|
Abrissbirne radiert Zeugnisse aus LAUPHEIM - Mit dem Geburtshaus Kilian von Steiners in der Kapellenstraße und den markanten Hopfenhallen in der Steiner-Straße sind zwei bedeutende Zeugnisse der jüdischen Geschichte Laupheims zum Abriss frei gegeben. Kein einmaliger Vorgang. Ein Rundgang durch die Stadt zeigt, wie es um das Geschichtsbewusstsein bestellt ist. Von unserem Mitarbeiter Thomas Zehender Wie kaum eine andere jüdische Familie haben die Steiners die Stadtgeschichte geprägt und Spuren hinterlassen. Doch was bleibt? Die Spurensuche beginnt beim Schloss Großlaupheim, von Viktor Steiner 1843 erworben. Das christlich-jüdische Museum in den Schlossräumen präsentiert sich nach ambitioniertem Start derzeit als Dauerbaustelle, deren Ende nicht abzusehen ist. Ins Auge sticht dagegen das Kulturhaus, aus dem ehemaligen Ökonomiegebäude entstanden, wobei die Kosten wie bei kaum einem anderen Bauvorhaben in Laupheim völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Fast in Vergessenheit geraten ist die Mälzerei der ehemaligen Schlossbrauerei, die im August 1998 abgerissen worden ist. Das Gebäude war jahrelang dem Verfall preisgegeben worden, bis eine Sanierung aussichtslos war. Das Schicksal des Schlossparks, von Kilian von Steiner angelegt, stand im Sommer 1999 unter keinem guten Stern. Ein bizarr anmutendes Konzept einer Stuttgarter Landschaftsarchitektin sah vor, den Handtuchweiher bei der Tiefgarage zugunsten eines Spielplatzes zuzuschütten und den dahinter liegenden Weiher verlanden zu lassen. Dass es nicht so weit gekommen ist, war wesentlich dem Widerstand der Laupheimer Bürger zu verdanken, die rechtzeitig informiert worden waren, wenn auch nicht von der Stadtverwaltung. Keimzelle jüdischen Lebens Die Keimzelle jüdischen Lebens in Laupheim findet sich am Judenberg. Dort waren etwa zehn Häuser ausschließlich von jüdischen Familien bewohnt. Erst vom Jahr 1826 an war es ihnen gestattet, außerhalb zu siedeln. Jahrzehntelang lag das kleine Viertel im Windschatten der Stadtentwicklung, scheinbar vergessen. Im Friedhofvorderhaus, direkt am Eingang zum jüdischen Friedhof, wohnte mit Samuel Schiller der letzte "Friedhof-Vorder" und Gemeindediener. Das Haus gehört der Stadt Laupheim, das Erscheinungsbild ist wenig vorteilhaft verändert worden durch den Treppenaufgang im Stil der Sechziger-Jahre. Im Haus unterhalb befand sich bis etwa 1870 im oberen Stockwerk ein jüdischer Gebetsraum. Dem Verkehrs- und Verschönerungsverein Laupheim ist es zu verdanken, dass das Haus Judenberg 16 saniert wird. Der VVL hat es im Mai 2001 für den symbolischen Preis von einer Mark von der Stadt erworben. Ältere Laupheimer erinnern sich, wie die Synagoge in der"Reichskristallnacht" 1938 ein Opfer der Flammen wurde. An ihrer Stelle steht die Kirche der Baptistengemeinde. Eine Gedenktafel erinnert an dieses dunkle Kapitel Laupheimer Geschichte. Von der Zerstörungswut jener Nacht blieb das gegenüberliegende Rabbinatsgebäude verschont. Unter dem Namen "Württemberger Hof" beherbergt es ein Hotel garni, der Erker wurde später angebaut. Besonders aufschlussreich ist der Gang durch Kapellen- und Radstraße. Dass die jüdische Schildwirtschaft "Rother Ochsen" und das Café Hermes, Geburtshaus des jüdischen Jugendstilkünstlers Friedrich Adler, heute noch stehen, ist jeweils der Initiative privater Investoren zu verdanken. Beiden Häusern drohte dereinst der Abbruch. Diesem Schicksal werden wohl weder das Geburtshaus Kilian von Steiners in der Kapellenstraße 35 noch die stadtbildprägenden Hopfen-Hallen in der Steiner-Straße entgehen wie bereits berichtet. Ein Negativbeispiel in Sachen Geschichtsbewusstsein "verschönert" die Radstraße. Dort musste 1970 das im Jahr 1868 erbaute jüdische Schulhaus einem Zweckbau der Bundespost weichen - mit Zustimmung der damaligen Stadtspitze und des Gemeinderats. (Schwäbische Zeitung online: 20.09.2002 23:30) |