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KD Diedrich Berliner Paralipomena 2 Der Herbststurm am letzten Sonntag hat die Bäume kräftig gerupft, und vor den Fenstern des Chronisten ist es nun schon viel "durchsichtiger" bis zur Straße vor den Gärten hinter den Häusern dieses Teils der Brunnenstraße. Weiter unten in dieser Straße werden zwei neue Galerien eingerichtet, Berlin, speziell Berlin-Mitte, hat ja nicht genug, und am 2.11. soll in einer schon eine Vernissage stattfinden. Nun, der Herbst ist überall die Saison für die Kunst, und nicht nur für die bildende in ihren zeitgenössischsten Varianten, die nun überall, vornehmlich in den Ostbezirken der Hauptstadt, einem unermüdlichen Publikum vorstellt werden. Auch wird überall vorgelesen, was Zunge, Lippen, Gaumen herausgeben; Dichterlesungen vom Vollprofi bis zum Amateur in Buchhandlungen, in literarischen Salons, im Literaturhaus, in der Literaturwerkstatt (die zur Zeit ungarische Lyrik bietet), im Literarischen Colloqium am Wannsee, auf zahlreichen Lesebühnen sind in Berlin meistens gut besucht. Und auch ich bin gestern Abend zur Lesung gepilgert, zur Buchhandlung "Prinz Eisenherz", das ist eine schwule Buchhandlung im Westteil, in der Bleibtreustraße (ist das eine Mahnung an all die viel zu vielen untreuen Lover?), aber natürlich ist nicht die Buchhandlung schwul, sondern deren Betreiber sind es und ihre Kunden; meistens, und Rosa von Praunheim, der seit Jahrzehnten aktive und oft immer noch provokante Filmemacher und Autor, der den jüngeren Schwulen selbst in Berlin manchmal kein Name ist, bei dem man aufhorchen muß, stellt seinen allerersten Lyrikband vor, und das hätte man ihm ja gar nicht zugetraut, daß er auch Gedichte schreibt. Die S-Bahn nach Westen fährt mal wieder für drei Tage nicht, ich mache auf dem Bahnhof Friedrichstraße oben auf dem Bahnsteig kehrt, gehe unter die Erde, fahre mit der U-Bahn bis Bahnhof Zoo im Westen, von dort aus bringt mich dann die S-Bahn zur nächsten Station im Westen, Savignyplatz, und schnell bin ich beim "Prinz Eisenherz". Der Laden ist schon rappelvoll, vorne sitzen die Leute, Schwule und Lesben, nehme ich mal an, denn ansehen kann man es ja den wenigsten, gell, hinten muß man stehen; stehe ich eben. Rosa steht in rosa Anorak und rosa Basecap auf einem Tisch in der Mitte der mittelgroßen Buchhandlung und deklamiert seine Verse aus einem kleinformatigen Büchlein mit einem natürlich rosafarbenen Einband, auf dem auch noch ein Röschen prangt. Dann bittet er zwei seiner Filmstudenten – er ist ja seit ein paar Jahren Professor an der Filmhochschule in Potsdam – ebenfalls auf seinen Tisch und sie lesen Verse vor, in denen sie vorkommen. "Das sind meine beiden schönsten Studenten, und ich suche mir die Leute ja eher nach dem Aussehen aus ..", scherzt er und bewegt den Kopf etwas schwulig. Dann muß Mario Wirz Verse von Rosa lesen, er klettert, die beiden andern sind wieder unten, auf den Tisch, liest mit tiefer, voller Stimme. Man sagt, er habe schon lange die bewußte Krankheit, aber man sieht ihm gar nichts an. Er sieht groß und stark aus und kerngesund. Mario Wirz ist einer der ganz wenigen wirklichen Poeten, die die schwule Szene – überregional – hat. Vier Lyrikbände hat er veröffentlicht, dazu Prosa. Rosa hat nun große Din-a-3-Blätter in der Hand, auf denen Gedichte von ihm geschrieben sind, die liest er zuerst vor und schenkt sie dann der oder dem, die oder der zuerst die Hand reckt. "Ich verschenke etwas, weil ihr euch das anhören müßt", sagt er mit seiner angenehmen Stimme. Dabei sind seine Gedichte gar nicht übel, wenn sie auch sicherlich nicht den sogenannten Geschmack von Klein- und Normalbürgern bedienen. Mancher Feingeist, der auch Rezensent ist, dürfte so seine Schwierigkeiten damit haben; sofern ihm der Band unterkommt. Die Strophen sind oft etwas schräg, manchmal gereimt, dann wieder nicht, manchmal ziemlich konkret, wie die Filme, die Rosa in dreißig Jahren machte, und haben auch einen surrealistischen Touch, und freilich wird auf’s Thema Nr. 1 mehr als nur angespielt ... Von verspielt bis ernst breitet sich, fast wie ein Regenbogen, und die Regenbogenfarben sind ja nun einmal das schwule Emblem überall, dieser Gedichtefächer aus. "Es regnet und während es regnet geschehen seltsame Dinge und von diesen geheimnisvollen Dingen will ich euch berichten Es sind kleine seltsame Dinge aber sie sind entscheidend für mein Leben und vielleicht auch für Sie für Sie, für Sie und für Sie warum ich Ihnen das erzähle ganz einfach, um Sie zu warnen, denn keiner stirbt gerne einen frühen Tod oder wird schwer verletzt in einem Hinterhof gefunden unter dem Müll, oder im Müll und keiner wird gern sexuell belästigt, ich meine nicht nur angemacht, nein brutal vergewaltigt, so da der Arsch in Fetzen hängt und keiner wird gerne entführt in einen Keller irgendwo, wo dich niemand hört. Nein, ich will Ihnen keine Angst machen, ich will nur von meiner Not erzählen, von meiner seelischen Not, weil, als es regnete mir diese Gedanken kamen und ich dachte, das mußte ich Ihnen sagen, bevor es zu spät ist." Aber dieses Gedicht ist für dieses Bändchen mit dem hübschen Titel "Mein Armloch", erschienen im Martin Schmitz Verlag, eher untypisch. Nach der Lesung gab es Rosa von Praunheims neuesten Film als Videokopie zu sehen. Deutsche Uraufführung, oder was, im Buchladen. "Pfui, Rosa!" heißt er und nimmt eine Schlagzeile von vor zehn Jahren auf, als Rosa mit seiner Outing-Kampagne, in der er Biolek und andere honorige Schwule "überführte", weil sie ihm zu angepaßt waren, auch und gerade in Schwulenkreisen nicht nur Lorbeeren einsammelte. Wer noch nichts über Rosa weiß, der kann sich in diesem Film einen Überblick über sein Leben und Wirken seit Kindertagen bis heute machen. Die Beziehung zur Mutter, die ja – wer wußte es bisher? – gar nicht seine leibliche ist, denn 1944 war Holger Mischwitzky, wie er dann bürgerlich hieß und noch immer heißt, von der Frau, die damals Kinderschwester in einem Deutschen Kinderheim an der Ostsee gewesen war, im Alter von zwei Jahren an Kindes Statt angenommen worden. "Wäre es nicht so geschehen, dann wäre ich jetzt vielleicht irgendwo als Soldat in Rußland", meint der Filmemacher, der seine Mutter sehr umhegt. Frühere Lieben, nach vielen Jahren nun wieder in diesem Film getroffen, kommen zu Wort, Wegbegleiter über Jahrzehnte, die Beziehungen zu Frauen und künstlerischen Frauen wie Lotti Huber, die in den Neunzigern starb; und wie es sich gehört, werden Ausschnitte aus seinen berühmten, manchmal berüchtigten Filmen gezeigt, angefangen bei "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", der 1971 zum ersten Mal gezeigt wurde und die Bundesrepublikaner aufschreckte und der Anfang der Schwulenbewegung in Deutschland-West war. Wer mehr vom umfangreichen Werk des Filmregisseurs und Bücherschreibers – irgendwann nach 1977 bekam der Chronist sein Buch "Sex und Karriere", in dem er über seine Anfänge, seinen Sex und seine Arbeit in den USA deutlich, sehr deutlich schreibt, geschenkt – wissen will: www.rosavonpraunheim.de Nach der Lesung besorgt sich der Berichterstatter das Buch und läßt sich eine Widmung reinschreiben: "Für K.D. von Rosa". Rosa schaut ihn nett an und bedankt sich. Er hat noch eine Filmkopie vom Schreiber dieses, "Lost in Illusions" von 1996, aber vermutlich ist der längst "lost in oblivion", und der Amateurfilmer spricht Rosa auch nicht darauf an. Zwischen diese Worte hat Rosa auch etwas reingezeichnet, einen recht beachtlichen Phallus samt Anhang. Es gibt Sekt und Saft, was ich – nur nicht immer so distanziert – verschmähe, und der Star des Abends hat auch zu einer kleinen Party bei sich zuhause eingeladen, doch ich knöpfe den Mantel zu und fahre mit S-und U-Bahn zurück nach Mitte. Wird Rosa von Praunheims neuer Film auch in Biberach gezeigt werden? Bei Adrian K., wo er im November 1981 bei den 3. Filmfestspielen mit seinem köstlichen Film "Unsre Leichen leben noch!" aufkreuzte? Forschen Schritts marschierte er im "Urania"-Foyer ein – A.K. und Chronist waren eben mit der Dekoration der Schaukästen zugange – und seine erste Frage an den Kinobesitzer war: "Adrian, wer hat den Frank gefickt?" (In diesem Zusammenhang kann man das Wort ja mal schreiben.) Frank Ripploh, auch ein Berliner, hatte im Jahr zuvor seinen Film "Taxi zum Klo" mitgebracht, der einige Zeit im "Sternchen" lief. Bei einer gewissen Szene, die nicht beschrieben werden soll, verließen doch Filmbesucher das Kino. Damals gab es in Biberach eben erst die frisch gegründete Schwulengruppe HELB, und Frank R. stieß im Sinn des Worts wohl da zu. Ripplohs Nachfolgefilm "Taxi nach Kairo" war ein Flop, und der Name verschwand aus den Filmberichten. Am Abend amüsierte sich das Publikum könglich im übervollen "Sternchen" über die fünf resoluten Damen fortgeschrittenen Alters – Lotti Huber vorneweg – , die mit Kodderschnauze und gar nicht altdamenhaftem Verhalten in Rosas Film agieren, und die Stimmung steigerte sich danach während der sogenannten Diskussion, als Rosa und – wie der Chronist annimmt – Inka Köhler und Madlen Lorei ihre Sprüche klopften. Mit diesen beiden Damen, die kein Blatt vor den Mund nahmen, freundete sich Klaus Leupolz sofort an und zeigte ihnen an einem der beiden folgenden Tage seine "Galerie Kuckuck" in der Weberberggasse, im Haus neben den Redaktionsräumen von weberberg.de, die er damals zwar schon nicht mehr zu Ausstellungen benutzte, die aber wegen ihrer Innenmalereien und der "organisch" geformten Ausgestaltung der Wände dennoch sehenswert war. Vermutlich zeigte er ihnen auch einige seiner Bilder. Während der bis Sonntag stattfindenden Filmtage jedenfalls waren die drei stets zusammen zu sehen. Und warum läuft Rosas neuer Film nicht bei den jetzigen Filmfestspielen? Fertig war er doch. Oder ist so etwas für das Publikum von heute schon wieder mal "zu schwierig?" "Pfui, Rosa!" werden immer irgendwelche Spießer, denn die gibt es auch im neuen Jahrhundert nicht wenig, von sich geben; der aufgeklärte Zeitgenosse sagt, und der 60. Geburtstag des Regisseurs – der höchstens mal wie 50 aussieht – am 24. November gibt dazu erst recht Anlaß: "Bravo, Rosa!", und das gilt für beides: Film und Gedichtband. |