Versöhnung am Befreiungstag besiegelt

BIBERACH - Bailiff Sir De Vic Carey nahm Oberbürgermeister Thomas Fettback am Donnerstag vor einer Woche mit zufriedener Miene zur Seite und vertraute ihm an: "Ich bin sehr glücklich. Sie und Ihre Delegation haben Ihrem Land heute einen großen Dienst erwiesen !"

Von Dr. Hans-Peter Biege

Der Bailiff von Guernsey ist oberster Richter und Regierungschef auf der 60 000 Einwohner zählenden, direkt der englischen Krone unterstellten normannischen Kanalinsel, die erst am 9. Mai 1945 ihren Befreiungstag erlebte. Seither ist der 9. Mai auf der Insel ein Feiertag, der alljährlich mit Parade, Gottesdiensten und einem Volksfest am Pier begangen wird - heuer zum ersten Mal wieder seit 1945 mit deutscher Beteiligung.

Die alliierten Befreier ließen die im September 1940 von Hitlers Wehrmacht besetzten "Channel Islands" vor der französischen Küste am berühmten D-Day (6. Juni 1944) einfach links liegen, und der deutsche Inselkommandant, Vizeadmiral Hüffmeier, kapitulierte erst einen Tag nach dem offiziellen Kriegsende, nachdem er, ein fanatischer Nazi, noch wenige Tage zuvor erklärt hatte, bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone kämpfen zu wollen. Damit waren viereinhalb lange Jahre der Fremdherrschaft, beendet, wovon vor allem das letzte Jahr nach der Landung in der Normandie ein Jahr des Mangels und des Hungers war.

Die Inselbewohner hatten neben der Geisel der Besatzung auch die Leiden der Deportation zu spüren bekommen. Im Juni 1940, kurz vor der deutschen Besitzergreifung, wurden von den Engländern, die erkannt hatten, dass die Inseln nicht zu verteidigen waren, in einer hektischen zweitägigen Blitzaktion fast 15 000 der 44 000 Einwohner Guernseys nach Großbritannien "evakuiert". Darunter waren 1150 Schulkinder, von denen die meisten ohne ihre Eltern "verreisen" mussten.

Am 26. September 1942 begann das nächste Kapitel des Guernsey-Dramas. Auf Befehl Hitlers mussten 2000 Kanalinselbewohner, die nicht auf den Inseln geboren waren, sondern aus England stammten, nach Deutschland verbracht werden: Alle, die zwischen 16 und 70 Jahre alt waren samt ihren Familien. Aus Guernsey wurden 827 "Engländer" deportiert. Die Maßnahme war als Vergeltungs- und Verhandlungsmasse gedacht für die knapp 500 Iran-Deutschen, die im Frühjahr 1942 in Teheran von den Engländern gefangen genommen und in Australien interniert wurden. Die Inselbewohner wurden über Dorsten (bei Münster) in Internierungslager in Biberach (Lager Lindele), Wurzach (Schloss) und Laufen an der Salzach verbracht und mussten dort bis zum Kriegsende - relativ gut versorgt durch das Internationale Rote Kreuz - ausharren.

Freundschaftliche private Kontakte zwischen Biberacher Familien und einigen Internierten ließen den Draht zwar nie ganz abreißen, aber die Schritte auf dem Weg der Versöhnung waren zunächst zaghaft. Auf Anregung von Marianne Sikora schrieb OB Fettback 1995 einen ersten Brief nach Guernsey, in dem er die ehemaligen Deportierten und ihre Familien nach Biberach einlud. 1996 und 1997 fanden die ersten Besuche in Biberach statt. Im Herbst 1997 konnte auf Einladung des ökumenischen Kirchenrates auf Guernsey eine erste Biberacher Delegation zur "Woche der Versöhnung" fahren. Dies brachte den Durchbruch in den Beziehungen: Noch auf dem Flughafen in Guernsey wurde ein "Freundeskreis Guernsey" ins Leben gerufen, der seither, mit Unterstützung der Stadt, rege Verbindungen zur Insel pflegt. Im vergangenen Jahr besuchte der Bailiff Sir De Vic Carey erstmals Biberach, und sein Stellvertreter Christopher Day wurde zum Vorsitzenden der "Freunde Biberachs" in Guernsey gewählt. Sir De Vic sprach damals eine erste offizielle Einladung an den OB aus und ließ wissen, dass er den 9. Mai 2003 für den angemessensten Zeitpunkt für einen Gegenbesuch erachte. - Seit 2002 besteht übrigens auch eine offizielle Städtepartnerschaft zwischen Bad Wurzach und Jersey.

Fast 40 Jahre nach den ersten Aussöhnungsversuchen mit Frankreich konnte nun auch der Versöhnungsprozess mit den Kanalinseln durch eine eindrucksvolle Feierlichkeit offiziell besiegelt werden. Der Oberbürgermeister hielt im Rahmen eines bewegenden ökumenischen Gottesdienstes in der anglikanischen Stadtkirche von St. Peters Port eine vielbeachtete und ausführlich in den örtlichen Medien zitierte Ansprache, in der er sich - auch ganz persönlich - für das Unrecht, das im Namen des deutschen Volkes an den Bewohnern von Guernsey begangen wurde, entschuldigte. Er betonte, dass dieses Unrecht auch von Biberachern mitgetragen wurde, und dass er als Person und Oberbürgermeister dieser Stadt sich dafür verantwortlich fühle. Mit der Übernahme der Verantwortung wolle er einen Beitrag für die Zukunft leisten, damit auf der Basis einer Völkergemeinschaft gegen das Unrecht kulturell wie wirtschaftlich eine nachhaltige Zukunftsgestaltung erwachse. Fettback schloss mit dem Ausdruck seiner Hoffnung, dass sich die Beziehungen zwischen Guernsey und Biberach noch weiter vertiefen werden. Bailiff Sir de Vic Carey erinnerte in seiner Entgegnung besonders an diejenigen, die unter dem Trauma der Deportation leiden mussten und an jene, die nicht überlebten, um sich der Befreiung noch erfreuen zu können.

Die Predigt wurde dem Biberacher Pfarrer Eberhard Göhner angetragen, der sich dieser schwierigen Aufgabe mit Bravour und in englischer Sprache entledigte. Er brachte in Erinnerung, dass auch er als 13-jähriger Junge den 8. Mai 1945 als einen Tag der Befreiung erlebte, wenn auch unter ganz anderen Umständen. Er erinnerte die Gemeinde daran, dass der Heilige Paulus die frühen Christen gemahnte, die Gräben zuzuschütten und sich zusammen zu tun. Dies gälte es noch heute zwischen den Völkern und Konfessionen zu beherzigen.

Im Anschluss an den Gottesdienst gab zunächst Bailiff Sir De Vic einen Empfang, bei dem OB Fettback eine bronzene Erinnerungstafel überreichte, welche derer gedenkt, die in Biberach interniert waren und nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnten.

Am Nachmittag bat der oberste Vertreter der Königin, Lt.-Gouverneur Sir John Foley die Biberacher Delegation mit ihren einheimischen Freunden auf seinen Landsitz, um einen Toast auf die guten Beziehungen zwischen den beiden Bevölkerungen auszubringen. Die Biberacher wurden dem Gouverneur im Kaminzimmer vorgestellt, das sich seit der Zeit, als es sich dort Hitlers Besatzungsoffiziere in den Sesseln bequem machten, kaum verändert hat - sogar die Bilder von damals hängen noch an der Wand.