Abschiedsgedicht

Für Renate Necker

Von Dierk Andresen geschrieben with a little help from his friends, als da sind: Friedrich Schiller, Wilhelm Busch, Rainer Maria Rilke, Patrick Süskind, Tausenden von Schwaben, etlichen Schülerinnen und Schülern, diversen Nonsenslyrikern und den Beatles.

Ihr galt das Abschiedsgedicht: Renate Necker

 

Es ischt ein Brauch von alders her,
zom Abschied g’hert a Gedichtle her.
So will frisch auf ich nun beginnen,
wenn auch manches, vom Metrum her gesehen, nicht ganz tut stimmen.

Bald stehst du unter deines Daches Rinnen
und schaust wohl mit gemischten Sinnen
auf soundsoviel Dienstjahr’ rück.
Die waren ja wohl nicht grad wenisch.
Von Sueskind bis zu BILDes Boenisch,
die Sprache hattest du im Blick.

"Wer jetzt ein Haus hat, der braucht keines mehr."
So (oder ähnlich) schrieb es Rilke her.
Dort ist nun Zeit, den wohlen Klängen
des süff’gen Saxophons zu lauschen,
an Feuilletones Bocksgesängen
sich zeitlich weidlich zu berauschen.

"A l’ecole!" ist nicht mehr. Zum Glücke?
Ein klares "Non!" schafft metrisch Brücke.
Es war ja nicht nur Broterwerb.
War auch die Arbeit manchmal herb,
so war Moment doch auch die Freude,
trotz träger SchülerInnenmeute.

Was bringt die Zukunft? Nicht ganz klar.
Auf jeden Fall mehr Großmama.
Das Großkind, steter Quell der Freude,
von der Geburt ab noch bis heute,
bis es dann dereinst pubertiert
und dann zum Alien mutiert,
wie Eltern es ja oft erleben
trotz pädagogischem Bestreben.

Und dann? Statt Leipzigstraße Jeu de Paume?
Statt Noten jetzt mehr Nooteboom?
Nie mehr sind Wörter laut zu zählen!
Ein End: mit schiefen Bildern sich rumquälen,
so schief, dass selbst der Turm erblasst,
der nun als Studie uns verpasst,
die Watschen, die wir nicht verdient.
Genug! Das G’lände ist vermint.

Und jetzt? Die Zukunft ist nie klar.
Wie sagt der Franzmann? "On verra!"
Gestatte, dass ich mir erlaube
zu spekulier’n. Mit lila Haube
wirst du noch manches concert zier’n.
Geniessen, was geboten ist,
vom Bass- oder Percussionist.
Nach Ulm, nach Zürich, gleich wie ferne,
Konzertterminen folgst du gerne.

Im Ruhestand nun wirst du immer bleiben,
wirst Kindeskinder wachen, lange E-Mails schreiben,
vielleicht am Schleh’nhang hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Wirst nicht mehr deines Amtes walten,
genial-abscheuliche Gestalten
facettenreicher Perfidie
dem unentdeckten Schreibgenie
nahezubringen, das sans parfum da sitzt,
im Grundkurs, von Schütza leicht verschwitzt.

Wirst nicht mehr fehlende Akzente setzen,
brauchst nimmer Schüler einzuschätzen,
die stets als Mensch du sahst,
und nicht als Leistungsträger,
ob Überflieger oder Punktejäger.

Nimm in den Abgang jenes mit,
was Schüler schrieben: im Kopf top fit,
menschlich absolut OK,
ob Döblin, Iphigenie,
oder der König Ödipus,
die Farbe Lila war ein Muss.
Die Keksversorgung kam gut an,
auch "Jazz & Lyrik" dann und wann.
Kein böses Wort in jenen dicken
Elaboraten, die die Kinder stricken,
wenn sie, oft mit Bravour,
die Abizeitung liefern – voll matur’.

Das Ende naht. Als Essensgast und ganz persönlich:
Ich schätze dich, du kochst erstöhnlich
gut. Ich frage daher höflich dich ins Ohr:
Will you still feed me, when I’m sixty-four?

Zieh fort! Lass uns hier nur im Stich!
Die Träne quillt! (Ich mein’s so nich'!)
Wir danken Dir aus dieser Runde
für jede (auch Vertretungs-) Stunde,
die du bei uns warst. Und ich ziere
den Schluss mit Klassik, indem ich gleich zitiere,
was Schiller so passend auf dich schrieb
- ein Schwob, drum haben wir ihn lieb.

Streit und Konflikt in der Menschen Kreis
sind dir ein Gräuel - mit Ä, wie man weiß.
Die letzten Schiller-Zeilen also dann,
ich schließ - mit Herz - mich ihnen an;
ich hab’ nicht zum letzten Mal
etwas aus Liebe getan:

Aber mit sanft überredender Bitte
Führen die Frauen das Zepter der Sitte,
Löschen die Zwietracht, die tobend erglüht,
Lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen,
Sich in der lieblichen Form zu umfassen,
Und vereinen, was ewig sich
(wie du uns jetzt) flieht.

 



* * *

 

Anmerkungen:

1) Wilhelm Busch:

Es ist ein Brauch von alters her,
wer Sorgen hat, hat auch Likör.
Doch wer zufrieden und vergnügt,
Sieht auch zu, daß er welchen kriegt.

2) Patrick Süskind: "Das Parfüm" beginnt mit dem Satz:

"Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frakkreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte."
Und es endet mit dem Satz:
"Sie hatten zum ersten Mal etwas aus Liebe getan."

3) Die Rilke-Anklänge beruhen auf dem folgenden Gedicht:

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winden los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

( Reiner Maria Rilke, Das Buch der Bilder)

 

4) Den Text von "When I'm Sixty-Four" von den Beatles finden Sie hier.

5) Die Schülerzitate beruhen auf der Abizeitschrift des Jahres 2001

6) Cees Nooteboom gehört zu Renate Neckers Lieblingsautoren. Mehr hier.

7) Das Schillersche Gedicht "Die Würde der Frauen" finden Sie hier: Die Würde der Frauen.

8) Den Essay "Anschwellender Bocksgesang" von Botho Strauss finden Sie hier.

9) Nonsenslyrik: Empfehlenswert das Reclam-Bändchen Nr. 9890: "Deutsche Unsinnspoesie", Hg. Klaus Peter Dencker. Mehr zum Thema hier.

10) Friedrich Schillers "Der Ring des Polykrates", auf den sich der zweite Vers assoziativ bezieht, findet sich hier.

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