|
Neues Raumgefühl durch Kuhperspektive
Der Architekt Hugo Häring in einer Berliner Ausstellung
In den zwanziger Jahren gehörte Hugo Häring (1882-1958) neben Ludwig
Mies van der Rohe, Walter Gropius, Erich Mendelsohn, Martin Wagner,
Bruno Taut und Hans Scharoun zur Avantgarde der deutschen Architekten
und blieb unter ihnen doch der grosse Unbekannte. Der gebürtige
Schwabe liess sich 1921 in Berlin nieder, wo er in der Folge an
einer Reihe von wichtigen Projekten beteiligt war. Unter anderem
schuf er neben Bruno Taut und Rudolf von Salvisberg einen Abschnitt
der Waldsiedlung «Onkel Toms Hütte» (Berlin-Zehlendorf, 1926-31),
die zum berühmten Beispiel eines im Stil der Neuen Sachlichkeit
gehaltenen sozialen Siedlungsbaus wurde.
Theoretiker und moderner Mitstreiter
Häring begründete mit Mies und anderen die Architektenvereinigung
«Der Ring», eine Art Sezession deutscher Architekten, die der modernen
Bewegung im Land zu einem gemeinsamen Auftritt des «neuen Bauens»
verhelfen wollte. Häring nahm an den massgeblichen städtebaulichen
Diskussionen im Berlin der zwanziger Jahre teil. Sein bestechender,
expressionistisch angehauchter Wettbewerbsentwurf für ein Hochhaus
an der Friedrichstrasse (1922) gibt vielleicht am schönsten seine
Vorstellung eines bewegten, irrational aus sich heraus entwickelten
Raumes wieder; der Entwurf blieb unrealisiert. Häring war zeitlebens
auch Theoretiker. Obschon er sein Hauptwerk, «Die Ausbildung des
Geistes zur Arbeit an der Gestalt», nie publizieren konnte, war
er mit der ästhetischen und architektonischen Diskussion seiner
Zeit eng verbunden. Im Gegensatz zum künstlerischen Stilwillen seines
Kollegen Peter Behrens forderte er die Zurücknahme der individuellen
Handschrift beim Entwurf und propagierte eine Berücksichtigung der
unterschiedlichsten Gestaltungskräfte. Darin liegt wohl auch der
Grund für die schwer zu erfassende Heterogenität von Härings Werk.
Es ist das Verdienst einer Ausstellung in der
Akademie der Künste in Berlin, Leben und Werk des Architekten in
sorgfältiger Aufarbeitung des umfassenden Nachlasses vorzustellen
und die historischen Bezüge herauszuarbeiten. Die Schau folgt wie
ihr etwas nüchterner Titel «Hugo Häring - Architekt des Neuen Bauens»
dem streng klassischen Aufbau einer Werkmonographie. Sie geht aus
von den ästhetischen Vorbildern des Architekten, die den dynamisierten
Begriff des Raums zum Thema machten: Auguste Rodins Plastik oder
Ewald Matarés Biomorphismus. Dabei erschliesst die kritische Aufarbeitung
nicht nur die spezifisch romantischen Wurzeln der Moderne in Deutschland.
Sie macht auch die Problematik einer Überhöhung von Begriffen wie
«organisch», «Volk» und «Rasse» deutlich, mit denen die Kunsttheorie
jener Zeit auch arbeitete.
|
Häring setzte Le Corbusiers und Gropius' «Wohnmaschine»
und der weissen Geometrie der klassischen Moderne seine Idee des
organischen Bauens entgegen, wobei er erklärtermassen «gegen
das Prinzip Le Corbusier», nicht aber «gegen Le Corbusier» war.
Das entspricht der heutigen Rezeption, der sich im Vergleich von
«organhaftem Bauen» des einen mit der «architecture moderne» des
anderen am Ende mehr Gemeinsamkeiten als Gegensätze aufdrängen.
So finden beide Richtungen ihren Antrieb im Bestreben, jenseits
der historisierenden Architektur des 19. Jahrhunderts ein eigenes
Gestaltungsprinzip zu schaffen. Auch bauten sie beide auf die Funktion.
Hinsichtlich ihrer ästhetischen Werte lagen sie freilich in unversöhnlichem
Wettstreit.
Die beste Form im Stall
Häring suchte einen Weg, wenn man so will, zurück
zur Natur: Sie sollte den Bauten ähnlich wie Pflanzen ihre Form
zuweisen. Die Kunst musste sich umgekehrt in der Natur ihren Raum
schaffen. So mystisch dieses baukünstlerische Bestreben klingt,
so funktionalistisch gab es sich in der konkreten Umsetzung. Härings
architektonisches Meisterwerk, die Gutsanlage Garkau (1922-1926)
in Ostholstein, bettet sich harmonisch in die Landschaft ein und
verbindet die Silos in perfekter Automatisierung mit dem Stall,
so dass das Futter den Kühen von oben direkt vor die Nase serviert
wurde. Wobei das Stallgebäude mit auskragenden Stützen und geschwungenen
Decken in seiner Konstruktion tatsächlich organhaft anmutet, wie
eine vermutlich El Lissitzky zuzuschreibende Fotomontage (1927)
in Nachempfindung der Kuhperspektive zeigt. In einer Hommage an
den berühmten Stall hängen in der Akademie der Künste Skizzen und
Zeichnungen aufgespannt in schwebenden, im geselligen Gegenüber
angeordneten Eisenkonstruktionen.
Häring entzerrte den Grundriss vom traditionellen
Achsenraster und liess die Räume wuchern wie die Kartoffeln an einer
Staude. Vom strengen Dreieck der Dachkonstruktion hielt er nichts
und gestattete ihr ein Eigenleben in der Biegung der Form. Allerdings
blieb der Verfechter der fliessenden Gestalt am Ende mehr der Tradition
verhaftet als seine Zeitgenossen, die ihn mit kompromissloseren
und radikaleren Ausführungen am Ende überflügelten. Das mag ein
Grund dafür sein, warum Scharouns Berliner Philharmonie als Inbegriff
des organischen Bauens ins allgemeine Bewusstsein eingegangen ist,
während Härings Gut Garkau nur Kennern der Architekturgeschichte
ein Begriff ist. Die sonst vorbildliche Schau zitiert zwar Scharouns
Philharmonie herbei, den eingehenderen Vergleich bleibt sie allerdings
schuldig. (Claudia Schwartz)"
|