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Hindenburgstraße
Das
marktferne Ende der Hindeburgstraße hat von Zeit zu Zeit die Aura
von Detroit. Zumindest in Phasen, in denen mal wieder etliche Läden
leerstehen. Auch derzeit sind zwei Schaufenster nur Fassade. Eines verweist
auf den Second-Hand-Laden in der Schulstraße 12, ein anderes gehört
zu einem seltsamen Kunstladen ("Diesen Laden können Sie mieten"
sagt ein Schild), der nur telefonisch erreichbar ist. Im Fenster immerhin
eine Weinflasche, grob verschlossen mit Silberpapier und Bindfaden, die
die Aufschrift "Heiligenschein, eingefangen 1736 in Biberach/Riss").
Hier weisen Aufkleber darauf hin, dass die Benutzung von Armbrüsten
verboten ist. (Was für schlechte Erfahrungen mag man hier damit gemacht
haben?) Nebenan dann gleich "Jenny's Jungbrunnen. Der Fusspflege-
und Kosmetiksalon nennt sich im Untertitel ambitioniert Fontaine de
Jouvence. Ansonsten handelt es sich bei der Fußgängerzone
um Biberachs Schnellfressgasse und Klamottenallee. Für das schnelle
Fettgericht zwischendurch sorgen der Kochlöffel (Volksmund:
Kotzlöffel), Fred's Grill Bar und das Pizza Kebap
Haus. Eine Spielothek, das Bistro Domino, trägt ebenfalls
zum noblen Flair der Straße bei. Zum Draußensitzen gibt es
da noch das Café Stern und eine Eis Boutique. Auch
das Kaufhaus Tchibo
befindet sich hier. 
Der Kochlöffel, einst im Wesentlichen auf Brathähnchen
spezialisiert, hat seine fast food Palette erweitert, dafür
aber die Ladenzeiten gekappt. Er schließt jetzt schon um 21 Uhr.
Früher gab's hier länger was, aber damals gab's auch noch kein
McDonald's am Ort. Das Publikum
in Fred's Grill Bar gewinnt zu Zeiten großer Fußballereignisse
an Niveau. Während einer WM sitzen hier schon mal Frau Professor
Romane Holderried Kaesdorf oder
Dr. Uwe Degreif und geniessen das Ballspiel auf den Fernsehschirmen im
Freien (siehe auch Kesselplatz).
Friedrich
Zügel (s. Bild, Fraktionsvorsitzender der FW/UB-Fraktion
im Gemeinderat) ist Herr des Hauses Kugler men's fashion und damit
Besitzer eines der wenigen richtig angewandten Apostrophen im Ladenschild
in Biberach. (In Fred's Grill Bar werden dagegen "Snack's"
(!) angeboten - aber auch "Mammut Ohren".) Das Kugler-Haus wurde
Anfang 2002 mit größeren Fenstern und vorgezogener Ladenfläche
optisch aufgeschickt. Nachteil natürlich: Dadurch verringerte sich
in der Hindenburgstraße Unterstellfläche bei Platzregen. Laut
Schwäbischer kostete diese Schutzraumvernichtung samt sonstiger
Umbaumaßnahmen ca. € 350 000. Einen weiteren Trockenbereich
gibt es derzeit noch beim Teppichhaus Nägele, das aber auch
nicht mehr in Betrieb ist. Den neuen Zügelbau schmückt - und
das wird gerne übersehen - hoch oben eine alte Plakette, die darauf
hinweist, dass an diesem Ort der namhafte Dichter Wieland
von 1760-1769 als Stadtschreiber wirkte, bzw. während der Arbeitszeit
Gedichte schrieb, wie einer seiner Briefe an Herrn Weisse belegt: "wenn
es allgemein wahr wäre, daß verstohlner Weise erzeugte Kinder schöner
und geistreicher wären, als andre, so müßten (meine) in der Kanzley der
Reichsstadt Biberach entstandenen Gedichte nicht geringe Vorzüge vor den
übrigen haben. "
Für
Friedrich Zügels selbsterklärtes Ziel, nämlich "eine
lebenswerte und verkehrsgerechte Innenstadt" ist die Hindenburgstraße
sicher stete Mahnung und Ansporn. Wie ein lebenswerter Anzug aus Sicht
Zügels aber aussieht, erfahren Sie, wenn Sie auf das Foto oben klicken.
Kleider machen eben doch Leute.
15. Mai 2002
ABC-Home
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