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Michael
Zaremba (Berlin)
Vortrag
am 12. September im Wieland-Museum Biberach anlässlich
von Herders 200. Todesjahr und der Buchveröffentlichung:
Johann
Gottfried Herder - Prediger der Humanität
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Sehr
geehrte Damen und Herren,
mein
Name lautet Dr. Michael Zaremba; ich wohne als freier Schriftsteller
in Berlin.
Seit
meiner Studienzeit und nach Kenntnisnahme auch entlegener Teile des
Werkes Johann Gottfried Herders zog mich seine imaginative Sprachkraft
an. Ich besuchte Seminare, schrieb meine Staatsexamensarbeit über
ihn und wurde an der Freien Universität Berlin mit einer interdisziplinären
Dissertation über das humanitäre Nations- und Volksverständnis
des aufgeklärten Geistlichen promoviert. Als Lehrer der Literaturwissenschaft
und politischen Philosophie führte ich schließlich selbst
in sein Werk ein und las immer wieder die Schriften.
Von
Beginn an fasziniert von Herders theologischen Gedanken, die das Humane
zum Zentrum haben, bezauberten mich ebenso die fassettenreichen Nuancen
seines Stils. Allerdings wird die Klarheit seiner Aussagen häufig
von einer gleichsam eruptiven Sprachgewalt in den Hintergrund gedrängt,
die den Leser durch einen authentisch-urwüchsigen, an Luther
erinnernden Bilderreichtum belohnt. Bald verstand ich den Geistlichen
als Politosophen, der das Individuelle mit dem Gesellschaftlichen
verbindet, die Gotteslehre mit dem Anspruch von Menschlichkeit gleichsetzt.
Die
seit dem Jahre 1996 abgeschlossene Edition von Herders Briefwechsel,
neue Register- und Kommentarbände sowie Forschungsergebnisse
legten die Abfassung einer modernen Biografie nahe, da die Korrespondenz
einen umfassenden, teilweise intimen Einblick in die alltäglichen
Freuden und Nöte des Predigers bietet. Ein geeigneter Partner
für das Projekt einer modernen Herder-Biografie, die zum 200.
Todesjahr erschien, wurde der Böhlau Verlag.
Leider
sind historisch-kritischen Editionen selten eine über die Fachwelt
hinausgehende Leserschaft beschieden. So entstand meine Idee, anhand
der nur wenigen Experten bekannten Gesamtkorrespondenz Herders eine
gut lesbare, zugleich fachlichen Ansprüchen genügende Lebensbeschreibung
zu verfassen. Es folgte die systematische Lektüre des Briefwechsels,
um mich vertiefend in Herders Lebens- und Gedankenwelt einzufühlen.
Die Biografie ist gleichsam eine Hommage an Dr. Günter Arnolds
Lebenswerk, der seit 1971 die Gesamtedition von Herders Briefwechsel
bearbeitet und Kommentar- sowie Ergänzungsbände vorlegte.
Dr. Arnold von der Stiftung Weimarer Klassik/Goethe- und Schiller-Archiv
fungiert außerdem als Mitherausgeber der Herder-Edition des
Deutschen Klassiker Verlages. Er nahm meine Herder-Dissertation zu
DDR-Zeiten mit Interesse zur Kenntnis, zeigte sich gegenüber
dem Projekt einer modernen Herder-Biografie aufgeschlossen und stellte
sein überragendes Fachwissen zur Verfügung. Dr. Arnold ist
jedoch nicht nur als Bearbeiter der Briefbände zu danken, sondern
er hat in zahlreichen Beiträgen das Bild Herders in der Literaturgeschichte
korrigiert, so betonte er in der DDR-Forschung die Bedeutung Herders
als Prediger und Theologe. Das Manuskript der Biografie entstand in
ständiger Auseinandersetzung mit ihm; Dr. Arnold hat auch das
Vorwort verfasst. Weitere Berater waren für rechtsgeschichtliche
Fragen der Präsident des Thüringer Oberverwaltungsgerichts,
Dr. Hans-Joachim Strauch, für den medizingeschichtlichen Bereich
der Berliner Chirurg Dr. Johannes Zeilinger.
Meine
Damen und Herren, ich kann und will in diesem Rahmen nicht die Vita
von Johann Gottfried Herder nachzeichnen; da verweise ich propagandistisch
auf mein Buch, das neue Fassetten seines Lebens ausleuchtet. Vielmehr
möchte ich einige resümierende Gedanken meiner jahrzehntelangen
Beschäftigung mit Leben und Werk des Predigers der Humanität
vortragen:
Johann
Gottfried Herder war Intellektueller, Kritiker, zuweilen ein in dichterischen
Bildern schwelgender Poetheologe, aber nach eigenem Verständnis
kein Dichter. Zwar vermochte er fremde Schriften mit feinem Gespür
zu zergliedern, aber seine Gedanken verdichteten sich nie zu einem
abgerundeten Kunstwerk – fast alles blieb Fragment. Er verstand sich
als Prediger, Gelehrter und Pädagoge mit dem Charisma eines geistigen
Anregers par excellence, dessen überragendes wissenschaftliches
Potenzial die Kenntnis der meisten Zeitgenossen in den Schatten stellte.
Die
Ursachen für das Fragmentarische, Unabgeschlossene bei Herder
sind der ständige Fluss der Gedanken, die Neigung zu interdisziplinären
und multiperspektivischen Aspekten. Sämtliche "Fragmente",
aus denen sein Werk besteht, ergänzen einander zu dem Lebensprojekt
einer Universalgeschichte der Wissenschaften. Besonders in der Bückeburger
Zeit ist ein Simultanschaffen nachweisbar, das Abzweigen von Textpartien
für gleichzeitig entstehende andere Schriften: Beim Schreiben
ergaben sich neue Fragen, die in einer weiteren Studie und in einem
anderen Zusammenhang untersucht werden mussten. So entstanden sprachlich
virtuose Abhandlungen höchster stilistischer Reife, deren poetische,
metaphernreiche Prosa oft den schmalen Grat zwischen Wissen und Vision
wandelt. Die zahlreichen ästhetischen, geschichtsphilosophischen,
philologischen und theologischen Untersuchungen zeigen ihn als einen
an der englischen Frühaufklärung geschulten Essayisten.
Häufig
wird sein Selbstverständnis als Lehrer übersehen, denn erzieherische
Meriten sind schwer nachprüfbar, und schulpolitische Reformvorschläge
oder didaktische Schriften fördern kaum die Popularität
ihres Verfassers. Herder definierte sich als Erzieher, das Dozieren
und der Einsatz für Menschlichkeit galten ihm als zwei Seiten
einer Medaille. Lebenslang litt er jedoch unter dem Konflikt zwischen
der Funktion als kirchlicher Amtsträger, Pädagoge und Gelehrter.
Geistliche, die als Homme de lettres auftraten, gab es viele, aber
Herder distanzierte sich mit seiner Ablehnung der Theorie vom göttlichen
Ursprung der Sprache und mit seinem Bekenntnis zur Aufklärung
zu deutlich von der protestantischen Orthodoxie, um nicht als Freigeist
diskreditiert zu werden. Diese Einsicht verstärkte den Drang
nach einer Professur an einer liberalen Hochschule, und es ist möglich,
dass er – wäre er der Berufung gefolgt – an der Göttinger
Alma Mater zufriedener als in Weimar gelebt hätte.
Vor
allem das religiöse Bekenntnis prägte Herders Leben und
Wirken. Der lutherische Protestantismus, den Johann Gottfried in seinem
Elternhaus kennen lernte, beeindruckte ihn nachhaltig und förderte
frühzeitig den Wunsch, Prediger zu werden. Die pietistische Mutter
vermittelte ihm die Bildsprache und den Wortschatz der Bibel, der
Vater war Kantor an der Stadtkirche, durch den Diakon Sebastian Trescho
begegnete er der Literatur. Trotz der frühen geistlichen Prägung
graute ihm vor der (vermeintlich) tristen Karriere eines Dorfpfarrers,
auch die Theologie war ihm zunächst fremd, vielmehr verstand
er sich frühzeitig als Gelehrter mit besonderer Neigung zur Philologie,
später auch zur Historie.
In
Jugendjahren oft in Gedankenträumen versunken, war er vom dritten
Lebensjahrzehnt an bemüht - trotz aller spontanen Brüche,
die sein Leben aufweist - in bürgerlichen Bahnen zu wandeln.
Nach der Glanzzeit in Riga und der Odyssee der Reisejahre mutierte
er zum verlässlichen Familienvater, tauschte er die juvenile
Freiheit gegen familiäre Bindung und widerlegte damit jene Skeptiker,
die seine Braut Caroline vor der Heirat des unbeständigen Predigers
gewarnt hatten. Unbeirrt hielt Sie zu Johann Gottfried, als dieser
in späteren Jahren vom liebenswürdigen Galan zum notorischen
Hypochonder und Querulanten mutierte. Sein Krankheitsbild, auf dessen
Schilderung meine Biografie besonderen Wert legt, war breit gefächert
und nicht zuletzt in ungesunder Lebensführung begründet:
Leber- und Gallenerkrankung, Gicht, Rheuma, Hämorrhoidalleiden,
chronische Verstopfung, häufige Bronchialkatarrhe, Rückenbeschwerden
sowie die Tränenfistel raubten ihm den Seelenfrieden. Ohne Caroline,
die ihn umsorgte, als Lektorin, Sekretärin und Geschäftsführerin
diente und in jeder Lage zu ihm stand, hätte sich sein Leben
allerdings weitaus unerträglicher gestaltet. Auch neigte er zu
Boshaftigkeiten und Sticheleien gegen Personen, die ihm nahe standen.
Diese missliche Verhaltensweise, unter welcher auch der junge Goethe
litt, war Ergebnis einer prekären charakterlichen Mischung aus
Selbstüberhebung und einem cholerischen Temperament, dessen Wurzeln
neben sozialen Gründen auch in den nahezu permanenten Schmerzen
seiner Tränenfistelerkrankung und anderen Leiden lagen.
Trotz
langjähriger Freundschaften - zu Hamann, Verleger Hartknoch,
Gleim, Goethe, Jean Paul, Wieland
und Jacobi - blieb Herder Einzelgänger, der seine intellektuellen
Bedürfnisse mehr durch Lektüre und Korrespondenz als durch
persönlichen Umgang befriedigte. Berechnend war er nicht, sonst
hätte er bereits in seiner Jugendzeit statt ästhetischer
und philologischer Studien orthodox-religiöse Schriften verfasst,
die seine berufliche Laufbahn begünstigt hätten. Im Alter
entstanden hingegen, trotz schlechter Honorierung, mit Vorliebe theologische
Traktate. Auch Ehrenbezeugungen und Titel galten ihm wenig, denn er
war ein bescheidener Mann, dessen Ehrgeiz sich an geistiger Auseinandersetzung
entfachte; gleichwohl kränkte ihn die Verweigerung der Nobilitierung
durch den Landesherrn.
Den
literarischen Schaffensprozess empfand Herder als seelisch heilsam,
aber er reagierte empfindlich, ja zuweilen idiosynkratisch auf Kritik,
was ihm häufig das Schreiben verleidete und in den frühen
Jahren ein vergebliches Beharren auf Anonymität seiner Schriften
bewirkte. In Riga ließ er sich sogar entgegen der Wahrheit (wenig
christlich gegen diverse Bibelsprüche verstoßend) zum öffentlichem
Verleugnen seiner Autorschaft der "Kritischen Wälder"
hinreißen, aber mit zunehmendem schriftstellerischen Selbstbewusstsein
bekannte der Pastor litteratus sich als Autor.
Trotz
ständigem geistigem Schöpfertum und intellektueller Regsamkeit
darf nicht übersehen werden, dass sich Herder ab dem mittleren
Lebensalter in eine dienstliche Arbeitswut steigerte, die seine Kreativität
ernsthaft beeinträchtigte. Besonders in Weimar vertiefte er sich
häufig derart in seine Amtsgeschäfte, dass er nicht einmal
während gesundheitlicher Krisen davon abließ. In der intensiven
Ausübung seines Berufes fand der geplagte Geistliche einen gleichsam
zwanghaften Ausgleich zu seiner Ruhelosigkeit, die auf depressive
Verstimmung hindeutet.
Sein
Wesen zeigte Herzensgüte, anerkannte er doch neidlos die Vorzüge
anderer. So wurden Goethes überlegene Talente von ihm gewürdigt,
gleichwohl kritisierte er dessen dezidierten Ästhetizismus, den
der Freund insbesondere nach der Rückkehr von der Italienreise
an den Tag legte. Herder, zeitlebens Aufklärer, blieb stets skeptisch
gegenüber einer Kunst, welche die Moral vernachlässigt;
politisch-sittliche Reflexionen gehörten für ihn integral
zum Kunstwerk. Er verstand sich — ähnlich wie Hamann — als Opposition
innerhalb der Aufklärung, in der er tief verwurzelt war
und deren Repräsentant er gegen moderne Zeitströmungen blieb.
Hauptquellen
von Herders aufgeklärtem Patriotismus waren die pietistische
Erziehung, das historische Interesse und der Humanitätsgedanke.
Die Vielfalt seiner geschichtsphilosophischen, soziopolitischen und
sprachphilosophischen Überlegungen machten ihn hellhörig
gegen jeden Nationalwahn. Menschlichkeit bedeutete für Herder
keine dichterische Metapher: Sein Bekenntnis zur Humanität entwickelte
sich von einem ästhetischen und geschichtsphilosophischen zu
einem eminent politischen Verständnis, das insbesondre nach dem
Terror der Französischen Revolution wie auch der Konterrevolution
an Brisanz zunahm. Häufig wurde der konkrete Aussagewert des
Begriffes Menschlichkeit in Frage gestellt, und tatsächlich ist
ein Element der definitorischen Unschärfe in ihm enthalten, aber
diese Unwägbarkeit ist für Herder ein Gradmesser seiner
moralischen Qualität und ständiger Anlass zur Reflexion.
Denn
neben dem pietistischen Einfluss und dem historischen Interesse, welche
die Grundlage seines politischen Denkens bilden, tritt bei Herder
eine dritte Komponente hinzu: die Humanitätsphilosophie. Das
lateinische Wort "humanitas" wird durch "Menschennatur,
Menschlichkeit, menschliche Würde, menschliches Gefühl",
aber auch durch "Menschheit, menschliche Gesellschaft" und
"feinere höhere Bildung und Geschmack übersetzt. Das
seit dem 16. Jahrhundert eingedeutschte Wort "Humanität"
und das Adjektiv "human" (= menschlich, menschliches Wesen
und Gefühl, menschenfreundlich, leutselig) erhielt allerdings
erst im 18. Jahrhundert einen wichtigen Stellenwert und wurden schließlich
von Herder philosophisch begründet. Das Zedlersche Lexikon definiert
noch im 18. Jahrhundert Humanität lediglich als "Höflichkeit
und Leutseligkeit", ein typisches barock-courtoises Verständnis
eines traditionsreichen, in der Antike verwurzelten Begriffes. Herder
hat das Humanitätsdenken endgültig dem Oberflächlichen
entrissen, es aber nicht antikisch restauriert, sondern mit neuen
Inhalten erfüllt.
Humanitätsgedanke
und Nationsverständnis sind bei Herder unmittelbar aufeinander
bezogen: Die Harmonie von Humanität, Patriotismus und Christentum
ermöglichte (noch) einen ungezwungenen Umgang mit der explosiven
Formel Nation, so dass Herders Idee einer kulturellen und politischen
Integration der Deutschen nur im Zusammenhang mit der Humanitätsphilosophie
angemessen deutbar ist. Wir wissen, dass bereits in der Folgegeneration
dieses Denken starke Gegner fand.
Ohne
Herder für eine politische Richtung zu reklamieren, kann festgestellt
werden, dass viele seiner Forderungen vom Frühliberalismus aufgenommen
wurden. Dazu gehören der Wunsch nach Freiheit von Despotie und
Staatswillkür ebenso wie eine politische Philosophie, deren republikanische
Vorstellungen von den britischen und nordamerikanischen Verfassungen
beeinflusst ist. Auch Leitbegriffe wie die Humanitätsidee, das
Individualitätsprinzip und der Evolutionsgedanke weisen in diese
Richtung. Gleichwohl verlauten in der "Adrastea" vereinzelt
bedenklich restriktive Forderungen, die sich nicht zu seinem freisinnigen
Grundton fügen. Diese betont konservativen Ressentiments resultierten
aus der Abwehr eines sich durch neue geistige Strömungen wie
dem Kantianismus bedrängt fühlenden Geistlichen, der um
die Zukunft seines Glaubens wie um die moralische Integrität
seiner Schüler besorgt war.
Denn
auch Herders Theologie speist sich aus dem Humanitäts- und Individualgedanken:
Der Einzelne, unabhängig von kirchlichen Institutionen und Dogmen,
steht in unmittelbarem gefühlsmäßigen Bezug zu Gott
und verwirklicht seinen Glauben durch den Einsatz für Menschlichkeit.
Predigten, Katechismen und theologische Untersuchungen Herders bekunden
ein ökumenisches Weltbild, das die Einheit des Christentums im
Glauben an den Erlöser und in einer überkonfessionellen
religiösen Humanität sieht, die als einzige Autorität
das Evangelium anerkennt.
Postuliert
wird eine undogmatische Theologie, die - echt lutherisch - Gefühle
und Empfindungen des Subjekts mit einbezieht, deren Wahrheit sich
unmittelbar aus der Bibel speist. Die Bückeburger Studie "Auch
eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit" ist
wie die Schrift "Älteste Urkunde des Menschengeschlechts",
deren erster Band ebenfalls 1774 erschien, von einer Ausdruckskraft
geprägt, die dem gesprochenen Wort nahe steht. Beide Schriften
sind historische Predigten, vorgetragen mit einer bis dahin nur vom
"Reisejournal" bekannten sprachlichen Verve. Ein gelehrt-trockenes
Idiom ist Herder fremd, aber die Emphase des Autors schwingt in jedem
Wort mit - eine Diktion, die nicht ohne Kritik bleiben sollte.
Während
Herder am zweiten Teil der "Hebräischen Poesie" schrieb,
hatte er aus naturwissenschaftlichen Schriften und Reisebeschreibungen
Material für ein Opus magnum gesammelt, das eine Gesamtschau
der Geschichte von den kosmologischen Ursprüngen der Welt bis
zur neuesten Zeit bieten sollte: "Ideen zur Philosophie der Geschichte
der Menschheit". Das universalhistorische Werk, eine Einheit
von Anthropologie, Ethnologie, Geografie, Geschichtswissenschaft und
Klimatologie anstrebend, reflektiert nahezu den gesamten Wissensstand
seiner Zeit. Was Herder bereits am Beginn spürte, bewahrheitete
sich in den folgenden Jahren: Während der Bearbeitung entstand
eine gleichsam enzyklopädische Darstellung der menschlichen Geschichte
in sprachlich reifer Einheit von Form und Gesinnung. Er empfand das
neue Werk, welches unter seiner Feder anschwoll, gleichsam als Zusammenfassung
aller vorherigen Studien. Frühzeitig zeichnete sich ab, dass
die "Ideen" das lang ersehnte Hauptstück, die Krönung
seines literarischen Schaffens werden könnten, gleichsam ein
Resümee seines Denkens und Wirkens, eine Geschichte der "Humanität"
und der Kultur.
In
den "Ideen" dient Humanität als teleologischer Leitbegriff
zur Beschreibung des Zweckes der menschlichen Natur. Allerdings dient
Humanität nicht nur dem Autor als geschichtsphilosophische Leitvorstellung,
sondern auch die Leserschaft soll ein humanitäres Vorverständnis
in die Lektüre einbringen und auf Besserung von Mängeln
hinwirken (vgl. SW XIII, 6). Im fünfzehnten Buch (SWS XIV, 204-252)
avanciert die Humanitätsidee zu einem historischen Gesetz: "Humanität
ist der Zweck der Menschen-Natur und Gott hat unserm Geschlecht mit
diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben."
Der Ablauf der Weltgeschichte zeigt, "daß mit dem
Wachsthum wahrer Humanität auch der zerstörenden Dämonen
des Menschengeschlechts wirklich weniger geworden sei; und zwar nach
innern Naturgesetzen einer sich aufklärenden Vernunft und Staatskunst."
(SWS XIV, 207; 217) Die Einführung der Humanitätsidee in
die historische Betrachtung sprengte die Konventionen der Geschichtswissenschaft,
zugleich bot der definitorisch unscharfe Leitbegriff eine Angriffsfläche
für die kritische Vernunftlehre.
Die
Arbeit an seinem Hauptwerk ging nur schwer von der Hand: "Ich
brüte über den Ideen; aber es rückt sich nicht von
der Stelle." (Brief vom 20. Dezember 1784) In diese Phase der
Schreibhemmung traf die Rezension des ersten Teils der "Ideen"
durch seinen vormaligen Lehrer Kant wie ein Keulenschlag: Die Jenaer
"Allgemeine Literatur-Zeitung" veröffentlichte in ihrer
Erstausgabe im Januar 1785 eine spöttisch-herablassende Buchbesprechung
durch den inzwischen zu höchsten akademischen Ehren aufgestiegenen
Königsberger Philosophen. Ironisch weist Kant auf Herders "kühne
Einbildungskraft hin, [die] verbunden [sei] mit der Geschicklichkeit,
für einen immer in dunkeler Ferne gehaltenen Gegenstand durch
Gefühle und Empfindungen einzunehmen." Sarkastisch zerpflückt
der Professor für Logik und Metaphysik Herders kunstvoll konstruierte
Analogieschlüsse, wobei der Königsberger es nicht unterlässt,
maliziös auf den Predigerberuf Herders hinzuweisen, der trotz
der "so oft verengenden Bedenklichkeiten seines Standes"
immerhin zu großen Entwürfen fähig sei. Dieser Schlag
traf ins Mark, zumal, wie Herder spürte, die Kritik nicht unberechtigt
war.
Was
sich bereits in seinen Studienjahren im Verhältnis zum Königsberger
Philosophen abgezeichnet hatte, kam in der Auseinandersetzung um die
"Ideen" voll zum Tragen: Kants kritisch-präzise Rationalität
traf auf Herders oftmals intuitiv-poetische Weltsicht, welche sich
nicht scheute, die Humanitätsidee als anthropologisch-historisches
Naturgesetz zu deuten. Tatsächlich stilisierten die "Ideen"
zeitgenössische Forschungsergebnisse zu naturwissenschaftlich-philosophischen
Predigten, die geschickt und suggestiv zwischen Faktenreichtum und
Hypothetik oszillieren. Solche definitorische Unschärfe musste
vor Kants schonungslos rationaler Kritik scheitern, und auch eine
von Wieland umgehend lancierte anonyme Apologie der "Ideen"
durch dessen späteren Schwiegersohn, Carl Leonhard Reinhold,
im Februarheft des "Teutschen Merkur" konnte für Herder
die "schiefe geheime Bosheit" (Brief von Ende Januar 1785)
der Kantschen Invektive nicht mindern.
Der
geplante fünfte Teil der "Ideen", der sich mit der
neuesten Geschichte befasst hätte, blieb ungeschrieben - also
auch Herders Hauptwerk ein Fragment. Der Autor spürte, dass angesichts
der radikalen politischen Entwicklungen, welche die Französische
Revolution zeitigte, die Fortsetzung der "Ideen" in der
bisherigen Form nicht möglich sei. Eine den aktuellen Begebenheiten
angemessene literarische Ausdrucksform fand Herder in einem Briefwechsel
zwischen fiktiven Angehörigen eines "Bundes der Humanität".
Am 27. April 1792 wies Caroline, die sich immer mehr in die Rolle
seiner Managerin und Sekretärin einlebte, erstmals auf eine Schrift
hin, die den Titel "Briefe, die Fortschritte der Humanität
betreffend" führen sollte. Das Werk versuchte die Darstellung
der "Fort- oder Rückschritte der Humanität in älteren
und neueren, am meisten aber in denen uns nächsten Zeiten"
(SWS XVII, 5). In einem Brief an Gleim beschreibt Herder unmissverständlich
das politisierte ästhetische Konzept der neuen Schrift: "Mich
intereßirt die Stimme der Muse sehr, wenn sie über die
acta et facta der Welt, von denen Wohl u. Weh abhängt laut zu
reden oder zu singen wagt, u. sich in das Pauken- u. Trommelgetön,
in die Thorheit u. Weisheit öffentlicher Verhandlungen mischet."
(Brief vom 28. Mai 1792)
Caroline
bekannte sich als Anhängerin der Französischen Revolution.
An Jacobi schrieb sie enthusiastisch von der "Sonne der Freiheit"
(Brief vom 11. November 1792), die bald über der gesamten Menschheit
aufgehe. Der vorsichtige Gatte stellte indes im selben Brief mäßigend
fest, dass Caroline durchaus "nicht am Freiheitsschwindel"
leide, sondern "in terra obedientiae eine gute Deutsche"
sei. Herders Manuskript der unveröffentlichten ersten Sammlung
der "Humanitätsbriefe", das im Dezember 1792 der politisch
radikal gesonnene Knebel gelesen hatte, war jedoch von unverhohlener
Sympathie für die revolutionären Ereignisse geprägt.
Erst die Enthauptung des französischen Monarchen im Januar 1793
stieß auf Herders entschiedene Ablehnung, hatte sich doch gezeigt,
dass die Freiheits- und Nationsidee schnell eine aggressive Gestalt
annehmen kann: "Humanität ist der Schatz und die Ausbeute
aller menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unsres
Geschlechtes. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unabläßig
fortgesetzt werden muß; oder wir sinken, höhere und niedere
Stände, zur rohen Thierheit, zur Brutalität zurück."
(SWS XVII, 138). In dieser prekären politischen Situation bekannte
sich Herder zu einem aufgeklärten Patriotismus, als Ideal galt
für ihn die friedliche Einrichtung einer republikanischen Verfassung
mit einer gedeihenden politischen Kultur. Vorbildlich erschienen ihm
dafür die Ideen des liberalen englischen Staatstheoretikers John
Locke, insbesondre dessen Entwurf einer Konstitution der amerikanischen
Provinz Carolina, sowie das britische Verfassungssystem (vgl. SWS
XXIII, 132-135, 156-161).
Ein
grundlegendes Problem von Herders Charakter bestand darin, dass er
sich den Herrschenden nur schwer unterordnen konnte: Mit dem Bückeburger
Graf Wilhelm kam es zum ernsten Dissens, und die peinlichen Umstände
seiner Nobilitierung bekunden deutlich die Ablehnung des rebellischen
Generalsuperintendenten durch den Weimarer Herzog. Johann Gottfried
Herder war ein Homo politicus oder Politosoph, der sich nicht vor
der Verbalisierung unbequemer Wahrheiten scheute; im Eifer des literarischen
Schwunges leistete er sich häufig antifeudale Invektiven, die
der Selbstzensur oder dem freundschaftlichen Rat Goethes zum Opfer
fielen. Gleichwohl fungierte Herder in seinem geistlichen Amt als
Bestandteil des staatserhaltenden Systems, was aufgrund seiner Revolutionssympathien
mit inneren Konflikten verbunden war. Seine ursprünglich positive
Einschätzung der Französischen Revolution, dokumentiert
in Briefen und in der Urfassung der "Humanitätsbriefe",
wich nach der Hinrichtung des bourbonischen Königs entschiedener
Ablehnung, allerdings blieb der Keim seiner Hoffnung für den
Fortschritt der Humanität erhalten.
Herder
galt als aufrichtig und glaubwürdig, aber auch als Heißsporn
und - in späten Jahren - als Hypochonder. Infolge seines unausgeglichenen
Charakters schwankte oft seine Stimmungslage, und ein ausgeprägter
Eigensinn - möglicherweise Erbteil seiner ostpreußischen
Herkunft - bestimmte sein Verhalten, das er selten kaschierte. Verglichen
mit dem allerdings fünf Jahre jüngeren Goethe alterte Herder
vorzeitig. Der Charme, den er einst ausstrahlte, war in späten
Jahren unter einem Berg von Selbstmitleid, Schwermut und Starrköpfigkeit
verschüttet. Im Alter schien er eine gleichsam selbstquälerische
Lust am hoffnungslosen Kampf und gezielter Düpierung von Bekannten
und Freunden zu finden. So kam es unter anderem zur ernsten Verstimmung
mit Schiller über "den Widerspruch Herders, der mir meinen
Kantischen Glauben, wie es scheint, nicht verzeyhen kann." (Brief
Schillers vom 28. Oktober 1794) Der Kampf gegen die kritische Philosophie
und andere zeitgenössische Strömungen war indes keineswegs
Ausdruck geistiger Erstarrung; vielmehr handelte es sich um eine Wiederbelebung
seiner Jugendjahre, als er schon einmal gegen einen anscheinend übermächtigen
Literaturpapst namens Christian Adolf Klotz focht. Polemik war wie
bei Hamann oder Lessing für seine Schriftstellerei charakteristisch.
Im Alter mangelte ihm allerdings die juvenile Anziehungskraft und
der Humor, denn er trug den Disput mit bitterernster Miene aus. Es
ist ein bezeichnender Hinweis darauf, wie der späte Herder sich
selbst überlebt hatte, dass sein Tod in der Gelehrten- und Literatenwelt
weitaus weniger beachtet wurde als der Lessings.
Wünschenswert
ist eine Darstellung und Interpretation des Verhältnisses Herders
zu Wieland auf dem neuestem Forschungsstand. Werfen wir heute einen
summarischen Blick auf die Chronik ihrer Beziehung, welche anfangs
durch ein herbes Missverständnis getrübt wurde, denn Herder
kanzelte in den "Fragmenten" ein angebliches Werk Wielands
ab, das dieser nicht geschrieben hatte (Starnes I, 353). Irritiert
bezeichnet Wieland nach der Lektüre der 1767 anonym veröffentlichten
"Fragmente über die neuere deutsche Literatur" den
Autor in einem Brief als "Herr[n] Harscher [später: Härder]
als Originalsten Hasenfuß, der ... ein sehr großer Schriftsteller,
oder - ein ausgemachter Narr [sei]." Gleichwohl goutierte Herder
Wielands Erziehungsroman "Geschichte des Agathon" sowie
dessen "comisches Gedicht" "Der Neue Amadis".
Schließlich verbesserte sich beider Verhältnis, so dass
Wieland Herder eine Anstellung in seiner geplanten Akademie in Neuwied
in Aussicht stellte - ein Vorhaben, das allerdings nie durchgeführt
wurde.
Ein
Buch, welches Herder so sehr beeindruckte, dass er "durchaus
von nichts anderm predigen konnte", war die von Wieland herausgegebene
"Geschichte des Fräuleins von Sternheim" von der deutschen
empfindsamen Romanautorin und Wieland-Freundin Sophie von La Roche.
Herders
spätere Frau Caroline Flachsland trug in Darmstadt den Nicknamen
"Psyche", welcher der weiblichen Hauptfigur in Wielands
Roman "Agathon" entlehnt war. Caroline berichtet 1772 von
dem Besuch Gleims und des - nach ihrem Eindruck - von Autorstolz und
Eitelkeit geprägten Wieland in der hessischen Residenzstadt.
Wieland,
seit 1772 in Weimar lebend, wusste sowohl von der langjährigen
Vakanz der Generalsuperintendentur der Stadt als auch von der Notlage
Herders in Bückeburg. Er regte Goethe, der seit November 1775
als Gast des Herzogs in Weimar weilte, an, dem Bückeburger Freund
die mögliche Berufung nach Thüringen mitzuteilen. Goethe
bemerkt in seinen Gesprächen mit Eckermann (11. April 1827):
"Als aber Herder nach Weimar kam, wurde Wieland mit ungetreu;
Herder nahm ihn mir weg...". Diese Bemerkung bedarf allerdings
der historischen Überprüfung, denn das Verhältnis Goethe,
Herder Wieland war wesentlich differenzierter, als diese Äußerung
vermuten lässt.
Am
1. Oktober 1776 traf Familie Herder abends "nach ein u. andern
Verirrungen, weil der Fuhrmann den Weg nicht wuste" (Brief vom
6. Oktober 1776) um einen Tag verspätet in Weimar ein. Der Herzog
und Goethe besuchten just die benachbarte kurmainzische Stadt Erfurt,
anschließend stand Kegelspiel, dann "Lerchenjagd"
auf dem fürstlichen Tagesplan. Carolines und Johann Gottfrieds
erster Besuch in Weimar galt Familie Wieland, die damals aus fünf
Töchtern, seiner Gattin und Mutter sowie dem Dichter bestand.
Sie fanden herzliche Aufnahme. Herder charakterisierte den Oberschwaben
als "bon-homme", "dem man weiter nichts übel nimmt,
wenn man ihn kennet" (Brief vom 13. Oktober 1776). Er verfasste
Fabeln, Gedichte und Studien für Wielands Zeitschrift "Der
Teutsche Merkur" (SWS XXIX, 60ff.).
Der
Blick auf den mit 1000 Taler Pension sowie zahlreichen Nebeneinkünften
aus Redakteurstätigkeit und Schriftstellerei pekuniär bessergestellten
Wieland vertiefte für Herder den Eindruck eigener Armut, zumal
Herder nur unter erheblichen Schwierigkeiten seine Bücher- und
Kaufmannsschulden zu tilgen vermochte. In einem Brief vom 28. Oktober
1784 schildert Caroline in geharnischtem Ton den Sachverhalt Hamann,
der zwischen Autor und Verleger Hartknoch vermittelte. Sie verlangte
für ihren Mann zwei Louisdors Honorar für den Bogen, zumal
Wieland als hochbezahlter Autor für dieselbe Seitenzahl drei
Stück der französischen Goldmünze erhielt.
In
Herders späten Jahren avancierte Wieland zu einem seiner wichtigsten
Freunde: Wie vorhin erwähnt, lancierte Wieland eine Apologie
der "Ideen" im "Teutschen Merkur" durch Carl Leonhard
Reinhold.
In
den neunziger Jahren gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen
Herder und Wieland - – veranlasst 1793 durch die umstrittene Berufung
des Jenaer Philosophieprofessors und Schwiegersohn Wielands, Carl
Leonhard Reinhold, nach Kiel (Starnes II, 315). Reinholds Nachfolger
wurde Johann Gottlieb Fichte, den Herder ablehnte.
Wieland
gehörte - wie Caroline, Jacobi, Knebel, Klopstock, der Schweizer
Johann Georg Müller und Gleim (vgl. Brief vom 3. Juni 1799) -
zu Herders Verbündeten gegen den kantianischen Zeitgeist. Es
handelte sich zwar nur um ein Fähnlein gegen ein übermächtiges
gegnerisches Heer, aber diese hoffnungslose Position schien, wie in
früheren Zeiten, seine Lebensgeister zu stärken. Schließlich
fand sich Herders Truppe der Moralapostel kräftig unterstützt
durch den neuen Kampfgefährten Jean Paul. Als Herders umfassende
Auseinandersetzung mit Kants "Critik der reinen Vernunft",
die "Metakritik", im April 1799 erschien, fand sie nach
Angaben des Verlegers zwar einen breiten Leserkreis, aber das Werk
erreichte nie seinen Zweck. Im Gegenteil manövrierte sich Herder
mit dem monumentalen Pasquill endgültig in das intellektuelle
Abseits: Zwar bekannten sich Gleim, Jean Paul, Knebel, Klopstock und
Wieland zu dem Werk, aber bei Goethe (vgl. dessen Brief vom 5. Juni
1799), Schiller und der jungen Generation stieß es auf verlegenes
Kopfschütteln, herbe Ablehnung oder schiere Ignoranz. Knebel
und Wieland bekannten sich ebenfalls zu Herders kunsttheoretischer
Schrift "Kalligone"; der schwäbische Poet publizierte
eine lobende Rezension. Allerdings verlauteten die meisten Reaktionen
auf die "Kalligone" negativ.
Herders
umstrittenes Spätwerk, die "Adrastea" - um eine literarische
Revue des 18. Jahrhunderts bemüht - ignoriert ohne methodische
Begründung die Schriften Wielands, Goethes und Schillers. Tatsächlich
kann sich auch der heutige Leser dem fatalen Eindruck Schillers nicht
gänzlich entziehen: "Diese Adrastea ist ein bitterböses
Werk, das mir wenig Freude gemacht hat...und dieses erbärmliche
Hervorklauben der frühern und abgelebten Litteratur, um nur die
Gegenwart zu ignorieren oder hämische Vergleichungen anzustellen!"
(Brief vom 20. März 1801) In dem allerdings stilistisch reifen
kulturellen Panorama des achtzehnten Jahrhunderts wird nicht einmal
das von Herder einst hoch gelobte Drama "Götz von Berlichingen"
erwähnt, auch Wielands vormals von ihm mit Begeisterung gelesener
Roman "Geschichte des Agathon" sowie zahlreiche andere deutschsprachige
Werke der letzten Dekaden bleiben ausgeblendet: Im Alter schien Herder
eine gleichsam selbstquälerische Lust am hoffnungslosen Kampf
gegen übermächtige Gegner wie dem Kantianismus und gezielter
Düpierung von Bekannten und Freunden zu finden.
Insgesamt
jedoch überwog in der Beziehung Herder/Wieland das Vertrauen:
Johann Gottfried, Caroline und vor allem deren Tochter Luise gastierten
gern und häufig auf dem Landgut Ossmannstedt. Nachdem Wieland
es im Jahre 1803 verkauft hatte, beteiligte er sich aus Dankbarkeit
an der finanziellen Hilfe für Herders verschuldeten Sohn August,
denn Caroline und Johann Gottfried hatten einige Jahre zuvor seinem
Sohn eine landwirtschaftliche Ausbildung vermittelt und eine Hypothek
verschafft.
Es
gab auch verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Familien: Herders
Tochter Luise war im Hause Wieland äußerst beliebt und
heiratete den verwitweten Schwiegersohn Wielands und Weimarer Regierungsbeamten
Carl Stichling.
Kaum
bekannt ist, dass Caroline Herder Wieland als Mitarbeiter an den gesammelten
Werke Ihres verstorbenen Mannes gewinnen wollte: Wieland sollte das
Versepos "Der Cid" bearbeiten (Starnes II 196, 199ff.),
was dieser jedoch aus Überlastungsgründen ablehnte.
In
der Bilanz bestand zwischen Wieland und Herder - deren Altersunterschied
immerhin elf Jahre betrug - ein freundschaftliches Verhältnis,
ohne dass es ein tieferes Verständnis für Mentalität
und Werk des jeweils anderen gab. Beide zeichneten völlig unterschiedliche
Temperamente aus: Auf der einen Seite der knorrige Prediger ostpreußischer
Herkunft mit ästhetisch-philologischen Neigungen, der gern historisch-rebellisch
dachte und schrieb, ohne sich als Dichter zu verstehen, der als Geistlicher
insbesondere in späten Jahren nicht ohne Neigung zu Prüderie
und Moralismen war. Auf der anderen Seite der schwäbisch-joviale
Wieland - ein Poet par excellence, mit artistischer Diktion bunte
Traumwelten beschwörend, die sich oft nur dem sorgsamen Leser
erschließen, zwar politisch und philosophisch aufmerksam kommentierend,
jedoch mit geringem Interesse an der Historie - seine Schriften lustbetont,
virtuos mit den Worten laborierend, getragen von einer heiteren Grundstimmung,
die dem oft grantigen Herder völlig fremd ist. Während der
Pastor litteratus bevorzugt ästhetisch-reflektierende oder historisch-theologische
Erörterungen verfasst, bedient Wieland mit Vorliebe das Genre
der poetischen Erzählung und des Romans - auch Wieland theoretisch-reflektierend
über Ästhetik und die Zeitläufte, aber weniger radikal
als sein jüngerer Zeitgenosse. Beide verstanden sich als Anti-Systematiker,
Sensualisten, ihren Sinnen vertrauend - und waren damit potenzielle
Gegner des Kantianismus. Beide waren leidenschaftliche Übersetzer.
War ihr Verhältnis anfangs von Irritation und Missverständnissen
geprägt, so änderte sich dies (wie oft im Leben) nach der
persönlichen Bekanntschaft. Jedoch erst in der Ablehnung und
im Kampf gegen den kantianischen Zeitgeist fanden Sie wirklich zusammen.
Beide bekannten sich zur Lust am wohlgesetzten Wort sowie zur Humanität
im Sinne (nicht nur) literarischer Kommunikation.
Das
Panorama von Herders Leben zeigt einen cholerischen, rebellischen
Charakter, der seine Zeitgenossen nicht selten mit überraschenden
Entschlüssen vor den Kopf stieß. Wie ein Schlaglicht leuchtete
sein Geist, wenn er mit intellektuellem Gespür Neues erkannte,
aber Blitz und Donner konnten ohne Rücksicht auf Stand und Würden
jene treffen, die seinen Einsichten im Wege standen. Er wagte es,
Ungewöhnliches zu denken und ans Tageslicht zu bringen, denn
er wollte sowohl die Unwetter wie auch die Sonnentage der menschlichen
Geschichte verstehen und das elfte Gebot predigen.
Sein
Denken glich einer barocken Fuge, deren klangreiche Stimmen sich aus
Glauben, Forscherdrang und aufgeklärter Hoffnung zusammensetzten.
Dabei waren ihm die Schrecken der Gegenwart ebenso bekannt, wie er
jene der Zukunft ahnte. Aber er vertraute der durch menschliche "Vernunft
und Billigkeit" wirkenden göttlichen Instanz und dem Evangelium,
dessen Autorität er bei seinen Zeitgenossen zunehmend schwinden
sah. Im Kern seiner Existenz glühte der lutherische Glaube: Wahrhaftigkeit
gilt mehr als Courtoisie, Überzeugungstreue steht höher
als Verbindlichkeit. Der streitlustige Prediger erhob sein Haupt nicht
in den Himmel, sondern neigte es dem Irdischen zu und schüttete
kaum verhohlene Verachtung auf die Herrschenden, die es ihm arg vergalten.
Herder
beschwor den Keim der Humanität in jeder menschlichen Seele.
Kant hingegen verstand "Menschlichkeit" lediglich als "bedingte
Pflicht" des Einzelnen (vgl. "Die Metaphysik der Sitten",
Tugendlehre, § 34). Vielleicht liegt unserem Zeitgeschmack die analytisch-kühle
Diktion des Königsberger Philosophen mehr als die oft glühende
Emphase des Geistlichen, aber in Herders Denken offenbarte sich eine
existentielle Religiösität, die sich weit von orthodoxen
Vorstellungen entfernte. Herders Glaube und Forschen umfasste seine
gesamte Persönlichkeit, eine Spaltung zwischen Amt und Existenz
war ihm fremd. Er nahm seinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit ernst
- vielleicht zu ernst - denn seine Verbissenheit verfinsterte ihm
oft das Licht, das er anderen entzündete. Als Verbindung zwischen
Innen- und Außenwelt und als Kern seines Bekenntnisses galt
für ihn ein ursprünglicher, historisch gegründeter
Glaube, dessen impulsive Energie viele seiner Zeitgenossen überforderte
oder den sie in seiner Radikalität missverstanden.
Oft
stand er sich selbst im Weg, aber dieses Unbehagen war eine der Triebfedern
seiner Prosa, die aufrichtige Worte des Zornes und der Hoffnung kennt.
Das ständige Ringen um den sprachlichen Ausdruck von religiösen
Ahnungen und Überzeugungen in den verschiedenen Lebensphasen
irritiert zuweilen, so dass der Leser Texte unterschiedlicher Autoren
vermutet. In den gediegensten Textpassagen stimmt er das Hohelied
des menschlichen Individuums und des allgewaltigen Gottes an, dann
schießen Sprachkraft und Begeisterung für das Menschlich-Göttliche
gleichsam zu Lautkristallen zusammen.
Er
war Prediger der Humanität in einer Epoche, in welcher der Begriff
Menschlichkeit als Phrase galt, ja verlacht wurde. Aber diese christlich
Weltsicht fundierte zugleich eine moderne Existenz, denn Herders Denken
und Wirken glomm wie ein Funken an der Wegscheide zur Moderne: In
religiöser und epistemologischer Hinsicht mit dem Spätmittelalter
und Barock sympathisierend, nahm er in seiner schonungslosen Offenheit
den Individualismus vorweg, denn seine Briefe und Schriften kehrten
oft sein Innerstes nach außen, Wahrhaftigkeit galt ihm als Maßstab.
Doch stets schwingt in seiner Diktion außer dem Faktischen und
dem Traumhaften ein feiner Hauch mit, der das Getrennte vereint und
mit Grazie bedeckt.
Weitere
Texte Biberacher Vorträge auch in unserer Abteilung Weberberg.de/abc.
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