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Ist der Ruf erst ruiniert....
Dass es Zeitungen derzeit schlecht geht, bestätigte sogar DJV-Mann Karl Geibel. Das Anzeigenvolumen (Anzeigeneinnahmen machen immerhin 75% des Einkommens einer Zeitung aus) geht schon seit letztem Jahr auch für die Zeitungen im Südwesten deutlich zurück. Der SPIEGEL berichtet darüber diese Woche ausführlich. Das half Joachim Umbach wenig. Obwohl er mehrfach auf den SPIEGEL-Artikel verwies, schien ihm niemand so recht abzunehmen, dass Redakteur Dr. Roland Reck wirklich aus betriebsbedingten Gründen gekündigt wurde. Im Gegenteil. Als endlich das Publikum zu Wort kam, legten die Besucher reihenweise Zeugnis dafür ab, dass Reck korrekt recherchiert habe. Verständlich, dass der Leutkircher Chefredakteur sich zurückhielt. Der Arbeitsgerichtsprozess, angestrengt von Dr. Roland Reck, steht noch aus. Die Argumente an diesem Abend wiederholten sich. Natürlich bestätigte Umbach Versuche der Einflussnahme seitens der Politiker. Gleichzeitig aber pochte er auf die Unabhängigkeit der Redaktion. Dass die "Schwäbische" von einem sehr konservativen Blatt zu einem (was den Mantel angeht) deutlich offeneren Blatt geworden ist - ein Verdienst, dass sich auch Umbach anrechnet - müsste ein unvoreingenommener Leser zugeben. An diesem Abend aber wollte man von solchen Differenzierungen wenig wissen.
Vehement verteidigte Karl Geibel die Artikel von Roland Reck, sie enthielten keine handwerklichen Fehler, seien frei von Schmähkritik und Ehrverletzendem, enthielten keine Verdächtigungen, sondern zitierten Quellen korrekt. Der Landrat komme breiter zu Wort als andere. Geibel: "Man könnte meinen, Reck sei ein Fischkopf, so außergewöhnlich sparsam ist er in der Wortwahl und seine Adjektive und Verben sind niemals bewertend." Hätte er für diese Artikel eine Abmahnung erhalten, wäre diese mit einem Widerspruch gegenstandslos geworden. Die Schwäbische beriefe sich auf ein christliches Leitbild, Reck mache nichts anderes, er kümmere sich um die zu kurz Gekommenen, die Unterdrückten und Verletzten. Umbach dagegen warf Reck Kampagnenjournalismus vor, er habe frei verfügbare Quellen nicht genutzt. Dass kritischer Journalismus mit dieser Kündigung unterdrückt werden solle, ließ er nicht gelten, denn erst vor kurzem habe er, Umbach, auf einer Konferenz in Bad Saulgau die Redakteure dazu aufgefordert. Mit der Leistung von Reck sei er allerdings nicht zufrieden. Dass die Entscheidungen, Dahinten und Reck freizustellen bzw. zu kündigen kurzfristig gefallen seien, wies er ebenfalls zurück. Bisher schon habe es Kritik an deren Arbeit gegeben, aber die würde nicht öffentlich ausgetragen. Was die Biberacher Redaktion anginge, sei vor allem die Wahlkampfberichterstattung bei Landtags- und OB-Wahl zu bemängeln gewesen: Keine Wahlprüfsteine, keine Kandidatenbefragung, kein Forum. Für Geibel war es ungewöhnlich, dass der Landrat mit einem 150-Zeilen-Leserbrief in der 'Schwäbischen' zu Wort kam. Eine Gegendarstellung hätte er bringen können, wenn dafür Grund gewesen wäre. "In diesem konservativem Umfeld," so Geibel, "war es mutig, was Reck geschrieben hat und ich gratuliere ihm." Noch härter ging Geibel mit dem Landrat in einem anderen Punkt ins Gericht. Die Drohung mit einem eigenen Amtsblatt hielt er für besonders verwerflich. "Wenn jemand, der ein öffentliches Mandat hat, mit Geldentzug droht, dann hat er sein Mandat verwirkt." Geibel, der realistisch die Monopolstellung der SZ in der Region akzeptierte, plädierte für mehr innere Pressefreiheit: "Die Menschen wollen Vielfalt und nicht in einer Kultur leben, die vorgibt, was zu denken ist." Diese Vielfalt sieht Umbach allerdings schon gewährleistet: "Natürlich gibt es Leitplanken, aber dazwischen eine sehr breite Autobahn." Die tief gläubige Christin Maria Härtel betete für Roland Reck und kam zu dem Fazit: "Wenn er etwas falsches geschrieben hätte, hätte der Heilige Geist einen gewaltigen Durchhänger gehabt." Die Lebensrechtlerin Härtel, die etwas lang ausholte, bevor sie zum Punkt kam, hielt sich tapfer. Auch als auf ihr "Ich möchte noch etwas sagen" ein "Nein!" aus dem Publikum entgegen klang. Andrea Sülzle stand ihr bei. "Wenn die 'Schwäbische' nicht gegen kritischen Journalismus hat, müsste Reck noch bei der Zeitung sein." Maria Härtel, die sich um schwangere Frauen in Notsituationen kümmert, betonte, dass die Zusammenarbeit mit dem Sozialamt des Landratsamtes seit den Artikeln von Roland Reck vorzüglich klappe. Die Frage nach 800 Abokündigungen korrigierte Umbach mit der Zahl "ungefähr 100" und versprach, durch Arbeit und sauberen, kritischen Journalismus auch diese Leser wieder zu überzeugen. Kurz nach 22 Uhr war die Veranstaltung zu Ende. Ursprünglich war ein Ende um 21 Uhr vereinbart worden. Ein Beweis dafür, dass das Thema den Biberachern wichtig war und ist.
Viele hatten sicher schon gedacht, das Thema
SZ sei gegessen und die Podiumsdiskussion würde vor kleinem Kreis
stattfinden. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Veranstaltung
in SZ und Wochenblatt angekündigt worden wäre. Und: Jemand im Publikum bestätigte die Richtigkeit der Kritik an der Sozialhilfe im Landkreis. "Bei der Jugendhilfe sieht es ähnlich aus." Als Umbach zusagte, die Redaktion werde sich darum kümmern, gab es ungläubig-höhnisches Gelächter. Man glaubt der SZ derzeit also wenig. Ihre Kritiker widerlegen kann sie nur durch eine überzeugende Biberacher Lokalausgabe. Sie hat also eine handwerklich spannende Aufgabe und wohl auch einen steinigen Weg vor sich. Vielleicht sollten die Biberacher ihr dabei helfen - mit Kritik, aber auch mit Lob, wenn es angebracht ist. Denn es ist ja nicht so, dass mit dem Fortgang von Gunther Dahinten und Dr. Roland Reck jeglicher journalistische Sachverstand aus der Redaktion verschwunden ist. Wir Biberacher haben keine andere Lokalzeitung. Das verpflichtet beide Seiten.
Und so berichtete SZ Biberach-Lokalchef Hartmut Bigalke. © www.weberberg.de / Dierk Andresen 2002 Ihre Meinung zu diesem Artikel? Mailen Sie uns. |