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Meine sehr verehrten Damen und Herren, auch ich möchte Sie herzlich im Braith-Mali-Museum begrüßen. Mit "Rulaman der Steinzeitheld" eröffnen wir heute eine Ausstellung, die in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes ist. Zunächst handelt es sich um die buchstäblich erste selbst produzierte archäologische Sonderausstellung in der Geschichte des Braith-Mali-Museums. Dabei war es mir ein großes Anliegen, nach vielen kunst- und stadtgeschichtlichen Ausstellungen auch einmal eine archäologische Ausstellung durchzuführen. Ähnlich wie es mir ein Anliegen ist, einmal eine große naturkundliche Sonderausstellung zu organisieren. Natürlich liegen die Schwergewichte des Braith-Mali-Museums aus sammlungsmäßigen, aber auch aus personellen Gründen auf den beiden Abteilungen Kunst und Stadtgeschichte. Dennoch sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass dieses Mehrspartenmuseum ebenfalls bedeutende naturkundliche und archäologische Sammlungen aufweist. So hat das Regierungspräsidium Tübingen erst kürzlich die landes- und forschungsgeschichtliche Bedeutung der archäologischen Sammlung Forschner im Braith-Mali-Museum dadurch unterstrichen, dass es die Sammlung als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung in das Denkmalbuch Baden-Württemberg eingetragen hat. In einer exzellent gestalteten Dauerschau im Dach dieses Museums zeigen wir aus der Sammlung Forschner, einer der größten archäologischen Privatsammlungen Süddeutschlands, mehr als 2.000 zum Teil herausragende Fundstücke aus allen relevanten urgeschichtlichen Epochen Oberschwabens. Dass das nicht ausreichend bekannt ist, liegt natürlich daran, dass wir nur wenige archäologische Veranstaltungen, Aktionen oder gar Ausstellungen anbieten können. Und das liegt wiederum daran, dass das Braith-Mali-Museum personell eben nicht mit einem Archäologen ausge-stattet ist. Das ist gar kein Vorwurf, denn die Stadt tut ja sehr viel für ihr überraschend großes und kostenträchtiges Museum. Ein weiterer festangestellter Wissenschaftler ist da einfach nicht im Bereich des Möglichen. Um so mehr sind wir auf zeitliche Lösungen und Zufälligkeiten angewiesen. So bin ich Dr. Erwin Keefer vom Würtembergischen Landesmuseum und Dr. Ralf Baumeister vom Federseemuseum sehr dankbar, dass sie die Archäologen-Familie Wiermann von Freiburg nach Oberschwaben gelockt haben. Susanne Wiermann wurde Museumspädagogin am Federseemuseum, und ihr Mann, Dr. Roland Wiermann, fragte mich schon vor zwei Jahren, ob es nicht auch einmal ein archäologisches Projekt am Braith-Mali-Museum geben könnte. Seitdem suchten wir nach einer tragfähigen Idee. Und es war dann wiederum der Archäologe Dr. Roland Wiermann, der im Frühjahr 2002 auf mich zukam und mir die Idee unterbreitete, den Rulaman in einer Ausstellung zu verarbeiten. Als Nicht-Archäologe und nicht-Württemberger und noch dazu als Vertreter einer jüngeren Generation sagte mir der Rulaman rein gar nichts. Aber überall wo ich fragte, stieß ich auf begeisterte Kennerschaft. Die biografisch gefärbte Emphase meines Chefs hat Ihnen Kulturdezernent Dr. Biege in seiner Begrüßung eben selbst erläutert. Aber gerade so ging es weiter, zum Beispiel als wir uns an die württembergischen Museen wandten und auf großes Interesse in Hinsicht auf eine spätere Weitergabe der Ausstellung stießen, als wir beim Schwäbischen Albverein nachfragten, der sofort bereit war, in seiner Vereinszeitung für uns zu werben, als wir bei der Redaktion der Schwäbischen Heimat anriefen, die uns bereitwillig einen großen Artikel gewährte, als wir beim Naturtheater Hayingen um Hilfe baten, das in diesem Sommer das Theaterstück Rulaman wieder einmal aufführte und natürlich unsere Faltblätter auslegte, und ebenso als wir beim Württembergischen Landesmuseum Stuttgart, beim Ulmer Museum und bei der Uni Tübingen am Institut für Ur- und Frühgeschichte vorsprachen, die uns mit großzügigen Leihgaben unterstützten usw. usw. Überall hieß es: Was, Sie machen etwas zum Rulaman? Das ist ja toll. Den habe ich schon als Kind gelesen. Auf die Idee, den Rulaman in eine inszenierende Ausstellung zu bringen, schien man überall in Württemberg nur so gewartet zu haben. So bekamen wir auch die Unterstützung der Stiftung der Landesbank Baden-Württemberg, die als unser Sponsoring-Partner den Bau der aufwendigen, täuschend echt nachgebildeten Figurinen mitfinanzierte. Auch von dieser Stelle, lieber Herr Pfab, nochmals vielen herzlichen Dank dafür. Und so bekamen wir die Unterstützung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach. Ich möchte erwähnen, dass mich Frau Viia Ottenbacher vom Wieland Archiv hier in Biberach darauf brachte, bei der Arbeitsstelle für die literarischen Museen in Marbach um Förderung zu bitten. Viia Ottenbacher sei an dieser Stelle herzlich für diesen Tip gedankt. Denn da lernte ich Prof. Thomas Scheuffelen kennen und gemeinsam brachten wir in intensiven Gesprächen unser begleitendes Katalogprojekt auf den Weg. Auch dafür, Herr Prof. Scheuffelen, nochmals herzlichen Dank. Herr Dr. Biege hat bereits erwähnt, dass auch unser Förderkreis Biberacher Museum e.V. nicht zurückstand, uns bei der Finanzierung der Figurinen zu helfen. Auch dafür auch meinen Dank. Ich möchte Sie, meine Damen und Herren, auf den Ausschank am Büffet unseres Förderkreises hinweisen. Nach dem Ausstellungsbesuch darf ich Sie dort auf ein Glas Rulaman-Wein einladen, Wein vom Hohenneuffen, dem Nufaberg in David Friedrich Weinlands Rulaman, der Berg der Kalats. All diese Unterstützungen und Hilfen waren möglich, all diese Türen und Konten öffneten sich – mit einem schlichten Zauberwort: Rulaman. Für diejenigen, die immer noch nicht wissen, was es damit auf sich hat, sei hier eine kurze Einführung in David Friedrich Weinlands legendären Jugendroman gegeben: Rulaman, eine Naturgeschichtliche Erzählung aus der Zeit des Höhlenmenschen und des Höhlenbären – wie der vollständige Titel lautet – schildert das gefahrvolle Leben eines steinzeitlichen Jungen und seiner Familie. Das Buch erschien im Jahr 1878 – vor 125 Jahren – in einer für die damaligen Verhältnisse aufwendig illustrierten Ausgabe. Der Roman wurde seitdem in unübersehbar vielen Gesamt- oder Teilausgaben immer wieder neu aufgelegt, in fünf europäische Sprachen übersetzt und vermutlich mehr als eine halbe Million mal verkauft. Insbesondere in Württemberg erlangte er vor allem um die Jahrhundertwende große Popularität. Die regionale Eingrenzung seiner Bekanntheit kam nicht von ungefähr, schließlich reichen die Schauplätze der Geschichte vom Hohenneuffen, dem Blautopf und den Höhlen der Schwäbischen Alb bis hinab zum oberschwäbischen Federsee. Rulaman ist der Häuptlingssohn der Aimats, das sind altsteinzeitliche Jäger und Sammler, wie sie am Ende der letzten Eiszeit vor 10 / 20 / 30.000 Jahren auf der schwäbischen Alb gelebt haben. Weinland zeichnet den Alltag der Aimats nach, die in der Tulkahöhle wohnen, er nimmt uns mit auf die Jagd nach Rentieren, Löwen, Bären und Mammuts. Die Sippe durchlebt Freundschaft, Liebe und Abenteuer. Doch die Idylle gerät in Gefahr, als Kundschafter melden, dass vom langen Fluss, dort wo die Sonne aufgeht – gemeint ist die Donau –, ein neuer Volksstamm ins Land gekommen ist. Die Kalats, die Waffen aus Bronze besitzen, lassen sich auf dem Nufaberg, dem heutigen Hohenneuffen, nieder, wo sie als Bauern leben. Es kommt zu ersten Kontakten. Man geht zusammen auf die Jagd. Schließlich werden die Aimats zum Sonnenwendfest der Kalats auf den Nufaberg geladen. Im Verlauf der Feier jedoch werden die Aimats von ihren Gastgebern überfallen und umgebracht. Nur Rulaman entkommt und kann sich mit der alten Parre in die Staffahöhle retten. Dort prophezeit ihm die Seherin, dereinst über die Kalats zu herrschen. Soweit der inhaltliche Abriss. Heute ist diese Abenteuergeschichte von David Friedrich Weinland 125 Jahre alt. Schon Weinlands ebenso poetisch wie naturverhaftet anmutende Landschaftsbeschreibungen wie auch die zum Teil hellsichtigen Skizzen altsteinzeitlichen Lebens hätten eine Jubiläumsausstellung gerechtfertigt. Aber natürlich ist die archäologische Forschung in 125 Jahren nicht stehengeblieben. Es ist daher das Anliegen dieser Sonderausstellung, die Romanvorlage mit dem aktuellen Forschungsstand der Archäologie zu vergleichen. Wer würde es sich nicht wünschen, wenn ein Buch, das man als Kind verschlungen hat, nun mit einem kritischen Apparat versehen wird, der der Abenteuergeschichte von damals das heute viel detailliertere Bild der Urgeschichte an die Seite stellt. Wer würde es sich nicht wünschen, wenn ein Buch, das heute zumindest stellenweise überholt ist und das sich dem laienhaften Zugriff allmählich entzieht, in seinen schönsten Stellen wiederbelebt wird, indem man es hier korrigiert und dort anreichert mit heutigem Wissen. Dies fügt sich zu einer konturenreichen Collage über den Fortgang der Wissenschaften und den Wandel des Zeitgeistes. Denn natürlich erscheinen Rulaman und seine Gefährten aus heutiger Sicht allzu edel, rein und körperlos. Und natürlich kommen die in ihre Welt einbrechenden Kalats, die (sehr fehlerhaft) mit den Kelten gleichgesetzt werden, charakterlich allzu schlecht weg – ganz wie es sich für einen vaterlandstreuen und antifranzösischen deutschen Autoren des ausgehenden 19. Jahrhunderts geziemte. Dies ist der Hauptfehler, den man David Friedrich Weinland aus heutiger Sicht ankreiden muss, dass er altsteinzeitliche Jäger mit eisenzeitlichen Kelten konfrontiert. Auch wenn wir zugute halten, dass die Forschung um 1875, die Zeit der Abfassung des Rulaman, von kürzeren Zeitabständen in der Urgeschichte ausging, so hätte Weinland doch wissen können, dass vor der Eisenzeit und vor der Bronzezeit auch jungsteinzeitliche Bauern in Europa lebten. Nur sie hätten die (da schon warmzeitlichen) Jäger treffen können. Aimats und Kalats – so wie Weinland es verstand – trennen mindestens neun Jahrtausende. Warum – haben wir uns gefragt – geht Weinland so großzügig mit Völkern und Jahrtausenden um? Offenbar um eine Bauernkultur auf eine Jägerkultur treffen zu lassen. Warum aber ist er an einem derartigen Übergangszeitalter interessiert, dass per se eine historiografische Fiktion darstellt? Schließlich wusste auch er, dass keinerlei archäologische Hinweise auf einen Kampf zwischen den Kulturen vorliegen. Das war so zu seiner Zeit und das ist bis heute Stand der Forschung. Offenbar will er mit Macht den finalen Abwehrkampf eines unterlegenen Jägervolkes gegen überlegene Einwanderer darstellen. Ein Gutteil der Faszination des Rulaman besteht ja gerade darin, dass er in dieser dramatisch stilisierten und zugespitzten, epochalen Entscheidungssituation zwischen den Kulturen spielt. Weinland mochte sich mit der wissenschaftlich gebotenen Zurückhaltung nicht begnügen. Abgesehen von den Höhlen auf der Schwäbischen Alb, in deren unmittelbarer Nähe er seinen Wohnsitz hatte, ist vermutlich diese dringende Frage, wie man sich die Ablösung der Jäger durch die einwandernden Bauern konkret vorzustellen hat, zum Anlass seines Schreibens geworden. Dabei dachte er an ein gewaltsames Ende der Jäger. Das war – gemessen an unserem heutigen Bild der Urgeschichte – voreilig und ist sozialdarwinistisch eingefärbt, so als würden sich die Völker der Weltgeschichte immer nur kriegerisch ablösen. Das ist mitnichten der Fall. Aber diese Vorstellung passte in die Zeit Weinlands. Als Belege für seine Überzeugung von einem steten Kampf der Kulturen zieht er an mehreren Stellen im Rulaman die für ihn zeitgeschichtliche gewaltsame Verdrängung der Indianer in Nordamerika heran. Weinland hatte in den 1850er Jahren als Zoologe in den Vereinigten Staaten von Amerika gearbeitet und hatte insbesondere während einer Reise an die Großen Seen 1856 persönliche Beobachtungen über die Indianerkriege und die Lebensbedingungen der Indianer in den Reservationen gemacht. Offenbar waren die Erlebnisse in den USA einschneidend, sonst hätte er diese Geschehnisse in Amerika nicht wiederholt im Rulaman mit der fiktiven Situation zwischen den Aimats und den Kalats verglichen. Dabei unterstellt er nicht nur zwischen den Kontrahenten im Wilden Westen, sondern in gerader Analogie auch zwischen den Aimats und Kalats eine rassische Kluft. Im Vergleich zum zivilisierten Europäer bezeichnet er die zeitgenössischen Naturvölker wie auch die altsteinzeitlichen Aimats wiederholt als primitivere Menschenform. Dies ist der Hauptgrund, aus dem der Rulaman heute sehr veraltet ist. Aber es geht hier nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu erheben. Auch Robinson Crusoe ging nur wenig respektvoll mit seinem Freund "Freitag" um. Es geht darum zu ergründen, woher das rassische Paradigma im 19. Jahrhundert herrührte. Das hatte ja noch nichts mit dem extremen Rassismus im 20. Jahrhundert zu tun. Bedenken wir, dass der Neandertaler erst 1856 im Tal der Düssel gefunden wurde und dass Charles Darwin seine Evolutionstheorie erst seit 1859 vorlegte. Die Einsicht in die Abstammung des Menschen aus dem Tierreich aber impliziert die Annahme, dass es Übergangsstadien, Affenmenschen, Halbmenschen, Frühmenschen oder Urmenschen gegeben hat, und der Darwinist Weinland zieht diese Konsequenz. Für ihn erschienen die Rassen der Naturvölker als die Frühformen des heutigen Menschen. Er war damit ultramodern in einer Zeit, als auf den Kanzeln noch die biblische Schöpfungslehre gepredigt wurde. Er war modern, aber aus heutiger Sicht lag er grundfalsch. Denn heute wissen wir, dass die Jäger der ausgehenden Altsteinzeit Menschen waren wie wir. Diese Tatsache legen wir gleich an den Anfang unserer Ausstellung. Wir zeigen Ihnen zwei menschliche Schädel aus den frühen jungpaläolithischen Schichten am Vogelherd im Lonetal, die dort 1931 unter der Leitung von Gustav Riek ausgegraben wurden. Es sind eindeutige Homo-sapiens-Schädel, und sie sind mehr als 30.000 Jahre alt. Es läuft derzeit eine C14-Datierung zweier Proben von diesen Schädeln an der Kieler Universität. Wenn diese Untersuchung die stratigraphisch gefundene Datierung bestätigt, dann wären dies die ältesten Homo-sapiens-Funde Europas. Sie wären eine Bestätigung dafür, dass die so genannten modernen Menschen aus Afrika und dem Vorderen Orient entlang der Donau nach Mitteleuropa eingewandert sind. Hier bei uns haben sie die Neandertaler wahrscheinlich nicht mehr angetroffen. Wir belegen Ihnen auch dies mit der Verarbeitung moderner klimatologischer Forschungen in unserer Ausstellung. Wir zeigen Ihnen den originalen Abschnitt eines Bohrkerns aus dem Füramoser Ried, der den Klimaverlauf der letzten 60.000 Jahre nachzeichnen hilft. Dieser Bohrkern belegt nicht nur wiederholte und vergleichsweise kurzfristige und enorme Klimawechsel, er belegt auch, dass zwischen den letzten Kulturschichten der Neandertaler und den ersten der modernen Menschen eine sterile Schicht liegt, in der Kulturhinterlassenschaften von Menschen fehlen. Es ist der aktuelle letzte Stand der Forschung. – Aber bringt er uns – so detailiert und ausgeklügelt er auch ist – einem wirklichen Einblick in dieses äonenlang vergangene Zeitalter näher? Ich glaube nicht, und gerade deshalb brauchen wir bis heute den Rulaman. Gerade in Bezug auf unsere beiden Schädel beschleicht mich ein wenig die Sorge, ob der laienhafte Besucher wirklich wahrnimmt, um welche Sensationen es sich da handelt. Die meisten werden einigermaßen achtlos daran vorübergehen, denn im Zeitalter des multimedialen Overkills haben zwei simple Skelettköpfe nicht einmal den Thrill einer alltäglichen Geisterbahn. Doch wir blicken in die leeren Augenhöhlen zweier wirklicher Menschen, die vor sage und schreibe 30.000 Jahren gelebt haben. Sie haben Angst, Liebe, Hunger und alle anderen menschlichen Gefühle und Bedürfnisse empfunden. Sie haben eine Sprache gesprochen, Lieder gesungen, eine Religion gehabt. Nichts davon blieb erhalten. Wir kennen das Alter der beiden Männer, wir wissen, dass der eine Zahnschmerzen hatte und der andere einen Gehirntumor, aber inhaltlich gesehen sind sie ein vollständiges Geheimnis geblieben. Sie sind die stummen Zeugen eines wahrhaft archaischen Zeitalters, die ersten von unserer Art. Sie waren Menschen wie wir. Fortschritte der Menschheit sind seither nicht mehr in biologisch-physischer Hinsicht, sondern allein in technologischen, ökonomischen und sozialen Bereichen zu verzeichnen. Auch dies ist eine der Besonderheiten dieser Ausstellung. Wir zeigen Ihnen zum Teil sensationelle altsteinzeitliche Fundstücke. Aber sie kommen ganz und gar nicht wie einzigartige Kostbarkeiten daher. Sie bestehen aus unscheinbaren Materialien, und es ist nicht einmal sehr viel, was wir da für Sie zusammentragen konnten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass dies die letzten Trümmer einer unvorstellbar lang zurück liegenden Zeit sind. Wir müssen bedenken, dass unsere Exponate zum Teil wesentlich älter sind als der letzte Gletschervorstoß der Würmeiszeit von vor 20.000 Jahren. Das heißt, diese Dinge haben die gewaltige Überfahrung und tiefgreifende Umpflügung unserer Landschaft durch viele Meter mächtige Eisschichten überstanden. Natürlich haben sie das nicht im Freiland überstanden. Man findet buchstäblich nichts Altsteinzeitliches im Freiland, sondern nur in den Höhlen. Daher rührt ja das Missverständnis auch Weinlands, die Altpaläolithiker wären Höhlenbewohner gewesen. Heute wissen wir, dass sie die Höhlen nur zeitweilig aufsuchten, vor allem im Winter, wenn es draußen zu kalt war. Im Sommer dagegen genossen sie die Weite der Tundrenlandschaft und schlugen auf den Hochflächen der Schwäbischen Alb ihre Lager und Zelte auf. Dies belegen zumindest Freilandlagerfundplätze in Osteuropa. Wir zeigen Ihnen zwei ganz kleine, beinerne Nadeln. Auch diese Nadeln, die wir vom Württembergischen Landesmuseum entleihen durften, sind eine Sensation. Denn sie belegen, dass die Jäger Lederkleidung aus passgenau zugeschnittenen und zusammengenähten Lederteilen getragen haben, wahrscheinlich Anoraks und Leggins wie die Eskimos und Inuits und eben keine primitiven Überwürfe, wie es Weinland annehmen musste. Die Lederkleidung ist nach Jahrzehntausenden längst vergangen. Erhalten im Schutt der Sedimente der Brillenhöhle bei Blaubeuren blieb nur diese kleine Nadel, die mit ihrem wunderbar zentrisch eingebohrten Öhr zu einem Signum menschlicher Erfindungsgabe avanciert. Wir zeigen Ihnen die Schlachtabfälle der Rentierjäger vom Petersfels bei Engen. L´age du renne nennen die Franzosen das Magdalénien, das Zeitalter des Rentiers vor 13.000 Jahren. Wir zeigen Ihnen aus unserer Sammlung Forschner Rengeweihfunde, die Oscar Fraas 1866 an der Schussenquelle gemacht hat. Mit ihnen gelang damals erstmals der Beweis, dass Menschen bereits während der Eiszeit in Europa lebten. Ein Geweihstück zeigt nämlich eine von Menschenhand ausgestemmte Spanrille. Aus dem Geweih ist mit einem Meißel das poröse und biegsame Innere herausgetrieben worden, das sich so gut zur Herstellung von Geschossspitzen eignete. Wir zeigen Ihnen eines der ältesten Musikinstrumente der Weltgeschichte. Friedrich Seeberger hat Ihnen gerade eine Weise auf einem Nachbau des originalen Fundes aus dem Geißenklösterle bei Blaubeuren vorgespielt. Er wird uns gleich noch einmal etwas darauf darbieten. Die originale Flöte wurde zusammen mit einer anderen in einer Schicht entdeckt, für die ein Radiokarbon-Alter von 36.800 Jahren ermittelt wurde. Jetzt steht sie in der Ausstellungsvitrine an einen Kalkstein gelehnt, so als hätte Rulaman selbst sie dort abgelegt, nachdem er der schönen Welda ein Lied dargebracht hatte. Und wir zeigen Ihnen die atemberaubende alsteinzeitliche Kunst. Dabei haben wir darauf verzichtet, Ihnen hier allzuviel von dem darzubieten, was Sie auch sonst in unserer Region in der urgeschichtlichen Ausstellung im Schloss Hohentübingen, im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart oder im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren sehen können. Aber wir zeigen Ihnen das ebenso beschädigte wie anmutige Köpfchen eines Pferdes aus dem Hohle Fels bei Schelklingen. Wir zeigen Ihnen eine spektakulär gravierte Kalksteinplatte aus der Hohlenstein-Höhle im Nördlinger Ries. Im Liniengewirr lassen sich mit wunderbar sicherem Strich ein Perdekopf, isolierte Pferdeextremitäten und stilisierte Fraufiguren ausmachen. Da fragt man sich schon, war das eine Übungsplatte? Oder haben die Überlagerungen etwas zu bedeuten? Wer weiß? Und wir zeigen Ihnen den berühmten Löwenmenschen. Leider, aber auch selbstverständlich nicht das Original. Das ist im Ulmer Museum. Aber auch die Kopie führt uns den Rang dieses über die Maßen geheimnisvollen Kunstwerkes unmittelbar vor Augen. Es ist eines der ältesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte und eines der eindrucksvollsten Stücke der Eiszeitkunst überhaupt. Doch wir haben den Löwenmenschen nicht aus solchen Superlativ-Gründen in unsere Ausstellung gebracht, sondern weil er einen direkten inhaltlichen Bezug zum Rulaman aufweist. Als Mensch-Tier-Mischwesen gibt er Hinweise auf eine schamanistische Religion in der Altsteinzeit. Noch heute gibt es Schamanen, zum Beispiel in Sibirien und Nordskandinavien. Schamanen nehmen im Zustand der Trance mit den Geistern Kontakt auf. Exaltiertes Tanzen und eindringliches, rhythmisches Trommeln und Singen lösen die Trance aus, in der Muster und Gestalten halluziniert werden. Manche Menschen berichten, sie seien in Trance in eine Traumwelt gelangt und hätten sich in Tiere, Pflanzen oder Gegenstände verwandelt. Vielleicht geht der aus Elfenbein geschnitzte Löwenmensch auf solche Tranceerlebnisse zurück. Wir wissen es nicht. Alle inhaltlichen Überlegungen über die wahre Bedeutung der altsteinzeitlichen Kunst bleiben spekulativ. Aber dafür haben wir ja den Rulaman. Bis heute füllt uns das Buch die Lücken aus, die auch der detaillierte Forschungsstand der Archäologie immer noch lässt. Die prominente Schamanin im Rulaman ist die alte Parre. Sie ist die Urahnin der Aimats, die Heilerin und Seherin. Und auch sie haben wir in unserer Ausstellung, leibhaftig und lebensgroß, wie hergezaubert aus der Altsteinzeit, gemeinsam mit Rulaman und einer weiteren Paläolithikerin. Es sind dies die bereits erwähnten Figurinen. Gerade wegen dem angesprochenen understatement, das die originalen Exponate aus der Altsteinzeit an den Tag legen, wollten wir unserer Ausstellung ein wenig mehr Leben einhauchen. Wir wollten Rulaman selbst in die Ausstellung bringen, das heißt wir wollten zeigen, wie man sich heute David Friedrich Weinlands jungen Helden vorstellen würde. Wir nahmen deshalb mit einem bekannten Schweizer Ausstellungskünstler Kontakt auf, mit Gerry Embleton, der uns die leibhaftigen Protagonisten aus dem Roman angefertigt hat. Gekleidet sind die Figurinen entsprechend dem Forschungsstand der Archäologie in Anoraks und Leggins aus echtem Rentierleder. Dies besorgte der experimentelle Archäologe Rolf Barth aus Sinntal für uns. Die schwierige Koordination zwischen den Beteiligten bewerkstelligte unser Museumspädagoge Konrad Kopf, dem ich dafür herzlich danke. Das Ergebnis ist bestechend. Ich bin gespannt auf Ihre Meinung, meine Damen und Herren. Die Figurinen sind aber nur das eine, die Atmosphäre der Ausstellung, die Abdunkelung und nur punktuelle Beleuchtung, die meterhohe Projektion einer virtuellen Rentierherde an der Giebelwand, zudem das Kino, in dem ein spezielles Weinland-Feature gezeigt wird, und die Audioguides, die mit Hörspielen in CD-Qualität inhaltliche Vertiefungen der zum Teil komplexen Thematik anbieten, all dies bringt eine regelrechte High-tech-Ausstellung zueinander, wie wir sie in Biberach in dieser Form vorher noch nicht geschafft haben. Ich bin deshalb dem Museumsteam sehr zu Dank verpflichtet für die hochengagierte Arbeit über Monate und Wochen. Ich danke unserem neuen Museumstechniker, Herrn Mehmed Elibol, der für all die speziellen Beleuchtungen, Projektionen und technischen Installationen verantwortlich zeichnet, ich danke unserem Schreiner, Herrn Manfred Kramer für den aufwendigen und hochpräzisen Ausstellungsbau, und ich danke unserem Restaurator, Hanspeter Ihle für die exquisite Behandlung und Inszenesetzung der Exponate. Das Ergebnis spricht für sich. Lassen Sie mich zum Schluss doch noch einen hervorheben: Dr. Roland Wiermann, unseren leider nur zeitweiligen Facharchäologen am Braith-Mali-Museum. Auf ihn geht die Idee zu dieser Rulaman-Ausstellung zurück, auf ihn geht das inhaltliche Konzept der Ausstellung und die Lösung der vielen kleinen Detailprobleme zurück. Ohne einen solchen Fachmann vor Ort wäre ein solches Projekt nicht durchführbar. Lieber Roland Wiermann, ich danke Dir deshalb ganz besonders für die herausragend gute Zusammenarbeit. Ich möchte Sie nun, meine Damen und Herren, auf unser umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung mit Vorträgen, Führungen, Exkursionen und museumspädagogischen Veranstaltungen hinweisen. Die genauen Angaben können Sie unserem Faltblatt entnehmen. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit. |
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