Der "Stecken" : Wo es noch "Grombiera ond Käs" gibt - Die Ära Erna Löcherbach

Meterhoch stapeln sich die beliebten Seelen in der Küche des "Stecken" an Schützen. Was Sie hier sehen, ist gar nichts. Links im Bild: Erna Löcherbach.

Wenn sich Erna Löcherbach zügigen und zielsicheren Schritts durch den verwinkelten Raum bewegt, in der rechten Hand ein Tablett voller Wein, in der linken gestapelte Teller mit gebackenen Seelen, sieht und spürt der Gast: Da geht eine resolute Frau. Die Chefin der Weinstube zum "Goldenen Rebstock" in Biberach ist eine Vollblutwirtin.

Seit 40 Jahren arbeitet Erna Löcherbach in der Gastronomie. Bevor sie sich mit den "Drei Tannen" in Mittelbiberach selbständig gemacht hat, kellnerte sie im Bahnhotel in Biberach und im "Scharfen Eck". 1985 kam ihr zu Ohren, dass "Tina und Lena" - so nannten beinahe alle Gäste die damaligen Pächterinnen der "Weinstube zum Rebstock" Katharina und Magdalena Baur - nach fast drei Jahrzehnten ans Aufhören dachten und "die Erna" gern als ihre Nachfolgerin gesehen hätten. Erna Löcherbach griff zu. So wie die beiden Schwestern den "Rebstock" unnachahmlich geprägt haben - Tina Baurs mütterlich-barscher Ton ist vielen ebenso warm in Erinnerung wie ihr warmes Käsbrot mit Spiegelei - , genauso hat ihn mittlerweile auch Erna Löcherbach in den vergangenen zwölfeinhalb Jahren unverwechselbar gemacht; nicht zuletzt dank der belegten warmen Seele, dank der Nudelsuppe und dank "Grombiera ond Käs", die man im Rebstock auch noch spät nachts serviert bekommt. Der Rebstock ist eben der Rebstock, und zwar seit über 125 Jahren.

1870 hatte die Witwe des Küfermeisters Johannes Günter in dem 1547 erstmals erwähnten Haus in der Biberacher Consulentengasse die Wirtschaft "Zum goldenen Rebstock" eingerichtet. 1903 eröffnete Eugen Hörnle ebendort eine Weinhandlung mit einer Probierstube, die bald zur Weinwirtschaft wird: zum "Goldenen Rebstock". Eugen Hörnle, der in der elterlichen Hecht-Brauerei das Bierbrauen gelernt hatte, soll damals gesagt haben: "Bier macha, des kann i scho, no wer i au en Wei nabrenga." Seine Frau, die Oberlehrerstochter Anna Beck, hatte als Mitgift in die Ehe die Bestuhlung der Wirtschaft eingebracht. Jene Bänke und Tische, maßgezimmert, stehen noch heute im "Rebstock" und tragen zur Gemütlichkeit des Weinlokals bei. Seit rund 30 Jahren gehört die Weinstube zur Biber-Brauerei. Im zweiten Stock des Hauses wohnt heute noch Luise Krais, Tochter von Eugen und Anna Hörnle.

Eine gute Wirtin sollte immer wissen, wer was und wieviel getrunken oder gegessen hat. In dieser Hinsicht macht Erna Löcherbach niemand etwas vor. In Lindau, dort, wo sie mit dem bedienen anfing, stand ihr ein Oberkellner zur Seite, der ihr eins fürs Leben beigebracht hat: ""u musst Dir jeden Gast genau ansehen. Der eine hat einen grünen Pullover, der andre eine krumme Nase und der dritte eine auffällige Krawatte. So registrierst Du sehr schnell: Aha, der mit der Krawatte hat schon das dritte Viertel Wein." Wäre es allein die Zeche des Gastes, was sie kennt und interessiert, gäbe Erna Löcherbach keine so gute Wirtin ab. die Schwäbin aus Steinhausen an der Rottum kennt und versteht ihre Kundschaft. Einen guten Teil machen Lehrer aus, dann Studenten der Fachhochschule und viele alteingesessene Biberacher. Früher, in den 50er und 60er Jahren war der "Rebstock" Treffpunkt der jungen Leute. Dieselben Leute sitzen heute zum Teil wieder drin, 20, 30, 40 Jahre älter. Erna Löcherbach pflegt mit elterlichen Gästen ein freundschaftliches, vertrauliches Verhältnis. "Erna, hosch schnell Zeit?" wird sie gefragt, wenn einer mal wieder eine Sorge loswerden oder Gram abladen will. Auf diese Weise erfährt sie viel, manchmal mehr, als ihr recht ist. "Einiges", gesteht sie, "möchte man eigentlich gar nicht wissen, weil es einen selbst belastet und beschäftigt."

Eines Abends ist Erna Löcherbach anders als sonst. Für einen Moment weiß sie nicht mehr genau, welcher Tisch die beiden warmen Seelen bestellt hat, die sie auf dem Tablett trägt. Sie wirkt abgespannt, abwesend und still, introvertierter als üblich. Stunden zuvor hatte sie erfahren, dass ein Stammgast, den sie einen Freund nennt, an diesem Morgen völlig überraschend an einem Herzinfarkt verstorben war.

(Aus: "Wirtsleute im Landkreis Oberschwaben" von Achim Zepp mit Fotos von Volker Strohmaier. Biberach 1998. Das Buch stellt in 17 liebevoll geschriebenen Porträts Wirtschaften und Wirtsleute vor. Seine Lektüre gibt viel Aufschluss über die Alltagskultur der Region.)

Nachtrag am 23. August 2002: Erna Löcherbach ist inzwischen in Rente, kommt aber immer mal wieder im "Stecken" zu Besuch und hilft, wenn es not tut. Zum "Stecken" gehört auch ein Whisky-Wohnzimmer, über das Sie hier mehr erfahren.

Leserin karin S. aus Winterstettenstadt schrieb uns am 22. Februar 2003: "Wir gehörten in den Siebzigern zum Stammpublikum von Tina und sind später, immer zu Schützen gerne wieder bei ihr vorbeigegangen. Was uns dann immer amüsiert hat, war, dass es immer noch warmes Käsbrot mit Spiegelei gab. Ganz wichtig dabei war: mit SILBERBESTECK!!! Vor allem die SILBERGABEL in Verbindung mit dem Ei ergab schon ein besonderes Geschmäckle, das wir nostalgisch nie missen wollten."

Weinstube zum goldenen Rebstock, 88400 Biberach, Consulentengasse 9. 07351 / 72234. Ruhetag: Sonntag.

Biberach, 22. Februar 2003.

 

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