|
Sex und Steuern in Oberschwaben:
Eine typisch Biberacher Posse um den Nachtclub "Remise" (Teil
2)
Jede Menge Aufsehen erregte
eine Pressemitteilung des Verwaltungsgerichts Sigmaringen. Beleg dafür
sind Rundfunk und Fernsehbeiträge u.a. auf B-TV, im SWR und in WISO
vom ZDF.
|
Presseerklärung des Verwaltungsgerichtes
Sigmaringen zum Fall "Remise":
Verwaltungsgericht stoppt Vergnügungssteuerbescheide (Beschluss
vom 26.08.2002 - 3 K 1252/02 -)
Die 3. Kammer des Verwaltungsgerichts
Sigmaringen hat erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit zweier
Vergnügungssteuerbescheide der Stadt Biberach. Die Kammer hat dem
Eilantrag einer Nachtlokalbetreiberin weitgehend stattgegeben und
mit ihrer Entscheidung die Vollziehung zweier Vergnügungssteuerbescheide
bis zur endgültigen Klärung der Frage im späteren Klageverfahren
ausgesetzt. Gegenstand des entschiedenen Eilverfahrens ist die Frage,
ob die von der Stadt Biberach gegenüber der Betreiberin eines Nachtlokals
festgesetzte hohe Vergnügungssteuer den weiteren Betrieb des Nachtlokals
aller Voraussicht nach unmöglich macht. Das Nachtlokal hat eine
Veranstaltungsfläche von 63 qm. Seit Mai 2002 beträgt die Vergnügungssteuer
15 Euro je angefangene 10 qm Veranstaltungsfläche pro Veranstaltung.
Die monatliche Vergnügungssteuer beläuft sich für das Nachlokal
auf über 2.500 Euro und erreicht damit über 25% des Umsatzes. Das
Gericht hat in seinem Beschluss Bedenken geäußert, ob die Vergnügungssteuer
im konkreten Fall überhaupt noch über die Preise auf die Besucher
des Nachtlokals abwälzbar ist und die Steuer nicht den weiteren
Betrieb "erdrosselt". Dann wäre nämlich der Betrieb eines
Nachtlokals - so das Gericht - generell unmöglich und würde gegen
den Verfassungsgrundsatz der Berufsfreiheit verstoßen. Die Rechtsprechung
habe bisher lediglich Vergnügungssteuersätze unbeanstandet gelassen,
die unter 10% des Umsatzes lägen. Auch der Vergleich mit den erheblich
geringeren Vergnügungssteuern benachbarter Städte sei ein Indiz
dafür, dass die Regelung der Vergnügungssteuer in Biberach nicht
in Ordnung sei. (Mo)
|
Weberberg.de hatte ausführlich
über die Remise berichtet
und veranstaltete am 19. Oktober einen literarisch-politischen Abend in
der Remis, dessen Programm aussah, wie diesem
Link entnehmbar. Die Schwäbische Zeitung berichtete vor und nach
der Veranstaltung wie folgt.
|
Schwäbische Zeitung, 11. Oktober
2002
Hohe Steuer - keine Prüderie
Von unserem Mitarbeiter Dierk Andresen
BIBERACH - Vielleicht müsste die heutige
Kolumne "Ma schwätzt nicht" heißen, denn ein Gesprächsthema ist
in dieser Woche ausgefallen. Nachdem bereits die Landesschau des
SWR zur familienfreundlichen Sendenzeit strippende und sich sehr
eindeutig bewegende Damen aus Biberachs Nachtlokal "Remise" präsentierte,
rückte in der letzten Woche ein Kamerateam des ZDF in Rißegg-Halde
an. Auch ihm ging es um die erstaunlich hohe Vergnügungssteuer in
Biberach. Als Sendetermin war beim ZDF eigentlich der vergangene
Montag vorgesehen, und wenn man sich die Programmplanung des Senders
anschaut, hätte dieser Beitrag wohl als Lachnummer zum Ende des
Wirtschaftsmagazins WISO auf Deutschlands Bildschirme kommen sollen.
Dies blieb Biberach und seiner Stadtverwaltung vorerst erspart,
denn eine Sondersendung zum Tod Claus von Amsbergs verdrängte die
Wirtschaftsinformationen. Ob am Montag die Biberacher Ratsentscheidung
Deutschland zum irritierten Schmunzeln bringen wird, ist noch nicht
sicher. OB Fettback jedenfalls bleibt bei seiner Meinung zum Thema
Striptease: Menschenunwürdig und frauenfeindlich sei es, und die
hohe Steuer habe, so Fettback, "mit Prüderie nichts zu tun". Er
ist im Gemeinderat nicht der einzige, der diese Position vertritt.
Auch Lutz Keil ist ein energischer Gegner solcher Veranstaltungen,
da sie in seinen Augen meist mit Ausbeutung und Frauenhandel verbunden
seien. Manche Gemeinderäte aber sehen die Sache lockerer: "Früher
sind wir öfter nach der Nachsitzung in die Remise", war kürzlich
am Rande der Gemeinderatssitzung zu hören. Falls WISO doch noch
berichtet, können die "Biber" vom sicheren Sofa aus einen Blick
in das Etablissement werfen. Bleibt noch eine Frage: Warum waren
es gerade Frauen, die den Beitrag des SWR ironisch ankündigten und
warum hatte die Kurzreportage einen so süffisanten Unterton? Offenbar
hat man im Sendehaus aus weiblicher Sicht eine ganz andere Position
zum Thema. Ob jetzt der Rat oder die Journalistinnen die zeitgemäßere
Position haben, darüber, ja darüber wird in Biberach wohl noch eine
Weile gschwätzt .
Schwäbische Zeitung, 18. Oktober
2002
(...)
Von unserem Mitarbeiter Dierk Andresen
Ziemlich sauer ist OB Thomas Fettback
auf die Journalisten der ZDF-Wirtschaftssendung WISO. Und das wohl
zu Recht. Die hatten in der Sendung am Montag in der Glosse "Das
Letzte" über die Vergnügungssteuer in Biberach berichtet. Die trifft
mit besonderer Härte den Strip-Nachtclub "Remise". Um des Gags willen
haben die ZDF-Redakteure nicht nur äußerst überspitzte Formulierungen
gewählt, sondern auch unsauber recherchiert. So reden sie unsinnigerweise
von einer "eigens erfundenen Steuer", als ob Biberach die einzige
Stadt in Deutschland mit einer Vergnügungssteuersatzung wäre. Der
OB wolle die Remise "in die Pleite treiben" mit der "nur für diesen
Zweck extra eingeführten Steuer", die "Remise" solle "finanziell
ausgeblutet werden", was ein "unzulässiges Berufsverbot in Biberach"
bedeute, das verfassungswidrig sei. Fettback verhalte sich "nach
Gutsherrenart". Richtig ist daran, dass die hohe Steuer aus Sicht
des OB durchaus den Zweck hat, das Betreiben solcher Lokale in Biberach
unattraktiv zu machen. Ob man sich das im Stadtrat damals gründlich
überlegt hat, ist zu bezweifeln. Gemeinderäte sagen im Gespräch,
man habe damals halt die Steuern für Spielhallen bis zum Prozessrisiko
hochgesetzt, die Stripsteuer sei dann halt so mitgelaufen. Und außerdem:
Eingeführt wurde diese Steuersatzung nicht von Thomas Fettback,
sondern bereits zu Zeiten Claus-Wilhelm Hoffmanns, eines Gutsherren?
|
In der Berg Zeitung von Weberberg.de las
sich das so:
|
18. Oktober
OB Fettback hat Recht in seiner Wut auf WISO. Um des Gags willen
haben die ZDF-Redakteure nicht nur äußerst überspitzte Formulierungen
gewählt, sondern auch unsauber recherchiert. So reden sie unsinnigerweise
von einer "eigens erfundenen Steuer". (Hätten sie rechtzeitig Weberberg.de
gelesen, wäre ihnen das nicht passiert.) Der OB wolle die Remise
"in die Pleite treiben" mit der "nur für diesen Zweck extra eingeführten
Steuer", die Remise solle "finanziell ausgeblutet werden", was ein
"unzulässiges Berufsverbot in Biberach" bedeute, das verfassungswidrig
sei. Fettback verhalte sich "nach Gutsherrenart". Richtig ist daran,
dass die hohe Steuer durchaus den Zweck hat, das Betreiben solcher
Lokale in Biberach unattraktiv zu machen. (Und dann entspricht die
Wirkung in der Tat einem "Berufsverbot".) Ob man sich das im Stadtrat
damals gründlich überlegt hat, bezweifelt die Weberberg.de-Redaktion
nach vielen Gesprächen mit GemeinderätInnen. Und außerdem: Eingeführt
wurde diese Steuersatzung nicht von Thomas Fettback sondern bereits
zu Zeiten Claus-Wilhelm Hoffmanns, eines Gutsherren? Wie kommt die
Stadt jetzt aus dem Schlamassel wieder raus? Auf der hohen Steuer
zu beharren, dürfte das Image der Stadt- und Thomas Fettbacks -
weiter beschädigen. Eine halbherzige Senkung würde nicht viel bringen.
Biberach wäre dann immer noch die Nummer 1 bei der Stripsteuer und
bliebe Spottobjekt der Medien. Wir raten dem Gemeinderat und dem
OB: Setzen Sie ein Zeichen für das Zusammenwachsen Deutschlands.
Übernehmen Sie (zähneknirschend oder nicht) die Steuersätze des
Landes Brandenburg. Das wäre eine nette Geste und die Kuh wäre vom
Eis!
20. Oktober
Vergnügungssteuer: Nur noch Stehplätze gab es beim Themenabend zu
"Sex, Moral und Steuer" in der Remise. Die Gäste konnten sich überzeugen
von vier Tatsachen: a) Irgendetwas stimmt nicht mit der Vergnügungssteuer
in BC. b) Die Stripshows in der Remise sind relativ harmlos. c)
Weberberg.de und das Agenturhaus Biberach können eine nette Samstagabend-Veranstaltung
organisieren. d) Es bleibt spannend. Es gab Vorwürfe von Werner
Krug gegen die Moderatoren der Gesprächsrunde (Jojo Riedel und Uli
Stöckle) wegen Voreingenommenheit und gegen Gelegenheitsstripperin
Marion Unseld wegen unqualifizierter Äußerungen. Marion Unseld iherseits
verließ das Podium mit der Bemerkung "Wegen Leuten wie Ihnen gehen
die Leute nicht mehr zur Wahl." Die Kripo war anwesend. Mehr folgt.
21. Oktober
Gratisgetränke und Gedichte
gab es bei der gestrigen Veranstaltung von Weberberg.de und dem
Agenturhaus Biberach in der Remise. Aufs Haus ließ Wirt Castrovilli
die Getränke gehen. Fred "Grillbar" Fred stiftete ein paar Häppchen
für die Gäste. Nach Ablauf der Veranstaltung, als drei rasierte
Stripperinnen ihre Show vorführten, waren dann aber die normalen
Preise gültig. Fazit der zufriedenen Veranstalter: Man hat ein wenig
mehr über die Situation in BC aufklären können, Abschließendes war
nicht zu erwarten solange die Gerichte noch zu entscheiden haben.
Immerhin erfuhr man von Werner Krug, der Gemeinderat habe in den
80er Jahren die Vergnügungssteuer so erhöht, um nicht Spielhallen
in den Genuss von Fördergeldern für die Altstadtsanierung zu bringen.
Das stimmt nachdenklich. Denn dann ist die hohe Steuer für die Remise
nur eine Art Kollateralschaden, den man längst hätte reparieren
können. Spätestens mit Castrovillis Klage. Der Remise-Wirt wurde
heftig von Fred Gerster gelobt, weil er sich wehrt, was andere Wirte,
die an der hohen Vergnügungs- und Tanzsteuer zu leiden hätten, schon
längst hätten tun sollen. Zitat: "Was man Castrovilli angetan hat,
ist eine Schande!" Pfarrer Lutz Keil hob darauf ab, dass viele Stripperinnen
aus der Dritten Welt kämen und dass über ihre beschäftigung hier
sich ein Frauenbild verfestige, dass Dritte Welt Frauen als Ware
definiere, die dann von Sextouristen unbedenklich konsumiert würde.
Letztlich fand er es aber unmoralischer bei Aldi Kaffee für 2,99
Euro zu kaufen als ein Stripteaselokal zu besuchen. Ex-Stripperin
Marion fand das alles zu moralapostelhaft und berichtete positiv
über ihre Erfahrungen als Gelegenheitsstripperin.("Nie belästigt
worden. Ich bestimme selbst, wie weit ich gehe.") Krug zu ihr: "Dummes
Geschwafel! In diesem Milieu geht es um Beschaffungskriminalität.
um Schlepperbanden, die Frauen mit falschen Versprechungen herlocken
und dann nötigen." Ein übervolles Haus trotz Abderafete, Woody-Disco
und Blasmusikkonzert in der Stadthalle. Nicht schlecht. Seltsames
war über das Verhalten der Biberacher Ausländerbehörde und Kripo
zu erfahren (W. Krug: "Da ist das Regierungspräsidium zuständig.
Die Stadt hat damit nichts zu tun."). Stripperinnen sollten trotz
Visum und Arbeitserlaubnis abgeschoben werden. Hat die Steuerzahler
einiges gekostet, die Gerichte haben's aber verhindert.
22. Oktober
Heftig angegangen wurde der
Weberberg.de-Chefredakteur am Rande der GR-Sitzung von einer SPD-Gemeinderätin.
Das Podium bei der Remise-Diskussion sei unausgewogen gewesen, es
hätten vor allem Frauen gefehlt. Die Redaktion hätte in der Tat
keine Probleme mit einem rein weiblichen Podium gehabt. Aber wir
haben uns zumindest bemüht, verschiedene Positionen zu berücksichtigen.
Wenn der OB nicht kommen will, der EX-OB nicht kommt und Pater Tönnis
verständlicherweise nicht kommen kann, dann haben wir das bei dem
- zugegeben recht kurzfristigen Termin - nicht zu verantworten.
Die Biberacher Frauen - gleich welcher Fraktion - und die Gegner
des Striptease in BC haben über unsere Kolumne "Mensch & Meinung"
wahrlich genug Gelegenheit, ihre Position darzustellen. Und gerne
würden wir ihnen auch noch mehr Webspace einräumen. Aber es ist
nun wirklich nicht die Schuld von Weberberg.de, wenn man dieses
Angebot nicht nutzt und - wie SPD, FDP und Grüne - nicht einmal
die E-Mails dazu beantwortet. Die Absurdität des vorwurfs wird deutlich,
wenn man ihn mit der Lokalzeitung vergleicht. Dort kann man nur
zu Biberacher Themen einen Leserbrief schreiben, wenn die Zeitung
bereits darüber berichtet hat. Der Leserbrief erscheint vielleicht
und - wenn zu lang - evtl. gekürzt. Auf Weberberg.de könnten LeserInnen
ihre Position auch auf zehn Seiten ungekürzt veröffentlichen. Wenn
sie es nicht tun, ist das nicht unsere Schuld. Schlechte Nachricht
für Strippfreunde: die einzige Innenstadtlocation, in der immer
mal wieder auch Strip zu sehen war, hat Stress mit der Polizei bekommen.
Jetzt gibt's da nix mehr.
|
|