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Neue Dauerschau im Biberacher Braith-Mali-Museum:
Kunst
des 20. Jahrhunderts (1)
Die Eröffnungsrede von Kulturdezernent Dr. Hans-Peter Biege
(22. März 2002)
Vor
90 Jahren stand das Biberacher Museum im Ruf, mehr Bilder zu beherbergen
als die Stuttgarter
Staatsgalerie. Dies war den Namensgebern und eigentlichen
Museumsstiftern, dem aus Biberach stammenden, in München wirkenden
Anton Braith und seinem Freund Christian Mali und deren Nachlass
zu verdanken. Ihre Ateliers, 1908 hier eingebaut, sind bis heute
das einmalige Herzstück dieses Museums.
Heute eröffnen wir im gleichen Haus - und dies
könnte sich eines Tages ebenfalls als ein wichtiger Meilenstein
für Biberach erweisen - eine der umfangreichsten Dauerschauen
von Werken Ernst Ludwig Kirchners in Deutschland.
Im Todesjahr von Anton Braith, 1905,
gründete Ernst
Ludwig Kirchner zusammen mit Erich
Heckel und Karl
Schmidt-Rottluff "Die
Brücke", eine Dresdner Künstlergemeinschaft, die 1911 nach
Berlin umzog. Die berühmte "Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen",
an diesen dürren Fakten wird sie erneut deutlich. Als die Biberacher
Bürger mit enormem Aufwand und großer Leidenschaft der Kunst bis
zum 19. Jahrhundert eine Heimstatt schufen, hatte bereits die
zweite Phase der Moderne begonnen.
Es war die Zeit, als Kaiser
Franz Joseph die Frühjahrs-Ausstellung im Wiener
Künstlerhaus besuchte. Vor einer in Blautönen gemalten Waldlandschaft
blieb er stehen. "Das vor dem Jagdhaus, soll das ein See sein?"
fragte er den Maler. "Majestät", erwiderte der Maler, "das ist
eine Waldwiese." - "Aber wieso ist die denn blau!" - "Majestät,
ich sehe die Wiese so." - "Dann hätten's aber nicht Maler werden
sollen!" sagte der Kaiser im Abgehen.
Es war auch die Zeit, als in Biberach den beiden
Stiftern ein Denkmal im Museumshof gesetzt werden sollte und man
zwei Jahre lang darüber stritt. Den einen erschien der Entwurf
zu modern und völlig unpassend für die historische Umgebung, für
die anderen aber war er nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die
Denkmalsbefürworter erhielten Schützenhilfe von der Münchner Kunstakademie,
die Gegner ließen sich von der Stuttgarter Akademie die Munition
liefern.
Ich erzähle das nicht, um den Kunstverstand
der Biberacher zu diffamieren - solche Vorgänge gibt es auch aus
den Metropolen zu berichten. (Und der Geschmack des breiten Kunstpublikums
ist noch vor nicht allzu langer Zeit gerade mal bei den Impressionisten
angelangt.) Ich weise vielmehr auf diese historischen Tatsachen
hin, um deutlich zu machen, wie schwer es der Geist der Moderne
im letzten, im 20. Jahrhundert, auch in der Kunst anfangs hatte,
um bis in die entlegeneren Gegenden des Reiches und bis in die
traditioneller denkenden Schichten der Gesellschaft vor zu dringen.
Es ist, glaube ich, auch der richtige Ort, um daran zu erinnern,
dass die Verachtung der Moderne zu Begriffen wie "entartete Kunst"
geführt hat und diese Verachtung war gewiss nicht die unpopulärste
Strömung, der sich die braunen Machthaber bedienten und die sie
im Verein mit mächtigen Institutionen nach Kräften beförderten,
zu denen auch einflussreiche Kreise beider großen Kirchen gehörten.
(Ich verweise auf die im letzten Jahr erschienene, Aufsehen erregende
Untersuchung von Hans Prolingheuer: "Hitlers fromme Bilderstürmer".)
Letztlich war es diese dumpfdeutsche Einstellung zur Moderne,
die den psychisch und physisch angeschlagenen Ernst Ludwig Kirchner
in seinem selbst gewählten Davoser Exil in den Freitod trieb.
Und Jakob
Bräckle, der mit seinen bäuerlichen Motiven den Blut-und-Boden-Ideologen
eigentlich hätte nahe stehen können, zog sich in die künstlerische
Isolation zurück, weil er zur falschen Heroisierung der deutschen
Scholle und ihres Reichsnährstandes nicht taugte. Dem Realisten
und Maler der schwäbischen Bauernlandschaft, gingen schon zu seiner
Zeit die Bauern immer mehr verloren.
Eine deutsch-germanische Kunst entsteht in
unserer Region (außer im protestantischen Ulm) generell nicht.
Die Kunstkommissare, die z.B. einen Sepp Mahler in Beugehaft genommen
haben kamen von außerhalb. Das große Tryptichon, das die Kreissparkasse
damals zierte, wurde von einem Schwarzwälder geschaffen.
(Ab 6. Juni lassen sich solche Zusammenhänge
in der Ausstellung -Bräckle und die 30er-Jahre" im großen Ausstellungsraum
nachvollziehen, worauf ich Sie heute schon aufmerksam machen will.)
Aber
um mehr als die zwölf Jahre wurde die Entwicklung der Kunst in
Deutschland - und auch bei uns - zurück geworfen, bis man in den
50er und 60er Jahren langsam dort wieder anknüpfen konnte, wo
die Entwicklung vor 1933 aufgehört hatte. Diesen Sprung sieht
man am deutlichsten bei Jakob Bräckle, der seine Inspiration -
vermutlich heimlich vermittelt durch den Architekten Hugo Häring
- beim russischen Suprematisten Kasimir Malevich und nach dem
Ende der Isolation auch beim Holländer Piet Mondrian holte.
Ganz bewusst setzen wir mit dem Einbau seines
Ateliers und des Bilderzimmers in diesen Ausstellungsraum einen
Kontrast zu den beiden bürgerlichen Großverdienern Braith und
Mali. Die Ateliers im anderen Museumsflügel sind repräsentative
Verkaufsräume, die jeden Anflug von Privatheit vermeiden. Jakob
Bräckles Atelier ist das genaue Gegenteil: Der Künstler, der in
so vielen Biberacher Haushalten zu einem integrierten Teil unserer
Privatheit geworden ist, wird nun selbst in seiner Privatsphäre
sichtbar. Für Viele sicherlich ein überraschender Effekt.
Mit der Eröffnung der heutigen Dauerschau der
Kunst der Moderne wird auch dokumentiert, wie in der zweiten Hälfte
des letzten Jahrhunderts das Tempo der Entwicklung immer schneller
und der Anschluss auch der Biberacher Künstler an die allgemeine
Entwicklung immer enger wird. - Dieses Tempo, das die entferntesten
Orte in den Strudel des Wandels einbezieht, wird sich weiter beschleunigen,
wie die "Zweite Triennale Oberschwäbischer Kunst" uns vor Kurzem
in diesem Haus eindrucksvoll vor Augen geführt hat. Der Abstand
zwischen Zentrum und Peripherie wird weiter schrumpfen und man
wird wieder zu einem Zustand zurück kehren, der schon einmal vorhanden
war. Damals gab es zwar auch pulsierende Kunstzentren wie Augsburg,
Nürnberg, Dresden oder die Städte Brabants. Aber daneben blühten
auch in vielen kleinen Residenzen, in Klöstern und Reichsstädten
die Künste und das Kunsthandwerk. Und Biberach darf sich rühmen,
nicht zu den Mindesten zu gehören. Diese Haus demonstriert ganz
selbstbewusst, dass Kunst und Kultur in Biberach immer eine solide
Basis hatten und haben. Davon künden die Ihnen sattsam bekannten
Namen von Jörg Kändel und Michael Zeynsler bis zu Johann
Baptist Pflug und seinen Schülern. Bis ins 19. Jahrhundert
wirken Künstler aus Biberach überregional: Pflug, Neher, Emminger
und Braith setzen in Württemberg Maßstäbe und fehlen in keinem
kunstgeschichtlichen Überblick. Damals lag Biberach als württembergische
Kunststadt zwar hinter Stuttgart, aber zusammen mit Schwäbisch
Gmünd weit vor Ulm und anderen großen Städten des Landes. Im 20.
Jahrhundert hat sich der Abstand zu Stuttgart sicherlich vergrößert
und auch in Oberschwaben sind wir nicht mehr singulär.
Aber der Kunstraum Biberach/Oberschwaben ist
nicht in die Bedeutungslosigkeit versunken. Immerhin lebt in der
Nähe Biberachs ein hier aufgewachsener Künstler von Weltrang.
Er zählt seit Anfang der 80er Jahre zu den wichtigsten deutschen
Künstlern überhaupt und bezieht sichtbar seine Inspiration und
seine Materialien auch aus der oberschwäbischen Landschaft: Wolfgang
Laib. Nachhaltig wurde der Holzschnitt in Deutschland von HAP
Grieshaber aus Rot an der Rot geprägt. Maria Caspar Filser war
in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts die wichtigste
Malerin Süddeutschlands und erhielt - wie Albert Burkart, HAP
Grieshaber, Jakob Bräckle, Romane
Holderried-Kaesdorf, Julius Kaesdorf, Olaf Leu und Hermann
Weber - den Professorentitel verliehen. Auch im 20. Jahrhundert
können Stadt und Region also eine stattliche Bilanz an Künstlerpersönlichkeiten
aufweisen, die weit über Oberschwaben hinaus Beachtung finden
- was zwar ein wichtiges, aber nicht das einzige Kriterium auch
für unsere Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit ist.
Kunst des 20. Jahrhunderts auszustellen ist,
allgemein gesagt, ein komplexes Unterfangen. Die schon genannte,
rasante Beschleunigung der Entwicklung im letzten Drittel des
Jahrhunderts, die Hand in Hand geht mit einer explosionsartigen
Vermehrung der Produktion macht es uns auch in Biberach schwer,
den einzelnen Phasen dieser Epoche gerecht zu werden. Wir haben
auch noch keinen klärenden Abstand vor allem zu den jüngsten Zeugnissen
des Kunstschaffens. Beschwert wird dies außerdem dadurch, dass
ein Museum - anders als ein Kunsthaus - immer zwei Aspekte der
Kunst im Auge hat: den kunstgeschichtlichen aber auch den kulturgeschichtlichen.
Dies gilt sogar für ein Haus unserer Größe, das immerhin Arbeiten
von rund 70 Künstlern aus dieser Zeit besitzt. Wir reagieren aud
dieses Dilemma dadurch, dass wir bei den jüngsten Produktionen
immer wieder wechseln werden - nicht um "Hitlisten" zu präsentieren,
sondern um Positionen zu zeigen, die wir primär unter ausstellerischen
Gesichtspunkten auswählen.
Naturgemäß haben wir keine durchgängige Sammlungspolitik
im letzten Jahrhundert zu verzeichnen. Insbesondere zwischen 1900
und 1960 weisen unsere Bestände große Lücken auf. Außerdem machte
es keinen Sinn alles zu sammeln, nur wegen der Chronistenpflicht,
dafür standen und stehen keine Mittel zur Verfügung. Der Anspruch,
das repräsentative oberschwäbische Museum für zeitgenössische
Kunst zu werde war nie durch die realen Ankaufsmöglichkeiten und
im übrigen auch nicht durch die verfügbare Magazinfläche gedeckt.
Als
wir 1997 vor der Aufgabe standen, in den neuen Räumen eine Dauerschau
moderner Kunst zu installieren wurde uns erst bewusst, wie wenig
für eine solche Aufgabe in den Jahrzehnten vorher vorgesorgt war.
Und während wir in der Umbauphase jede Mark zusammenkratzen mussten,
um den Bau zu finanzieren konnten wir unseren Gemeinderat nicht
noch mit kostspieligen Ankaufswünschen strapazieren. Wir mussten
also schnellstens improvisieren und so entstand für fünf Jahre
ein Übergangskonzept, bestehend aus der "Galerie
der Moderne" mit Werken von Jakob Bräckle am einen Ende des
Stockwerkes und dem K.u.K-Kabinett am anderen Ende: mit Ernst
Ludwig Kirchner, Romane und Julius Kaesdorf.
Dazwischen packten wir die "Galerie der Gegenwart"
als quartalsweises Forum zeitgenössischer Biberacher Kunst, die
in den knapp 5 Jahren insgesamt 17 Ausstellungen (!) zeigte. Die
Galerie der Gegenwart sollte ein Forum der Biberacher Kunst sein,
die in dieser Form lange Jahre nicht mehr zu sehen war. Sie gab
einen aktuellen Überblick, ohne das gesamte Spektrum vollständig
abbilden zu können. Das Konzept war von vornherein zeitlich begrenzt.
Denn natürlich war das Museum mit einem Galeriebetrieb zusätzlich
zum Sonderausstellungsprogramm überbeansprucht. Von jetzt an wird
zeitgenössische oberschwäbische Kunst zwar wieder in größeren
Intervallen im Braith-Mali-Museum zu sehen sein, dann aber im
Sonderausstellungssaal. Sie wird neben kunstgeschichtlichen und
kulturgeschichtlichen Ausstellungen einen festen Platz in unserem
Ausstellungsprogramm behalten. Mit der Galerie der Gegenwart,
die anfänglich Schwierigkeiten hatte, sich zu etablieren, hat
sich das Haus eine große Kompetenz in Sachen zeitgenössischer
oberschwäbischer Kunst erarbeitet die natürlich nicht verloren
gehen darf. An dieser Stelle möchte ich vor allem Dr. Uwe Degreif
dafür danken, dass er sich mit dieser Ausstellungsserie durchgebissen
hat und schon bald das Vertrauen auch der Künstler gewonnen hat,
die dem Ausstellungskonzept und dem Ausstellungsort zunächst skeptisch
bis ablehnend gegenüber standen. (Und dass Frau Holderried-Kaesdorf
damals den Mut hatte, auf ein solch unbeschriebenes Blatt den
ersten Buchstaben zu setzen, dafür bin ich ihr stets dankbar!)
Uwe Degreif hat mit seiner freundlichen und beharrlichen Art das
Braith-Mali-Museum für zeitgenössische Künstler und für ein neues
Publikumssegment aus ganz Oberschwaben erschlossen.
Was wir Ihnen heute präsentieren ist die gedankliche
Weiterführung der Galerie der Moderne in eine attraktive Dauerpräsentation
der Kunst des 20. Jahrhunderts mit einer ungewöhnlichen, aber
in ihrer Wirkung - wie wir meinen - starken Mischung. Auf die
Details dieser Mischung wird gleich noch Frank Brunecker eingehen.
Von meiner Seite nur noch so viel: Die Ausstellung
lässt sich nicht recht geografisch einordnen, obwohl das Meiste
was wir zeigen aus Biberach und Oberschwaben stammt. Wir haben
in den vergangenen fünf Jahren im Hinblick auf diese Ausstellung
verstärkt im Bereich des 20. Jahrhunderts angekauft und haben
dabei natürlich ein deutliches Schwergewicht auf Kunst mit Biberacher
Herkunft gelegt. Dabei grenzen wir Biberach nicht nach Kriterien
des Gewerbesteuerhebesatzes ab, sondern meinen den Biberacher
Kulturraum, ohne dass wir damit Riedlingen oder Bad Wurzach z.B.
eingemeinden wollen. Wir zählen Künstler dazu, die zwar aus Biberach
stammen, aber nicht mehr in Biberach leben, jedoch Bezüge zu Biberach
oder Oberschwaben aufweisen. Frank Brunecker hat das so schön
definiert, dass ich es zitieren muss: "Im kulturellen Sinne kann
man formulieren, dass der Raum, auf den das Mittelzentrum Biberach
künstlerisch antwortet und von dem aus umgekehrt auch Biberach
künstlerisch geantwortet wird, das nördliche Oberschwaben genannt
werden kann. In diesem Raum liegt unsere Identität und in diesem
Raum liegt das Biberacher Sammlungsgebiet. Das spiegelt auch diese
Ausstellung." - Mit der großen Ausnahme des Ernst Ludwig Kirchner,
den uns biografische Zufälle ins Haus gebracht haben, worüber
wir aber alles andere als unglücklich sind. Wenn Sie hingucken
werden Sie feststellen: es lohnt sich!
Hans-Peter Biege
Diese Rede wurde von Dr. Biege für
Weberberg.de leicht adaptiert. (Herzlichen Dank!) Die Aufbereitung
als Hypertext stammt von uns.
Die adaptierte Rede von Museumsleiter Frank
Brunecker finden Sie hier.
Weitere Kunstlinks bei Weberberg.de: Kunst,
Kuenstler, Braith-Mali-Museum,
Kunstpfad,
Dr. Hans-Peter Biege.
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22. Mai 2002
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