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Man hatte Wersch gewarnt vor Biberach als er noch am Bodensee in Hagnau Bürgermeister war: "Oh je, die Biberacher!". Und man hatte ihn vor Hagnau gewarnt, als er aus dem Rheinland dorthin ging: "Oh je, die Badener!" Wersch findet solche Einstellungen "total lustig und faszinierend." Für ihn unterscheiden sich die Menschen hier weder von Format und Herzlichkeit noch von Egoismus und Eitelkeiten von denen anderer Regionen, wie er in der Mitte des gut einstündigen Gespräches sagte. Das hatte mit der Frage nach seiner Nachfolge in Hagnau begonnen. Die ist immer noch ungeregelt. Der führende Kandidat des ersten Wahlversuches hatte sich, so Wersch, als Jurist ausgegeben, der er nicht war. Und war auch bei den Angaben zur Religion sehr flexibel mit der Wahrheit umgegangen. "Ökumenisch" hatte der Protestant damals angegeben. Für Wersch und die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden ist es ein Phänomen, dass so jemand noch einmal - und wohl mit Erfolg - antreten kann. Nein, sagt Wersch, nach 100 Tagen müsse er das Bild, das er sich vor seiner Bewerbung und nach den ersten Gesprächen im Ort von Biberach gemacht hatte, nicht revidieren. Und einen so schwierigen Start wie OB Thomas Fettback (damaliger Spitzname bei manchen Leuten: "OB Fettnapf") hat er wohl nicht gehabt. Die Mauern, gegen die Fettback damals stieß, sind Wersch wohl erspart geblieben. Und dass er in irgendwelche Fettnäpfe getappt wäre, sei ihm noch nicht zu Ohren gekommen. Dabei stand sein Amtsantritt nicht gerade unter einem guten Stern. Er trat die Nachfolge von Martin Loth an, einem Mann, dessen Bild seine Untergebenen nicht gerade als geliebten Starschnitt in der heimischen Wohnung hängen hatten. So etwas, kann man vermuten, bringt einem Nachfolger einen Misstrauensvorschuss ein. Aber Wersch ist optimistisch. Seinen Führungsstil beschreibt er, der einen "nicht übermäßig formellen Umgang" mit Menschen pflege, mit Worten wie "kooperativ" und "kameradschaftlich", Er wolle die Einzelnen an Entscheidungen beteiligen, von ihrem Wissen profitieren, denn "nur mit guten Leuten kann man gute Entscheidungen treffen."
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Etwa 250 MitarbeiterInnen hat er, den Großteil davon im Hospital, den er, der gerne mal flapsig formuliert, als "tolle Kiste" bezeichnet. Dessen Entwicklung und auch die zukünftige Entwicklung des Bürgerheimes werde derzeit "ergebnisoffen diskutiert". Wersch hält erklärtermaßen viel von konzeptioneller Arbeit und - bremst deswegen. Für ihn gibt es auf dem Gelände des Bürgerheimes noch ungeklärte Fragen, etwa die des "Roten Baus" und die wolle er erst im Rahmen eines Gesamtkonzeptes gelöst haben, bevor man sich auf neue Wege begebe wie etwa die - Trend! - Dezentralisierung der Altenpflege. "Was in Stuttgart oder in kleinen Gemeinden von 5-6000 Einwohnern gilt, muss für Biberach nicht unbedingt richtig sein. Wir haben eine Besonderheit, das große Bürgerheimareal. Das muss man berücksichtigen." Wenn es neue Trends gebe, müsse man sie auf die Biberacher Situation runterbrechen und ein Biberacher Modell entwickeln, an dem Überlegungen zur Altenpflege ebenso integriert sein müssten wie Aspekte der Stadtentwicklung. Und die Übernahme des Areals der Biber Brauerei im Stadtzentrum, als Standort für neue Wohnungen der Altenpflege? "Das ist derzeit nicht Gegenstand der Überlegungen. Und wenn dort ein Bedarf nach Stadtwohnungen erfüllt werden könnte, wäre das mindestens so toll, wie neue Pflegeplätze." Neue Geschäfte würden sich dort bei der derzeitigen Situation wohl nicht ansiedeln, aber die Zukunft des Biber Brau Areals fiele wohl eher in die Entscheidung privater Investoren als in die der Stadt und das sei auch recht so. Wie sieht er die finanzielle Situation Biberachs, die OB Fettback nicht müde wird, zu preisen? "Uns geht’s, relativ gesehen, gut. Andere Städte haben ihren Haushalt schon vor die Wand gefahren oder stecken schon in der Wand drin." Aber absolut sieht er die Überschüsse als zu gering an, sieht zu viele Belastungen. Und will daran arbeiten, dass die Stadt auch weiterhin Auftraggeber bleiben, Häuser unterhalten und bauen kann: "Bloß müssen wir das Geld dazu im Verwaltungshaushalt verdienen." Und weiter: "Wir haben Glück, dass unsere großen Unternehmen so international aufgestellt sind. Aber lassen Sie mal die Gewerbesteuereinnahmen um fünf Prozent zurückgehen, dann wird es schwierig. Wir sind jetzt mit der Ausgabenseite hart an der Kante. Priorisierung wird wichtig. Jeder Spaß wird nicht mehr gehen."
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Wersch ist offen und entspannt im Gespräch in seinem Amtszimmer. Beruflich sieht er sich hier schon integriert, privat noch nicht und statt des heimischen Mittagstisches gibt es halt oft den Stehimbiss im "La Mare". Aber das Defizit bei der privaten Integration wundert nicht, denn seine Familie wohnt noch am Bodensee und zieht erst am 25. Juli nach. Seiner bodenständigen Frau Claudia wird das schwerfallen, "obwohl sie ja auch nicht vom See kommt." Aber auch hier ist Wersch zuversichtlich: "Sie kann gut mit Menschen umgehen" - da dürfte es mit der privaten Integration wohl bald klappen. |
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"Neue Besen kehren gut" geben wir ihm als Stichwort. Und Wersch spricht von den Zukunftsaufgaben im Schulbereich (frühere Einschulung, achtjähriges Gymnasium, Problem der Essensversorgung), von der Pflege (demographischer Wandel und junge Pflegebedürftige), und von finanziellen Engpässen. Und davon, dass er den OB und seine Kollegen mitnehmen wolle auf die Reise, die nicht nur die Fähigkeit zum Gestalten sondern auch zum Umgestalten verlange. Er spricht von der Verwaltungsreform, die dem Landrat einen Machtzuwachs bringen wird: "Das tut uns nichts. In der Regel haben wir eine gute Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium und dem Landratsamt und ein direkterer Draht kann nicht schaden." Der "neue Besen" beklagt die bisherige "miserable Eingemeindungspolitik", die einen Speckgürtel um Biberach herum geschaffen habe und für die Diskussionskultur im Rathaus wählt er ein Adjektiv, das stark negativ ist, wir aber auf unseren Aufzeichnungen nicht mehr entziffern können Auf das Verhältnis zum OB angesprochen, wählt Wersch eine vorsichtige, diplomatische Formulierung: "Wir sind auf dem Weg zur Vertrauensbildung." Das lässt aufhorchen, aber ist wohl weniger Anzeichen für ein gespanntes Verhältnis zwischen den beiden (was sicher mehr Gesprächswert hätte), als für eine wohl auch vom OB - nach den Erfahrungen mit dem Vorgänger - vorsichtige Annäherung an den politisch anders orientierten Wersch. Und strebt er in einer Zeit, in der der Trend für die CDU und gegen die SPD läuft, die Nachfolge von OB Fettback an? "Lächerlich" ist für Wersch diese Vermutung, die er wohl schon öfter gehört hat. "Beim nächsten Wahltermin bin ich 54 und wir wissen ja, wie man hier auf ältere Kandidaten reagiert." Der Frage nach etwaigen Bewerbungen in andere Städte kommt Wersch zuvor. Weder Ulm noch Karlsruhe und schon gar nicht Mannheim täten ihn reizen. "Wenn man in Biberach angekommen ist, ist man schon in einer der besten Städte angekommen." Auch in finanzieller Hinsicht. In Hagnau hatte Wersch Dorfwanderungen initiiert. Als Angebot für die im Leben stehenden, die oft durch den Rost fallen zwischen Angeboten für Jugendliche und Alte. Das zwanglose Reden beim Gehen kann er sich auch für Biberach vorstellen, allerdings "wenn dann auch zehn Prozent der Zielgruppe kämen, gäbe es wohl Organisationsprobleme." Und schließlich fragen wir, ob Biberachs Erster Bürgermeister zu den Weberberg.de-Lesern zu zählen ist. Er schaue gelegentlich mal auf die Website, meint er. Aber er habe ohnehin mit einer Informationsflut zu kämpfen und müsse bei seiner Lektüre auch zwischen Pflicht und Vergnügen entscheiden. Einen entscheidenden Nachteil hat Weberberg.de gegenüber dem anderen täglich in Biberach erscheinenden Medium für Wersch: "Man kann es nicht mit aufs stille Örtchen nehmen." Der Weberberg.de-Redaktion bleibt da nichts anderes übrig: Sie erkennt diesen entscheidenden Vorteil der Schwäbischen Zeitung zähneknirschend an. Das Weberberg.de-Interview führte Dierk Andresen |