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Er braucht Arbeit, um sein Brot zu verdienen. Fraudoktor gibt ihm die
Stelle, weil sie an ihn glaubt. Eine Schülerin schwärmt noch
in späten Jahren: "In diesem meinem ersten Jahr im Lyzeum geschah
ein Wunder in Gestalt des Zeichenlehrers. Er war jung, sechsundzwanzig
Jahre alt, und sein Gesicht war, auch wenn man ihn immer wieder anschaute,
so, als ob man es noch nie gesehen hätte. Man wagte nicht zu sagen,
wie schön es sei. Legte er die Hände übers Katheder, so
hatte jeder seiner Finger eine andere Stellung. Seine Hände bewegten
sich so maßgebend, daß wir bald sie, bald sein Gesicht betrachteten
und gleichermaßen entzückt waren. Er hatte eine stoßende,
vibrierende Stimme. Seine Geschichten, seine Phantasien waren, wie er
sie erzählte, für uns Kinder vollkommen begreiflich und fanden
sich in unseren Malereien und Zeichnungen wieder."
Es ist eine besondere Schule, von der da erzählt wird. Fraudoktor,
ihre Gründerin und Leiterin, weiß Menschen zu wählen,
die die Kinder der Schule begeistern können, zum Lernen begeistern:
gute Lehrer. Aber: "Ein halbes Jahr lebten wir mit ihm, dann war
es zu Ende. ... das Unterrichtsministerium wies ihm den Mangel an Lehramtsprüfungen
nach. Fraudoktor kämpfte für ihn, und es gelang ihr, bis zum
Unterrichtsminister vorzudringen. Sie stand vor ihm und rief: "Exzellenz,
Oskar Kokoschka ist ein Genie, man weiß es nur noch nicht."
Er antwortete: "Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen."
Diese Antwort wird Jahrzehnte später, als Oskar Kokoschkas Bilder
längst in Museen hängen, Titel eines Buches von Alice Herdan-Zuckmayer
über ihre geliebte Fraudoktor, Eugenie Schwarzwald, die 1900 in Zürich
promovierte und drei Jahre später in Wien ihre erste Schule eröffnete,
damit die österreichische Reformpädagogik begründend. Man
nennt sie heute kaum noch, denn sie hat kein pädagogisches Konzept
entworfen und sich damit im Streit der Theoretiker hervorgetan. Sie hat
unermüdlich Vorträge gehalten und zu praktischer Menschlichkeit
aufgerufen, hat Hilfswerke gegründet und hat Erwachsene an ihre Schulen
gebunden, die den Kindern gute Lehrerinnen und Lehrer sein konnten. Hat
für einen Rahmen, für Räume und Gemeinschaft gesorgt, und
ihnen die Freiheit gelassen, Kindern die Schule zum Mittelpunkt ihres
selbständigen Lebens zu machen.
1938 wurden die Schwarzwaldschulen geschlossen, das Vermögen durch
den Stillhaltekommissar liquidiert. Eugenie Schwarzwald, so beraubt, starb
zwei Jahre später in Zürich. Konnten ihre Lehrerinnen und Lehrer
zum Sauerteig einer überdauernden Schulreform in Österreich
werden? Es ist nicht so leicht, ein guter Lehrer, eine gute Lehrerin zu
sein, wenn der Rahmen nicht dazu passen will. Aber auch ein günstiger
Rahmen und ein engagiertes Kollegium machen nicht alle, die neu dazukommen,
zu Erwachsenen, die Kinder für das Lernen begeistern und ihrer geistigen
und seelischen Entwicklung bekömmlich sind. Das erfahren auch kräftige
Reformschulen, deren prägendem Einfluß man viel zutrauen möchte.
Jugend, ein lebendiges Gesicht, schöne, sprechende Hände sind
natürlich nicht das Eigentliche des guten Lehrers. Man kann auch
von einer Lehrerin schwärmen, die eine künstliche, in Leder
gefaßte Hand hatte und in den Augen des Kindes uralt war, wenn sie
nur da war, für die Kinder da war, sobald die vor ihr saßen,
also bei ihr waren, und jedes sich von ihr gesehen, liebevoll angeschaut
wußte. Solch ernsthaft freundliche Achtung für junge Menschen,
die lernen wollen, wenn sie sich in der Schule niederlassen und noch nicht
von ihr enttäuscht sind, ist der Kern jeder guten Schule. Sie ist
durch kein Schulbuch und kein Arbeitsblatt, kein Folienballett und kein
Computerprogramm zu ersetzen. Die Versprechen, mit denen der Schule die
Medien aufgedrängt werden, sind leer. Sie platzen bald.
Ob eine Schule gut ist, entscheidet sich daran, ob die dort arbeitenden
Lehrer und Lehrerinnen die ihnen Anvertrauten als Menschen achten und
ihren Anspruch auf Bildung einzulösen versuchen. Und dies, ohne Unterschiede
nach Herkunft und Vorbildung zwischen den Kindern zu machen. Dazu gehört,
daß=
sie sie auf die ihnen gemäße Weise lernen lassen. Kokoschka
erzählte den Kindern so, daß er ihre Phantasie weckte. Und
dann ließ er sie zeichnen, was sein Erzählen in ihnen angeregt
hatte, ließ sie ihre Phantasien, ihre inneren Bilder äußern.
Er forderte ihre künstlerischen Fähigkeiten heraus. Der mächtige
Onkel der kleinen Alice empörte sich, weil Kokoschka ihr nicht beibrachte,
wie man nach den überlieferten Regeln zu zeichnen hätte. Sie
hielt zu ihrem Lehrer, hielt an ihren noch kleinen Werken und so an sich
selbst fest, weil sie sich darin vom Lehrer respektiert wußte.
Die Verständigung mit sich selbst im Medium des eigenen Zeichnens,
mit dem sie auf dem Papier ihre inneren Bilder und ihr Denken klärte
und sich damit geistig kräftigte, mag sie als Wachheit und Wohlgefühl
angenehm gespürt haben, ohne daß ihr das schon bewußt
werden konnte. Sie war bei sich selbst, bemühte sich, etwas zu verstehen
und zu schaffen, und es ging ihr gut dabei. So war alles in Ordnung und
sie darin aufgehoben. Das nun ist das Werk ihres Lehrers, das Ergebnis
seiner Haltung gegenüber Kindern, die er ernstnimmt in dem, was sie
zu äußern haben und sich in seinen Äußerungen ihnen
als ganzer Mensch zuwendet. Man kann es ganz einfach sagen: Er wollte
wissen, was in ihnen vorging und was sie zu zeichnen hatten. Und die Kinder
wußten das.
Noch deutlicher war die Ermutigung der Kinder zu sich selbst im Unterricht
von Fräulein Klara zu erfahren. Wenn der Rede- und Frageeifer der
Kinder überhandnahm, sagte sie: "Das könnt ihr mir nicht
alles sagen, ihr dürft es aber schnell aufschreiben, dann lese ich
es zu Hause." Mit Eifer und flinker Schreibhand, wie mit Rückenwind
und ohne Angst um Rechtschreibung und Interpunktion wurde dann in knapper
Zeit geschrieben. Fräulein Klara nahm alles zum Lesen mit heim. Später
durfte jedes Kind seinen Aufsatz im Unterricht vorlesen, sich den anderen
damit zeigen. Aber dann verwahrte Fräulein Klara die Blätter
bei sich daheim in einem Geheimfach, Eltern und Geschwister bekamen sie
nicht zu Gesicht. So mußten die Kinder keine Angst haben, gerügt
oder ausgelacht zu werden. Diese Verschwörung war wohl nötig
um 1908. Als viele Jahre später Aufsätze aus der Sammlung veröffentlicht
wurden, konnte man lesen, was Irene damals für ihre Zukunft plante:"Was
ich werden will? Blumenhändlerin, aber niemals die Rosen mit Draht
binden."
Ist ein korrigierender Eingriff nach den Regeln der Aufsatzdidaktik in
diese Selbstaussage denkbar, der den Text besser machen könnte? Die
Grammatik ist nicht erwachsen korrekt, aber sie trifft das Empfinden.
Sie unangetastet zu lassen, gebietet der Takt. Und wenn Fräulein
Klara diese Aufsätze verbirgt, zeigt sie noch zweifach Takt: Sie
hilft den Kindern, vor Eltern und Geschwistern das Gesicht zu wahren,
und bewahrt diese davor, das lernende Kind zu kränken, weil sie zu
wenig davon wissen, wie das eigene Denken in der Schriftsprache sich muß
frei und ohne Angst vor Fehlern entwickeln dürfen, um wirklich selbstständig
und kräftig zu werden. Das alles hat Fräulein Klara damals wohl
aus Anstand intuitiv richtig gemacht, ein mit Liebe ersonnener Ausgleich
auch für all die pädagogischen Einschnürungen, die Kinder
sich zu ihrer Zeit gefallen lassen mußten.
Heute könnten alle Lehrerinnen und Lehrer wissen, daß Kinder
zunächst einmal frei schreiben müssen, um die eigene Stimme
auf dem Papier zu finden und zu entwickeln, bevor sie bereit sind, ihren
Ausdruck fremdgesetzten Regeln so anzupassen, daß sie nicht wie
mit verstellter Stimme tönen, sobald sie etwas schreiben. Moderne,
aufgeklärte Professionalität verbietet mit wissenschaftlichen
Befunden einen Aufsatzunterricht, der wie ein Schnürleib dem Sprachkörper
des Kindes Luft und Bewegungsfreiheit nimmt. Trotzdem wird er immer noch
ungeniert tradiert, wenn man auch neuerdings das Aufsatzschreiben Textproduktion
nennt. Man läßt sich vom Zwang zur vergleichenden Benotung
und bequemen Schulbüchern verführen, die Stimmen der Kinder
Normen zu unterwerfen, die ihnen wie ein Schlag auf den Mund die echte
Äußerung verbieten, unbegreiflich. Man tut das wohl mit gutem
Gewissen, weil ignorant und ohne Fräulein Klaras Feingefühl.
Daneben gibt es Klassen, in denen das Freie Schreiben blühen darf,
in denen Kinder selbstständig Bücher schaffen und bei Dichterlesungen
den Eltern stolz ihre höchst eigenen Geschichten und Gedanken vortragen.
Aber fast hundert Jahre nach Fräulein Klara und trotz all der teuren
Wissenschaft und Fortbildung, die wir uns leisten, gibt es noch kein Einverständnis
darüber, wie Kinder in der Schule schreiben lernen sollten, was Lehrerinnen
dabei zu tun, und was sie zu lassen haben.
Die Eltern der Schulkinder haben heute ganz unterschiedliche Erziehungskonzepte.
Viele, womöglich alle erwarten, daß die Schule ihre Erziehung
nicht in Frage stellt, sondern fortführt, was sie begonnen haben,
wenn auch vielleicht mit mehr Erfolg, weil schließlich professionell.
Diese sie in alle möglichen Richtungen zerrenden Elternerwartungen
machen Lehrerinnen und Lehrern das Leben schwer. Oft schon wurde das beklagt.
Kaum bewußt ist bisher, daß auch in den Schulen eine oft verwirrende
Vielfalt der pädagogischen und didaktischen Konzepte herrscht, daß
die individuelle Verantwortlichkeit der LehrerInnen in vielen S Heutige
Kinder begründen ihren Überdruß an der Schule häufig
so:"Wir sind denen doch egal." Aber sie schwärmen auch
von LehrerInnen, die ihnen persönlich, offenen, interessiert und
anteilnehmend, also dialogbereit gegenübertreten.Schulhäusern
als Gezänk und Gezerre des Kollegiums spürbar ist, auch wenn
das von Mehrheitsbeschlüssen und Korpsgeist verschleiert wird. Es
bleibt viel Raum für Willkür und Machtspiele, für Gleichgültigkeit
und Schlamperei zu Lasten von Kindern und Eltern, aber auch derjenigen
im Kollegium, die ihren Beruf mit Anstand ernstnehmen. Sie müssen
sich womöglich vorhalten lassen: "Du verdirbst die Preise!"
Oder genauer: "Du verwöhnst uns die Kinder, und die Eltern auch!"
Sie haben es oft nicht leicht im Kollegium, sind EinzelkämpferInnen
ohne den Rückhalt in einer allgemein anerkannten Professionalität
und einer verläßlichen Zugehörigkeit zu einer Gruppe von
Menschen mit gleichem Berufsernst.
Wäre es denn möglich, verläßlich zu erkennen und
zu sagen, worin eine hohe Professionalität von LehrerInnen besteht?
Und wenn man das könnte, wäre es gut, alle diesem Standard zu
unterwerfen? Der Staat gibt gegenwärtig viel Geld aus, wenn er die
Leistung von Unterricht und ganzen Schullandschaften messen und international
vergleichen läßt. Ein fernes Ziel ist dabei, den guten Unterricht,
die guten Schulen zu finden, deren Prinzipien und Handeln zum Vorbild
für alle gemacht werden könnten. Was Wissenschaft findet, ist
aber abhängig davon, was man finden will, ist auch widersprüchlich
zu interpretieren, zudem bislang nicht so überraschend neu, daß
man es vorher nicht schon längst gewußt hat oder doch hätte
wissen können. Der empörende Witz bei der Sache ist, wie LehrerInnen
bei diesen teuren Unternehmungen behandelt werden. Sie sind Objekte der
Forschung. Ließe man sie mitreden, verdürbe das angeblich die
Objektivität der Ergebnisse.
Aufwendig sucht man nach wirksamen didaktischen Arrangements, die verallgemeinert
überall zu erfolgreichem Lernen führen könnten. Das regt
sich wieder einmal der alte Traum vom Nürnberger Trichter, den Lehrer
als Organisator oder Moderator des Lernens nur mehr richtig anzusetzen
und zu füllen hätten. Jede oder jeder sollte damit umgehen können.
Vielleicht käme man sogar ohne Menschen aus, brauchte nur Lernprogramme
für den PC zu entwickeln, alle Schüler und Schülerinnen
ans Internet anzuschließen?
Faßt man einen Bericht Hans Döberts über die Ergebnisse
empirischer Unterrichtsforschung ganz knapp zusammen, läßt
sich sagen: LehrerInnen sind für erfolgreiche Lernprozesse entscheidend,
aber die mit Erfolg sind sehr verschieden und geben kein eindeutiges Modell
ab. Stabile Persönlichkeitsmerkmale, die sich messen und womöglich
Erfolg im Beruf vorhersagen ließen, wurden nicht gefunden. Zu wissen,
wie man als LehrerIn handeln sollte, heißt noch nicht, dies auch
zuverlässig zu tun. - Haben wir das nicht schon längst geahnt,
ganz ohne empirische Forschung, rein aus der Beobachtung der LehrerInnen,
denen wir unvermeidlich begegnet sind?
Von Comenius wird seit vierhundert Jahren die Forderung überliefert,
daß der Lehrer "ein Didaktiker sei und Unwissende geduldig
zu ertragen sowie Unwissenheit künftig zu verscheuchen verstehe".
Darin steckt eine Spannung, die dem Unterricht so notwendig wie den dort
Zusammenwirkenden schwierig ist. Der Lehrer soll "andere zu dem Lichte
zu bringen begehre(n), dessen er sich selbst erfreut", und gleichzeitig
geduldig sein mit denen, die ihm nicht folgen mögen oder können,
die sein Bemühen also scheitern, sein Begehren sich unerhört
erschöpfen lassen. Darin steckt ein schmerliches Paradox: Alle erfolgreich
Lehrenden sind immer auch Scheiternde, in allem Erfolg und Gelingen immer
auch Scheiternde. Sie nehmen ihre Verantwortung für die Lernenden
ernst, wollen, daß die lernen, damit die es selbst auch wollen können.
Sie müssen ihnen aber die Freiheit lassen, selbst nach dem Lernen
zu greifen oder auch nicht, sonst kann nicht viel daraus werden. In den
Kindern, die nicht gleichzeitig mit den anderen dazu bereit sind, scheitert
der Erwachsene, erfährt er schmerzlich die Grenze seiner Wirksamkeit.
Die Enttäuschung darüber darf er nun den Kindern als schlechte
Note zuschieben, als Vorwurf, sie seien unbegabt oder faul. Damit überblendet
er das Nagen des Selbstzweifels, bis er schließlich Lernen nur noch
anbieten, nicht mehr für alle Kinder wollen kann. Dann muß
er sich auch nicht mehr als scheiternd erleben.
LehrerInnen, die nicht so im Rückzug ihren Frieden mit dem lern-
und leistungsfeindlichen Auslesesystem unserer Schule machen können,
verzehren sich in Widersprüchen, die für Einzelne kaum zu durchschauen
und bei klarem Bewußtsein zu ertragen sind. In solcher Not entsteht,
wenn sie realisiert wird, der Wunsch nach regelmäßiger Supervision,
nach psychologisch angeleiteter Selbstverständigung, -klärung
und -stärkung im Kreise von KollegInnen. Würde die gewährt,
könnten Kräfte schonender eingesetzt, könnte besser unterrichtet
und gelernt, könnte manche Flucht aus dem Beruf und manche Frühpensionierung
verhindert werden. Es würde aber auch das Selbstbewußtsein
der LehrerInnen steigen, dazu ihre Fähigkeit, sich mit KollegInnen
in gemeinsamer Sache zu verständigen und zu verbünden, und das
gefährdete am Ende wohl ihre Bereitschaft, sich schulfremden Wünschen
aus Verwaltung und Politik zu fügen. Auch die Funktionäre in
der Verbänden und Gewerkschaften der LehrerInnen scheuen offenbar
die Emanzipation ihrer Mitglieder durch Supervision, sonst hätten
sie sich deren Recht darauf längst mit Vehemenz als vorrangiges Ziel
gesetzt.
Offenes, selbstkritisches und argloses Nachdenken mit KollegInnen über
die Erfahrungen und Bedingungen des gemeinsamen Berufs kann helfen, die
eigenen Ängste und Freuden, das eigene Tun und Lassen im Unterricht
immer mehr zu klären und zu entschlacken, und dennoch gegenüber
den wechselnden, verschiedenen Lernenden selbst eine Lernende, ein Lernender
zu bleiben. Denn in dem Maße, in dem wir meinen, schon zu wissen,
wen wir vor uns haben, werden wir blind und taub für ihn, für
sie. Im Umgang mit Kindern wie mit Erwachsenen. Das ist ein anderes Paradox
neben dem, zugleich wollen und scheitern zu müssen, das den Lehrerberuf
so schwierig macht: Man muß kinderkundig sein, aber - und sei man
es noch so sehr - das einzelne, gegenwärtige Kind nicht schon gleich
ganz kennen wollen, sonst ordnet man es nur ein, stempelt es ab, und verdirbt
die Beziehung für den unterrichtsbegründenden Dialog. Nur im
Dialog mit den Lernenden kann sich auch eine Didaktik entwickeln, die
zugleich der Person der Lehrenden und der Lernenden und dem Gegenstand
des Unterrichts gemäß ist.
Hans Georg Gadamer in der Weisheit seiner hundert Jahre sagt uns: "Nur
wenn man den Lehrer liebt, lernt man." Das heißt, das für
ihn mit der Beziehung zwischen dem Erwachsenen und den Kindern das Lernen
beginnt. Albert Schweitzer erzählt von einem Lehrer, dessen Verläßlichkeit
ihn selbst verwandelte: "Ich hätte mich geschämt, diesem
Lehrer zu mißfallen." Wolfgang Frühwald, erfahrener Wissenschaftsmanager
und engagierter Hochschullehrer, sagt sogar auf die Frage, welche Reformen
die Universität brauche: "Studenten brauchen Zuwendung von ihren
Lehrenden." Heutige Kinder begründen ihren Ü=
berdruß an der Schule häufig mit:"Wir sind denen doch
egal!" Sie schwärmen von LehrerInnen, die ihnen persönlich,
offenen, interessiert und anteilnehmend, also dialogbereit gegenübertreten.
Damit allein ist allerdings noch kein guter Unterricht zu machen.
LehrerInnen müssen auch sachkundig sein und sich immer wieder neu
für den Gegenstand ihres Unterrichts interessieren und erwärmen,
ihren eigenen Dialog mit dem Gegenstand pflegen. Es genügt nicht,
Schulbücher, Arbeitsblätter, Folien, Hefteinträge und Tests
pünktlich einzusetzen. Das alles ist nebensächlich gegenüber
der intensiven Beziehung des Erwachsenen zum Gegenstand selbst, wenn sich
Kinder und Jugendliche dem zuwenden und ihn sich vertraut machen sollen.
Je zahlreicher und bunter unsere Unterrichtsmedien geworden sind, desto
mehr ist das in Vergessenheit geraten. Der geradezu schrille Anspruch,
mit dem elektronische Medien auch an den Lehrern vorbei in die Schulen
gepreßt werden, weiß gar nichts davon. Dabei kann nur ein
als vertrauenswürdig erlebter Erwachsener den Jüngeren vorleben
und zeigen, welche Bedeutung die Gegenstände des Unterrichts für
ihr eigenes Leben haben könnten. Solche Erwachsenen zeigen, daß
es sich lohnt, zu lernen und erwachsen zu werden. Sie sind durch kein
Medium zu ersetzen. Daß sie heute vielfach fehlen, ist eine entscheidende
Ursache für Gleichgültigkeit und Verachtung gegenüber der
Schule, aber auch für Verzweiflung und Aggressivität der Heranwachsenden.
Die eigentliche Aufgabe der Schule ist es, den Dialog der Lernenden mit
den Gegenständen des Unterrichts zu achten, zu klären, zu entwickeln,
zu kräftigen, gelegentlich auch erst zu begründen. Das ist die
dritte und vordergründig wichtigste Dimension des Unterrichts. Aber
die Beziehung des Lehrenden zum Gegenstand des Unterrichts ist nicht auf
die Lernenden zu übertragen. Lernen ist nicht durch Lehren zu machen,
ist niemals der unbedingt eintretende Reflex auf das Lehren. Es ist aber
gedanklich schwer zu trennen, hat etwas miteinander zu tun. Nur was genau?
Dies ein für allemal herauszufinden und dann das Lernen zuverlässig
bewirken zu können, das hoffen nur Technokraten. Gute Lehrerinnen
und Lehrer sind eher Künstlern und Handwerkern zu vergleichen, Menschen
mit Respekt vor dem, was sich ihnen nicht leicht fügen will.
Ute Andresen
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