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Neue Dauerschau im Biberacher Braith-Mali-Museum:
Kunst
des 20. Jahrhunderts (2)
Mehr über die Entstehung und Form derAusstellung von Museumsleiter
Frank Brunecker
(Von Weberberg.de adaptierte Fassung seiner Rede vom 22. März
2002)
Ich
möchte ich Sie kurz in die Grundgedanken des Ausstellungskonzepts
einführen: Zu Beginn suchen wir den Anschluss an unsere kunstgeschichtliche
Abteilung. Wo wir im Westflügel im 19. Jahrhundert aufhören mit
Braith und Mali und anderen, beginnen wir im Ostflügel im 20.
Jahrhundert mit der dunkeltonigen Malerei der Jahrhundertwende:
Hugo Häring, Anton Baur und Paula Freiin von Waechter-Spittler.
Es sind einzelne qualitätvolle Arbeiten, die ein wenig verschleiern,
dass qualitätvolle Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
in Biberach dünn gesät war. Es ist auch keine dieser Arbeiten
in Biberach entstanden. Aber die Künstler stammen aus Biberach
oder haben sich hier später niedergelassen. In diesem ersten Ausstellungsteil
konnten wir also keineswegs aus dem Vollen schöpfen, sondern mussten
genau hinsehen. Aber auch hier gibt es noch Entdeckungen zu machen:
Das eindrucksvolle Selbstbildnis von Lotte Lesehr zum Beispiel
war schon in unserer schönen Sonderausstellung zu Anfang des Jahres
2001 zu sehen. "Um 1930" lautete der damalige Ausstellungstitel,
in der auch Lotte Lesehr vertreten war. Das Selbstbildnis bildet
gewissermaßen den dauernden Mehrwert dieser Sonderausstellung,
die Dr. Uwe Degreif konzipiert hatte. Eine weitere Entdeckung
sind die Fotografien von Gerhard Mayer. Wir haben Sie der Malerei
von Gerhard Mayer, die in Biberach eigentlich bekannter ist, vorgezogen,
nicht nur weil es hervorragende Fotos sind, sondern auch weil
diese Fotos so viel Zeitgeist der 30er Jahre ausdrücken. Die Fotos
sind so disparat wie ihre Zeit. Es gibt da dieses nationalistisch
wirkende Porträt eines Kampffliegers vor der Kulisse eines Stukas.
Oder jenen jugendlichen Schmied mit Amboss und freiem Oberkörper
- ein wenig Körperkult, ein wenig "Arbeiter der Faust".
Daneben gibt es aber auch die ganz leisen Arbeiten, die nichts
vom Aufbruch des damals so genannten "Neuen Deutschland" vermuten
lassen, die Porträts eines Albbauern oder eines Schäfers, die
gar nicht kämpferisch in die Zukunft blicken. Diese Bilder sind
einmalige kulturgeschichtliche Dokumente und bieten gleichzeitig
sensibel fotografierte Physiognomien. Sie kontrastieren hervorragend
zur Malerei eines Sepp Mahler und einer Maria Caspar-Filser. Die
beiden Letztgenannten sind keine Biberacher. Aber kann man sich,
darf man sich in einer derart bilanzierenden Ausstellung auf das
Stadtgebiet beschränken? Schließlich markiert insbesondere Caspar-Filser
die qualitätvolle Spitze oberschwäbischer Kunst in dieser Zeit.
Auf die Mischung kommt es an. Das erzeugt dann eine Präsentation
städtischer Kunst, die den Blick über den Tellerrand nicht scheut.
Und Biberacher Identität liegt nicht allein in der Stadt selbst,
sondern auch in einem Raum, der auf sein Mittelzentrum antwortet.
Nach dem Krieg geht es ganz Biberachisch weiter. Da drängen sich
die 68er-"Rebellen" in den Blick: Martin Heilig, Dieter Arnold
und Irmgard Wachendorff. Soll man Julius Kaesdorf dazu zählen?
Nein - natürlich nicht! Oder doch? Hintergründig genug wäre er.
Auf jeden Fall ist er ein Neuerer, ein Unverwechselbarer, der
einen eigenwilligen Stil ausgebildet hat: Dieses ganz leise "Fliegen
in geringer Höhe über Weiß hinweg".
Eigenständigkeit und Subtilität kennzeichnet
auch die Zeichnungen und Gemälde von Romane Holderried Kaesdorf.
Wir haben ihr deshalb großen Raum gegeben und versucht, ihr Werk,
wie es sich bis heute entfaltet hat, in markanten Stationen nachzuzeichnen.
Es ist eine Begegnung mit dem Subversiven. Was ist normal? Was
ist zweckmäßig? Mit großer Selbstverständlichkeit und mittels
unbeirrtem, spontanen Strich wird hier ein Moment der Freiheit
und die Möglichkeit eines eigenen Lebens formuliert. Ganz ohne
erhobenen Zeigefinger. Es geht einfach darum, immer wieder von
vorn anfangen zu können zu denken.
Dann sind wir rasch in der Gegenwart: Wir zeigen Einzelwerke aus
den 90er Jahren von Willi Siber, Klaus Martin Treder und Albrecht
Schäfer. Es handelt sich samt und sonders um Neuerwerbungen, eindrucksvolle
Neuerwerbungen. Freilich fehlen da eine ganze Reihe bekannter
Namen. Aber gerade in diesem letzten Teil der Ausstellung, der
unserer Gegenwart so nah kommt, wird es in Zukunft immer wieder
Wechsel geben. Da sind wir einfach zu nah dran, um abschließend
auswählen zu können. Außerdem kommen ja immer wieder Neuerwerbungen
hinzu. Also wechseln wir und machen die Ausstellung immer wieder
interessant.
Ich möchte betonen, unsere Ausstellung ist
kein Ranking der vermeintlich besten Künstler, sondern ein Zusammenhang
in kunst- und kulturgeschichtlicher Absicht, der natürlich variiert
werden kann und der auch variiert wird. Einer fehlt sowieso noch
- Wolfgang Laib. Der Weltkünstler next door, der in Bregenz ausstellt
und demnächst im Münchner Haus der Kunst, ansonsten in New York
oder Los Angeles. Er lebt hier bei uns in der Provinz, aber er
stellt hier nicht aus. Bislang. Wir arbeiten dran.
Aber da sind noch zwei Hauptsachen: Zunächst
Jakob Bräckle. Ihm und seinem
in Biberach und Oberschwaben so sehr wertgeschätzten Werk bieten
wir einen ähnlich großen Umfang wie Romane Holderried Kaesdorf.
Dazu haben wir sein original erhaltenes Atelier in den Ausstellungssaal
eingebaut. Genau in der Mitte des Ausstellungsablaufs, genau in
der Mitte dieses 20. Jahrhunderts, eben um 1950, als Jakob Bräckle
damit begann, intensiv im Atelier zu arbeiten, wird der normale
Ausstellungsverlauf, die galeriemäßige Präsentation der Bilder
und Skulpturen, unterbrochen durch das sehr privat wirkende Ambiente
eines Wohn- und Arbeitsraumes. Viele von Ihnen, meine Damen und
Herren, kennen den Hergang der Translozierung des Bräckle-Ateliers.
1997/98 - vor bald 5 Jahren - haben wir die große Retrospektive
"Jakob Bräckle zum 100. Geburtstag" durchgeführt. Nach dieser
so erfolgreichen Ausstellung hat Dr. Uwe Degreif die Idee der
Überführung des vollständig erhalten gebliebenen Bräckle-Ateliers
ins Museum entwickelt. Es gelang auch, die Nachfahren Bräckles,
Frau Gudrun Martin und Herrn Siegfried Bräckle, für diese Idee
einzunehmen. Das war 1998. Es gelang auch, den Gemeinderat für
diese Idee einzunehmen, obwohl für einen so aufwendigen Einbau
relativ viel Geld nötig ist. Aber der Name Jakob Bräckle hat eben
in Biberach einen besonderen Klang. Es gab sofort große und einhellige
Zustimmung zu diesem Projekt, und auch der Förderkreis Biberacher
Museum e.V. steuerte einen bemerkenswerten Geldbetrag bei. Das
war 1999. In der Zwischenzeit eröffneten wir die kunstgeschichtliche
Abteilung im Jahr 2000, und die stadtgeschichtliche Abteilung
im Jahr 2001. Und jetzt ist das Atelier da.
Seit Oktober letzten Jahres waren die umfangreichen
Arbeiten im Gang. Sage und schreibe 765 Gegenstände wurden registriert,
beschrieben, vermessen und fotografiert, dann eingepackt, zwischengelagert
und haargenau an alter Stelle wieder aufgehängt oder aufgestellt.
Jedes Loch in der Wand in Bräckles Atelier hat bei uns eine Nummer
und ist genau verzeichnet in maßstabsgerechten Plänen. Sogar die
60 Jahre alte Tapete wurde von einem spezialisierten Papierrestaurator
(Herrn Joachim Wolf aus Pforzheim) sorgfältig abgelöst, gefestigt
und wieder angeklebt. Fenster und Türen, die Böden und der Heizkörper
wurden mitgenommen, eigentlich alles - bis auf die Wände des Hauses
Bräckle. Auch die lichte Atmosphäre dieses ehemals nach Norden
gehenden Zimmers wurde durch die Lichtplanung unseres Architekten
künstlich nachempfunden. Denn hinter dem Fenster, das Sie jetzt
im Atelier sehen, befindet sich eine Wand.
Die beiden einzigen notwendigen Kompromisse
sind der Brandmelder an der Decke, der bei Bräckle natürlich nicht
da war, im Museum aber unverzichtbar ist, sowie die beiden Eichenstützen
des alten Hospitalgebäudes. Sie sind im Vorzimmer zum Atelier,
dem sog. Bilderzimmer, und stellen in verkleideter Manier eine
prominente Präsentationsfläche dar, unter anderem für dieses besonders
schöne Bräckle-Gemälde "Winter im Dorf", das wir vom Ministerium
für Wissenschaft und Forschung erhalten haben.
I ch
danke auch der Museums- und Ausstellungsbau-Firma Friedrich Trautwein
aus Stuttgart, die nicht nur das Fenster, die Türen, den Holzboden
und den Heizkörper im Haus Bräckle ausbaute und im Museum in einer
genau vermessenen Holzkonstruktion wieder einsetzte, sondern,
die ja auch die bauliche Wiederherstellung im Haus Bräckle vornahm
und zwar - wie ich mich wiederholt überzeugt habe - zur größten
Zufriedenheit unserer Schenkerin Frau Gudrun Martin. Ja, jetzt
bin ich bei Ihnen angekommen, liebe Frau Martin. Ich danke Ihnen
von Herzen nicht nur für Ihre großzügige Schenkung an die Stadt
und das Museum - denn es
Im Atelier befinden sich immerhin
27 Gemälde Jakob Bräckles sowie eine Anzahl religiöser Kunstwerke.
Frau Martin hat mit der Erhaltung dieses Arbeitsraumes ihres Vaters
die Grundlage gelegt für seine jetzige Präsentation im Museum,
und sie hat mit der Schenkung dieses Raumes das Museum nicht nur
um einen kostbaren Atelierraum reicher gemacht, sondern auch um
einen besonderen Erlebnisraum für unsere Besucher. Insbesondere
der Laie, der die didaktische Hinführung zur Kunst viel stärker
braucht, als der Fachmann, vermag nun im Bräckle-Atelier die Bescheidenheit,
die Ernsthaftgkeit und tiefe Religiösität dieses Künstlers unmittelbar
abzulesen und in seinen Bildern wiederzufinden. Nebenbei gelingt
sogar der Vergleich mit den gegenüber im Westflügel befindlichen
Braith-Mali-Ateliers, die sich seit über 90 Jahren im Biberacher
Museum befinden und die stets eine der besonderen Attraktionen
dieses Museums darstellten und die doch immer wie ein Solitär
wirkten. Jetzt werden Künstlerateliers als Orte der Entstehung
von Kunst zu einer Biberacher Spezialität.
Auch
der Laie bemerkt beim Vergleich der prunkvollen altdeutschen Kunst-Salons
von Braith und Mali aus den 1880er Jahren mit dem nüchternen und
sehr privaten Rückzugsraum Jakob Bräckles aus den 1950er Jahren,
dass sich im Selbstverständnis von Künstlern binnen weniger Jahrzehnte
sehr viel getan hat. Auch dies ist eine didaktisch wirksame Bereicherung
des Hauses. Und nicht nur das - die Ausstellungen des Hauses werden
auch dadurch wieder ein Stück stimmiger, in sich zusammenhängender
und überzeugender. Übrigens haben auch wir im Museum für uns selbst
durch den so aufwendigen Einbau des Bräckle-Ateliers eine bessere
Vergleichsmöglichkeit gewonnen. Wir können nämlich jetzt noch
besser ermessen, welche Leistung die Vertreter des Kunst- und
Altertumsvereins damals vor über 90 Jahren bei der Überführung
der Braith-Mali-Ateliers von München nach Biberach vollbracht
haben. Denn das sind ja sogar vier Räume.
Ich bin nun gespannt, meine Damen und Herren,
wie Bräckles Atelier auf Sie wirkt. Und ich bin gespannt, wie
Ernst Ludwig Kirchner auf Sie wirkt. Der schlichten Tatsache und
biografischen Zufälligkeit, dass der Bruder des wichtigsten deutschen
Expressionisten, Ernst Ludwig Kirchners, in Biberach lebte, ist
es schon seit über 35 Jahren zu danken, dass sich einige seiner
Werke im Biberacher Museum befinden. Nun ist es gelungen, die
Ausstellungsfläche für Kirchner zu verdoppeln. Aus unterschiedlichen
privaten Quellen haben wir insgesamt 62 Kunstwerke Ernst Ludwig
Kirchners zusammengetragen! Wir präsentieren Ihnen davon heute
26 wunderschöne Arbeiten. Es handelt sich allesamt um Leihgaben.
Wir zeigen Ihnen heute 12 zum Teil hochrangige
Gemälde, 6 exquisite Holzschnitte. Kirchner hat ja insbesondere
im Holzschnitt Bahnbrechendes geleistet. 7 Aquarelle und Zeichnungen
und 1 Plastik. Diese Plastik ist ein lizensierter Bronzeabguss
eines hölzernen Originals, trotzdem wunderschön. Lassen Sie mich
hervorheben: Es gibt nur wenige Museen, die mehr Werke Kirchners
versammeln. Natürlich das Kirchner Museum in Davos und das Brücke-Museum
in Berlin und einige der ganz großen Häuser. So ist die Betonung
der Anzahl der Kunstwerke Kirchners, die wir in Biberach präsentieren,
kein (oder nicht nur ein) angeberisches Protzen mit bloßer Quantität.
Es ist die Suche nach den griffigen Formulierungen für diese so
überraschende Qualität eines weltberühmten Künstlers hier in Biberach.
Denn leider habe ich in den vergangenen Monaten die folgende Erfahrung
machen müssen: Es ist leider keineswegs so, dass die Redaktionen
der großen Zeitungen auf das Braith-Mali-Museum fliegen, dass
diese Qualität, die nun mit Kirchner in das Biberacher Museum
Einzug hält, uns in Stuttgart und München abgekauft wird. Da gilt
es noch viel Überzeugunsarbeit und vor allem kontinuierliche Ausstellungsarbeit
zu leisten, bis sich Biberach als Kirchner-Standort wirklich etabliert.
In Zukunft wollen wir deshalb etwa alle 2 Jahre zusätzlich zu
unserer Kirchner-Präsentation in der Dauerschau auch Sonderausstellungen
zu Kirchner und dem deutschen Expressionismus organisieren. Nur
so können wir - neben der notwendigen Werbearbeit - unsere Sammlung
ins Gespräch bringen.
Zum Schluss: Ernst Ludwig Kirchner hat 1926
in seinem Tagebuch vermerkt: "Es kommt nicht darauf an, wie weit
man in seiner Arbeit an der Natur ist, es kommt nur darauf an,
dass alles mit echtem Gefühl gemacht ist." Und an anderer Stelle
sagt er: "Farben sind die Freude des Lebens."
Frank Brunecker
Weitere Kunstlinks bei Weberberg.de: Kunst,
Kuenstler, Braith-Mali-Museum,
Kunstpfad,
Dr. Hans-Peter Biege.
Anmerkung: Dass Biberach/Riß mit
seinem Museum noch nicht die nötige Resonanz gefunden hat,
zeigt ein Blick auf die Website swo.de,
für die Virtuelle Kulturregion Südwest. Dort sind zwar
der in Biberach geborene Künstler
Hermann Weber zu finden und auch ein im Museum nicht verwirlichtes
Kunstwerk von Bruno
Kurz. Vom Museum
selbst aber keine Spur.
Vormerken: 07.06.02 - 08.09.02 Sonderausstellung:
Bräckle und seine Zeit - die 1930er Jahre Jakob Bräckle (1897-1987)
ist einer der einflussreichsten oberschwäbischen Maler des 20.
Jahrhunderts. Die Ausstellung stellt sein Werk in Beziehung zu
den Weggefährten zwischen Stuttgart und Bodensee in einer Zeit
zwischen Modernität und Vereinnahmung. Eröffnung: 07.06.02, 19.30
Uhr.
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22. Mai 2002
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