Michael Zaremba (Berlin)

Vortrag am 12. September im Wieland-Museum Biberach anlässlich von Herders 200. Todesjahr und der Buchveröffentlichung:

Johann Gottfried Herder - Prediger der Humanität

Johann Gottfried Herder 1744-1803

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name lautet Dr. Michael Zaremba; ich wohne als freier Schriftsteller in Berlin.

Seit meiner Studienzeit und nach Kenntnisnahme auch entlegener Teile des Werkes Johann Gottfried Herders zog mich seine imaginative Sprachkraft an. Ich besuchte Seminare, schrieb meine Staatsexamensarbeit über ihn und wurde an der Freien Universität Berlin mit einer interdisziplinären Dissertation über das humanitäre Nations- und Volksverständnis des aufgeklärten Geistlichen promoviert. Als Lehrer der Literaturwissenschaft und politischen Philosophie führte ich schließlich selbst in sein Werk ein und las immer wieder die Schriften.

Von Beginn an fasziniert von Herders theologischen Gedanken, die das Humane zum Zentrum haben, bezauberten mich ebenso die fassettenreichen Nuancen seines Stils. Allerdings wird die Klarheit seiner Aussagen häufig von einer gleichsam eruptiven Sprachgewalt in den Hintergrund gedrängt, die den Leser durch einen authentisch-urwüchsigen, an Luther erinnernden Bilderreichtum belohnt. Bald verstand ich den Geistlichen als Politosophen, der das Individuelle mit dem Gesellschaftlichen verbindet, die Gotteslehre mit dem Anspruch von Menschlichkeit gleichsetzt.

Die seit dem Jahre 1996 abgeschlossene Edition von Herders Briefwechsel, neue Register- und Kommentarbände sowie Forschungsergebnisse legten die Abfassung einer modernen Biografie nahe, da die Korrespondenz einen umfassenden, teilweise intimen Einblick in die alltäglichen Freuden und Nöte des Predigers bietet. Ein geeigneter Partner für das Projekt einer modernen Herder-Biografie, die zum 200. Todesjahr erschien, wurde der Böhlau Verlag.

Leider sind historisch-kritischen Editionen selten eine über die Fachwelt hinausgehende Leserschaft beschieden. So entstand meine Idee, anhand der nur wenigen Experten bekannten Gesamtkorrespondenz Herders eine gut lesbare, zugleich fachlichen Ansprüchen genügende Lebensbeschreibung zu verfassen. Es folgte die systematische Lektüre des Briefwechsels, um mich vertiefend in Herders Lebens- und Gedankenwelt einzufühlen. Die Biografie ist gleichsam eine Hommage an Dr. Günter Arnolds Lebenswerk, der seit 1971 die Gesamtedition von Herders Briefwechsel bearbeitet und Kommentar- sowie Ergänzungsbände vorlegte. Dr. Arnold von der Stiftung Weimarer Klassik/Goethe- und Schiller-Archiv fungiert außerdem als Mitherausgeber der Herder-Edition des Deutschen Klassiker Verlages. Er nahm meine Herder-Dissertation zu DDR-Zeiten mit Interesse zur Kenntnis, zeigte sich gegenüber dem Projekt einer modernen Herder-Biografie aufgeschlossen und stellte sein überragendes Fachwissen zur Verfügung. Dr. Arnold ist jedoch nicht nur als Bearbeiter der Briefbände zu danken, sondern er hat in zahlreichen Beiträgen das Bild Herders in der Literaturgeschichte korrigiert, so betonte er in der DDR-Forschung die Bedeutung Herders als Prediger und Theologe. Das Manuskript der Biografie entstand in ständiger Auseinandersetzung mit ihm; Dr. Arnold hat auch das Vorwort verfasst. Weitere Berater waren für rechtsgeschichtliche Fragen der Präsident des Thüringer Oberverwaltungsgerichts, Dr. Hans-Joachim Strauch, für den medizingeschichtlichen Bereich der Berliner Chirurg Dr. Johannes Zeilinger.

Meine Damen und Herren, ich kann und will in diesem Rahmen nicht die Vita von Johann Gottfried Herder nachzeichnen; da verweise ich propagandistisch auf mein Buch, das neue Fassetten seines Lebens ausleuchtet. Vielmehr möchte ich einige resümierende Gedanken meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit Leben und Werk des Predigers der Humanität vortragen:

Johann Gottfried Herder war Intellektueller, Kritiker, zuweilen ein in dichterischen Bildern schwelgender Poetheologe, aber nach eigenem Verständnis kein Dichter. Zwar vermochte er fremde Schriften mit feinem Gespür zu zergliedern, aber seine Gedanken verdichteten sich nie zu einem abgerundeten Kunstwerk – fast alles blieb Fragment. Er verstand sich als Prediger, Gelehrter und Pädagoge mit dem Charisma eines geistigen Anregers par excellence, dessen überragendes wissenschaftliches Potenzial die Kenntnis der meisten Zeitgenossen in den Schatten stellte.

Die Ursachen für das Fragmentarische, Unabgeschlossene bei Herder sind der ständige Fluss der Gedanken, die Neigung zu interdisziplinären und multiperspektivischen Aspekten. Sämtliche "Fragmente", aus denen sein Werk besteht, ergänzen einander zu dem Lebensprojekt einer Universalgeschichte der Wissenschaften. Besonders in der Bückeburger Zeit ist ein Simultanschaffen nachweisbar, das Abzweigen von Textpartien für gleichzeitig entstehende andere Schriften: Beim Schreiben ergaben sich neue Fragen, die in einer weiteren Studie und in einem anderen Zusammenhang untersucht werden mussten. So entstanden sprachlich virtuose Abhandlungen höchster stilistischer Reife, deren poetische, metaphernreiche Prosa oft den schmalen Grat zwischen Wissen und Vision wandelt. Die zahlreichen ästhetischen, geschichtsphilosophischen, philologischen und theologischen Untersuchungen zeigen ihn als einen an der englischen Frühaufklärung geschulten Essayisten.

Häufig wird sein Selbstverständnis als Lehrer übersehen, denn erzieherische Meriten sind schwer nachprüfbar, und schulpolitische Reformvorschläge oder didaktische Schriften fördern kaum die Popularität ihres Verfassers. Herder definierte sich als Erzieher, das Dozieren und der Einsatz für Menschlichkeit galten ihm als zwei Seiten einer Medaille. Lebenslang litt er jedoch unter dem Konflikt zwischen der Funktion als kirchlicher Amtsträger, Pädagoge und Gelehrter. Geistliche, die als Homme de lettres auftraten, gab es viele, aber Herder distanzierte sich mit seiner Ablehnung der Theorie vom göttlichen Ursprung der Sprache und mit seinem Bekenntnis zur Aufklärung zu deutlich von der protestantischen Orthodoxie, um nicht als Freigeist diskreditiert zu werden. Diese Einsicht verstärkte den Drang nach einer Professur an einer liberalen Hochschule, und es ist möglich, dass er – wäre er der Berufung gefolgt – an der Göttinger Alma Mater zufriedener als in Weimar gelebt hätte.

Vor allem das religiöse Bekenntnis prägte Herders Leben und Wirken. Der lutherische Protestantismus, den Johann Gottfried in seinem Elternhaus kennen lernte, beeindruckte ihn nachhaltig und förderte frühzeitig den Wunsch, Prediger zu werden. Die pietistische Mutter vermittelte ihm die Bildsprache und den Wortschatz der Bibel, der Vater war Kantor an der Stadtkirche, durch den Diakon Sebastian Trescho begegnete er der Literatur. Trotz der frühen geistlichen Prägung graute ihm vor der (vermeintlich) tristen Karriere eines Dorfpfarrers, auch die Theologie war ihm zunächst fremd, vielmehr verstand er sich frühzeitig als Gelehrter mit besonderer Neigung zur Philologie, später auch zur Historie.

In Jugendjahren oft in Gedankenträumen versunken, war er vom dritten Lebensjahrzehnt an bemüht - trotz aller spontanen Brüche, die sein Leben aufweist - in bürgerlichen Bahnen zu wandeln. Nach der Glanzzeit in Riga und der Odyssee der Reisejahre mutierte er zum verlässlichen Familienvater, tauschte er die juvenile Freiheit gegen familiäre Bindung und widerlegte damit jene Skeptiker, die seine Braut Caroline vor der Heirat des unbeständigen Predigers gewarnt hatten. Unbeirrt hielt Sie zu Johann Gottfried, als dieser in späteren Jahren vom liebenswürdigen Galan zum notorischen Hypochonder und Querulanten mutierte. Sein Krankheitsbild, auf dessen Schilderung meine Biografie besonderen Wert legt, war breit gefächert und nicht zuletzt in ungesunder Lebensführung begründet: Leber- und Gallenerkrankung, Gicht, Rheuma, Hämorrhoidalleiden, chronische Verstopfung, häufige Bronchialkatarrhe, Rückenbeschwerden sowie die Tränenfistel raubten ihm den Seelenfrieden. Ohne Caroline, die ihn umsorgte, als Lektorin, Sekretärin und Geschäftsführerin diente und in jeder Lage zu ihm stand, hätte sich sein Leben allerdings weitaus unerträglicher gestaltet. Auch neigte er zu Boshaftigkeiten und Sticheleien gegen Personen, die ihm nahe standen. Diese missliche Verhaltensweise, unter welcher auch der junge Goethe litt, war Ergebnis einer prekären charakterlichen Mischung aus Selbstüberhebung und einem cholerischen Temperament, dessen Wurzeln neben sozialen Gründen auch in den nahezu permanenten Schmerzen seiner Tränenfistelerkrankung und anderen Leiden lagen.

Trotz langjähriger Freundschaften - zu Hamann, Verleger Hartknoch, Gleim, Goethe, Jean Paul, Wieland und Jacobi - blieb Herder Einzelgänger, der seine intellektuellen Bedürfnisse mehr durch Lektüre und Korrespondenz als durch persönlichen Umgang befriedigte. Berechnend war er nicht, sonst hätte er bereits in seiner Jugendzeit statt ästhetischer und philologischer Studien orthodox-religiöse Schriften verfasst, die seine berufliche Laufbahn begünstigt hätten. Im Alter entstanden hingegen, trotz schlechter Honorierung, mit Vorliebe theologische Traktate. Auch Ehrenbezeugungen und Titel galten ihm wenig, denn er war ein bescheidener Mann, dessen Ehrgeiz sich an geistiger Auseinandersetzung entfachte; gleichwohl kränkte ihn die Verweigerung der Nobilitierung durch den Landesherrn.

Den literarischen Schaffensprozess empfand Herder als seelisch heilsam, aber er reagierte empfindlich, ja zuweilen idiosynkratisch auf Kritik, was ihm häufig das Schreiben verleidete und in den frühen Jahren ein vergebliches Beharren auf Anonymität seiner Schriften bewirkte. In Riga ließ er sich sogar entgegen der Wahrheit (wenig christlich gegen diverse Bibelsprüche verstoßend) zum öffentlichem Verleugnen seiner Autorschaft der "Kritischen Wälder" hinreißen, aber mit zunehmendem schriftstellerischen Selbstbewusstsein bekannte der Pastor litteratus sich als Autor.

Trotz ständigem geistigem Schöpfertum und intellektueller Regsamkeit darf nicht übersehen werden, dass sich Herder ab dem mittleren Lebensalter in eine dienstliche Arbeitswut steigerte, die seine Kreativität ernsthaft beeinträchtigte. Besonders in Weimar vertiefte er sich häufig derart in seine Amtsgeschäfte, dass er nicht einmal während gesundheitlicher Krisen davon abließ. In der intensiven Ausübung seines Berufes fand der geplagte Geistliche einen gleichsam zwanghaften Ausgleich zu seiner Ruhelosigkeit, die auf depressive Verstimmung hindeutet.

Sein Wesen zeigte Herzensgüte, anerkannte er doch neidlos die Vorzüge anderer. So wurden Goethes überlegene Talente von ihm gewürdigt, gleichwohl kritisierte er dessen dezidierten Ästhetizismus, den der Freund insbesondere nach der Rückkehr von der Italienreise an den Tag legte. Herder, zeitlebens Aufklärer, blieb stets skeptisch gegenüber einer Kunst, welche die Moral vernachlässigt; politisch-sittliche Reflexionen gehörten für ihn integral zum Kunstwerk. Er verstand sich — ähnlich wie Hamann — als Opposition innerhalb der Aufklärung, in der er tief verwurzelt war und deren Repräsentant er gegen moderne Zeitströmungen blieb.

Hauptquellen von Herders aufgeklärtem Patriotismus waren die pietistische Erziehung, das historische Interesse und der Humanitätsgedanke. Die Vielfalt seiner geschichtsphilosophischen, soziopolitischen und sprachphilosophischen Überlegungen machten ihn hellhörig gegen jeden Nationalwahn. Menschlichkeit bedeutete für Herder keine dichterische Metapher: Sein Bekenntnis zur Humanität entwickelte sich von einem ästhetischen und geschichtsphilosophischen zu einem eminent politischen Verständnis, das insbesondre nach dem Terror der Französischen Revolution wie auch der Konterrevolution an Brisanz zunahm. Häufig wurde der konkrete Aussagewert des Begriffes Menschlichkeit in Frage gestellt, und tatsächlich ist ein Element der definitorischen Unschärfe in ihm enthalten, aber diese Unwägbarkeit ist für Herder ein Gradmesser seiner moralischen Qualität und ständiger Anlass zur Reflexion.

Denn neben dem pietistischen Einfluss und dem historischen Interesse, welche die Grundlage seines politischen Denkens bilden, tritt bei Herder eine dritte Komponente hinzu: die Humanitätsphilosophie. Das lateinische Wort "humanitas" wird durch "Menschennatur, Menschlichkeit, menschliche Würde, menschliches Gefühl", aber auch durch "Menschheit, menschliche Gesellschaft" und "feinere höhere Bildung und Geschmack übersetzt. Das seit dem 16. Jahrhundert eingedeutschte Wort "Humanität" und das Adjektiv "human" (= menschlich, menschliches Wesen und Gefühl, menschenfreundlich, leutselig) erhielt allerdings erst im 18. Jahrhundert einen wichtigen Stellenwert und wurden schließlich von Herder philosophisch begründet. Das Zedlersche Lexikon definiert noch im 18. Jahrhundert Humanität lediglich als "Höflichkeit und Leutseligkeit", ein typisches barock-courtoises Verständnis eines traditionsreichen, in der Antike verwurzelten Begriffes. Herder hat das Humanitätsdenken endgültig dem Oberflächlichen entrissen, es aber nicht antikisch restauriert, sondern mit neuen Inhalten erfüllt.

Humanitätsgedanke und Nationsverständnis sind bei Herder unmittelbar aufeinander bezogen: Die Harmonie von Humanität, Patriotismus und Christentum ermöglichte (noch) einen ungezwungenen Umgang mit der explosiven Formel Nation, so dass Herders Idee einer kulturellen und politischen Integration der Deutschen nur im Zusammenhang mit der Humanitätsphilosophie angemessen deutbar ist. Wir wissen, dass bereits in der Folgegeneration dieses Denken starke Gegner fand.

Ohne Herder für eine politische Richtung zu reklamieren, kann festgestellt werden, dass viele seiner Forderungen vom Frühliberalismus aufgenommen wurden. Dazu gehören der Wunsch nach Freiheit von Despotie und Staatswillkür ebenso wie eine politische Philosophie, deren republikanische Vorstellungen von den britischen und nordamerikanischen Verfassungen beeinflusst ist. Auch Leitbegriffe wie die Humanitätsidee, das Individualitätsprinzip und der Evolutionsgedanke weisen in diese Richtung. Gleichwohl verlauten in der "Adrastea" vereinzelt bedenklich restriktive Forderungen, die sich nicht zu seinem freisinnigen Grundton fügen. Diese betont konservativen Ressentiments resultierten aus der Abwehr eines sich durch neue geistige Strömungen wie dem Kantianismus bedrängt fühlenden Geistlichen, der um die Zukunft seines Glaubens wie um die moralische Integrität seiner Schüler besorgt war.

Denn auch Herders Theologie speist sich aus dem Humanitäts- und Individualgedanken: Der Einzelne, unabhängig von kirchlichen Institutionen und Dogmen, steht in unmittelbarem gefühlsmäßigen Bezug zu Gott und verwirklicht seinen Glauben durch den Einsatz für Menschlichkeit. Predigten, Katechismen und theologische Untersuchungen Herders bekunden ein ökumenisches Weltbild, das die Einheit des Christentums im Glauben an den Erlöser und in einer überkonfessionellen religiösen Humanität sieht, die als einzige Autorität das Evangelium anerkennt.

Postuliert wird eine undogmatische Theologie, die - echt lutherisch - Gefühle und Empfindungen des Subjekts mit einbezieht, deren Wahrheit sich unmittelbar aus der Bibel speist. Die Bückeburger Studie "Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit" ist wie die Schrift "Älteste Urkunde des Menschengeschlechts", deren erster Band ebenfalls 1774 erschien, von einer Ausdruckskraft geprägt, die dem gesprochenen Wort nahe steht. Beide Schriften sind historische Predigten, vorgetragen mit einer bis dahin nur vom "Reisejournal" bekannten sprachlichen Verve. Ein gelehrt-trockenes Idiom ist Herder fremd, aber die Emphase des Autors schwingt in jedem Wort mit - eine Diktion, die nicht ohne Kritik bleiben sollte.

Während Herder am zweiten Teil der "Hebräischen Poesie" schrieb, hatte er aus naturwissenschaftlichen Schriften und Reisebeschreibungen Material für ein Opus magnum gesammelt, das eine Gesamtschau der Geschichte von den kosmologischen Ursprüngen der Welt bis zur neuesten Zeit bieten sollte: "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit". Das universalhistorische Werk, eine Einheit von Anthropologie, Ethnologie, Geografie, Geschichtswissenschaft und Klimatologie anstrebend, reflektiert nahezu den gesamten Wissensstand seiner Zeit. Was Herder bereits am Beginn spürte, bewahrheitete sich in den folgenden Jahren: Während der Bearbeitung entstand eine gleichsam enzyklopädische Darstellung der menschlichen Geschichte in sprachlich reifer Einheit von Form und Gesinnung. Er empfand das neue Werk, welches unter seiner Feder anschwoll, gleichsam als Zusammenfassung aller vorherigen Studien. Frühzeitig zeichnete sich ab, dass die "Ideen" das lang ersehnte Hauptstück, die Krönung seines literarischen Schaffens werden könnten, gleichsam ein Resümee seines Denkens und Wirkens, eine Geschichte der "Humanität" und der Kultur.

In den "Ideen" dient Humanität als teleologischer Leitbegriff zur Beschreibung des Zweckes der menschlichen Natur. Allerdings dient Humanität nicht nur dem Autor als geschichtsphilosophische Leitvorstellung, sondern auch die Leserschaft soll ein humanitäres Vorverständnis in die Lektüre einbringen und auf Besserung von Mängeln hinwirken (vgl. SW XIII, 6). Im fünfzehnten Buch (SWS XIV, 204-252) avanciert die Humanitätsidee zu einem historischen Gesetz: "Humanität ist der Zweck der Menschen-Natur und Gott hat unserm Geschlecht mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben." Der Ablauf der Weltgeschichte zeigt, "daß mit dem Wachsthum wahrer Humanität auch der zerstörenden Dämonen des Menschengeschlechts wirklich weniger geworden sei; und zwar nach innern Naturgesetzen einer sich aufklärenden Vernunft und Staatskunst." (SWS XIV, 207; 217) Die Einführung der Humanitätsidee in die historische Betrachtung sprengte die Konventionen der Geschichtswissenschaft, zugleich bot der definitorisch unscharfe Leitbegriff eine Angriffsfläche für die kritische Vernunftlehre.

Die Arbeit an seinem Hauptwerk ging nur schwer von der Hand: "Ich brüte über den Ideen; aber es rückt sich nicht von der Stelle." (Brief vom 20. Dezember 1784) In diese Phase der Schreibhemmung traf die Rezension des ersten Teils der "Ideen" durch seinen vormaligen Lehrer Kant wie ein Keulenschlag: Die Jenaer "Allgemeine Literatur-Zeitung" veröffentlichte in ihrer Erstausgabe im Januar 1785 eine spöttisch-herablassende Buchbesprechung durch den inzwischen zu höchsten akademischen Ehren aufgestiegenen Königsberger Philosophen. Ironisch weist Kant auf Herders "kühne Einbildungskraft hin, [die] verbunden [sei] mit der Geschicklichkeit, für einen immer in dunkeler Ferne gehaltenen Gegenstand durch Gefühle und Empfindungen einzunehmen." Sarkastisch zerpflückt der Professor für Logik und Metaphysik Herders kunstvoll konstruierte Analogieschlüsse, wobei der Königsberger es nicht unterlässt, maliziös auf den Predigerberuf Herders hinzuweisen, der trotz der "so oft verengenden Bedenklichkeiten seines Standes" immerhin zu großen Entwürfen fähig sei. Dieser Schlag traf ins Mark, zumal, wie Herder spürte, die Kritik nicht unberechtigt war.

Was sich bereits in seinen Studienjahren im Verhältnis zum Königsberger Philosophen abgezeichnet hatte, kam in der Auseinandersetzung um die "Ideen" voll zum Tragen: Kants kritisch-präzise Rationalität traf auf Herders oftmals intuitiv-poetische Weltsicht, welche sich nicht scheute, die Humanitätsidee als anthropologisch-historisches Naturgesetz zu deuten. Tatsächlich stilisierten die "Ideen" zeitgenössische Forschungsergebnisse zu naturwissenschaftlich-philosophischen Predigten, die geschickt und suggestiv zwischen Faktenreichtum und Hypothetik oszillieren. Solche definitorische Unschärfe musste vor Kants schonungslos rationaler Kritik scheitern, und auch eine von Wieland umgehend lancierte anonyme Apologie der "Ideen" durch dessen späteren Schwiegersohn, Carl Leonhard Reinhold, im Februarheft des "Teutschen Merkur" konnte für Herder die "schiefe geheime Bosheit" (Brief von Ende Januar 1785) der Kantschen Invektive nicht mindern.

Der geplante fünfte Teil der "Ideen", der sich mit der neuesten Geschichte befasst hätte, blieb ungeschrieben - also auch Herders Hauptwerk ein Fragment. Der Autor spürte, dass angesichts der radikalen politischen Entwicklungen, welche die Französische Revolution zeitigte, die Fortsetzung der "Ideen" in der bisherigen Form nicht möglich sei. Eine den aktuellen Begebenheiten angemessene literarische Ausdrucksform fand Herder in einem Briefwechsel zwischen fiktiven Angehörigen eines "Bundes der Humanität". Am 27. April 1792 wies Caroline, die sich immer mehr in die Rolle seiner Managerin und Sekretärin einlebte, erstmals auf eine Schrift hin, die den Titel "Briefe, die Fortschritte der Humanität betreffend" führen sollte. Das Werk versuchte die Darstellung der "Fort- oder Rückschritte der Humanität in älteren und neueren, am meisten aber in denen uns nächsten Zeiten" (SWS XVII, 5). In einem Brief an Gleim beschreibt Herder unmissverständlich das politisierte ästhetische Konzept der neuen Schrift: "Mich intereßirt die Stimme der Muse sehr, wenn sie über die acta et facta der Welt, von denen Wohl u. Weh abhängt laut zu reden oder zu singen wagt, u. sich in das Pauken- u. Trommelgetön, in die Thorheit u. Weisheit öffentlicher Verhandlungen mischet." (Brief vom 28. Mai 1792)

Caroline bekannte sich als Anhängerin der Französischen Revolution. An Jacobi schrieb sie enthusiastisch von der "Sonne der Freiheit" (Brief vom 11. November 1792), die bald über der gesamten Menschheit aufgehe. Der vorsichtige Gatte stellte indes im selben Brief mäßigend fest, dass Caroline durchaus "nicht am Freiheitsschwindel" leide, sondern "in terra obedientiae eine gute Deutsche" sei. Herders Manuskript der unveröffentlichten ersten Sammlung der "Humanitätsbriefe", das im Dezember 1792 der politisch radikal gesonnene Knebel gelesen hatte, war jedoch von unverhohlener Sympathie für die revolutionären Ereignisse geprägt. Erst die Enthauptung des französischen Monarchen im Januar 1793 stieß auf Herders entschiedene Ablehnung, hatte sich doch gezeigt, dass die Freiheits- und Nationsidee schnell eine aggressive Gestalt annehmen kann: "Humanität ist der Schatz und die Ausbeute aller menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unsres Geschlechtes. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unabläßig fortgesetzt werden muß; oder wir sinken, höhere und niedere Stände, zur rohen Thierheit, zur Brutalität zurück." (SWS XVII, 138). In dieser prekären politischen Situation bekannte sich Herder zu einem aufgeklärten Patriotismus, als Ideal galt für ihn die friedliche Einrichtung einer republikanischen Verfassung mit einer gedeihenden politischen Kultur. Vorbildlich erschienen ihm dafür die Ideen des liberalen englischen Staatstheoretikers John Locke, insbesondre dessen Entwurf einer Konstitution der amerikanischen Provinz Carolina, sowie das britische Verfassungssystem (vgl. SWS XXIII, 132-135, 156-161).

Ein grundlegendes Problem von Herders Charakter bestand darin, dass er sich den Herrschenden nur schwer unterordnen konnte: Mit dem Bückeburger Graf Wilhelm kam es zum ernsten Dissens, und die peinlichen Umstände seiner Nobilitierung bekunden deutlich die Ablehnung des rebellischen Generalsuperintendenten durch den Weimarer Herzog. Johann Gottfried Herder war ein Homo politicus oder Politosoph, der sich nicht vor der Verbalisierung unbequemer Wahrheiten scheute; im Eifer des literarischen Schwunges leistete er sich häufig antifeudale Invektiven, die der Selbstzensur oder dem freundschaftlichen Rat Goethes zum Opfer fielen. Gleichwohl fungierte Herder in seinem geistlichen Amt als Bestandteil des staatserhaltenden Systems, was aufgrund seiner Revolutionssympathien mit inneren Konflikten verbunden war. Seine ursprünglich positive Einschätzung der Französischen Revolution, dokumentiert in Briefen und in der Urfassung der "Humanitätsbriefe", wich nach der Hinrichtung des bourbonischen Königs entschiedener Ablehnung, allerdings blieb der Keim seiner Hoffnung für den Fortschritt der Humanität erhalten.

Herder galt als aufrichtig und glaubwürdig, aber auch als Heißsporn und - in späten Jahren - als Hypochonder. Infolge seines unausgeglichenen Charakters schwankte oft seine Stimmungslage, und ein ausgeprägter Eigensinn - möglicherweise Erbteil seiner ostpreußischen Herkunft - bestimmte sein Verhalten, das er selten kaschierte. Verglichen mit dem allerdings fünf Jahre jüngeren Goethe alterte Herder vorzeitig. Der Charme, den er einst ausstrahlte, war in späten Jahren unter einem Berg von Selbstmitleid, Schwermut und Starrköpfigkeit verschüttet. Im Alter schien er eine gleichsam selbstquälerische Lust am hoffnungslosen Kampf und gezielter Düpierung von Bekannten und Freunden zu finden. So kam es unter anderem zur ernsten Verstimmung mit Schiller über "den Widerspruch Herders, der mir meinen Kantischen Glauben, wie es scheint, nicht verzeyhen kann." (Brief Schillers vom 28. Oktober 1794) Der Kampf gegen die kritische Philosophie und andere zeitgenössische Strömungen war indes keineswegs Ausdruck geistiger Erstarrung; vielmehr handelte es sich um eine Wiederbelebung seiner Jugendjahre, als er schon einmal gegen einen anscheinend übermächtigen Literaturpapst namens Christian Adolf Klotz focht. Polemik war wie bei Hamann oder Lessing für seine Schriftstellerei charakteristisch. Im Alter mangelte ihm allerdings die juvenile Anziehungskraft und der Humor, denn er trug den Disput mit bitterernster Miene aus. Es ist ein bezeichnender Hinweis darauf, wie der späte Herder sich selbst überlebt hatte, dass sein Tod in der Gelehrten- und Literatenwelt weitaus weniger beachtet wurde als der Lessings.

Wünschenswert ist eine Darstellung und Interpretation des Verhältnisses Herders zu Wieland auf dem neuestem Forschungsstand. Werfen wir heute einen summarischen Blick auf die Chronik ihrer Beziehung, welche anfangs durch ein herbes Missverständnis getrübt wurde, denn Herder kanzelte in den "Fragmenten" ein angebliches Werk Wielands ab, das dieser nicht geschrieben hatte (Starnes I, 353). Irritiert bezeichnet Wieland nach der Lektüre der 1767 anonym veröffentlichten "Fragmente über die neuere deutsche Literatur" den Autor in einem Brief als "Herr[n] Harscher [später: Härder] als Originalsten Hasenfuß, der ... ein sehr großer Schriftsteller, oder - ein ausgemachter Narr [sei]." Gleichwohl goutierte Herder Wielands Erziehungsroman "Geschichte des Agathon" sowie dessen "comisches Gedicht" "Der Neue Amadis". Schließlich verbesserte sich beider Verhältnis, so dass Wieland Herder eine Anstellung in seiner geplanten Akademie in Neuwied in Aussicht stellte - ein Vorhaben, das allerdings nie durchgeführt wurde.

Ein Buch, welches Herder so sehr beeindruckte, dass er "durchaus von nichts anderm predigen konnte", war die von Wieland herausgegebene "Geschichte des Fräuleins von Sternheim" von der deutschen empfindsamen Romanautorin und Wieland-Freundin Sophie von La Roche.

Herders spätere Frau Caroline Flachsland trug in Darmstadt den Nicknamen "Psyche", welcher der weiblichen Hauptfigur in Wielands Roman "Agathon" entlehnt war. Caroline berichtet 1772 von dem Besuch Gleims und des - nach ihrem Eindruck - von Autorstolz und Eitelkeit geprägten Wieland in der hessischen Residenzstadt.

Wieland, seit 1772 in Weimar lebend, wusste sowohl von der langjährigen Vakanz der Generalsuperintendentur der Stadt als auch von der Notlage Herders in Bückeburg. Er regte Goethe, der seit November 1775 als Gast des Herzogs in Weimar weilte, an, dem Bückeburger Freund die mögliche Berufung nach Thüringen mitzuteilen. Goethe bemerkt in seinen Gesprächen mit Eckermann (11. April 1827): "Als aber Herder nach Weimar kam, wurde Wieland mit ungetreu; Herder nahm ihn mir weg...". Diese Bemerkung bedarf allerdings der historischen Überprüfung, denn das Verhältnis Goethe, Herder Wieland war wesentlich differenzierter, als diese Äußerung vermuten lässt.

Am 1. Oktober 1776 traf Familie Herder abends "nach ein u. andern Verirrungen, weil der Fuhrmann den Weg nicht wuste" (Brief vom 6. Oktober 1776) um einen Tag verspätet in Weimar ein. Der Herzog und Goethe besuchten just die benachbarte kurmainzische Stadt Erfurt, anschließend stand Kegelspiel, dann "Lerchenjagd" auf dem fürstlichen Tagesplan. Carolines und Johann Gottfrieds erster Besuch in Weimar galt Familie Wieland, die damals aus fünf Töchtern, seiner Gattin und Mutter sowie dem Dichter bestand. Sie fanden herzliche Aufnahme. Herder charakterisierte den Oberschwaben als "bon-homme", "dem man weiter nichts übel nimmt, wenn man ihn kennet" (Brief vom 13. Oktober 1776). Er verfasste Fabeln, Gedichte und Studien für Wielands Zeitschrift "Der Teutsche Merkur" (SWS XXIX, 60ff.).

Der Blick auf den mit 1000 Taler Pension sowie zahlreichen Nebeneinkünften aus Redakteurstätigkeit und Schriftstellerei pekuniär bessergestellten Wieland vertiefte für Herder den Eindruck eigener Armut, zumal Herder nur unter erheblichen Schwierigkeiten seine Bücher- und Kaufmannsschulden zu tilgen vermochte. In einem Brief vom 28. Oktober 1784 schildert Caroline in geharnischtem Ton den Sachverhalt Hamann, der zwischen Autor und Verleger Hartknoch vermittelte. Sie verlangte für ihren Mann zwei Louisdors Honorar für den Bogen, zumal Wieland als hochbezahlter Autor für dieselbe Seitenzahl drei Stück der französischen Goldmünze erhielt.

In Herders späten Jahren avancierte Wieland zu einem seiner wichtigsten Freunde: Wie vorhin erwähnt, lancierte Wieland eine Apologie der "Ideen" im "Teutschen Merkur" durch Carl Leonhard Reinhold.

In den neunziger Jahren gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen Herder und Wieland - – veranlasst 1793 durch die umstrittene Berufung des Jenaer Philosophieprofessors und Schwiegersohn Wielands, Carl Leonhard Reinhold, nach Kiel (Starnes II, 315). Reinholds Nachfolger wurde Johann Gottlieb Fichte, den Herder ablehnte.

Wieland gehörte - wie Caroline, Jacobi, Knebel, Klopstock, der Schweizer Johann Georg Müller und Gleim (vgl. Brief vom 3. Juni 1799) - zu Herders Verbündeten gegen den kantianischen Zeitgeist. Es handelte sich zwar nur um ein Fähnlein gegen ein übermächtiges gegnerisches Heer, aber diese hoffnungslose Position schien, wie in früheren Zeiten, seine Lebensgeister zu stärken. Schließlich fand sich Herders Truppe der Moralapostel kräftig unterstützt durch den neuen Kampfgefährten Jean Paul. Als Herders umfassende Auseinandersetzung mit Kants "Critik der reinen Vernunft", die "Metakritik", im April 1799 erschien, fand sie nach Angaben des Verlegers zwar einen breiten Leserkreis, aber das Werk erreichte nie seinen Zweck. Im Gegenteil manövrierte sich Herder mit dem monumentalen Pasquill endgültig in das intellektuelle Abseits: Zwar bekannten sich Gleim, Jean Paul, Knebel, Klopstock und Wieland zu dem Werk, aber bei Goethe (vgl. dessen Brief vom 5. Juni 1799), Schiller und der jungen Generation stieß es auf verlegenes Kopfschütteln, herbe Ablehnung oder schiere Ignoranz. Knebel und Wieland bekannten sich ebenfalls zu Herders kunsttheoretischer Schrift "Kalligone"; der schwäbische Poet publizierte eine lobende Rezension. Allerdings verlauteten die meisten Reaktionen auf die "Kalligone" negativ.

Herders umstrittenes Spätwerk, die "Adrastea" - um eine literarische Revue des 18. Jahrhunderts bemüht - ignoriert ohne methodische Begründung die Schriften Wielands, Goethes und Schillers. Tatsächlich kann sich auch der heutige Leser dem fatalen Eindruck Schillers nicht gänzlich entziehen: "Diese Adrastea ist ein bitterböses Werk, das mir wenig Freude gemacht hat...und dieses erbärmliche Hervorklauben der frühern und abgelebten Litteratur, um nur die Gegenwart zu ignorieren oder hämische Vergleichungen anzustellen!" (Brief vom 20. März 1801) In dem allerdings stilistisch reifen kulturellen Panorama des achtzehnten Jahrhunderts wird nicht einmal das von Herder einst hoch gelobte Drama "Götz von Berlichingen" erwähnt, auch Wielands vormals von ihm mit Begeisterung gelesener Roman "Geschichte des Agathon" sowie zahlreiche andere deutschsprachige Werke der letzten Dekaden bleiben ausgeblendet: Im Alter schien Herder eine gleichsam selbstquälerische Lust am hoffnungslosen Kampf gegen übermächtige Gegner wie dem Kantianismus und gezielter Düpierung von Bekannten und Freunden zu finden.

Insgesamt jedoch überwog in der Beziehung Herder/Wieland das Vertrauen: Johann Gottfried, Caroline und vor allem deren Tochter Luise gastierten gern und häufig auf dem Landgut Ossmannstedt. Nachdem Wieland es im Jahre 1803 verkauft hatte, beteiligte er sich aus Dankbarkeit an der finanziellen Hilfe für Herders verschuldeten Sohn August, denn Caroline und Johann Gottfried hatten einige Jahre zuvor seinem Sohn eine landwirtschaftliche Ausbildung vermittelt und eine Hypothek verschafft.

Es gab auch verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Familien: Herders Tochter Luise war im Hause Wieland äußerst beliebt und heiratete den verwitweten Schwiegersohn Wielands und Weimarer Regierungsbeamten Carl Stichling.

Kaum bekannt ist, dass Caroline Herder Wieland als Mitarbeiter an den gesammelten Werke Ihres verstorbenen Mannes gewinnen wollte: Wieland sollte das Versepos "Der Cid" bearbeiten (Starnes II 196, 199ff.), was dieser jedoch aus Überlastungsgründen ablehnte.

In der Bilanz bestand zwischen Wieland und Herder - deren Altersunterschied immerhin elf Jahre betrug - ein freundschaftliches Verhältnis, ohne dass es ein tieferes Verständnis für Mentalität und Werk des jeweils anderen gab. Beide zeichneten völlig unterschiedliche Temperamente aus: Auf der einen Seite der knorrige Prediger ostpreußischer Herkunft mit ästhetisch-philologischen Neigungen, der gern historisch-rebellisch dachte und schrieb, ohne sich als Dichter zu verstehen, der als Geistlicher insbesondere in späten Jahren nicht ohne Neigung zu Prüderie und Moralismen war. Auf der anderen Seite der schwäbisch-joviale Wieland - ein Poet par excellence, mit artistischer Diktion bunte Traumwelten beschwörend, die sich oft nur dem sorgsamen Leser erschließen, zwar politisch und philosophisch aufmerksam kommentierend, jedoch mit geringem Interesse an der Historie - seine Schriften lustbetont, virtuos mit den Worten laborierend, getragen von einer heiteren Grundstimmung, die dem oft grantigen Herder völlig fremd ist. Während der Pastor litteratus bevorzugt ästhetisch-reflektierende oder historisch-theologische Erörterungen verfasst, bedient Wieland mit Vorliebe das Genre der poetischen Erzählung und des Romans - auch Wieland theoretisch-reflektierend über Ästhetik und die Zeitläufte, aber weniger radikal als sein jüngerer Zeitgenosse. Beide verstanden sich als Anti-Systematiker, Sensualisten, ihren Sinnen vertrauend - und waren damit potenzielle Gegner des Kantianismus. Beide waren leidenschaftliche Übersetzer. War ihr Verhältnis anfangs von Irritation und Missverständnissen geprägt, so änderte sich dies (wie oft im Leben) nach der persönlichen Bekanntschaft. Jedoch erst in der Ablehnung und im Kampf gegen den kantianischen Zeitgeist fanden Sie wirklich zusammen. Beide bekannten sich zur Lust am wohlgesetzten Wort sowie zur Humanität im Sinne (nicht nur) literarischer Kommunikation.

Das Panorama von Herders Leben zeigt einen cholerischen, rebellischen Charakter, der seine Zeitgenossen nicht selten mit überraschenden Entschlüssen vor den Kopf stieß. Wie ein Schlaglicht leuchtete sein Geist, wenn er mit intellektuellem Gespür Neues erkannte, aber Blitz und Donner konnten ohne Rücksicht auf Stand und Würden jene treffen, die seinen Einsichten im Wege standen. Er wagte es, Ungewöhnliches zu denken und ans Tageslicht zu bringen, denn er wollte sowohl die Unwetter wie auch die Sonnentage der menschlichen Geschichte verstehen und das elfte Gebot predigen.

Sein Denken glich einer barocken Fuge, deren klangreiche Stimmen sich aus Glauben, Forscherdrang und aufgeklärter Hoffnung zusammensetzten. Dabei waren ihm die Schrecken der Gegenwart ebenso bekannt, wie er jene der Zukunft ahnte. Aber er vertraute der durch menschliche "Vernunft und Billigkeit" wirkenden göttlichen Instanz und dem Evangelium, dessen Autorität er bei seinen Zeitgenossen zunehmend schwinden sah. Im Kern seiner Existenz glühte der lutherische Glaube: Wahrhaftigkeit gilt mehr als Courtoisie, Überzeugungstreue steht höher als Verbindlichkeit. Der streitlustige Prediger erhob sein Haupt nicht in den Himmel, sondern neigte es dem Irdischen zu und schüttete kaum verhohlene Verachtung auf die Herrschenden, die es ihm arg vergalten.

Herder beschwor den Keim der Humanität in jeder menschlichen Seele. Kant hingegen verstand "Menschlichkeit" lediglich als "bedingte Pflicht" des Einzelnen (vgl. "Die Metaphysik der Sitten", Tugendlehre, § 34). Vielleicht liegt unserem Zeitgeschmack die analytisch-kühle Diktion des Königsberger Philosophen mehr als die oft glühende Emphase des Geistlichen, aber in Herders Denken offenbarte sich eine existentielle Religiösität, die sich weit von orthodoxen Vorstellungen entfernte. Herders Glaube und Forschen umfasste seine gesamte Persönlichkeit, eine Spaltung zwischen Amt und Existenz war ihm fremd. Er nahm seinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit ernst - vielleicht zu ernst - denn seine Verbissenheit verfinsterte ihm oft das Licht, das er anderen entzündete. Als Verbindung zwischen Innen- und Außenwelt und als Kern seines Bekenntnisses galt für ihn ein ursprünglicher, historisch gegründeter Glaube, dessen impulsive Energie viele seiner Zeitgenossen überforderte oder den sie in seiner Radikalität missverstanden.

Oft stand er sich selbst im Weg, aber dieses Unbehagen war eine der Triebfedern seiner Prosa, die aufrichtige Worte des Zornes und der Hoffnung kennt. Das ständige Ringen um den sprachlichen Ausdruck von religiösen Ahnungen und Überzeugungen in den verschiedenen Lebensphasen irritiert zuweilen, so dass der Leser Texte unterschiedlicher Autoren vermutet. In den gediegensten Textpassagen stimmt er das Hohelied des menschlichen Individuums und des allgewaltigen Gottes an, dann schießen Sprachkraft und Begeisterung für das Menschlich-Göttliche gleichsam zu Lautkristallen zusammen.

Er war Prediger der Humanität in einer Epoche, in welcher der Begriff Menschlichkeit als Phrase galt, ja verlacht wurde. Aber diese christlich Weltsicht fundierte zugleich eine moderne Existenz, denn Herders Denken und Wirken glomm wie ein Funken an der Wegscheide zur Moderne: In religiöser und epistemologischer Hinsicht mit dem Spätmittelalter und Barock sympathisierend, nahm er in seiner schonungslosen Offenheit den Individualismus vorweg, denn seine Briefe und Schriften kehrten oft sein Innerstes nach außen, Wahrhaftigkeit galt ihm als Maßstab. Doch stets schwingt in seiner Diktion außer dem Faktischen und dem Traumhaften ein feiner Hauch mit, der das Getrennte vereint und mit Grazie bedeckt.

Weitere Texte Biberacher Vorträge auch in unserer Abteilung Weberberg.de/abc.