Biberach in den Siebziger Jahren - Erinnerungen von KD Diedrich

Es muß 1974 gewesen sein, als der "Schwanenkeller", der am Hang zum Gigelberg steht, über jener Straßenstelle, wo die Gaisentalstraße in den Bismarckring mündet, aufmachte. Aber frage mich niemand, wann genau das war! Mein Erinnerungsgefühl teilt mir mit, daß es in einer wärmeren Zeit im Jahr stattfand, vielleicht in der Übergangszeit vom Frühjahr zum Sommer. Das schmutzig-rosafarbene Gebäude besitzt unten eine kleine Arkade, von einem Stützpfeiler an der Nordostecke (oder zwei?) nur gebildet; in den Sommern – ich greife das vorweg auf – wurde in einem unteren Raum, der sich bequem nach außen hin öffnen ließ, denn sommers saß man auf einfachen zusammenklappbaren Biertischbänken an den dazugehörenden Biergartentischen vor dem Lokal, ausgeschenkt. Der Gastwirtschaftsraum befand sich im ersten Stock, zu dem eine Holztreppe ohne Zierat, ohne poliertes Geländer, einfacher Bauart eben, die Gäste hinaufließ, und war man oben angekommen, ging’s links ab zu den Toiletten und geradeaus durch eine weiß-schäbige Tür hinein in den Gastraum, dessen Grundfläche etwa quadratisch war, links vom Eingang stand hinter der gar nicht breiten Theke der Mann, der die Getränke herausstellte, und das war nur selten der Pächter dieser Gaststätte (der war ein Blumenhändler und hatte den Vertrag für das ganze Haus unterschrieben), sondern R. Botzenhard, von allen nur "Botz" geheißen, ein untersetzter, zur Voluminosität neigender junger Mann mit langen schwarzen Haaren und einem ebensolchen Vollbart. Er war umgänglich und nicht mundfaul, eine unerläßliche Voraussetzung für jeden, der hinter einer Theke steht. Die Rockmusik aus den Boxen oben in den Ecken schallte gerade so laut über die Sitzenden, daß man noch verstehen konnte, was ein anderer zu einem sagte. Zunächst war diese neue Kneipe für die "wilde", die wenig "angepaßte", eingepaßte, Jugend des Städtchens nach dem altruistischen Konzept, daß jeder, der hier etwas zu sich genommen und genossen hatte, das gebe, was es ihm wert gewesen war, geführt worden; freundlich-utopische Zeiten der Siebziger!; doch nur wenige Wochen gingen ins Land, in denen sich diese Geschäftsphilosophie – die diesen Begriff mit mehr Recht für sich beanspruchen konnte als die die wahren, die raffgierigen, Zwecke pseudonobilitierend verschleiernden "Unternehmensphilosophien" in den Achtzigern und Neunzigern des dahingeschiedenen Jahrhunderts – als nicht ratsam und gar nicht praktikabel er-wies, und auch im "Schwanenkeller" aufgrund der in Allem so ungenügenden (Zahlungs-)Moral des Homo sapiens die üblichen Geschäftsbedingungen eingerichtet wurden. Nicht lange nach der Eröffnung saß auch ich mit Freunden in diesem wohnzimmergroßen – wenn dieses Zimmer etwa 30 m² maß – Schankraum und hob den Glashumpen mit dem Bier darin zu den Lippen. In den "Schwanenkeller", der bald auch als "Casa di Lohengrin" bezeichnet wurde, ging man – gingen zumindest die, mit denen ich hockte – dann, wenn im "Strauß" die Sperrstunde nahte, oder auch erst danach, wenn die Tür des "Strauß" inzwischen abgeschlossen war und wir dennoch einen letzten Drink ordern und wegsaufen konnten. Auch wenn es einem im "Rebstock" zu vorgeschrittener Stunde nicht mehr behagte und der Abend noch zünftig ausklingen, in jedem Fall noch länger dauern sollte, trottete man, nicht mehr nüchtern, und das in unterschiedlichen Graden, noch die Wielandstraße entlang und das Stückchen des Bismarckrings hinauf, bis die Treppen zum "Schwanenkeller" oder eben zum Gigelberg und die asphaltierten schmalen Wege erstiegen werden mußten; dafür wartete ein meistens eng bevölkerter, stark verräucherter anderer Gastraum auf uns späte Zecher, in dem es wie in einem Hornissennest brummte. Das war ein angenehmes Geräusch. Ich zähle die Nächte nicht, die ich an diesem Ort zubrachte, manche Nächte wurden lang bis zum Morgengrauen. – Und wer saß dort? Die drei Brüder G., deren Oberhaupt der sehr schlanke langhaargelockte Kai, mit Ringen an den Fingern, in Hippie-Wear, war, der mit Freundin M. und Brüdern häufig den "Strauß" aufsuchte. Ein dünner Typ mit weißblonder Mähne und einem Gesicht fahler Farbe, dessen Name "Weizenkeym" zu sein schien und der nicht immer sicher auf den Beinen stand. Überhaupt die jungen Männer und Frauen der härteren Fraktion, besser aussehende und nicht ganz so ansehnliche, alle, doch Ausnahmen gab es, mit ellenlangen Haaren, die bis auf die Rücken fielen. Und wirkliche Freaks, manche schon heruntergekommen, die von nicht erlaubten Giften lebten, was man ihnen zeitweilig ansah und die gegen Ende des Jahrzehnts aus dem Blickfeld gerieten, und wohin? Leute, mit denen ich sprach und mit denen ich nie ein Wort wechselte, und doch kannte man sich, denn die Szene war überschaubar. Manchmal in den Sommer- und Herbstnächten wurde in vertrauter Runde gepokert; mit stoischer Miene auf dem Holzstuhl sitzend, Whisky – "Johnny Walker Black Label", gar nicht so teuer ... – trinkend, Zigaretten oder Zigarren rauchend, spielte ich meine "Straße" oder das "Full House" aus. Ich gewann, ich verlor. I was a gamblin‘ man. Die Einsätze waren jedoch minimal, und trug ich um drei Uhr nachts fünf Mark nachhause in die Lindelestraße, so war das viel.

- Sonnenschein, abends bedeckt, das Gewitter regnete sich aber im Süden von Berlin aus.

7.8.2002

Irgendwann im Sommer `75 stellte der Stuttgarter Künstler Frank Below seine "Homoerotischen Bekenntnisse eines Empfindsamen" in der Schrannen-Galerie aus. Einige durchweg heterosexuell empfindende Freunde und ich besuchten selbstverständlich die Vernissage und wir scheuten uns, wie zu anderen Ausstellungseröffnungen, nicht, unverzüglich zu den Brezeln und zum Trollinger zu greifen, die wir auf dem Viereck-Rundgang die Galeriewände entlang verzehrten. Die Ölbilder waren für Biberach an der Riß ein Novum insofern, als sie zum ersten Mal künstlerisch auf die Existenz homosexuell empfindender und Homosexualität praktizierender Mitmenschen hinwiesen; die Bilder zeigten, in verschiedenen Figurationen, nacktes männliches Fleisch; der Zeitungsredakteur D., der die ihm relevant dünkenden Kunstereignisse in der Stadt rezensierte, äußerte sich in seinem Artikel zum Ende der Ausstellungszeit hin in verhalten amüsiertem Ton besonders auch über "die hinten applizierte Gurke". Freilich erhob sich ob dieses Sujets in kunstkennerisch sich nennenden Kreisen der Großen Kreisstadt ein nicht allzu heftiger, in schwäbischer Art "bruddelnder" Rumor, der OB H. wußte sich, als oberster Dienstherr der Ausstellungsmacher, zu erklären. "Euer Oberbürgermeister", sagte Below – lange blonde Haare, Anzug, Anfang Dreißig – am späteren Abend nach der Vernissage im "Schwanenkeller", wohin wir ihn entführt hatten, "sieht ja gar nicht einmal so übel aus." Keine Ahnung mehr habe ich davon, wie dieser Stuttgarter zu der Gelegenheit gekommen war, in der Städtischen Galerie ausstellen zu können. Dieter "Johnny" Arnold hatte daran seinen Verdienst, nicht aus eigenerotischen Überlegungen, sondern aus kunstideologischen. Wir scherzten, aber nicht lange, denn so viel ging uns der OB nicht an, über dies Eingeständnis einer sehr vagen Affinität. "Bist du beschnitten?", wollte Below bald darauf von Bernd H. wissen, der, sehr lange schwarze Haare, sehr langer schwarzer Bart, schwarze Kleidung, etwas gebogene Nase, einen vielleicht rabbihaften Eindruck auf den, der ihn nicht kannte, machte. Ich konnte mich eines Grinsens nicht enthalten. Bernd, kühl, denn ein ironischer Geist wohnt in ihm, entgegnete etwas wie: "Sehe ich so aus, als müßte es so sein? Aber ich gebe eine klare Antwort: nein!" Sicherlich reimte sich das in seiner Replik nicht so wie hier, aber ihren Inhalt wortgetreu jetzt zu überliefern gelingt mir natürlich nicht. Ich ließ das Ausstellungsplakat vom Künstler signieren, glaube ich doch. (Ich habe es seit langem nicht nicht mehr beachtet.) – 1976 hing ich es an eine Wand meines Karpfengassenzimmers, stellte die schwarze geschnitzte Jugendstilsäule davor und eine Grünpflanze auf diese; das ergab ein Arrangement, das einen gewissen selbstironischen Gestus verbreiten sollte, doch nur ich dürfte das kapiert haben. War wohl zu subtil. Als meine Mutter einmal, um sich zu informieren, wie denn ich in dieser Wohngemeinschaft mich eingerichtet hatte, eines Augustabends – ein Streifen Sonnenlicht senkte sich durch das Westfenster, vor dem ein anderes Haus stand, in einem trickreichen Winkel über das Nebendach oder durch eine Lücke der Dächer, die ich nie bemerkte, in das Zimmer – mir gegenüber saß, schlecht gelaunt, oder eher mißmutig-erschöpft, ging ihr Blick an mir vorüber an die Wand und entdeckte dieses Plakat. "Homoerotische Bekenntnisse ...", sagte sie mißbilligend, "mußt du denn sowas aufhängen?" Ich weiß nicht mehr wörtlich, was ich erwiderte, aber es war eine von Trotz nicht freie Verteidigung des Plakats und meiner Freiheit, es an die Wand pinnen zu können und damit ein Signal für jeden, der dafür ein Auge hatte, zu geben. Müde wechselte meine von ihren Enttäuschungen schon in eine resignierte Gleichgültigkeit versetzte Mutter das Thema. Einige Zeit vor ihrem Tod sagte sie mir, sie habe schon in den ersten siebziger Jahren den Verdacht nicht von sich weisen können, daß ich homosexuell veranlagt sein könnte.

- Warmer Augusttag mit Sonne, vor die sich abends eine blaugraue Wolkenschicht schob, durch die sie glostete.

8.8.2002

Und wie die Szene in Biberach heute aussieht, sagt Ihnen unser Biberacher Szeneführer.