Schützentheater

Wer als Kind nicht im Schützentheater mitgespielt hat, hat sowieso die Arschkarte gezogen. Manche Dinge gehören in Biberach einfach zu der Biografie eines anständigen Menschen. Die "Schwäbische" beschreibt das für die mitspielenden Kinder und ihre Eltern nervenaufreibende Spektakel so:

"Weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt ist das "Schützentheater", dessen Geschichte bis in das Jahr 1819 zurückgeht. Dieses älteste und größte Kindertheater Deutschlands zieht alljährlich in über 40 Vorstellungen - in diesem Jahr noch bis zum bis 25. Juli - mehr als 20.000 Zuschauer in seinen Bann. Seine jetzige Eigenart gewann es durch singspielartige Elemente und großzügige Ballettausstattung sowie ausgetüftelte Massenregie. Auf der Bühne wie im Orchestergraben wirken ausschließlich Biberacher Kinder und Jugendliche mit - rund 300 Mitwirkende im Alter zwischen vier und 18 Jahren."

Im Dritten Reich gab's das "Schützentheater" natürlich auch schon. Im 1999 erschienenen - quasi offiziellen - Schützenfestbuch ist zu lesen: "Im Jahre 1936 stand wieder einmal der Kater auf dem Spielplan. Im Mai desselben Jahres versammelte sich die neugegründete NS-Kulturgemeinde Biberach und proklamierte den kulturellen Umbruch. Es war eine Kampfansage gegen viele Vereine, vor allem auch gegen das Schützentheater. Die Vorwürfe lauteten: Geschmacksverirrung schlimmster Art - Verunstaltung durch Ballette und Beleuchtungseffekte." 1937 aber schrieb die lokale Presse: "Vor allem die Erwachsenen haben eine helle Freude an diesen Balletten der Kleinsten und insbesondere der Kleinsten, bei deren Auftreten der Jubel am größten ist!..." Dann folgt im Schützenfestbuch der Satz "Das also war die Reaktion auf die Monate zuvor gerügte Geschmacksverirrung!"

Das ist schon eine Leistung: Erst quasi das tapfere Schützentheater als Opfer nazistischer Willkür stilisieren, dann aber gleich auch den Beifall als Beleg dafür heranziehen, dass man den Geschmack der Zeit voll drauf hatte. Das rührt. Und bei feuchten Augen kann man schon mal übersehen, dass bereits1933 die süßen Kleinen ein viel beklatschtes Hitlerpärchen auf die Bühne stellten. Zu sehen ist es bei Weberberg.de in der Abteilung ProLoG.

Die aktuelle Schützentheater-Kritik lesen Sie hier (sofern der SZ-Link hält!).




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