Eröffnung „Ernst Ludwig Kirchner: Winter in
Davos 22.10.04
Sehr geehrte Damen und Herrn, lassen Sie mich zunächst berichten, wie es zu dieser zweiten Sonderausstellung kam. Genaugenommen ist sie ein Nebenprodukt der Recherche für die letztjährige Ausstellung zum Thema „Kirchner und der Tanz“. Während der Vorbereitung war ich auf zahlreiche Wintersport-Darstellungen gestoßen und hatte eine Weile lang erwogen, auch das Motiv des Eislaufs in die Ausstellung aufzunehmen, Eislauf als ein dem Tanz verwandtes Motiv. Da die Wintersport-Darstellungen so zahlreich waren - neben Eislauf gab es Eishockey, Skilaufen, Skispringen - entstand die Idee, eine eigene Ausstellung zum Thema Wintersport zu organisieren. Nachforschungen ergaben, dass es eine solche Ausstellung bislang nicht gegeben hat. Hingegen wurde das Thema Bewegung im Werk Kirchners schon mehrfach gewürdigt, aber der Wintersport schien bislang unbemerkt. Körper in Bewegung darzustellen, sei es beim Tanzen, beim Baden im Meer, auf den Straßen Berlins oder eben beim Sport, ist eines der zentralen bildnerischen Anliegen Ernst Ludwig Kirchners. In einem Skizzenbuch von 1929/30 hielt er dazu fast programmatisch fest: „Meine Malerei ist eine Malerei der Bewegung. Am Bahnhof in Aschaffenburg geboren zeichnete ich schon früh die Lokomotiven...“ Wer am Bahnhof geboren wird, dem scheint die Bewegung, die fortwährende Veränderung in die Wiege gelegt zu sein. Leben und Bewegung, das ist für Ernst Ludwig Kirchner identisch. Bekanntlich müssen alle Ideen, die der Leiter dieses Hauses Frank Brunecker und ich ausbrüten den Härtetest der haushaltspolitischen Realitäten bestehen und dabei wurde uns schnell klar: Wir können uns wichtige Leihgaben für eine Wintersport-Ausstellung nicht leisten, sie befinden sich u.a. in den USA und Caracas/Venezuela; mal abgesehen von der Frage, ob diese Institutionen und Personen an ein so kleines Haus wie das Braith-Mali-Museum überhaupt ausleihen würden. Leihgaben aus Übersee sprengen unser Budget bereits beim Abfragen der Preise für einen Hin- und Rückflug samt Kurierbegleitung. Es galt die Idee der Ausstellung anders zu fassen. An der Entscheidung, in Biberach themenbezogene Ausstellungen zu organisieren, wollten wir festhalten, denn sie erlauben den Besuchern eine künstlerische Entwicklung anschaulich zu verfolgen.
Kirchners Interesse am Wintersport ist eindeutig durch die
Stadt Davos geprägt. Als Kirchner sich 1918 in der Nähe dauerhaft niederläßt,
ist die Stadt am Beginn, sich von einem international bekannten Ort
mit Heilanstalten für Lungenkranke zu einen Zentrum für Wintersport
zu wandeln. Zwar besitzt Davos seit 1898 Europas größte Natureisbahn,
auf der wichtige Wettläufe abgehalten werden, aber die große Mehrzahl
der Gäste kommt damals noch wegen der trockenen Luft und der vielen
Sonnenstunden. Ihren literarischen Niederschlag haben die Davoser Lungensanatorien
bekanntlich in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ gefunden, der 1924
veröffentlicht wurde, und für den der Aufenthalt des Autors 1912 im
Davoser „Wald-Sanatorium“ den Hintergrund bildet. Die zentrale Figur
des Romans, Hans Castorp, wagt sich
einmal auf Skiern in das Hochgebirge und er tut dies – heute würde man
sagen als Langläufer, nicht als alpiner Abfahrer. Alpine Abfahrten erfordern
andere Techniken und diese sind erst im entstehen. Ernst Ludwig Kirchner lebt von 1918 bis 1938 in Davos und er kann fast alle wichtigen Stationen des Wandels zum Wintersportort verfolgen: Bspw. die Gründung des Hockey-Club Davos 1921, aus dem der Eishockeyclub EHC wird, der seit 1923 jährlich im Januar den bekannten Spengler-Cup durchführt. Oder er sieht 1928 den Neubau der Bolgenschanze, auf der international besuchte Skispringen abgehalten werden. 1926 findet in Davos die Eishockey-Europameisterschaft statt, 1935 sogar die Weltmeisterschaft. 1933 wird die „Parsennbahn“ gebaut, eine Bergbahn, mit der ein riesiges Skigebiet erschlossen wird. Dabei ist Davos noch weit davon entfernt ein Wintersportzentrum heutigen Ausmaßes zu sein. Die Eishockey-Weltmeisterschaft 1935 verfolgt Kirchner mit großem Interesse und in der Folge entstehen zahlreiche Arbeiten. Kirchners Kunst ist von den Anregungen, die er an seinem Lebensort erhält, nicht zu trennen.
Von hier aus war es naheliegend, die geplante Ausstellung auf die Stadt Davos und natürlich auch auf ihre Umgebung auszuweiten. Schritt um Schritt entstand eine Reise durch die Jahreszeit Winter. Sie erlaubte es auch die Biografie des Künstlers mit aufzunehmen. Einige von Kirchners Selbstbildnisse bilden oben im Saal den Auftakt, darunter ein kleines in Holz geschnittenes Selbstporträt, das einen schmächtigen Mann mit eingefallenem Gesicht zeigt, seine ganze Erscheinung wirkt schwach und von Krankheit gezeichnet. Kirchner steht in seinem Zimmer im „Haus in den Lärchen“. Er trägt einen Arbeitsanzug mit Lederbesatz, in der Hand hält er eine Blume als Symbol für die Hoffnung. Der Künstler war krank, körperlich krank und auch seelisch gebrochen, und es brauchte ganze drei Jahre, bis er weitgehend genesen war. Vermutlich war dieser Heilungsprozeß nur an einem weit abgelegenen Ort in den Bergen möglich, abseits vom hektischen Leben der Großstadt und ihrem aufreibenden Kunstbetrieb. Oben auf der Stafelalp, einer Ansammlung von einem Dutzend Holzhäusern auf 1.900 Metern Höhe, begegnet Kirchner in den Sommermonaten 1917 und 1918 einem für ihn völlig neuen Menschenschlag – den Bauern. Sie lernen ihn als kranken Mann kennen, nicht als schwierigen Künstler, und sie finden ihr Auskommen mit einander. Großformatige Porträts einiger Stafler Bauern und Darstellungen ihrer Tätigkeit im Winter schließen sich als zweite Abteilung an. Das Vieh steht im Stall, die Frauen spinnen die Wolle oder sie sticken, die Männer holen das Holz aus dem Wald.
Die
dritte Abteilung bilden die Landschaftsdarstellungen: In Davos sieht
sich Kirchner einer beeindruckenden Kulisse von Bergen gegenüber, auf
die er als Künstler unmittelbar reagiert. Zwar hatte Kirchner in seinen
Dresdner und Berliner Jahren gemeinsam mit seinen Kollegen der Künstlergruppe
„Die Brücke“ an den Moritzburger Seen und auf der Insel Fehmarn Landschaften
gezeichnet und gemalt, jedoch waren dies Motive im Flachland und es
waren Sommermotive. Jetzt suchte er nach einem bildnerischen Ausdruck
für eine winterliche Berglandschaft. Wie reagierte der Großstädter Kirchner
auf sie? Kurz gesagt: Ohne Romantik. Ohne Wintersignale. Weder werden
ihm fallende Schneeflocken zum Motiv noch das Funkeln der Eiskristalle. Kirchner
malt keine gefrorenen Eiszapfen und er stellt keine symbolische Verbindung
zwischen Winter und Tod her. Er beschwört nicht die Naturgewalt durch
die Darstellung abgestorbener Bäume oder die zerstörerische Kraft der
Lawinen. Hingegen legt er Farben auf den Schnee, um seine Leuchtkraft
zu steigern. Interessanter weise erfährt Kirchner die Berglandschaft als einen Raum, in dem der Mensch zu hause ist. Allerorten ist eine Berghütte zu erkennen, steht Vieh auf der Weide oder zeigen sich Fußspuren im Schnee. Landschaft ist für Kirchner primär Lebensraum von Menschen. Er sucht nicht die entlegenen Stellen, um grandiose Ausblicke auf die Gebiete oberhalb der Wachstumsgrenze zu zelebrieren. Im Unterschied zu Caspar David Friedrich sehen sich seine Figuren keiner Wüste aus Eis und Schnee gegenüber, im Unterschied zu Ferdinand Hodler ragt für ihn die Silhouette der Berge nicht in den Himmel hinein, ins Jenseits, in den Bereich des Göttlichen. Kirchners Berge sind mächtig, aber nicht heroisch und unbesteigbar.
Einzig in den drei Entwürfen für die Titelseite seiner ersten umfassenden Monografie, die der Kunsthistoriker Will Grohmann erstellte, wird ihm der Winter zum Sinnbild: Auf ihnen zeigt sich der Kopf Kirchners inmitten einer verschneiten Landschaft - der schöpferisch tätige Künstler als ein notwendig einsamer Mensch.
In Davos liegt im Durchschnitt vier, fünf Monate Schnee. Mitte November fällt das erste Weiß und bleibt meist bis weit in den März liegen. In Davos liegt aber nicht nur lange Schnee, hier scheint auch sehr oft die Sonne und wer Kirchners Landschaften betrachtet, der darf mit recht die Frage stellen: Welche Farbe hat der Schnee? Ist er blau oder gelb oder orange oder doch eher rot? In manchen Bildern entsteht der Eindruck, als sei es bitter kalt, in anderen, als sei der Schnee erwärmt, geradezu erglüht. Kirchner geht von Gesehenem und von Erlebtem aus und er erweitert die Naturschilderung mittels Farben und durch Vereinfachung der Formen.
Die vierte und größte Abteilung in der Ausstellung bildet der Wintersport. Umfassend gerät dem Künstler dieses Motiv erst nach der Rückkehr aus Deutschland 1925/26 in den Blick. Kirchner weilt bereits sieben Jahre in der Schweiz, als er sich zu seinem ersten Berlinbesuch aufmacht. Dort wird er mit den aktuellen künstlerischen Tendenzen der Neuen Sachlichkeit, den konstruktiven Idee des Bauhauses und abstrahierenden Tendenzen konfrontiert, und er muss erfahren, das der Expressionismus, mit dem sein Name so eng verbunden ist, bereits als ‚Vorkriegskunst‘ eingestuft wird. Dem will er entgegentreten und seiner Kunst eine zeitgemäße Form geben. Er vollzieht diese Veränderung nicht mehr am Motivbereich der bäuerlichen Lebenswelt, sondern durch eine Rückkehr zu städtischen Motiven. Nach 1926 entstehen vermehrt Darstellungen von Menschen in Cafes, Stilleben, Ansichten der Stadt Davos und eben Wintersport. Wintersport verkörpert für Kirchner ein städtisches Lebensgefühl. So kann er an die früheren Großstadtmotive anschließen, ohne die ihm vertraut gewordene Welt der Berge zu verlassen. An den Bergen hält er bis zu seinem Tode fest.
Sehr geehrte Damen und Herren, wir möchten uns noch ausdrücklich bei den Leihgebern bedanken: Insgesamt 64 Werke werden präsentiert, darunter 6 Gemälde. Sie sehen Werke in allen künstlerischen Techniken, in denen Kirchner gearbeitet hat. Mein erster Dank gilt dem Kirchner Museum Davos, das mit über 30 Leihgaben wie im vergangenen Jahr das Fundament unserer Ausstellung bildet. Ein herzliches Dankeschön gilt wieder der Galerie Henze & Ketterer in Bern, die auch den Kirchner-Nachlass betreut und uns bei den Vorbereitungen sehr zur Seite gestanden ist. Dank an die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, an Frau Dr. Gauss und Frau Dr. von Maur, die unser Bemühen um das Werk Kirchners erneut mit Leihgaben unterstützen. Leihgaben erhielten wir vom Kunstmuseum Basel, vom Kunsthaus Zürich, vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt, von den Galerien Iris Wazzau in Davos und Eberhard Kornfeld in Bern und schließlich möchten wir uns auch bei den privaten Leihgebern bedanken, die ungenannt bleiben wollen. Sollte diese Ausstellung Ihren Zuspruch finden, bin ich fest davon überzeugt, Sie in zwei oder drei Jahren zu einer weiteren Kirchner-Ausstellung an gleicher Stelle begrüßen zu dürfen.
Dr. Uwe Degreif, Braith-Mali-Museum Biberach
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