Von links: Thomas Remfrey, OB Thomas Fettback und Bailiff Sir de Vic Carey vor der Tafel mit den Namen der Verstorbenen

Festakt für die Verstorbenen des
Lagers Lindele

Würdevolles Gedenken und Hoffnung auf Versöhnung

Es war ein Tag des rückschauenden Gedenkens und des optimistischen Blicks in die Zukunft. Ein Tag, an dem von Bitterkeit ebenso die Rede war wie von Versöhnung. Und es war ein Staatsbesuch in Biberach: Der höchste Repräsentant des Inselstaates Guernsey, der Bailiff Sir de Vic Carey, führte eine Delegation von fast 40 ehemaligen Deportierten und ihrer Angehörigen an, die der einst im Lager Lindele Verstorbenen gedachten.

Von unserem Mitarbeiter Dierk Andresen

BIBERACH - Der Sonntag begann mit einem ökumenischen Gottestdienst in St. Martin. Pfarrer Eberhard Goehner begrüßte die Gäste und sprach seinen Teil auf Deutsch und Englisch. Auch der indische Pfarrer Babu trug zu diesen mehrsprachigen Gottestdienst bei, in dem der höchste Repräsentant der anglikanischen Kirche auf Guernsey, der den langen offiziellen Titel The Dean of Guernsey, the very reverend Marc Rickey trägt, die Gäste repräsentierte. Er erinnerte an die Kraft des Gebetes, auch an den bevorstehenden 11. September und war froh, dass jetzt ehemals Internierte und die, die sie interniert hatten, in Freundschaft verbunden seien. Dem pensionierten Pfarrer Hans-Dieter Bossert fiel die Predigt zu und er sprach einen Text voller Wortspiele und literarischer Anspielungen zum Thema Schöpfungsgeschichte und der Arbeit als Teil der Kultur. Man hätte den englischen Gästen eine Übersetzung gegönnt, aber das ließ dann die Zeit wohl nicht zu, denn an diesem Morgen folgten noch mehrere weitere Programmpunkte.

Rechts im Bild der britische Generalkonsul M. Twigg

Für die Gedenkfeier für die Verstorbenen des Lagers Lindele in Biberach begab man sich, nach einem Besuch der Gräber, zum Stadtfriedhof. Oberbürgermeister Thomas Fettback bekannte sich – auch persönlich – zur Verantwortung der Biberacher für das das Unrecht und Leid, das die Deportierten hier erlitten, aber sah mit diesem Festakt auch den Boden für Versöhnung und Freundschaft bereitet. Sir de Vic Carey, der Bailiff und Parlamentspräsident von Guernsey, fand in der Geschichte der Deportierten auch positive Erinnerungen an Freundschaften, die in der Zeit entstanden. Er dankte OB Fettback für die offizielle Kontaktaufnahme und sagte zu, "diese Inititative zu erwidern und zwischen unseren beiden Gemeinden Kontakt auf kultureller, sportlicher und sozialer Ebene, besonders unter den jungen Leuten, im Geiste der Versöhnung herzustellen." Bereits jetzt gibt es auf der Insel eine "Vereinigung der Guernseyer Freunde von Biberach" unter dem Vorsitz des stellvertretenden Bailiffs Christopher Day. Den Antrittsbesuch im Rahmen dieser neuen Kontakte machten im August die St. Martins Chorknaben, deren Feingefühl und Verständnis der englischen Sprache der Bailiff besonders lobte. Sie seien ausgezeichnete Botschafter ihres Landes gewesen.

Thomas Remfrey legt einen Kranz vor der Gedenktafel nieder.

Thomas Remfrey, Vorsitzender der Guernsey Vereinigung der Deportierten, die auch Mitglieder aus Jersey und Sark hat, dankte für die Errichtung der Gedenktafel auf dem Biberacher Friedhof. Man habe, als es ein erstes Foto gab, versucht, Verwandte der hier verstorbenen Deportierten ausfindig zu machen und sei dabei auch auf Bitterkeit und persönlichen Schmerz gestoßen. Fast alle aber hätten dieses Biberacher Unterfangen zu schätzen gewusst, vor allem wegen des namentlichen Gedenkens der Toten.

Die Namen wurden anschließend von St. Martins Chorknaben und Chorleiter Johannes Striegel verlesen. Vertreter der jüdischen Lagerinsassen waren nicht anwesend, aber auf Wunsch der Angehörigen wurde ihrer gedacht und Psalm 121 vorgetragen. Reinhold Adler tat dies und wies dann auf ein gleichzeitig in Guernsey sund in England tattfindendes Gedenken an die Toten des Lagers und an die vor der Insel und während der Besatzungszeit verstorbenen Deutschen hin. Das Biberacher Blechbläserquartett sorgte für eine würdevolle musikalische Begleitung.

Eine Woche bleiben die Gäste aus Guernsey in Biberach. Es ist dies kein Beginn einer neuen Städtepartnerschaft. Aber die Herzlichkeit und das Interesse, das beide Seiten an diesem Wochenende spürten, dürfte eine gute Grundlage für weitere Kontakte sein. Symbol dafür war die innige Umarmung der beiden höchsten Repräsentanten von Biberach und Guernsey bei hellem Sonnenschein neben der Gedenktafel für eine Zeit bitteren Leides.

Schwäbische Zeitung, 10. September 2002

At the graves: Honoring the deceased
Totengedenken auf dem Evangelischen Friedhof
The ecumenical service
Ökumenischer Gottesdienst


Weitere Quellen auf Weberberg.de:

Links to sources on the Web. 3D-Model of the camp. (Metastream plugin necessary)
A short history of the camp (English) Bilder vom Lager / Pictures of the camp
Die Geschichte des Lagers v. Garfield Garland (Übers. Reinhold Adler) Rosie Allsopps Artikel zum Besuch der Guernsey-Delegation in Biberach (source: ThisisGuernsey.com)