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Donnerstag, 30. September 2004
- Stuttgarter Zeitung Nr. 227
„I am Rosemary" hat sie bis Mitternacht wach gehaltenJunge Biberacher übersetzen als Schulprojekt ein Buch Das
Buch der Wiener Jüdin Marietta Moskin, die als Kind mehrere KZ überlebt
hat und im Internierungslager Lindele bei Biberach war, ist an
amerikanischen Schulen Pflichtlektüre. Biberacher Schüler haben es ins
Deutsche übersetzt.
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![]() Der Abgabetermin hat ihnen im Nacken gesessen. Jetzt genießen Christine, Lea und Laura (v. li.) ihre Eisbecher im Biberacher Venezia. Foto Geier |
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Von Martin Geier
Lea ist 18 und besucht das Pestalozzi-Gymnasium im oberschwäbischen Biberach. Sprachen sind ihre Stärken, Musik, Kunst - Mathematik weniger. Später mal möchte sie in den diplomatischen Dienst, aber vorher ein Jahr nach Afrika als Entwicklungshelferin. „Unbedingt", sagt die blonde junge Frau mit den blauen Augen. Ihr Lieblingswort heißt cool. Laura ist gleich alt, findet nicht alles cool und stellt sich vor, später Kommuni- kationswissenschaften zu studieren. Christine ist mit 17 die Jüngste des Trios. Sie kommt aus dem kleinen Dorf Aßmannshardt.. Ihr Ziel heißt einmal Südamerika. Sie sind drei von dreißig, die die Kindheitserinnerungen der in New York wohnenden Holocaust-Überlebenden Marietta Moskin ins Deutsche übersetzt haben. Stolz sind sie aber vor allem darauf, dass sie ihre Namen als Übersetzer von „I am Rosemary" schwarz auf weiß in dem Taschenbuch „Um ein Haar" gedruckt sehen, das im Frühjahr nächsten Jahres auf den Markt kommt. Wer kann das schon von sich sagen, in diesem Alter an der Veröffentlichung eines Buches mitgewirkt zu haben. Da das dazuhin eine Gemeinschaftsleistung von Schülern des Pestalozzi-Gymnasiums und der Dollinger-Real- schule ist, muss man die Leistung der Biberacher Jugendlichen in gehörigem Maße würdigen - Pisa zum Trotz, zumal das Projekt ein ganzes Jahr lang ungeheuer viel Zeit von ihrer Freizeit abgeknapst hat. Schuld an allem sind die Lehrer Reinhold Adler (Dollinger) und Wölfgang Horstmann (Pestalozzi). Der Lindele-Adler, als den ihn viele in der Stadt kennen, ist per Zufall und auf vielen Umwegen auf Marietta Moskin gestoßen. Seit jahren forscht der passionierte Historiker über das Biberacher Internierungslager Lindele und hat darüber auch ein Buch geschrieben („Das war nicht nur Karneval im August"). Die Wiener Jüdin war als Kind in den Konzentrationslagern Westerbork und Bergen- Belsen, zuletzt bis zur Befreiung durch die Alliierten im Internierungslager Lindele vor den Toren Biberachs. Die Holocaust-Überlebende hat ihre Erinnerungen in der fiktiven Gestalt der Rosemarie Brenner nieder- geschrieben. Seit mehr als 30 Jahren steht „I am Rosemary" in den USA in fast jeder Schulbibliothek und ist in die Lehrpläne der siebten Klasse aufgenommen. Über Adler bekam Horstmann das Buch in die Hände, und nach der teils bedrückenden Lektüre war auch schon der Plan geboren, das Jugendbuch von Biberacher Jugendlichen übersetzen zu lassen. Christine, Lea und Laura aus der Klasse 10 waren sich sofort einig. Was kein Wunder ist, gehören sie doch zu den Assen in Englisch. Leas Eltern fragten die Tochter vorher, ob sie wisse, was sie da tut, und ob sie sich mit dieser auf ein Jahr angelegten freiwilligen Arbeitsgemeinschaft nicht zu viel aufhalse. Immerhin hat Lea noch Klavierstunden und spielt in einer Theater-AG. Lauras Eltern waren beeindruckt von der Idee ebenso wie vom Engagement ihrer Tochter, und bei Christine schien es sowieso klar, weil sie das durchzieht, was sie einmal anpackt und als Ziel im Blick hat. |
Zunächst, so sagen die Schülerinnen in der Nachbetrachtung, sah alles wie ein Spaziergang aus. Okay, man war neugierig, endlich boten einem die Lehrer mal etwas anderes an. Doch je mehr Zeit ins Land ging und in der Ferne das Ende des Schuljahres abzusehen war - das hieß Abgabetermin -, umso mehr kam Stress auf. Immer wieder wurden die Übersetzungen diskutiert; manche verbrachten Stunden in der Bibliothek. Eines stellte sich bald heraus und wurde korrigiert: zu große Übersetzerteams arbeiten ineffektiv, da gab es zu viel Reibungsverluste, zu lange Debatten. Die Zeit im Nacken, packten Christine, Lea und Laura jeweils ihren Schlafsack und übernachteten einmal bei der Freundin, einmal bei der anderen. Oft bis nach Mitternacht saßen sie über „I am Rosemary". Die Autorin Moskin überlebte den Holocaust, ihre Freundin Ruthie Schönheim nicht. Im Buch wird die Szene so beschrieben: „Ich schaute ihr nach, aber ich nahm weder sie noch' die Zäune wahr, die uns trennten. Stattdessen sah ich Ruthie und Piet, in Liebe eng verschlungen auf der Heide in Westerbork. Ruthie und Piet. Sie hätten sich heiraten, sich lieben sollen. Hätten viele rothaarige Kinder mit blauen Augen und herzförmigen Gesichern haben sollen. Stattdessen hatten sie drei oder vier schreckliche Tage und Nächte zusammen in einem dunklen, stinkenden Viehwagen verbracht, und jetzt war Ruthie tot. Tot, ganz allein auf dem nackten Boden eines zugigen Zeltes. Und nur Gott wusste, wo Piet war." In einem Interview sagte die Moskin über ihr Buch, in Bergen-Belsen habe es Zeiten gegeben, in denen es leichter gewesen wäre zu sterben. „Weiterzuleben war ein Kampf. Und das wollte ich zeigen, dass man kämpfen kann." Christine, Lea und Laura haben das Buch erst ganz gelesen, als sie mit ihrer Übersetzung durch waren. Christine war beeindruckt, konnte sich gut in Rosemary hineinversetzen, ähnlich Laura. Für Lea ist das Buch cool. Mehr zeigen die jungen Frauen nicht über ihre Gefühle. „Das kommt später", ahnt Reinhold Adler, „so ein Buch hat Langzeitwirkung. Daran erinnert man sich irgendwann später einmal." Für Wolfgang Horstmann, den Fachleiter für Englisch, ist das Ganze ein Glücksfall, und das in verschiedener Hinsicht. Denn das Projekt kam in seinen Augen dem Urbild des Lernens nahe. Erstaunlich, und für erfahrene Lehrer wiederum doch nicht, ist, dass die meisten Schüler der Projektgruppe Rosemary aus dem musischen Zug des Gymnasiums kommen. Als ganz persönlichen Gewinn sieht er, dass sich bei diesem Unternehmen Schüler und Lehrer auf einer ganz anderen Ebene, nahezu in Augenhöhe, begegnet sind. „Ich erinnere mich noch an unser erstes Treffen bei mir zu Hause. Da kamen die Mädchen, die ich alle nicht kannte, und eine legte sich gleich aufs Sofa, zog die Schuhe aus, verlangte bei meiner Frau nach einer Decke und hörte mir dann vier Stunden interessiert zu." |
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