"Ernst
Ludwig Kirchner und der Tanz"
Von E.L. Kirchner
(1880 - 1938) präsentiert das Braith-Mali-Museum dauerhaft
10 Ölgemälde und 15 Papierarbeiten. Die Sommerausstellung
zum Motiv des Tanzes versammelt 70 Drucke, Zeichnungen, Gemälde,
Fotografien und Wandbehänge aus allen Schaffensperioden.
Die europäische
Kultur ist keine des Tanzes. Der Gruppe der Nicht-Tänzer
ist um vieles größer als die der Tanzbegeisterten.
Dennoch spielt das Motiv des Tanzes in der Klassischen Moderne
eine wichtige Rolle. Die Suche nach Ausdrucksformen modernen Lebens
bewegte die unterschiedlichen Künste und im Tanz erhielt
der Ausbruch aus der in Regeln erstarrten wilhelminischen Gesellschaft
einen leibhaftigen Ausdruck. Um die Jahrhundertwende drehte sich
die Welt schneller und sie riss nicht nur die Tänzer mit,
sondern auch die bildenden Künstler.
Neben Edgar
Degas und Henri de Toulouse-Lautrec verbindet sich das Motiv des
Tanzes vor allem mit dem Werk Ernst Ludwig Kirchners. Kirchner
begleitete das Tanzgeschehen über dreißig Jahre - seit
1905 in Dresden, ab 1911 in Berlin und nach 1918 von Davos aus.
Im Unterschied zu den beiden französischen Künstlern
war sein Blick nicht auf ein Milieu beschränkt. Kirchner
begeisterte sich für Darbietungen aller Art - ob Ballett,
Walzer, Tango oder Bauerntanz. Er liebte die Unmittelbarkeit sich
bewegender Körper; vermutlich hat er selbst nur selten das
Tanzbein geschwungen. Er war ein Beobachter, ein Sammler rascher
Eindrücke.
Zahlreich
waren seine Besuche in den Dresdner und Berliner Vergnügungsetablissements.
Dort skizzierte er ungarischen "Csardas" und amerikanischen
"Apachentanz". Er radierte orientalischen Bauchtanz
und erfasste die "Panamagirls" bei ihren Reihentänzen.
Den Auftritt der St. Petersburger Primaballerina Olga Preobrajenskaja
hielt er in einer Lithografie fest, als sie 1909 im Dresdner "Central-Theater"
auftrat. Teilweise begleiteten ihn seine "Brücke"-Kollegen
Fritz Bleyl und Erich Heckel. Bei einem gemeinsamen Besuch in
Hamburg machte er in einem der neuen Tanzpaläste Station
und gravierte den aktuellen Gesellschaftstanz "Rumba"
in die kleine Zinkplatten. Viele Male war er Gast im Dresdner
Zirkus Schumann, die Artistik von Drahtseiltänzerinnen ist
Thema einer Anzahl kleiner Radierungen.
Dabei verzichtet
Kirchner durchgängig auf Ausschnitte oder kubistische Zergliederungen,
stets ist der Körper der Tänzerinnen mit Kopf und Beinen
erfasst. Tanz meint die bewegte Person in ihrer Gesamtheit. Zuweilen
liefen Bleistift und tänzerische Darbietung parallel. Besonders
in der Atmosphäre des Varietes und Cabarett wurden seine
Skizzen zum Widerhall des Gesehenen. Die Buntheit der Kostüme,
das Synchrone der Gliedmaßen empfand er als großen
formalen Fundus.
Zeitlebens
reizten ihn Tänze, bei denen Geräusche verursacht wurden.
Im Unterschied zu den fast lautlosen Bewegungen des Balletts setzten
die Tänzerinnen beim Stepptanz oder Cancan die Füße
bewusst laut auf. Dem Staccato der Beine folgte der Zeichenstift
reflexartig. Hingegen scheint die Musik Kirchner wenig inspiriert
zu haben. Seine Darstellungen legen nicht die Assoziation eines
musikalischen Klangraums nahe. Weder das Orchester noch einzelne
Musiker, weder Instrumente noch Notenblätter rücken
ihm in den Blick. Kirchner interessierte der Rhythmus, die Geschwindigkeit,
nicht die Melodie.
Früh
entdeckte er eine Vorliebe für akrobatische Darbietungen.
Ihn reizte die Körperbeherrschung der Akteure beim Überschlag,
Kreuzschritt oder Drahtseiltanz. Im lange Eingeübten, das
so leicht daherkam, fand Kirchner sein eigenes künstlerisches
Anliegen wieder. Tanz bei Kirchner meint zu aller erst professionellen
Tanz. Die in Aktion erfassten Personen beherrschen ihre Bewegungen
und folgen eine einstudierten Choreografie. Auch die dargebotene
Freude ist Teil ihrer Performance. Das Credo der "Brücke-Künstler"
in Bezug auf Unmittelbarkeit des Ausdrucks erregte sich auch am
Ausdruck professioneller Akteure.
Im Zentrum
seines Schaffens stand die Gestaltung des weiblichen Körpers.
Man spürt, wie stark er die Reize der Tänzerinnen aufgreift.
Stets sehen wir die Akteure in die Bildmitte gesetzt und uns zugewandt;
keine zeigt sich von hinten oder tritt aus dem Bild. Viele scheinen
ausschließlich für Kirchner zu tanzen. Mit seinem geübten
Blick ist er ein anspruchsvoller Zuschauer. Die hochgewirbelten
Röcke der Tänzerinnen liefern nicht nur die ornamental
bewegte Linie des Jugendstils, sie geben auch den Blick frei auf
Beine und spitzengesäumte Unterwäsche.
Kirchner teilte
die Kritik am Ballett, das in seinem strengen Reglement und in
unnatürlichen gymnastischen Übungen erstarrt sei. Vermutlich
erschien es ihm auch als zu wenig erotisch. An Stelle von Sprüngen,
Hebungen, Pirouetten findet sich bei ihm das ruckartige Beugen
des Beckens, hochgezogene Schultern und das Schütteln des
Oberkörpers. Es sind raffinierte erotische Appelle, die die
Entrücktheit der Ballettkörper in das Tempo und die
Sinnlichkeit der Gegenwart holen.
Tänzerinnen
beflügelten nicht nur Kirchners Kreativität, sondern
auch sein Privatleben: Line, Schauspielerin und Varietetänzerin,
widmete er 1905 die Holzschnittfolge "Zwei Menschen".
Gerda und Erna Schilling; Schwestern und Tänzerinnen, begegnete
er schon bald nach seiner Ankunft in Berlin in einem Nachtlokal
1911. Erna bleibt seine Lebensgefährtin bis zu seinem Freitod
1938. Die Tänzerin Nina Hard lernte er 1921 bei einer Aufführung
in Zürich kennen und lud sie nach Davos ein, wo sie einige
Monate in seinem Haus verweilte. Mary Wigman und Gret Palucca,
beide Tänzerinnen und Choreografinnen wurden für Kirchners
künstlerische Entwicklung am einflussreichsten.
Wigman und
Palucca gehören zu den herausragenden Schöpferinnen
und Interpretinnen des deutschen Ausdruckstanzes. Beide hatte
Kirchner bei einem Besuch in Dresden 1926 kennen gelernt und bei
Proben beobachtet. Sie erweiterten seine Vorstellung vom Tanz
als eine Darbietung kurzweiligen Vergnügens. In sein Tagebuch
notierte er: "Heute erster großer Eindruck bei Mary
Wigman. Ich empfinde das Parallel, wie es sich in ihren Tänzen
ausdrückt in der Bewegung der Massen, die die Einzelbewegung
verstärken durch die Zahl. Es ist unendlich anregend und
reizvoll diese Körperbewegungen zu zeichnen. Ich werde davon
große Bilder malen. Ja, das was wir geahnt haben, das ist
doch Wirklichkeit geworden. Die neue Kunst ist da."
Im Ausdruckstanz
gelangten die Tänzer zu einer ganz neuen Gestaltungskraft.
Das Tempo wurde geändert und nie zuvor gesehene Gesten und
Gebärden wurden entwickelt. Gruppentänze formten skulpturartige
Gebilde. Die Fülle der menschlichen Empfindungen wurde zum
Thema, es ging um Freude und Trauer, Leben und Sterben. Es wurden
Masken und weite Gewänder getragen. Der Tanz emanzipierte
sich von der Musik und auch vom Betrachter.
War Kirchner
bis dahin auf Anregungen von außen angewiesen, so entstanden
seit Beginn der 30er Jahre Tanzdarstellungen als Ausdruck innerer
Bilder. Damit gelang es Kirchner die Rolle des Beobachters zu
verlassen und zum Schöpfer eigener Tanzformen zu werden.
Man könnte sagen, Kirchner wurde zum Choreografen.