Das ganze Leben Biberachs

Biberach: Leute & Themen
Im Juni 2003 (1)

 

Biberach - 3 Juni 2003: Friedel über früher: Früher, da habe es im "Alten Haus" noch mehr Konzerte gegeben sagt Friedel Schirmer, einer der Wirte des "Alten Haus".. Zwölf im letzten Quartal des Jahres. Jetzt aber stehe nur noch ein Event in diesem Jahr an: Die "Weiße Nacht" im November. Aber was soll man machen? Zwischen Ulm und Bodensee gebe es jedes Wochenende 120 Musik- oder Kabarettveranstaltungen. Nein, Musikveranstaltungen rechneten sich

nicht mehr. "Warum machen Sie die überhaupt?" hatte ihn ein Steuerprüfer einst gefragt. Und dann konnte er Tausende von Mark nachzahlen, weil die Bands sich nicht ordentlich angemeldet hatten. Früher, in den späten 80ern, da spielte noch Supercharge hier. Zwei Nächte hintereinander. Aber Gagen für zehn Musiker mit Helfern, die dann alle noch etwas essen wollten, das sei viel Geld. Und auf Luftmatratzen schliefen die auch nicht mehr. Da kommen die Hotelkosten noch dazu. Früher seien auch die Kneipen noch voller gewesen. Neulich, bei einem Kneipenbummel durch Ulm, wo Friedel geboren ist, hätten sie viele fast leere Kneipen gesehen. Eine Ursache natürlich, dass einige Wirte die Euroumstellung zu saftigen Preisaufschlägen genützt hätten. Eine Pizza, die früher für 14 Mark zu haben war, gab es jetzt für 10 Euro. Und in Ulm koste das Weizenbier teilweise schon 3 Euro. Früher habe er auch noch 1000 Hekto Bier im Jahr verkauft und es gab 4cl Apfelkorn für 1 Mark. Ein sehr beliebtes Getränk damals, davon zeugt noch der große Asbachflaschenhalter an einer der Thekensäulen. Darin befand sich früher der Apfelkorn. Das "Alte Haus" ist eine der großen Traditionskneipen in Biberach, mit einem sehr gut gemischten Publikum. Das jetzt mehr Ältere kommen, liegt an der Küche, die lockt sie her. Samstags und sonntags steht Friedel selbst noch hinter der Theke. Er und sein Partner seien aber immer irgendwie da. Und Friedel wohnt ja auch in dem Haus. Friedel (Jahrgang 1947) hat die Kneipe damals nur mit einem Trick bekommen. Die Verpächterin wollte unbedingt ein Ehepaar ("Wenn eine Frau dabei ist, ist es auch sauber.") und Friedel war nicht verheiratet. Also warf er sich in einen Anzug, überredete eine Freundin als Ehefrau-Darstellerin mitzukommen, fuhr in seinem Käfer nach Biberach und stach die drei anderen Ehepaare, die sich beworben hatten, aus. Biberach kann ihm für diese Notlüge dankbar sein.
Biberach - 3 Juni 2003: Beliebter Marktplatz: Ganz unterschiedlchen Menschen gefällt es, nachts auf dem Marktplatz zu sitzen, sich zu unterhalten und Leute zu beobachten. So wie gestern. Mit den drei Teenies rechts kamen wir ins Gespräch. "Wir sitzen hier, weil wir nicht wssen, was wir machen sollen," sagen Michael (14), Magdalena (16) und Louisa (14). Was ihnen an Biberach gefalle? "Schützen und paar Leute, aber nicht viel." Ihnen fehlen mehr Läden für Jugendliche, vor allem, so Magdalena, ein Laden, wo es Mangas gibt. Und Bücher und fette DVDs. Michael findet, der Esel müsse weg. Schließlich hieße der Ort Biberach und nicht Eselbach. Schon zweimal hätten sie an Silvester versucht, den abzubauen. Erfolglos. Was wichtig sei im Leben? "Musik und dass man später einen gescheiten Job hat.Dass man sich die Jugend nicht dadurch versaut, dass man in den Knast kommt oder nur zuhause rumsitzt. Die Jugend, so Magdalena, sei "die Zeit, wo du noch Zeit für dich hast. Später hast du einen Arsch voller Kinder, was willst du da machen?" Früher sei sei ja ständig vor dem fernseher gehockt, aber jetzt habe sie seit Monaten nichts mehr angeschaut.
Biberach - 2 Juni 2003: Mehr Spaß im T-Punkt: Es gibt zwei Dinge, die den oft endlosen Aufenthalt im (nicht nur) personell meist unterbesetzten T-Punkt unterhaltsam machen können. Da ist zum einen der Service "Ihre ganz persönliche Warteschleife". Zum anderen das Surfen auf Weberberg.de. Die Erfahrung mit der "persönlichen Warteschleife" kann man machen, wenn man eine bereitwillig gegebene Auskunft, die man zum Kampf gegen eine irrwitzig hohe falsche Telefonrechnung (entstanden durch einen Beratungsfehler) braucht, gerne schriftlich hätte. Klack! geht die Schleife an. "Das können wir nicht." - "Warum nicht?" - "Das können wir nicht." - "Warum nicht?" - Das können..." usw. Mündliche Auskünfte aber sind letztlich einen Dreck wert. "Wer hat Ihnen das damals gesagt?" und "Haben Sie das schriftlich?" lassen einen das spüren. Natürlich werden einem E-Mails zur Bestätigung angeboten. Allerdings werden die nicht an die Wunschadresse geschickt. "Das können wir nicht. Ich könnte Ihnen von meiner privaten E-Mailbox eine Bestätigung schicken. Aber die gilt dann ja nichts." -"Warum nicht?" Aber das hatten wir schon. Bei solchen längeren Zwiegesprächen zwischen den Victims of Telekom, vulgo T-Punkt Personal,und der Loser-Fraktion der Victims of Telekom, vulgo Telekom Kunden kann die Zeit für die Wartenden ganz schön lang werden. Vor allem samstags. Aber zum Glück gibt es ein Terminal, das irgendwelche Produkte des Ladens anpreist, deren Bedienung das Personal zum Teil sogar beherrscht. Wie kommt man von dem langweiligen Werbebildschirm zu Biberachs spannendster Website? Easy! Einfach mit dem Finger einmal über die oberste Buchstabenreihe der Tastatur fahren. (Wir machen das immer von rechts nach links, also von * nach Q.) Dann öffnet sich der t-online Browser, man kann problemlos Weberberg.de eingeben (s. Bild) und

der Spaß kann beginnen. Mit einem Ohr & Auge sollte man dabei immer die langsam schrumpfende Warteschlange im Auge behalten, Sorge tragen, dass sich niemand vordrängelt und im entscheidenden Moment dann "Hier!" schreien. Und das Schönste ist: Es koscht nix!

 

Sehr geehrter Herr Stoiber
Friseure bitte nicht in Anlage B !!!!!
Friseure - keine "gefahrgeneigten" Handwerker?
Um Handwerkern den Weg in die Selbständigkeit zu erleichtern, sollen 62 der bisher 94 Berufe, die bisher unter der so genannten Anlage A der Handwerksordnung (HwO) geführt wurden, künftig unter die Vorschriften der Anlage B fallen, die "handwerksähnliche Tätigkeiten" ausführen. Folglich entfällt für diese Berufe der Meisterzwang, welcher für Handwerker mit "gefahrgeneigten" Tätigkeiten weiterhin bestehen bleibt - auch für Friseure entfällt die Pflicht zur Meisterprüfung. Gut in der Idee, schlecht in der Ausführung
Der Grundsatz, dass für Berufe, in deren Ausübung die Gesundheit oder das Leben Dritter geschützt werden muss, erscheint künftig sehr "schwammig". Denn es ist auch für Fachleute nur schwer verständlich, welche Kriterien dazu geführt haben, dass der Beruf des Friseurs nunmehr in die Kategorie B fällt. Schließlich ist sicher unbestritten, dass Friseure einen größeren und viel unmittelbareren Einfluss auf die Gesundheit ihrer Kunden haben als beispielsweise Maurer, Tischler oder Feinmechaniker. Angehörige dieser Berufe unterliegen jedoch weiterhin dem Meisterzwang.

Genauso fraglich ist unter dem gleichen Gesichtspunkt die Einstufung des Müllers in die "meisterlose" Kategorie, wenn man seine Tätigkeiten mit denen vergleicht, die Glaser, Zimmerer oder Dachdecker verrichten, denen ohne Meisterbrief keine Existenzgründung gewährt wird.
Fazit : Legale Schwarzarbeit möglich - warum soll denn ich noch ausbilden ? (4 Lehrstellen per anno, 12 Jahre selbst. )
Wir Friseure machen da nicht mit !!!!!
DESHALB SCHLIESSE ICH MICH DER EMPFEHLUNG DES DEUTSCHEN FRISEURHANDWERK AN UND BILDE DIESES JAHR NICHT MEHR AUS !!! DIES BETRIFFT RUND 45000 LEHRSTELLEN BUNDESWEIT !!! HELFEN SIE UNS !!! ODER SOLL IHNEN IN ZUKUNFT EIN GÄRTNER DIE HAARE SCHNEIDEN ??? BITTE WENIGSTENS UM EINE NACHRICHT ÜBER DEN POSTEINGANG !! Mit freundlichen Grüßen Claus Niedermaier

Biberach - 2 Juni 2003: Haarsträubende Pläne: Guter Dinge ist hier Figaro Claus Niedermaier auf einem Foto, das vor einigen Monaten vor dem Whisky Zimmer im "Stecken" entstand. Derzeit ist ihm aber nicht zum Lächeln zumute, eher geht ihm und seinen KollegInnen das Rasiermesser im Sack auf, wie man in Schwaben wohl sagt. Wie sehr er die Lage für seinen Berufsstand durch Pläne der Bundesregierung gefährdet sieht, zeigt eine E-Mail an Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, die wir hier abdrucken.

 

Biberach - 2 Juni 2003: And the winner is Klaus Enslin: In einem der beliebtesten Biberacher Cafés, dem Café Vienna, übergaben wir die Hörkassetten mit Heinrich Bölls "Irischem Tagebuch" an Klaus Enslin. Die Location war passend, denn das ehemalige Café Lieb wurde einst Vater seines Klassenkameraden am Wieland-Gymnasiium betrieben. Klaus Enslin dagegen betreibt neben seinem Job bei Dailmler-Chrysler eine eigene Website (Enslinweb.de), die sich neben der Genealogie der Familie Enslin auch dem Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim widmet. Hier findet sich ein liebevoll gestalteter virtueller bauhistorischer Stadtrundgang mit 150 Bildern, zu denen auch viele alte Postkatenansichten der Stadt gehören, die mit aktuellen Fotos kontrastiert werden. Das wäre auch ein lohnendes Projekt für Weberberg.de.

Ein Biberacher Thema findet sich auf Enslinwed.de auch: Abbildungen aller Schützenfestabzeichen von 1949-2003. Wie erstaunlich umfangreich die Website von Klaus Enslin ist, belegt das Ergebnis einer Google Suche, die über 5000 Seiten der Site listet! Da kann Weberberg.de nur den Hut ziehen.

Das "Irische tagebuch" als Hörbuch ist erschienen beim "Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen"
Biberach - 2 Juni 2003: Frust und Stolz auf dem Marktplatz: Es ist nach Mitternacht und den Jungs ist langweilig. Die Jungs, das sind (von links) Patrick Schirrmacher, Simon Wild, Daniel Streif, Bastian Bensien und Kristof Hecht. Zwei gehen aufs BSZ, zwei auf die Dollinger Realschule, einer ist in Ausbildung. "Wenn es hier wenigstens eine große Diskothek gäbe," stöhnen sie. Nichts los für sie in Biberach am Sonntagabend. Aber immerhin haben sie ein Hobby, das sie begeistert: Roller der Marken Yamaha, Peugeot und Piaggio. Und die lassen sich frisieren. "Optisch," wie die Jungs betonen, "alles legal." Da gibt es blinkende Scheinwerfer, rot oder grün leuchtende Bodenlichter und eine eingebaute Anlage, nicht gerade leise. Die hat sogar einen Feuerlöscher. Roller sind für sie kein Selbstzweck. "Ein Bewegungsmittel, der Übergang zum Auto," sagt Bastian, der im Interview am auskunftsfreudigsten ist. Mit den Rollern fahren sie mal nach Mengen, mal nach Friedrichshafen oder zu irgend welchen Festen außerhalb. Nichts los in BC also. Und warum fahren sie dann heute nicht irgendwo hin, statt nachts auf dem Marktplatz rumzuhängen? Ferienjobs haben sie und müssen morgen früh wieder antreten.
Nicht unbedingt ein billiges Hobby. "Wir haben uns alles von unserem Geld erarbeitet." Da schwingt Stolz mit. Und natürlich auch Stolz auf die Roller, denn jeden gibt's in dieser Form nur einmal. "Das ist das Besondere am Tuning." Da entsteht dann ehrgeizige Konkurrenz. Wenn der eine sein Teil getunt hat, will der andere es noch toppen. Wirklich nichts Illegales? "Nee, das gibt nur Stress mit der Polizei. Andere bringen ihren Roller auf 90. Wir nicht." sagen sie und erzählen lieber von der Website, die sie planen, die aber noch keinen Namen hat. Und dann erzählen sie noch von dem geplanten Rollerclub und einem neuen Projekt. Aber das ist geheim und soll es auch vorerst bleiben. Da brauchen sie keine Sorge zu haben. Weberberg.de kann unheimlich gut schweigen.
Biberach - 1 Juni 2003: Hat Katharina ein Problem? Offenbar ja, wenn man einem Hinweis im Bürgerpark glauben kann. Die Betonwände im Bürgerpark sind derzeit zumeist frei von Beschriftungen, aber sie füllen sich langsam wieder. Eine der wenigen Holzbänke, sie sind im hinteren Teil des Parks zu finden, trägt die Aufschrift: "Alkohol und Sonnenschein, Ficken und auf Drogen sein, wir leben unserem Motto treu: geil, bekifft und arbeitsscheu." (Das klingt irgendwie ein wenig nach "Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen", aus dem Tiamat Verlag, die wir hier demnächst verlosen. Das Gedichtle von der gleichen Wand passt irgendwie auch dazu). Ganz leer war der Park am heutigen, sonnigen Spätnachmittag nicht. Ein Pärchen kuschelte auf dem Rasen, zwei Teeniemädchen plauderten ebenso wie zwei junge Männer. Und die Clique (unten links), die sich noch letzte Woche in einem "Club" neben dem Kebap hinter der KSK getroffen hatte, berichtete, dass der Club (wir berichteten) aufgelöst sei. Auf dem Kirchplatz (s. oben) mit seinem Schatten spendenden Grün, seiner putzigen Figurengruppe und reichlich Sitzplätzen saß keine Menschenseele. Zur gleichen Zeit waren alle 25 Stühle auf dem Marktplatz belegt. Was aber wünschen sich viele Biberacher Bürger laut einer Umfrage der Freien Wähler für den herrlich weiten Marktplatz, auf dem das Auge schweifen kann? Mehr Schatten spendendes Grün. Seltsam, gell?

Biberach - 1 Juni 2003: Michaela meint: Wir fragten Michaela Ploch, die als Servicekraft im Café Weichhardt arbeitet, nach ihrer Meinung. Schützen ist für sie super, für Biberach auf jeden Fall und für die Cafés, vor allem für das Tweety und das Café Weichhardt. Den Unterschied zwischen Polen und Deutschland sieht sie so: Polen sei reicher, aber dadurch, dass die Polen nicht so reich seine, hätten sie auch andere Werte. Mehr Menschlichkeit, mehr Familiensinn etwa. "Und sie hängen an ihren alten Traditionen." Thema Alkohol? "Ich trinke keinen. Und im Übermaß macht er die Menschen kaputt."

Die ehemalige BSZ-Schülerin empfand das Gebäude eher ls Bunker, nicht als ein schönes Schulgebäude. Die besten Kneipen sind für die das Café Weichhardt und das Tweety, an dem ihr "das Assige" gefällt. Das Woody findet sie ein bischen steril und "da kuckt dich jeder an, wenn du mal laut lachst." Im Weichhardt dagegen könne jeder tun, was er wolle.

Biberach: Leute & Themen
Im Mai 2003