| Stuttgarter Zeitung, 25.07.2005 Adrian
Kutter - Cineast und innovationsfreudiger Kinounternehmer aus Biberach
- Sein Sternenpalast soll das Lichtspielhaus der Zukunft werden
Von Rüdiger Bäßler
Es gibt Leute, die vermuten, der Biberacher Kinobetreiber Adrian
Kutter habe nun im 62. Lebensjahr leider seinen gesunden Menschenverstand
verloren. Gerade hat er in seiner Stadt ein neues Kino eröffnet,
den "Sternenpalast" mit acht Sälen und Platz für
1200 Besucher. Vier Millionen Euro an Kreditgeldern hat er in Ausbau
und Modernisierung seines in die Jahre gekommen "Film-Theater"
gesteckt, dessen verblichener Schriftzug in Kürze für
immer abgeschraubt wird. Viel Geld für eine Geschäftsidee,
die so gewinnbringend erscheint wie die Eröffnung eines Solariums
auf Mallorca. Hat es nicht schon genügend Pleiten kleinerer
Lichtspielhäuser in Deutschland gegeben, ausgeblutet von den
Multiplexriesen, die selbst immer verbissener um Publikum kämpfen?
Man könnte Adrian Kutter gleich auch noch vorhalten, dass
er sich wohl vom ambitionierten Förderer des deutschen Films
zu einem Unternehmer gewandelt habe, der nun versucht, mit Massenware
wie "Die Hochzeits-Crasher" oder "Fantastic Four"
auf seine alten Berufsjahre ein bisschen Kasse zu machen. Doch noch
bevor man eine geschickte Einleitung dazu zu Ende bringt, fährt
der Kinochef genervt dazwischen: "Falsch, ganz falsch!"
Einen Menschen wie ihn, der sich als Künstler versteht, vor
allem aber als maßgebenden Artenschützer deutschsprachiger
Leinwandwerke, trifft es hart, wenn auch nur gemutmaßt wird,
er beteilige sich an der Ausrottung eben des bedrohten Genres, für
das er sich sein ganzes Leben lang eingesetzt hat. Weit breitet
er die Arme aus. Ist denn nicht mit allen Sinnen zu greifen, dass
sein Sternenpalast nichts mit den Massenkinos moderner Prägung
gemein hat? Die Säle sind nicht nummeriert, sondern tragen
die Namen Orion, Jupiter, Venus und Saturn, ein jeder ist auf künstlerische
Weise unterschiedlich gestaltet. Alles ist modern und großzügig,
das Foyer mit seiner gläsernen Fassade 70 Meter lang, vom Personal
fordert der Chef Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Dies sei
"Wohlfühlkino", stellt Kutter fest, Kino der Zukunft,
die einzige Möglichkeit überhaupt zu überleben. "Diese
großen Multiplexe werden alle verschwinden", sagt er.
Die Besucher vorne rein und hinten raus zu schleusen und dazwischen
möglichst viele Euros herauszulocken, sei nicht seine Sache.
Ach, das Geld. Adrian Kutter muss es verdienen wie jeder andere
auch, aber er arbeitet nicht für das Wachsen eines Bankkontos,
sondern für den Glanz des deutschen Films und den Mythos, der
ihn selbst längst umgibt. Seine jährlichen Filmfestspiele,
die er seit 27 Jahren abhält, sind der Laufsteg für so
viele gewesen, die in der Kinobranche groß geworden sind.
Die Regisseure Schlöndorff, Wenders, Geißendörfer
und Wortmann sind ein und aus gegangen in Biberach. Werner Herzog
natürlich auch, den Kutter als engen Freund beschreibt. Mit
ihnen Umgang zu haben, ja, einer der ihren zu sein, aber nicht als
Fan, sondern als Mitwirkender am Projekt deutscher Film, als agierende
Figur, darauf ist der Biberacher unglaublich stolz. Der Genuss an
diesem Freundeskreis ist ihm noch wichtiger als all die Präsidial-
und Vorstandsämter in der Filmförderung Baden-Württemberg,
in der deutschen Filmbewertungsstelle oder der Gilde deutscher Filmkunsttheater.
Natürlich hat Adrian Kutter sein "Sternchen" erhalten
und aufgehübscht, den kleinen legendären Filmsaal mit
dem knarzenden Boden, wo alle Großen des deutschen Kinos im
Rahmen des Festivals traditionell nach Aufführungen mit dem
Biberacher Publikum diskutieren. An der Wand haftet ein Potpourri
aller hier gewesenen Prominenten, und eines, auf das Kutter besonders
stolz ist, zeigt ihn mit Schlöndorff und Wenders zusammen,
wie sie sich vor Jahrzehnten zusammen in München angekettet
haben, zum Schutz der deutschen Filmfreiheit. Über all das
ist der Biberacher eine Bekanntheit geworden. Darüber ist er
fast Pleite gegangen. Sein neues Kino ist die Flucht nach vorn.
"Um die Kinokultur, die ich hier aufgebaut habe, zu erhalten,
brauchte ich eine Absicherung", erklärt der 62-Jährige.
Die vier Säle im alten Palast seien einfach nicht mehr zeitgemäß
gewesen. "Ich war an der Grenze", bekennt er. "Mit
Sicherheit hätte ich in diesem Jahr schließen müssen."
Jetzt aber hat er es noch mal gepackt. "Ich bin weiter der
Adrian Kutter, der hier Kino für sein Publikum macht."
Die Rückzahlung der neuen Kredite werde er schon bewältigen.
"Ich mache weiter, bis ich irgendwann umfalle."
Sternenpalast, welcher romantische, fast ein wenig altertümelnde
Name für so ein modernes Kino. Aus bloßer rückwärts
gewandter Romantik ist er aber nicht gewählt, sondern aus Familientradition.
Der Großvater Adrian Kutters hatte 1912 das erste Kino in
Biberach gegründet. Damit, aber das nur nebenbei, führt
der Enkel heute das älteste deutsche Kino, das in Familienhand
geblieben ist. Vater Anton Kutter war selbst lange Jahre Regisseur
in Diensten der Bavaria Film, dazu Astronom und Konstrukteur von
Himmelsfernrohren gewesen. Er hatte nach dem Zusammenbruch des Dritten
Reichs, das ihm Berufsverbot als Spielfilmregisseur erteilt hatte,
das Lichtspielhaus seines Vaters in der Heimat erweitert. Von München
hatte er eine Sternwarte mitgebracht und sie auf das Kinogebäude
gesetzt.
Die eiserne Kuppel ist nun ein Wahrzeichen der Straße, in
der das Kino beheimatet ist. Da hinauf schaut Adrian Kutter gerne,
sooft er ums Gebäude geht. "Sieh zu den Sternen",
steht in lateinischer Sprache am Dachfirst zu lesen. Das tut der
große Sohn eines großen Vaters - immerzu. |