Texte aus: "Die Biberacher Zeit" von KD Diedrich
anläßlich des Events "Die siebziger Jahre in Biberach"
Agenturhaus Biberach, 7.9.2003

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In den ersten Januartagen des Jahres 1971 wurde in Biberach ein Republikanischer Club gegründet. Der zweite RC, denn schon in den sechziger Jahren soll es, wie ich später erfuhr, einen für die Sechziger charakteristischen linksrepublikanischen Club gegeben haben. In Tübingen gab's einen, in Ulm, in Stuttgart, in anderen Städten Baden-Württembergs; in Berlin, Frankfurt, München ... Etwas von den Bewegungen des linken Spektrums, die sich schon vor 1968 vor allem in den Universitätsstädten bemerkbar gemacht hatten, war offenbar schon damals auch in Biberach angekommen. In den Aktionen der APO meldeten sie sich dann auch in der oberschwäbischen Stadt unüberseh- und hörbar zu Wort und Bild. Bernd Häußler, zwei Jahre jünger als ich, wie wir bald feststellten, betreute die Kontaktadresse der örtlichen Gruppe des Verbands der Kriegsdienstverweigerer und hatte mir im Herbst 1970 die Adresse des Metzinger Rechtsanwalts Dr. Martin Bangemann gegeben. Ich brauchte für meinen Kriegsdienstverweigerungsprozeß vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen einen kompetenten Anwalt. Doch nicht B., sondern sein Kompagnon Gerhard Bansemer hatte meinen Fall übernommen, als Bernd mich am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Lindelestraße 2 abholte. Wir gingen über den verschneiten Gigelberg, durchs Tal und wieder hinauf auf den Mittelberg zu Ulrich Weitz in der Weißhauptstraße, denn Bernd hatte ihm von mir berichtet und nun sollten wir uns kennenlernen, weil wir vielleicht gemeinsam etwas für die linke Bewegung tun konnten.

Ulrich W. war einer der unbotmäßigen Schüler des Wieland-Gymnasiums gewesen, die zum Kern der Biberacher APO gehört und in dieser Eigenschaft ein paar Ausgaben des hektographierten Blättchens "Venceremos" veröffentlicht hatten, von denen eine, mit Artikeln über die Sexualmoral "der Herrschenden", also aller Spießer, die Befreiung der fortschrittlichen Jugend davon, anarchomarxistischer Theorie (gewagte Mischung sowieso) und Phalli gefüllt, für Aufruhr nicht nur an der Schule, sondern auch in der ganzen Stadt gesorgt hatte. Ulrich war groß, etwas schlaksig, seine dichten Locken verbreiterten den Kopf, er trug eine Brille, zeichnete hervorragend und fuhr mit einem Mofa durch die Stadt, auf dessen Gepäckständer ich dann mindestens einmal eines Nachts vom Mittelberg zum Lindele kutschiert wurde. Arztsohn. Ein Prozeß wegen Verbreitung unzüchtiger und pornographischer Schriften und dergleichen war gegen die Blattmacher angestrengt worden, der Rechtsanwalt Dr. Bangemann hatte ihn jedoch in allen Punkten für die Angeklagten gewonnen. Dieser gewonnene Prozeß, in dem die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung gegen Spießermoral und den Versuch, unliebsame politische Ansichten zu unterdrücken, verteidigt wurde, kann durchaus als der Beginn eines veränderten politisch-kulturellen Selbstverständnisses dieser Stadt gelten; auch das graue und beschauliche, von der ländlichen Umgebung stark geprägte Städtchen war vom mächtig über die "westlichen" Staaten fegenden Zeitgeist angerührt und aufgeschreckt worden. (Der Anwalt Dr. B war jener Dr. B., der Bundeswirtschaftsminister, FDP-Vorsitzender, EU-Kommissar, Telekommunikationsgesellschaftsvorstand in Spanien wurde und das alles jetzt nicht mehr ist.)

Ich hatte mit der Biberacher APO nichts zu tun gehabt und erinnere mich, sie sogar ein wenig verspottet zu haben: "Die Opas von der Apo". Aber dieses Sprüchlein entsprang meiner Vorliebe für Sprachspielerei und sollte kein Kommentar zur bekannten Losung "Trau keinem über dreißig" sein. Dabei waren die Leute der Biberacher APO auch nicht sehr viel älter als ich. Zwischen 1968 und 1970 hatte ich schon einiges an marxistischer Literatur gelesen, auch Lenin-Bände hatte ich mir während der Besuche 1968 und 1970 in der DDR, in Radeberg und Dresden, gekauft, nicht nur - rote, nicht blaue - Werke von Marx und Engels, und ich verstand mich also zu jenem Zeitpunkt, zu dem ich U.W. kennenlernte, als junger Intellektueller fast schon marxistisch-leninistischer Provenienz, der, wie es den schönen Maximen entsprach, nach der Lektüre solch wegweisender Schriften wie "Staat und Revolution", "Was tun", "Womit beginnen", "Linksradikalismus - eine Kinderkrankheit im Kommunismus" und anderer, von der Theorie zur Praxis kommen wollte. So kam es, daß ich im Januar 1971 zum vierköpfigen "Kader" (dessen Chefideologe U.W. war) des neu gegründeten RC gehörte, der es sich zur Aufgabe machte, die schon versprengten Reste der Biberacher APO und "freie Linke" wieder zu sammeln, um, dieses Mal auf eine wirkungsvollere Weise als die "zu spontane" APO, "der Bewegung in Biberach" zu neuem Aufschwung zu verhelfen, sie eigentlich erst in die richtigen Bahnen zu bringen.

Im Wirtschaftsgymnasium machte ich Abitur. Das interessierte mich wenig, das wurde abgehakt. Die Sitzungen des Kaders, in denen die Direktiven und die Taktik für die nächsten "Schritte" festgelegt wurden, die Vollversammlungen, die Installierung von Arbeitskreisen waren aufregender und wichtiger. (Und davon bin ich noch heute überzeugt). Es gab, wie überall in den politischen Dingen, Fraktionen, verschiedene Ansichten über die wahre Theorie und ihre revolutionäre Umsetzung, es gab Kampfabstimmungen, Austritte, Enttäuschungen, Machtgehabe. Vor allem gab es im Sommer schon weniger aktive Mitglieder, die Arbeitskreise - in meinem lasen wir "Lohnarbeit und Kapital" und "Lohn, Preis, Profit", die klassische Einstiegslektüre für Anfänger in marxistischer politischer Ökonomie - wurden erst spärlicher, dann gar nicht mehr besucht, und in den Sommerferien geschah dann aus verständlichen Gründen überhaupt nichts mehr, denn der RC hatte vor allem Schüler und Studenten in seinen allmählich gelichteten Reihen, und natürlich fuhren auch die jungen Angestellten, es waren wenige, und die älteren Genossen, sie waren noch weniger, in den Urlaub. So hatte ich Zeit für's Lesen. Arbeitete mich, mit spitzem Bleistift, der Anmerkungen und Unterstreichungen produzierte, in Wochen durch "Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie" von Karl Heinrich Marx; den zweiten Band las ich zum Teil, den dritten kenne ich bis heute nicht. Einige dieser Freundschaften aus den kleinstadtrevolutionären Bemühungen jener Zeit hielten lange.

Doch die politischen Ansichten differenzierten sich. H., Maoist, konnte sich mit der Tendenz des RC, zu einer revisionistischen Organisation zu werden, nicht abfinden. Er bestellte uns, nach Anfrage, ob Interesse bestünde, die Ausgewählten Werke des Großen Vorsitzenden Mao Tse-Tung, heute Mao Zedong genannt. Eine weibliche Person begehrte Auskunft, wie wir es mit Stalins Verbrechen hielten. Uli sagte, dazu würde ein Arbeitskreis, den ich leiten würde (davon wußte ich noch nichts), eingerichtet werden. Da war die Achillesferse jeder sozialistischen Politik berührt. Ich hatte von Dschugaschwili, der sich "der Stählerne" nannte, etwas gelesen, mit Schaudern, eingedenk seiner Untaten und derer, die die "Säuberungen", ein Begriff, der mir schon damals eher einer aus dem faschistischen Vokabular zu sein schien, überlebt hatten. Wir wußten einiges darüber, doch noch nicht alles. Der Stalinismus-Komplex, in seiner architektonischen Bedeutung innerhalb der kommunistischen Gedankengebäude wie in seiner psychologischen, wurde, was mir stets bewußt war, stets eher weiträumig umfahren, diente nicht der Sache, sich zu ausführlich mit ihm zu beschäftigen, wie wohl uns allen damals klar war, daß aus ihm die krankhaften Veränderungen wucherten, die alle Anstrengungen für eine sozialistische Gesellschaft zerstören könnten. Das Thema blieb, auch in den folgenden Jahren, auch nach Solschenizyns "Archipel Gulag", dessen faktische Beweiskraft nicht widerlegt werden konnte, dessen antikommunistischen Motive jedoch zu offensichtlich schienen, als daß sie ernsthaft in die ständigen Diskussionen eingeflochten worden wären, tabu. Die Fehler Stalins waren auf dem XX. Parteitag der KPdSU verurteilt worden, damit waren diese Verirrungen (angeblich) besprochen und abgelegt; man rührte in den linken Gruppen nicht gern an dies Thema, von den maoistisch-stalinistischen Kleinparteien abgesehen, für die Stalin ein Held war, nicht nur der Sowjetunion, auch der Arbeiterklasse der ganzen bekannten Welt. Das fanden wir lächerlich. Der Arbeitskreis, der mir auch aus Gründen der Klärung des eigenen Standpunkts durchaus angenehm gewesen wäre, kam nicht zustande, und nach dem RC sowieso nicht mehr. Dann wurden aktuelle Dinge wichtiger.

In einer Wohnung am Alten Postplatz traf sich im Sommer und Spätsommer 1971 nur noch der hartnäckige innerste Zirkel, und uns war klar, daß der Republikanische Club seine letzten Tage hatte. Durch meine Mitarbeit an einer gewissen Zeitschrift kannte ich Freunde in Düsseldorf, denen ich vom Niedergang des RC schrieb; diese Freunde waren Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei. Sie besuchten mich. Horst P. referierte vor einem kleinen Kreis in der Wohnung am Alten Postplatz. Während des Herbstes reifte in Uli und mir der Entschluß, in Biberach eine örtliche Gruppe der DKP einzurichten; auf jeden Fall eine Gruppe der SDAJ, der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, die quer über die damalige Bundesrepublik, selbst in kleineren Städten, Zulauf hatte, zu gründen. Das wurde getan. Niemand von den übriggebliebenen RC-Mitglieder schloß sich dieser für Biberach schon wieder neuen linken Gruppe an. Noch nicht in Erscheinung getretene Interessenten wurden rekrutiert, neue Treffen anberaumt, im "Strauß" an der Consulentengasse wurde bei Bier und Wein agitiert. Mit der Zeit entstand eine kleine, ziemlich stabile und organisations-bewußte Gruppe, über die zunächst ich residierte und in deren Angelegen-heiten ich manchmal nach Ulm zum Bezirksvorstand und nach Stuttgart zum Landesvorstand fuhr. Die Mitglieder, die nach einem Jahr noch dabei waren, die blieben. Die Gruppe richtete auch einige größere Veranstaltungen aus - zum "Radikalenerlaß" der SPD/FDP-Koalition, zum Putsch in Chile, bekannte linke Rockmusikgruppen wie "Hotzenplotz" und "Volksmusik" spielten auf - ; bis auch sie sich, und die noch kleinere DKP-Gruppe, die sich parallel, aber mit fast identischer Personalstruktur, dazu bewegte, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, als ich mich von beiden Organisationen schon distanziert hatte, aus der politischen und kulturellen Topographie Biberachs verabschiedete; zu einer Zeit, als ein allgemeines Abflauen des Interesses an sozialistischen Alternativen zu registrieren war, nicht zuletzt wegen der voluntaristischen Terroristenidiotie von RAF und Roten Zellen und der darauf reagierenden Staatshysterie mit ihrer Jagd auf "Sympathisanten", zu denen auch ein Böll gezählt wurde, mit der Aufrüstung von Legislative, Judikative, Exekutive.
- Ein heller Sonnentag in Berlin, blau, Elfenbeinwolken in langen Strähnen, manchmal etwas hellgrau übertüncht.
2.1.2002

Ich will dem Zeitungsmann in der Lokalredaktion der "Schwäbischen Zeitung" in Biberach einen Artikel schicken, in dem etwa folgendes steht:
Vieles, was sich im Leben der Stadt Biberach in den siebziger Jahren ereignet habe, sei vergessen oder in den Archiven verschwunden, und was für die Angehörigen meiner Generation in die Jugend gehöre, erführen Jüngere, wenn überhaupt, nur als Aspekte der Stadtgeschichte. Der Autor schildere nun, vielleicht als ersten Beitrag innerhalb einer Serie über die siebziger Jahre, wie der "Club Impuls" zur Jahreswende 1973/1974 ins Leben gerufen worden sei. Der Artikel möchte hervorheben, daß die Idee, in Biberach Kino-Spätvorstellungen anzubieten, ihre Keimzelle im "Club Impuls" gehabt habe. Kino-Spätvorstellungen hätten bis in die Mitte der Siebziger nicht stattgefunden. Der Autor des Artikels sei damals einer der Mieter gewesen, aus der Gruppe der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, die ein Kellergewölbe am Gigelberg als Versammlungsraum gemietet hätten. Aus der "Strauß"-Szene - die Gastwirtschaft "Strauß" sei zu Beginn der siebziger Jahre einer der wenigen Orte gewesen, in der sich die nichtorganisierte Jugendszene getroffen habe - sei der politischen Gruppe vorgeschlagen worden, dieses Gewölbe auch als Club für politisch nicht gebundene junge Leute zu nutzen. So sei im Dezember 1973 der "Club Impuls" entstanden. Eine früher aktive Jugendgruppe, "idee 68", hätte in diesen Keller schon eine Theke hineingebaut, und wir hätten uns einige alte Sofas und Sessel besorgt, und ein Ölofen habe schon darin gestanden, eine (unzureichende) Lüftung ebenfalls. In der Kreisbildstelle hätte ich einen Vorführschein für den von dort auszuleihenden Filmprojektor erworben. Der Club sei dann freitags und samstags ab 20 Uhr geöffnet gewesen. Zweimal hätten an den Samstagen lokale Jazzrockgruppen gespielt, an anderen Wochenenden seien Filme gezeigt worden, die wir vom Filmkunstverleih "Atlas" in Göttingen erhalten hätten. Während die Clubbesucher rauchend und trinkend in den Sesseln und Sofas gesessen hätten, habe der 16-mm-Projektor leise ratternd Filme von und mit Charly Chaplin, Stan Laurel und Oliver Hardy, Bunuels "Milchstraße", den Schwarzweiß-Western "Nevada" und "Zabriskie Point" von Antonioni auf die tragbare Leinwand geworfen. Nur DM 2 zur Kostenerstattung für die Filme hätten die Zuschauer entrichten müssen.

Der Club habe rasch 74 Mitglieder gehabt. Im März '74 hätten wir dann einen Brief erhalten - vom Kinobetreiber A. Kutter. Im Brief sei das Angebot, die von uns ausgewählten Filme in einem seiner beiden Kinos - die Filmtheaterbetriebe K. hätten damals nur aus den Abspielhäusern "Filmtheater" und "Urania" bestanden - zu zeigen, ohne Gewinnbeteiligung der FTB K., mit der Drohung, andernfalls, wenn wir auf dieses Angebot nicht hätten eingehen wollen, den Filmverleih infolge der Konkurrenzsituation durch unsere neue kinematographische Aktivität dazu zu veranlassen, dem "Club Impuls" keine Filmmietverträge mehr zu gewähren, verbunden gewesen. Wir hätten uns natürlich dazu entschlossen, auf dieses Angebot einzugehen, denn in einem richtigen Kino sei es uns möglich geworden, auch Cinemascope- und andere Breitwandfilme abspielen zu können.

Am 28. März habe unter der Überschrift "Neuer Film-Impuls" in der Schwäbischen Zeitung gestanden: "Der Biberacher Club Impuls (...) zeigt sein Programm an qualitativ anspruchsvolleren Filmen ab 29. März im ‚Urania', jeweils alles zwei Wochen freitags um 22.30 Uhr." Gezeigt worden sei "Privileg" von Peter Watkins, ein gesellschaftskritischer Streifen über das Pop-Geschäft und Politik. Die erste Kino-Spätvorstellung in Biberach habe als "Nachtstudio Club Impuls" am 29. März 1974 stattgefunden, mit 38 Besuchern. Wir hätten Filme der Marx-Brothers in Originalfassungen mit Untertiteln, von Polanski, Lester, Resnais, Fellini, Corbucci, Pontecorvo, Rocha, Clément und anderen, außerdem Rockmusikfilme mit den Stones, Frank Zappa, Arlo Guthrie, Pink Floyd angeboten. Der Comicfilm "Fritz the Cat" habe einen Publikumsansturm verursacht, das "Filmtheater" sei ausverkauft gewesen. "Aguirre - Der Zorn Gottes" sei 1974 die erste, übrigens gut besuchte, Vorführung eines Werks von Werner Herzog, der nur Cinéasten ein Begriff gewesen sei, in Biberach gewesen, am 23. August. Im Sommer 1974 hätten die politische Gruppe und der Club den Keller aufgegeben. Der Club habe nur noch Kino angeboten. Inzwischen Student in Stuttgart geworden, nach wie vor Presseankündigungen und Infoblätter schreibend, hätte ich den Club, der nun ein reiner Filmclub geworden sei, eine Zeitlang am Leben erhalten. Ein hartnäckiges Defizit sei aufgelaufen, das im Frühjahr 1975 die Vorführung von ein paar Musikfilmen ausgeglichen habe. Der "Club Impuls" sei ad acta gelegt worden, hätte seinem Namen aber Ehre gemacht: in den FTB K. seien danach Spätfilme im "Nachtstudio Impuls" und noch später unter ähnlicher Bezeichnung und schließlich gar keiner gezeigt worden; die Spätvorstellungen seien eingeführt gewesen und hätten ihr Publikum gehabt.
- Keine Wetterbeobachtung.
12.1.2002

Heute nachmittag hat mich der verantwortliche Redakteur der Lokalausgabe der "Schwäbischen Zeitung" in Biberach, Herr D., angerufen und mir mit Nachsicht in der Stimme gesagt, was ich da geschrieben hätte, "die erste Spätvorstellung", sei so bestimmt nicht richtig, denn Kinospätvorstellungen habe es in Biberach schon in den sechziger Jahren im "Ringtheater" geben, und schon ist diese meine Erinnerung, die sich mir gegenüber so viele Jahre als vollständige und wahre ausgab, eingefallen. Und die Reste dieser zerstörten Als-ob-Erinnerung verknüpften sich mit einer anderen richtigen Erinnerung, die ihrerseits erst durch den Impuls der fremden Erinnerung aus ihrem unauffälligen Schlummer gerissen und wiedererweckt worden ist und der fremden Erinnerung nun dafür dankbar ist, nicht länger von der falschen Erinnerung verdrängt und überschattet zu werden. Kurz und gut, sofort habe ich gewußt, wie es tatsächlich gewesen war, ich habe die Gelegenheit gehabt, mich von einer lieb und angenehm gewordenen Vorstellung eines Ereignisses zu verabschieden und der Wahrheit ihren Platz einzuräumen, was zwar ein hübsches, der Eitelkeit schmeichelndes Konstrukt niederreißt, letztlich aber der größere Gewinn ist; dazu hat es des Telefonats mit dem Kinoleiter des "Ringtheaters", den ich angerufen habe, um diese Wahrheit zusätzlich zu verifizieren, gar nicht gebraucht, aber das Telefongespräch hat noch einen Mehrwert an Informationen zur gegenwärtigen Situation der beiden konkurrierenden Kinobetriebe erbracht, und sich deshalb als nicht falsch erwiesen.
- Im Wetterbericht wurde dieser Tag bestimmt als "heiter" beschrieben. Sonne, am Vorabend im graublauen Westhimmel grauere aneinandergereihte Wülste.
23.1.2002

Abends in den "Strauß" zu sitzen war 1973 schon zu einem Verhalten geworden, das man gar nicht mehr befragte. Auch zu einem Ritual. Zu keiner der anderen Kneipen, die ich in den Jahren und Jahrzehnten meines Lebens in Biberach danach aufsuchte, hatte ich so ein inniges, ja intimes Verhältnis wie zum "Strauß", der Gaststätte, die in Jahrzehnten, die vor meiner regelmäßigen Frequentierung lagen, zur "Brauerei Strauß" gehört hatte, deren Kesselhaus, wie ich auf einer alten Fotografie, in einer Zeit später, als der "Strauß" nicht nur für mich seine Bedeutung verloren hatte, sah, auf der anderen Seite der wirklich nicht breiten Consulentengasse gestanden hatte. In den Jahren, in denen ich abendlich und täglich - den Ruhetag am Donnerstag ausgenommen, und tatsächlich ging ich auch nicht wirklich jeden Tag hinein, aber fast - den langen Gastraum betrat, trank man in ihm das "Gögginger Bier"; von einer Brauerei im südwestlichen Zipfel von Oberschwaben, deren genaue Lage wir, und warum hätte sie uns auch interessieren sollen, Hauptsache war, daß das Bier mundete, damals nicht kannten; erst in den Neunzigern, erst, als alles das, was in den Siebzigern im "Strauß" geredet, gelacht, agitiert, gedacht, getrunken worden war, sich seit langem nur noch als Erinnerungspartikel in meinem Gedächtnis festgesetzt hatte, fuhr ich einmal, als Manfred S. und ich in seinem Auto eine Spritztour zum Rheinfall bei Schaffhausen unternahmen, an eben dieser Brauerei vorbei. Beide erinnerten wir uns im gleichen Blick. "Von da also kam das gute Gögginger her", sagte ich versonnen; ein paar Bilder aus jenen Abenden und Nächten legten sich zwischen die Landschaft, durch die wir fuhren, und meinen Augen.

Wie oft schon habe ich bedauert, daß ich damals keine Fotos vom "Strauß" machte, festhielt, wie es in der Gastwirtschaft aussah! Auch keine Außen-aufnahmen aus seiner Zeit Anfang der siebziger Jahre habe ich. Die Selbstverständlichkeit, mit der in ihn hinein- und hinausgegangen wurde, in der wir in ihm hockten, die Tatsache, daß er eben da war, ließen mich nie auf den Gedanken kommen, er könnte eines Tages verschwunden sein. Man nahm sehr vieles selbstverständlich in den jungen Jahren und dachte noch nicht daran, daß man sich eines Tages an etwas, das als das Natürlichste erschien, überhaupt erinnern würde, gar wollte. Dachten und handelten andere "Strauß"-Geher je anders, gibt es diese atmosphärischen Dokumente, die ich vermisse? Aber könnten uns Fotografien von einem oder mehreren der Abend im "Strauß" uns die Wahrheit über die Stimmung in diesem für mich - und ich weiß: auch für andere - immer ein besonderer Aufenthaltsort gebliebener Raum in der Biberacher Zeit vermitteln; die vibrations, in denen er unsichtbar im Zeit- und Empfindungsgefüge, mit uns, die wir ihm unsere Stimmungen und Gedankenflüge zukommen ließen, indem wir in ihm und seinen Schwingungen uns aufhielten, seine Aura entfaltete? Proust mochte den Realismus, den die Photoplatte lieferte, nicht; "weil sie [die photographische Aufnahme] niemals zwei verschiedene Oberflächen oder Gegebenheiten vergleicht, kann sie keinen Zugang zu der Wahrheit bieten, die in das Blickfeld rückt, wenn man über die Zufälligkeit hinausgeht, auch wenn man dies dadurch erreicht, daß man zwei Photographien - oder Erinnerungen - einer Person in verschiedenen Umständen miteinander vergleicht", wie Hayman Prousts Auffassung paraphrasiert. (Vgl. Hayman, Ronald, Marcel Proust, suhrkamp taschenbuch 3311, S.503.) "Die Menschen verändern uns gegenüber unaufhörlich ihre Position. In der zwar unmerklichen, aber unablässigen Bewegung der Welt betrachten wir sie in einem Augenblick, der zu kurz ist, als daß wir die Bewegung feststellen könnten, die sie vorantreibt, als unbeweglich. Wir müssen jedoch aus unseren Erinnerungen nur zwei zu verschiedenen Zeiten aufgenommene Bilder auswählen, die für sie so weit ähnlich sind, daß sie sich an sich nicht verändert haben, zumindest nicht merklich, und der Unterschied zwischen den beiden Bildern wird zu einem Maßstab für die Veränderung, die sie uns gegenüber vollzogen haben", wie Proust selber formuliert. (Vgl. Haymann, a.a.O., S. 503; vgl. Proust, Marcel, Brief an Henry Ghéon, 2.1.1914, Corr., XIII., S.23.)

Ich überlasse es der Leserin und dem Leser, darüber zu grübeln, ob die Fotografie nicht doch diese kleine Veränderung und die Wahrheit, die sie in sich trägt, leisten kann, aber wir müssen nicht erst Proust bemühen, wenn wir an der Wahrhaftigkeit von fotografischen Aussagen zweifeln; es ist uns möglich, aus diesen scheinbar so unverrückbar bleibenden "Zeitdokumenten" eine beliebige Variation jener einstmaligen Sekunden herzustellen, bis eine dieser Möglichkeiten einer Situation uns in die - in der Regel dunklen - Zwecke paßt. Auch mit solchen Mitteln verändern die Technologien das, was mangels einer "harten" Definition Zeit geheißen wird, die sich anhand dessen, was in ihr geschah, darstelt; und natürlich auch die Zeit, die ihre Lebensformen entwickelt hatte, bevor diese Technologie sie rückwirkend so arrangieren, daß die Historiker eines anstrengenden Tages Schwierigkeiten haben werden mit den Umschreibungen dessen, was sie "Geschichte" nennen, weil ihnen - die Zeit dafür fehlen wird. Das wird dann die Zeit neuer dogmatischer Axiome sein. Aber ich will mich hier nicht leichtfertig in halbphilosophischen Sentenzen verlieren.
Ich muß also geradezu froh darüber sein, keine Fotografie vom Innenleben des "Strauß" zu besitzen, denn sie könnte mir die erinnernde Imagination auch blockieren und sie um diese einzige von ihr angebotene Augenblickslage herum organisieren und andere Erlebnisse und Ereignisse - den Unterschied zwischen beiden erörtere ich nicht - zurückdrängen, vielleicht sogar vernichten. Weil die Erinnerung an das "Strauß"-Leben sich in mir tatsäch-lich immer wieder in neuen Konstellationen zusammenfügt, bewahren sie mir auch den Eindruck der Lebendigkeit, die an dem damals wichtigsten Ort der "Szene" in der kleinen Stadt herrrschte; das feeling der vibrations, die an diesem Ort durch die Seelen und Bewußtseine - möge sich jeder nun aussuchen, was ihm zutreffender zu sein scheint, die Erinnerung an diesen Ort läßt mich großmütig werden - zitterten.
- Vor allem war der untere Himmel mit nicht ganz dichten weißlich-grauen Wolken zugezogen, durch die etwas Bläuliches da und dort schimmerte.
3.5.2002

Biberach war in den Siebzigern gar nicht so übel, ich dachte damals schon so. Es war ein schlecht zu erfassendes Fluidum in der Stadt, das "von 68 her" wirkte und von den verschiedenen Gruppen, Grüppchen, Initiativen, vom "Strauß", vom "Rebstock", gegen Ende des Jahrzehnts vom "Alten Haus", von Schlaghosen, langen Haaren, beringten Jungenfingern, hennafarbenen Haaren, engen Jeansjäckchen, barfüßigen Freaks, Haschwölkchen (nicht in meinem Kopf), "Enten"-Citroens, Rock- und Jazzkonzerten, Pokernächten im "Schwanenkeller", meiner IBM-Schreibmaschine, Wohngemeinschaften, politischen Aktionen und Aktiönchen, gelungenen und gescheiterten, Essengehen beim Griechen im "Pflug" neben dem Museum, Ausstellungen, Ausstellungsskandälchen (de facto: 1), langen Lesenachmittagen in der Stadtbücherei, "sinnlosen Besäufnissen", Katern (im Kopf und im Zimmer), Gin und Dimple-Whisky, Rotwein en masse diverser Lagen, Zigarettendunst vermischter Marken, sexlosen Nächten, etlichen wichtigen Büchern, von Fehlern und Unterlassungen, von Klugheit und Dummheit, Freundschaft, nächtlichem Klavierspiel, Kleinstadtgangs, neuesten Nachrichten aus dem Drogendezernat der örtlichen Polizei (gerüchteweise), Discos, Spielhallengeräuschen, Eifersucht, Raggae-Platten, Plateausohlen, Clogs, Manuskripten, Filmen, Kinobesuchen, Kinoarbeit, Filmfestspielen, Parties, wo ich die durch Hausvaters Sorge versteckte Cognac-Flasche doch entdeckte, von Tod, Liebesverlangen, Enttäuschungen, von vielem, was unter et cetera steht und nicht mehr erwähnt wird, ausströmte - soweit es in mich einströmte.
- Heißer Sommertag. Im Süden von Berlin flogen die Jets, die hier zu beobachten waren, über den möchtig aufgebauschten weißen Wolken von West nach Ost und von Ost nach West. An den Unterseiten der Wolken graue Zonen; in die das Licht nicht durchdrang?
2.6.2002

1973 wurde es eine meiner Vergnügungen, in der Spielhalle am Marktplatz die Flipperautomaten zu bedienen. In einem der alten Bürgerhäuser, die um das langgestreckte und ein wenig verbogene Oval des Platzes stehen und ihn dadurch bilden, ziemlich genau in der Mitte der nördlichen Seite, lag sie an der Frontseite des Hauses in einem Raum, zu dem einige Stufen hinter der dicken Glastür, die nach links aufschwang, hinabführten und an dessen linker Seite fünf oder sechs Flipper auf ihren dünnen Metallbeinen standen, und auf der rechten Seite zwei Tischfußballkästen auf ihren Holzstelzen, hinter ihnen hing der Kippenautomat an der Wand, und verqualmt war das Kabuff! In der rechten hinteren Ecke der Spielbude, die nur um ein geringes Etwas länger als breit war, hockte Jupp, der Rentner und die Aufsichtsperson, auf seinem Schemel und wechselte Scheine in Kleingeld, das in die Automten gesteckt wurde und dem auch ich, 1973, 1974, 1975, Zehn- und Zwanzig-Mark-Scheine auf das Tischchen, das vor ihm stand, legte, oder ich ließ ein Fünfmarkstück "kleinmachen". "Hallo Jupp, wie geht's, mach mir mal klein." Die Flipper und Tischkicker schluckten so manche meiner Märker.

Sind die Flipperautomaten noch im Gedächtnis der Heutigen oder ist es angezeigt, ihr Design und ihre Funktionsweise zu erläutern? Wer in meinen Jahren ist, wird sich, sofern er früher solchen Zeitverschwendungen nicht völlig abhold war, an sie erinnern; Jüngere sehen sie vielleicht in "Autorenfilmen" jener Zeit, die sie aber, nehme ich an, wohl kaum jemals noch sehen. Flipperautomaten waren rechteckige Kästen, in denen, auf einer etwas nach vorn abgeschrägten Spielfläche, aus Metall wie diese Kästen und die hohen Aufbauten an ihren Rückseiten, die mit bunten Comic-Motiven verziert waren und auf denen die Punktzahl, die sich im Vorgang des Flipperns erhöhte, angezeigt wurde, eine silberne Metallkugel von den auf der Spielfläche an den unterschiedlichsten Stellen (jeder Flipper hatte seinen eigenen Parcours) angebrachten "Fingern" hin- und hergestoßen, abgestossen, aufgehalten und von einem geschickten Spieler dann so fortgeschleudert wurde, daß sie einen bestimmten Zählpunkt in Form von pilzartigen kleinen Erhebungen und Buchten und Kanten an den variationsreich geschwungenen Seiten der Spielfläche traf und somit die Punktezahl nach oben trieb; bei einem schnellen Spiel zuckte und ruckte der Pinball - "The Who" sangen in ihrer Rockoper "Tommy" vom "Pinball Wizard" - unaufhörlich auf der Spielfläche von einer Stelle zur anderen, der Flipper klingelt und bimmelte, wenn die Punkte gemacht wurden, und das Spiel erforderte Konzentration und Reaktionsschnelligkeit, und ein guter Spieler konnte unentwegt Freispiele - "Bonus!" - "rausholen", und das und den vorzeitigen Abgang der Silberkugel durch Unachtsamkeit oder übermäßiges Rütteln des Apparats zu vermeiden, war der Sinn des Flipperns. "Same player shoots again" oder "Tilt" schrieb der Flipper unter oder neben die Scores, je nachdem. "Tilt", "gekippt", wies er seinen Spieler zurecht, wenn der zu sehr auf unerlaubte Weise an ihm gefummelt hatte, um den Lauf der Kugel zu manipulieren, und legte den Spielvorgang lahm; rien ne va plus, die Kugel rollte unaufhaltsam nach unten, entschwand in die elektrischen Eingeweide des Automaten. Dann ein neues Spiel, die Kugel legte sich vor den Federbolzen, er wurde von außen, von vorne am Gehäuse, an den Körper gezogen und lässig ließ man ihn zurückschnellen, die Kugel flippte in die Spielbahn hinein und wurde auf's neue herumgestoßen. "Ring-pling", "Ding-ding", "Dong-bing" tönten die Kästen durch die Spielhalle. Breitbeinig standen die Jungs, vornehmlich keine Gymnasiasten, an den Flippern und tätschelten mal deren linke Ecken, mal schüttelten sie zärtlich die rechten, und die Bälle wichen um eine Kleinigkeit von ihren bedrohlich gewordenen Wegen ab und wurden in andere gezwungen, aber: zu viel Rütteln und Schütteln hieß: "Tilt". Den Kasten zu tillen war verpönt. Gute Spieler tillten fast nie, ihr Ehrgeiz war nicht nur, ein Freispiel nach dem anderen zu ergattern, sondern mehr noch, das Risiko des Tillens zwar herauszufordernd, aber es zum Tillen nie kommen zu lassen. Aus angespannt offenen oder etwas verzerrten Mündern drangen dumpfe Laute des verhaltenen Entzückens oder der Mißbilligung, leises Stöhnen und Grunzen begleitete das Spiel am Lieblingsflipper. Auch ich hatte einen, und war der besetzt, nahm ich den ande-ren, den mir zweitliebsten. Ich flipperte meisterlich. Ich flipperte auch aus erotischen Gründen.
- Unbeständig ist das Wetter wie seit Tagen. Wolkenverhangen, Tendenz regnerisch, spätnachmittags Sonnenglut hinter glasigen Wolken, die nach Osten wanderten, dann blieb der Äther frei und die Lichtpartikel prasselten ungehindert in den Abend: er wurde "schön".
14.6.2002

Es muß 1973 und nicht 1974 gewesen sein, als der "Schwanenkeller", der am Hang zum Gigelberg steht, über jener Straßenstelle, wo die Gaisentalstraße in den Bismarckring mündet, aufmachte. Aber frage mich niemand, wann genau das war! Mein Erinnerungsgefühl teilt mir mit, daß es in einer wärmeren Zeit im Jahr stattfand, vielleicht in der Übergangszeit vom Frühjahr zum Sommer. Das schmutzig-rosafarbene Gebäude hat unten eine kleine Arkade, von einem Stützpfeiler an der Nordostecke (oder zwei?) nur gebildet; in den Sommern - ich greife das vorweg auf - wurde in einem unteren Raum, der sich bequem nach außen hin öffnen ließ, denn sommers saß man auf einfachen zusammenklappbaren Biertischbänken an den dazugehörenden Biergartentischen vor dem Lokal, ausgeschenkt. Der Schankraum befand sich im ersten Stock, zu dem eine Holztreppe ohne Zierat, ohne poliertes Geländer, einfacher Bauart eben, die Gäste hinaufließ, und war man oben angekommen, ging's links ab zu den Toiletten und geradeaus durch eine weiß-schäbige Tür hinein in den Gastraum, dessen Grundfläche etwa quadratisch war, links vom Eingang stand hinter der gar nicht breiten Theke der Mann, der die Getränke ausgab, und das war nur selten der Pächter dieser Gaststätte (er war ein Blumenhändler und hatte den Vertrag für das ganze Haus unterschrieben), sondern R. Botzenhard, von allen nur "Botz" geheißen, ein untersetzter, zur Voluminosität neigender junger Mann mit langen schwarzen Haaren und einem ebensolchen Vollbart. Er war umgänglich und nicht mundfaul, eine unerläßliche Voraussetzung für jeden, der hinter einer Theke steht. Die Rockmusik aus den Boxen oben in den Ecken schallte gerade so laut über die Sitzenden, daß man noch verstehen konnte, was ein anderer zu einem sagte. Zunächst war die neue Kneipe für die wenig "angepaßte", eingepaßte, Jugend des Städtchens nach dem altruistischen Konzept, daß jeder, der hier etwas zu sich genommen und genossen hatte, das gebe, was es ihm wert gewesen war, geführt worden; freundlich-utopische Zeiten der Siebziger!; doch nur wenige Wochen gingen ins Land, in denen sich diese Geschäftsphilosophie - die diesen Begriff mit mehr Recht für sich beanspruchen konnte als die die raffgierigen Zwecke pseudonobilitierend verschleiernden "Unternehmensphilosophien" - als nicht ratsam und gar nicht praktikabel erwies, und auch im "Schwanenkeller" aufgrund der in Allem so ungenügenden (Zahlungs-)Moral des Homo sapiens die üblichen Geschäftsbedingungen eingerichtet wurden.

Nicht lange nach der Eröffnung saß ich mit Freunden in diesem wohnzimmergroßen ( wenn dieses Zimmer etwa 30 m² maß) Schankraum und hob den Glashumpen mit dem Bier darin zu den Lippen. In den "Schwanenkeller", der bald auch als "Casa di Lohengrin" bekannt war, ging man - gingen zumindest die, mit denen ich hockte - dann, wenn im "Strauß" die Sperrstunde nahte, oder auch erst danach, wenn die Tür des "Strauß" inzwischen abgeschlossen war und wir dennoch einen letzten Drink ordern und wegsaufen konnten. Auch wenn es uns im "Rebstock" zu vorgeschrittener Stunde nicht mehr behagte und der Abend noch zünftig ausklingen, in jedem Fall noch länger dauern sollte, trotteten wir, nicht mehr nüchtern, und das in unterschiedlichen Graden, noch die Wielandstraße entlang und das Stückchen des Bismarckrings hinauf, bis die Treppen zum "Schwanenkeller" oder eben zum Gigelberg und die asphaltierten schmalen Wege erstiegen werden mußten; dafür wartete ein meistens eng bevölkerter, stark verräucherter anderer Gastraum auf uns späte Zecher, in dem die Geräu-sche wie in einem Hornissennest brummten. Das war eine angenehme Soundkulisse. Ich zähle die Nächte nicht, die ich an diesem Ort zubrachte, manche dehnten sich bis zum Morgengrauen. - Und wer saß dort? Die drei Brüder G., deren Oberhaupt der sehr schlanke langhaargelockte Kai, mit Ringen an den Fingern, in Hippie-Wear, war, der mit Freundin M. und Brüdern häufig den "Strauß" aufsuchte. Ein dünner Typ mit weißblonder Mähne und einem Gesicht fahler Farbe, der auf den Namen "Weizenkeym" hörte und der selten sicher auf den Beinen stand. Überhaupt die jungen Männer und Frauen der härteren Fraktion, besser aussehende und nicht ganz so ansehnliche, alle, doch Ausnahmen gab es, mit ellenlangen Haaren, die bis auf die Rücken fielen. Und wirkliche Freaks, manche schon heruntergekommen, die von nicht erlaubten Giften lebten, was man ihnen zeitweilig ansah und die gegen Ende des Jahrzehnts aus dem Blickfeld gerieten, und wohin? Leute, mit denen ich sprach und mit denen ich nie ein Wort wechselte, deren Erscheinungsbild mir aber vertraut war, denn die Szene war überschaubar. In so mancher Sommer- und Herbstnacht wurde gepokert; mit stoischer Miene auf dem Holzstuhl sitzend, Whisky trinkend ("Johnny Walker Black Label", gar nicht so teuer ...), Zigaretten oder Zigarren rauchend, spielte ich meine "Straße" oder das "Full House" aus. Ich gewann, ich verlor. I was a gamblin' man. Die Einsätze waren jedoch minimal, und trug ich um drei Uhr nachts fünf Mark nachhause in die Lindelestraße, so war das viel.
- Sonnenschein, abends bedeckt, das Gewitter regnete sich aber im Süden von Berlin aus.
7.8.2002

Irgendwann im Sommer `75 stellte der Stuttgarter Künstler Frank Below in der Schrannen-Galerie die "Homoerotischen Bekenntnisse eines Empfindsamen" aus. Einige meiner durchweg heterosexuellen Freunde und ich besuchten selbstverständlich die Vernissage und wir scheuten uns, wie zu anderen Ausstellungseröffnungen, nicht, unverzüglich zu den Brezeln zu greifen, die wir auf dem Viereck-Rundgang die Galeriewände entlang, Trollinger schlürfend, verzehrten. Die Ölbilder waren für das oberschwäbische Städtchen ein Novum insofern, als sie zum ersten Mal künstlerisch auf homosexuell empfindende und schwulen Sex praktizierende Mitmenschen hinwiesen; sie zeigten, in verschiedenen Figurationen, nacktes männliches Fleisch; der Zeitungsredakteur D., der die ihm relevant dünkenden Kunstereignisse in der Stadt rezensierte, äußerte sich in seinem Artikel zum Ende der Ausstellungszeit hin in verhalten amüsiertem Ton besonders auch über "die hinten applizierte Gurke". Freilich "bruddelte" ob dieses Sujets in kunstsinnig sich nennenden Kreisen der Großen Kreisstadt ein (allerdings nicht allzu heftiger) Rumor, der OB H. wußte sich, als oberster Dienstherr der Ausstellungsmacher, zu erklären. "Euer Oberbürgermeister", sagte Below - lange blonde Haare, Anzug, Anfang Dreißig - am späteren Abend nach der Vernissage im "Schwanenkeller", wohin wir ihn entführt hatten, "sieht ja gar nicht einmal so übel aus." Keine Ahnung mehr habe ich davon, wie dieser Stuttgarter zu der Gelegenheit gekommen war, in der Städtischen Galerie ausstellen zu können. Dieter "Johnny" Arnold hatte daran seinen Verdienst, nicht aus eigenerotischen Überlegungen, sondern aus kunstideologischen. Wir scherzten, aber nicht lange, denn so viel ging uns der OB nicht an, über dies Eingeständnis einer sehr vagen Affinität. "Bist du beschnitten?", wollte Below bald darauf von Bernd H. wissen, der - sehr lange schwarze Haare, langer schwarzer Bart, schwarze Kleidung, etwas gebogene Nase - vielleicht etwas rabbihaft auf den, der ihn nicht kannte, wirkte. Ich mußte grinsen. Bernd entgegnete kühl etwas wie: "Sehe ich so aus, als müßte es so sein? Aber ich gebe eine klare Antwort: nein!" Freilich reimte sich das in seiner Replik nicht wie hier, aber ihren Inhalt wortgetreu jetzt zu überliefern gelingt mir natürlich nicht. Das Ausstellungsplakat ließ ich vom Künstler signieren, glaube ich doch. (Habe es seit langem nicht mehr beachtet.)

1976 hing ich es an eine Wand meines Karpfengassenzimmers, stellte die schwarze geschnitzte Jugendstilsäule davor und eine Grünpflanze auf diese; das ergab ein Arrangement, das einen gewissen selbstironischen Gestus verbreiten sollte, doch nur ich dürfte das goutiert haben. Als meine Mutter eines Augustabends mir gegenübersaß, zum ersten Mal, nachdem ich ja im März `76 dort eingezogen war (mein Zimmer in der Hermann-Volz-Straßen-Wohnung aber auch regelmäßig aufsuchte), um zu sehen, wie ich mich in dieser Wohngemeinschaft eingerichtet hatte), schlecht gelaunt oder eher mißmutig-erschöpft, ging ihr Blick an mir vorüber an die Wand und entdeckte dieses Plakat. "Homoerotische Bekenntnisse ...", sagte sie mißbilligend, "mußt du denn sowas aufhängen?" (Ein Streifen Sonnenlicht senkte sich in einem trickreichen Winkel über das Nebendach oder durch eine Lücke der Dächer, die ich nie bemerkte, durch das Westfenster, vor dem ein anderes Haus stand, in das Zimmer.) Ich weiß nicht mehr wörtlich, was ich erwiderte, aber es war eine von Widerstand nicht freie Verteidigung des Plakats und meiner Freiheit, es an die Wand pinnen zu können und damit ein Signal für jeden, der dafür ein Auge hatte, zu geben. Müde wechselte meine von ihren Enttäuschungen oft in eine resignierte Gleichgültigkeit versetzte Mutter das Thema. Einige Zeit vor ihrem Tod sagte sie mir, sie habe schon in den ersten siebziger Jahren, als ich also mein zwanzigstes Jahr eben überschritten hatte, den Verdacht gehabt, daß ich homosexuell veranlagt sein könnte.
- Warmer Augusttag mit Sonne, vor die sich abends eine blaugraue Wolkenschicht schob, durch die sie glostete.
8.8.2002

Zu Beginn des Septembers 1976, einem sonnigen September, wurde in Biberach an der Riß die letzte linke Aktion veranstaltet. Die wurde nicht von der SDAJ-/DKP-Gruppe angeleiert, die es zu dieser Zeit vielleicht auch gar nicht mehr gab, und ich muß das deshalb so schreiben, weil ich seit meiner Rückkehr aus Stuttgart im Herbst des Jahres davor und dem Einzug in die Karpfengasse keine Verbindung mit ihr hatte. (Doch, noch einmal sah ich Genossen von einst, wobei das "einst" gar nicht so lange zurücklag, aber für mich war dieser Lebensabschnitt klar beendet: Mit Claus M., dem jüngeren Bruder jenes halbgöttlichen Prinz-Eisenherz-Frisur-Jungen, der mir auch gefiel und noch zur Schule ging und mir viele Jahre danach einmal im Kino mit seinen Kindern über den Weg laufen sollte, und wir redeten dann ein paar Minuten miteinander, hockte ich in einem Raum in der Karpfengasse, ein paar Häuser entfernt von meiner Bude, in einer der wöchentlichen Sitzungen (die offenbar doch stattfanden), in der mir vertraute Gesichter noch anwesend waren, für eine Zeitlang dabei, bis mir das, was gesagt wurde, was beschlossen werden sollte, was ich so und so ähnlich in früheren Jahren selbst so gesagt hatte, doch zu langweilig wurde, und C.M. und ich stahlen uns wieder davon und gingen wie geplant ins Kino.)

Ich kann nicht sagen, wann diese "Doppelgruppe" aufgelöst wurde, wann die letzten Aktivisten einsahen, daß die ganze Chose keinen Sinn mehr abwarf. In der Öffentlichkeit war von der Gruppe nichts mehr zu hören und zu sehen. Aber vielleicht achtete ich auch nur nicht mehr darauf. Ich war mit anderen Problemen, die mein Sexualleben betrafen, vollauf beschäftigt und verspürte grundsätzlich kein Bedürfnis mehr, missionarischer Sektierer zu sein. Die proletarischen Massen hatten keinerlei Interesse für die schönen Ideen und die Überwindung ihrer Entfremdungssituation gezeigt; sollten sie zusehen, wie sie klarkamen. Ich vernahm keine Gewissensrufe wegen meines genießerischen kleinbürgerlichen Spätbohèmelebens.
Die letzte linke Aktion wurde vom KBW, dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands, einer seltsamen Vereinigung maoistischer Provenienz, veranstaltet. Im Hauchler-Studio - wir erinnern uns vage, daß seine Existenz mir am Anfang der siebziger Jahre Freunde zugeführt hatte: Manfred S., Falk Ch. B., Gerd K., Gerold A. (der von der Bundeswehr seinen Abschied als Unteroffizier genommen hatte, zur Umschulung nach Biberach geschickt worden war, in Manfreds Agitprop-Singgruppe mitgesungen, im ehemaligen Zimmer von Uli W. gewohnt und nach Abschluß seiner Ausbildung die Stadt verlassen hatte) - lernten 1976 drei Herren die in diesem Institut gepflogenen Erweiterungen der Schwarzen Kunst; einer von ihnen hieß Rolf S., er war der "Chefideologe" des Drei-Mann-Grüppchens, ein langer dürrer Mensch mit scharfer Nase, der mit einem Mal in Herberts Karpfengassenzimmer saß. In einer Kneipe hatten sie sich wohl gesehen, und unvermittelt wurde Herbert linkspolitisch. Meinen früheren Aktivitäten hatte er nicht viel abgewinnen können. Ich wunderte mich. Die beiden Genossen-Kumpel des Hauchler-Schülers saßen bald auch im Haus. Irgendetwas tat sich. Schließlich hörte ich, daß die Aktion "Freiheit für Zimbabwe" vorbereitet wurde. Über den KBW hatte ich mich in den Jahren, die hinter mir lagen, nur lustig gemacht, seine politischen Maximen und Doktrinen waren gar zu putzig, und mehr noch traf dies auf den Jargon zu, der dort mit hoher Dosis Emphase und Pathos - einer größeren noch als bei meinen "Orthodoxen" - abgelassen wurde. (War nicht der jetzige Bundesumweltminister in jener Zeit dort Mitglied?) Ich war nun - wenn überhaupt noch links - "freier Linker", denn die DKP hatte mich aus ihren Reihen ausgeschlossen (nehme ich an), ich äußerte mich jedoch nicht mit linken Ansichten, ich war auf Abstand zur Weltveränderung gegangen.

Ich erklärte mich also zu meiner eigenen kleinen Überraschung bereit, ein paar Handlangerdienste für diese Aktion beizusteuern. Und andere aus dem Freundes- und Szenekreis unserer WG, die mit linker Politik (mit Ausnahme weniger Insassen) nicht eigentlich etwas zu tun hatte, stießen dazu. Nicht weil sie über Nacht links geworden wären, sondern aus jugendlichem Erlebnisdrang. Die Sache war einmal etwas anderes als nur im "Strauß", im "Rebstock", im "Schwanenkeller" zu hocken. An einem milden Samstagvormittag klappte ich mit Markus M. zwei Tapeziertische auf dem Marktplatz aus und das Infomaterial des KBW wurde ausgebreitet. Die ersten Flugblätter gegen das rassistische Regime der weißen Regierung im südafrikanischen Land fanden tatsächlich Abnehmer aus der Passantenschar. Einiges Szenevolk sammelte sich um den Infostand und seine Betreiber an, Grüppchen standen herum, brave Biberacher Bürger verhielten kurz den Schritt und eilten dann weiter, oder ohne kurz zu stutzen, an den "Spinnern" vorüber. Andere blieben sogar stehen und ließen sich in einen kurzen dialogischen Schlagabtausch verwickeln. In der Nähe des Infostandes war ein quadratisches (oder rundes) Schild auf einer Staffelei aufgebaut, im Schild waren die Konterfeie des weißen Regierungschefs des südafrikanischen Staates (hieß er nicht Smith?) und anderer Reaktionäre aufgeklebt, auf die durften mit handtellergroßen Spielzeugarmbrüstchen (das sollte aber keine Anspielung auf das "Biberschießen" während des Schützenfestes sein) kleine Pfeile mit Saugnäpfen dran abgeschossen werden. War das nicht richtig militant und revolutionär-gewaltsam? Auch ich Kriegsdienstverweigerer ließ Pfeile losschnellen. Fotos wurden gemacht (auf einem von ihnen ziele ich gerade, angetan mit meiner schwarzen Jacke, und schwarze Hosen trug ich dazu, die sieht man auf diesem Foto aber nicht), von unseren Leuten, von der Polizei. Der "Aufruhr" war ja vorbei, "68" halb vergessen; auch die RAF-Terroristen der ersten Generation saßen in Stammheim und anderswo in Einzelhaft hinter Gittern (in meiner Stuttgarter Zeit war ich einmal mit der Straßenbahn am Stammheimer Knast vorübergefahren). Helmut Schmidts SPD/FDP-Pragmatistenregierung steuerte die Bundesrepublik nach rechts. Wir lebten im Herbst der Rebellion. Auch ich schmetterte das alte KPD-Lied vom Roten Wedding mit der in den ersten siebziger Jahren beliebten neuen Zeile gegen "die Genscherpolizei" - Genscher war Innenminister - nicht mehr. Am frühen Nachmittag wurden Infostand und Zielscheibe abgebaut und das Transparent mit der kämpferischen "Losung" kam zusammengefaltet in einen Karton. Abends spielten zwei zusammengewürfelte Mannschaften Fußball auf dem Platz oben am Lindele. Wacklig stand der Infostand nebst Scheibe und Losung nun hier am Spielfeldrand. Der Kaffeeausschank - die Einnahmen gingen in den Solidaritätsfon - wurde spärlich frequentiert, die Schriften und Werke zur Revolution (nicht nur die vom Dicken mit der Warze) noch sparsamer gekauft. Wurde etwas verkauft? War nicht mein Bier; das ich aus der Dose süffelte. (Der gepriesene Führer der zimbabwischen Revolution Mugabe entpuppte sich, wie alle Leute solchen Schlages, in den Jahren nach der weißen Regierung als sehr unangenehme Figur und Schwulenfeind; immer, wenn in der Presse etwas über sein Regime erscheint, und ich weiß die bürgerliche Presse nach wie vor richtig zu lesen, erinnere ich mich für zwei Sekunden an jenen Tag im September 1976 und bin froh, daß ich nicht allzuviele Sympathien vergab.) Ich war mit Fotoapparat von der Karpfengasse zum Lindele hinaufgestiegen und hatte das alte Lindelestraßenhaus, das nun saniert war, dem aber seine ockergelbe Farbe gelassen worden war, gesehen. "Vor einem Jahr", dachte ich, "habe ich hier noch gewohnt." Ich fand es doch seltsam, daß ich nun vorbeizugehen hatte.
- Wieder gab es für Berlin einen heißen Sommertag.
8.9.2002

Am 11. September 1973 putschte in Chile das Militär unter dem General Pinochet und mit Unterstützung der CIA gegen die demokratisch gewählte sozialistische Regierung von Präsident Salvador Allende. Ich hörte am frühen Nachmittag aus dem Radio davon und machte mir sofort Stichworte für ein Flugblatt, das am nächsten Tag in der kleinen Stadt an der Riß verteilt werden mußte. Am Telefon der unteren Mieter vereinbarte ich dann mit dem jungen Genossen Roland A., Auszubildender in einer großen ortsansässigen Firma und nicht aus Biberach, daß ich sogleich zu ihm kommen würde (glücklicherweise war er aus irgendeinem Grund zuhause und nicht in der Firma, und ich mußte das wissen, sonst hätte ich ihn nicht antelefoniert), damit wir gemeinsam dieses Flugblatt ausarbeiten konnten. Warum textete ich es nicht allein? Weil die Genossen bei der ersten Erörterung dieses Vorfalls unverzüglich miteinbezogen werden mußten und weil - aber dessen bin ich mir nicht sicher - bei ihm die Matrizenabzugsmaschine stand und die Matrizen und die nach Azeton riechende Flüssigkeit, die für die Abzugsprozedur benötigt wurden, lagen. Wir waren elektrisiert: faschistischer Putsch in Chile! In flammenden Formulierungen empörten wir uns gegen diesen verbrecherischen Akt. Unsere Gedanken waren bei den Genossen in Chile, wir konnten uns vorstellen, wie es ihnen in diesen Stunden erging.

Am folgenden Tag verteilte die SDAJ-Gruppe die Flugblätter auf dem Marktplatz. Die Bürger und Kleinbürger waren an diesen unmenschlichen Vorgängen nicht interessiert und äußerten höchstens ihre Zustimmung zum Putsch. Sowas kannten wir ja. In den Septemberwochen gingen in anderen Städten linke Gruppen und Organisationen, sogar die Jungsozialisten, wenn ich mich nicht täusche, auf die Straße, und hieß der Vorsitzende der Jusos damals nicht Gerhard Schröder? "Freiheit für Luis Corvalan!", lautete eine der Hauptforderungen auf den Transparanten der DKP und der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend. Corvalan war der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chiles und war sofort ganz im Süden Chiles interniert worden, während gleichzeitig die "Colonia Dignidad", eine von Deutschstämmigen bewohnte Siedlung, eine der schlimmsten Folterstätten wurde. Damals galt die uneingeschränke Solidarität den Opfern der faschistischen Diktatur und des USA-Imperialismus, der hinter den rechtsradikalen Offizieren die Fäden zog. Auch ein Herr Dr. K., deutschstämmiger Jude und damals Außenminister der Vereinigten Staaten, war maßgeblich daran beteiligt.

Aus Opfern werden zuweilen Täter. Dieser Dr. K. war ein Dr. Seltsam der besonderen Art. Nach dem 11. September 2001 sagte er ja einmal mehr, die USA würden ihre Freunde nach ihrem Verhalten beurteilen. Die Mörder-Generäle schienen demzufolge recht gute Freunde gewesen zu sein. Viele Sozialisten, Kommunisten, Gewerkschafter, Studenten wurden im September 1973 und in den Monaten danach bestialisch gefoltert und umgebracht. Auch dieser Terror-Krieg war ganz im Sinne der reaktionärsten Kapital- und Regierungskreise in den USA; übrigens wohl auch in der so sehr demokratischen Bundesrepublik. Wenn man nun heute der Opfer des Attentats auf das World Trade Center in New York vor einem Jahr gedenkt, und auch dieses Verbrechen war schrecklich, und wer es beging, weiß man noch immer nicht so genau und will man vermutlich inzwischen auch gar nicht mehr wissen, weil es unschöne Fragen zu seiner Instrumentalisierung aufwürfe, und es wird auch neue Verbrechen gebären - sollte auch der Ermordeten und auf immer spurlos Verschwundenen in Chile gedacht werden; das fällt aber, außer einigen wenigen neben mir, niemandem ein.
- Ein sonniger Septembertag.
11.9.2002      Mehr: Kiesinger in Biberach

[Auszug aus einem 1974 geschriebenen Text "Im Herbst in den Städten"; über den Besuch eines Pressefestes der DKP in Düsseldorf:

 


ENDE
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