf dem Lagergelände bis nach Kriegsende riesige Mengen von entleerten Konservendosen aus den Rotkreuz-Paketen, die nach internationalen Bestimmungen als kriegswichtige Rohstoffe dem Kriegsgegner keinesfalls übergegeben werden durften.

Vergleicht man die den Internierten zustehenden Rationen von 1943 mit denen von 1945, so zeigt sich, in welch hohem Maße die Ernährung durch die kriegsbedingte Güterverknappung einseitiger wurde. Dass es den Lagerinsassen dennoch an kaum etwas mangelte, war ausschließlich der Versorgung durch das Internationale Rote Kreuz und den sogenannten "Liebesgaben" zu verdanken. Dabei handelte es sich um Nahrungsmittelsendungen an namentlich bekannte Internierte oder Kriegsgefangene ,die durch Stellen des Roten Kreuzes vermittelt wurden.Am 3. Dezember 1942 kamen aus Genf über 1.000 Pakete und zusammen mit dem Rest der vorher schon eingetroffenen Pakete erhielt nun jeder Erwachsene etwas.

Auf Weihnachten sorgte Regierungsoberinspektor Thomma für eine Extralieferung von Bier und Wein für die Internierten. Am 6. Dezember 1942 gab es die doppelte Ration Milch und Butter und am 9. Dezember wurden die Weihnachtspakete des Roten Kreuzes ausgegeben. Schon am 14. Dezember wurden Pakete ausgegeben, die aus Indien kamen und Mehl, Linsen, Karotten, Curry, Schokolade, Kondensmilch, Lachs, Tee und Zucker enthielten. Weitere Konservennahrung gab es am 30. Dezember. Die Dinge entwickelten sich zum Besseren. Nach der Umwandlung des Oflag in ein Internierungslager erhielten die Insassen regelmäßig alle 12 Tage ein Rotkreuz-Paket.Allein zwischen Januar und April 1945 erhielten die Internierten drei Waggons Lebensmittelpakete aus der Schweiz. Die britische Lagerleitung richtete ein Rotkreuz-Komitee unter der Leitung von G. Burlingham ein. Dieser Arbeitsbereich war einer der größten, umfasste er doch nicht nur die Verteilung der Rotkreuz-Pakete, sondern auch die Lagerung und Bereitstellung von Frauen- und Männerkleidung. Zu diesem Zweck wurde ein Karteikartensystem eingeführt, auf welchem für jede Person jeder ausgegebene Artikel aufgeführt wurde, so dass missbräuchliche oder doppelte Ausgabe vermieden wurde.

Die Nähabteilung verarbeitete Textilien zu Kinderkleidung und nahm Änderungen bei Frauenkleidern vor, während die Schneiderei diese auch bei Männerkleidung vornahm. Das Rotkreuz-Komitee teilte auch die Materialien zu,die zur Schuhreparatur verwendet wurden, ebenso Holzmaterialien zum Bau derTheaterkulissen oder für andere Zwecke. Jeder Zuteilungswunsch für einen bestimmtenZweck musste zuvor vom britischen Lagerkapitän abgezeichnet werden.Selbstversorgung war aber auch im Lager großgeschrieben. An verschiedenenStellen, beispielsweise in der südwestlichen Ecke des Lagers hinter dem Rotkreuz-Kleiderlager, in der Nähe des Lagerhospitals und an der Nordseite des Lagerszwischen den Baracken 17 bis 2012 legten die Internierten Gemüsegärten an. Unter der Leitung eines Lagergärtners baute die Lagergarten-Gruppe dort Salat, Kohl,Karotten, Zwiebeln, Bohnen und anderes mehr an, um die Versorgung der Küche mit Frischgemüse zu verbessern. Angesichts der Lebensmittelknappheit im Winter1944/45, als es kaum mehr eine Käsezuteilung gab und die Menge der Kartoffeln nicht mehr reichte, war es gerade der Vorrat an selbst erzeugtem Trockengemüse,der den Internierten eine reichhaltigere Kost ermöglichte.

Der Garten beim Lagerkrankenhaus diente ausschließlich zur Versorgung der Kranken. Vor manchen Baracken wurden Blumengärten von den Bewohnern gepflegt. So wichtig die Ernährung war, Probleme gab es natürlich nicht nur bei der Versorgung mit Lebensmitteln. Während das Ilag Liebenau schon im Januar 1943durch das SS-Wirtschaftshauptamt, welches auch für die wirtschaftliche Ausbeutung der Konzentrationslager zuständig war, mit Zigaretten versorgt wurde, gab es in Biberach damit erhebliche Auseinandersetzungen. Die Firma Zigarren-Gersterin Biberach hatte das Ilag zunächst aus eigenen Vorräten versorgt. In der durch Wirtschaftspläne und Rationierungen bestimmten Planwirtschaft des Dritten Reiches ging das nicht ohne Zustimmung der Fachgruppe Tabak. Die aber war nicht eingeholt worden. Erst im März 1943 beantragte die Firma Gerster die Lieferung von monatlich 48.000 Zigaretten für das Lager Biberach, eine Menge,die bei etwa 500 Männern gerade einmal drei Zigaretten täglich ausmachte. Ungewiss bleibt, ob die Lieferungen auch erfolgten.

Alles in allem stellte das Lager für die Biberacher Geschäfte einen gewissen Wirtschaftsfaktor dar. Monatlich gab es etwa 3.000 bis 4.000, in einzelnen Fällen auch mal bis zu 9.000 Reichsmark aus, von denen ein erheblicher Anteil in die Kassen Biberacher Firmen floss, z. B. für die Lieferung von Heizmaterialien, Putzmitteln und die Erledigung von Handwerksarbeiten, wie z. B. für die Wäscherei. Mit der erwarteten Zunahme der Wirtschaftskraft der ursprünglich beabsichtigten Garnison Biberach war das allerdings nicht zu vergleichen.

Fortsetzung

(Weberberg.de dankt Reinhold Adler und der Stadt Biberach, dem Herausgeber des Buches für die Genehmigung des Abdrucks dieses Auszugs. Das Buch erschien als Band 6 der Reihe "Biberacher Studien" in Biberach/Riß,2002, 317 Seiten. ISBN 3-9806818-2-3). dieser Auszug enthält nicht die Bilder und Tabellen des Kapitels. Etwaige Fehler bei der Umsetzung des Textes auf diese HTML-Seite liegen in der Verantwortung von Weberberg.de und entsprechen nicht der Buchausgabe.